Florian Gabriel:
Ein Ausscheiden gegen Galatasaray wäre der nächste Tiefpunkt. Dabei hat Liverpool im Sommer fast 500 Millionen Euro in neue Spieler investiert. Der große Effekt blieb aus, der Kader wirkt unausgewogen.
Jede Krise ist aber auch eine Chance und Dominik Szoboszlai hat diese eindrucksvoll genutzt. Der Ex-Salzburger hat sich zu einem der besten Mittelfeldspieler der Welt entwickelt und überzeugt mit genialen Freistoßtoren und einer hohen Variabilität.
Negativ ausgewirkt hat sich vor allem der Abgang von Luis Diaz zum FC Bayern. Der Kolumbianer war enorm wichtig für das Offensivpressing.
Arne Slot hingegen lebt in dieser Saison von seinem Kredit aus dem Titeljahr. Mehrmals stand er, zumindest gerüchteweise, vor dem Aus. Mehrmals verschafften ihm Siege im richtigen Moment wieder Luft.
Dass diese Zusammenarbeit langfristig kaum Zukunft hat, zeichnet sich ab. Spätestens im Sommer dürfte Liverpool die Reißleine ziehen – zumal mit Xabi Alonso ein Trainer bereitsteht, der perfekt ins Profil passen würde.
Johannes Hofer:
Wie kurzlebig dieser Sport mittlerweile doch ist. Arne Slot hat mit Liverpool in seiner ersten Saison den Titel geholt und jetzt wollen sie ihn vom Hof jagen?
Für mich ist die aktuelle Saison der Scousers ein Beweis, dass auch Topmannschaften einen Riesenumbruch nicht schadlos überstehen. Die Mannschaft hat immense Qualität und die extrem hohen Ausgaben im Sommer waren auch eine klare Investition in die Zukunft.
Natürlich wäre ein Verpassen der Champions League für die Ansprüche der "Reds" fatal. Aber gerade diese Ausdauer und das Vertrauen in die gemeinsame Zukunft hat den Verein unter Jürgen Klopp ausgezeichnet.
These 2: Das Hinspiel in Newcastle hat gezeigt: Der FC Barcelona ist heuer kein ernstzunehmender Kandidat auf den Champions-League-Titel.
Johannes Hofer:
Genau diesen Gedanken gab es doch auch vor dem Hinspiel von Real gegen Manchester City. Auch wenn die großen Spanier in dieser Saison teils dahinstraucheln, darfst du sie nie abschreiben. Newcastle auswärts ist für kein Team angenehm.
Wir sprechen hier schon noch immer über den klaren Tabellenführer der La Liga. Auch in der Vorsaison traute ihnen kaum jemand eine Topsaison zu und am Ende wurden sie Meister und standen im CL-Halbfinale.
Die Formkurve stimmt. Neben fünf Siegen gab es im vergangenen Monat nur ein Unentschieden – das 1:1 im Hinspiel gegen die Geordies.
Florian Gabriel:
Die These würde ich so nicht unterschreiben. Auch ich bin der Meinung, dass ein 1:1 im St. James Park alles andere als schlecht ist. Selbst in ihrer Prime hat Barca oft im Hinspiel auswärts nicht gewonnen. Erst im Rückspiel drehte man dann im Camp Nou auf und fixierte den Aufstieg.
Damit am Ende aber der Titel rauskommt, muss vieles zusammenpassen. Die Truppe von Hansi Flick besitzt eine enorm hohe individuelle Qualität und kann an einem guten Tag in Bestbesetzung jeden Gegner an die Wand spielen.
Das Problem: Barcelona tritt selten in Bestbesetzung auf. Aktuell fehlen mit Jules Kounde, Alejandro Balde und Frenkie de Jong gleich drei wichtige Stammspieler.
Dazu kommt eine deutlich höhere Fehleranfälligkeit in der Defensive als noch in der vergangenen Saison. Bekommt Flick diese Probleme in den Griff, bleibt "Blaugrana" ein ernstzunehmender Titelkandidat – zumal die Katalanen auf der deutlich angenehmeren Hälfte des Turnierbaums stehen.
These 3: Viele klare Hinspiel-Ergebnisse im Champions-League-Achtelfinale: Zumindest ein Verein wähnt sich fälschlicherweise in Sicherheit und verspielt seinen Vorsprung noch.
Florian Gabriel:
Fünf der acht Hinspiele endeten mit drei oder mehr Toren Unterschied – eine komfortable Ausgangslage für die Sieger.
Theoretisch wäre wohl nur Manchester City in der Lage, eine solche Hypothek noch umzudrehen. Doch auch bei den Skyblues fehlt mir aktuell der Glaube: Die Mannschaft von Pep Guardiola agiert seit Monaten zu inkonstant, auch am Wochenende kam man im Titelkampf bei West Ham United nicht über ein 1:1 hinaus.
Zudem ist Real Madrid nicht irgendein Gegner, sondern der Rekordsieger der Königsklasse.
Bei Sporting, Chelsea, Tottenham und Atalanta würde ein Weiterkommen ohnehin an ein Wunder grenzen – ein Szenario, das an die legendäre Remontada von Barca gegen PSG 2017 erinnern würde.
Wirkliche Spannung dürfte deshalb nur noch im Camp Nou, an der Anfield Road und im Emirates aufkommen. Ein großes Comeback? Wird es im Achtelfinale nicht geben.
Johannes Hofer:
Das ist auch meine Meinung: Kein großes Comeback im Achtelfinale!
So groß die Überraschung und Deutlichkeit für viele im Hinspiel bei Real auch war, aber da kommt Manchester City nicht mehr zurück. Sie lavieren sich durch die Saison, immer wieder fehlt es an Konstanz.
Bleibt noch die Sensationsmannschaft aus Bodö und die Frage, wie lange der Lauf noch weiter geht. Aktuell stehen sie bei fünf Siegen in Serie.
Ich bezweifle stark, dass die Portugiesen erstmals einen drei-Tore-Rückstand egalisieren. Und trotzdem bleibt die Ungewissheit.
Denn eines ist auch klar: Die Champions League in all ihren Facetten ist dann noch einmal ein anderes Biest, als die Europa League. Dort verspielten sie in der Vorsaison im Viertelfinale gegen Lazio ein 2:0 aus dem Hinspiel daheim, um sich schlussendlich im Elfmeterschießen durchzusetzen.