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Bernd Wolf: "Ich muss mir selbst auf die Schulter klopfen"

Der ÖEHV-Verteidiger definiert sich nicht über Punkte. Wolf verrichtet jene "Drecksarbeit", die immer noch zu wenig Anerkennung bekommt.

Bernd Wolf: "Ich muss mir selbst auf die Schulter klopfen" Foto: © GEPA

Nur 20 Autominuten trennen die Swiss Arena in Kloten von der Swiss Life Arena in Zürich.

Noch mehr "Heim"-WM geht für Bernd Wolf also fast gar nicht. Der Wiener steht seit 2024 beim EHC Kloten unter Vertrag und wird nächste Woche in Zürich mit Österreich seine fünfte Weltmeisterschaft in Angriff nehmen.

In der Schweiz ist die Vorfreude auf die Titelkämpfe "riesig", berichtet der Verteidiger. Der Boom sei längst auch im Nachwuchs spürbar. Zum letzten U20-Final-Spiel zwischen Biel und Zürich kamen etwa 5.000 Fans.

Kein Fan von Statistiken

In Kloten sahen in der abgelaufenen Spielzeit durchschnittlich 5.152 Zuseher die Heimspiele von Wolf und Co. Auf seine zweite Saison bei den Flyers angesprochen, lächelt der Abwehrmann: "Heikles Thema."

Spielerisch sei es besser gelaufen als 2024/25, "statistisch aber schlechter", sagt der 29-Jährige. An sieben Toren war der Abwehrspieler heuer beteiligt, das sind um drei weniger als in der Vorsaison. Hinzu kommt eine Bilanz von -11 im Vergleich zu +1 ein Jahr zuvor.

Wenn du alles hinterfragst, machst du dich irgendwann selbst kaputt.

Bernd Wolf

Dazu meint Wolf: "Viele Sachen kannst du nicht beeinflussen. Wenn ich einen 'Scheißpass' in die Schuhe kriege, der Gegner schon dort ist und ein Tor schießt, war es laut Statistik mein Turnover."

Mental gefestigt

Der Nationalspieler betont, in diesem Jahr einiges dazugelernt zu haben.

"Ich musste verstehen, dass man nicht alles kontrollieren kann. Das hat mich mental gefestigt, nicht alles so engstirnig und kritisch zu sehen. Wenn du alles hinterfragst, machst du dich irgendwann selbst kaputt", gibt er gleichzeitig zu.

Deshalb befasst er sich nicht mehr mit den verschiedensten Metriken und konzentriert sich auf die Dinge, die er selbst steuern kann.

"Ich bin extrem gut in Zweikämpfen, kann die Scheibe sicher von A nach B bringen. Ich glaube auch, dass ich offensiv meinen Beitrag leisten kann. Ich kann und will mit meinem Energielevel jeden anstecken. Darauf muss ich mich tagtäglich konzentrieren", so Wolf.

Klopfen auf die eigene Schulter

Der 29-Jährige weiß, dass er "kein Dominic Zwerger" ist. Deswegen muss er persönlichen Erfolg auch anders definieren.

Wolf erklärt: "Ich schaue mir nach jedem Spiel meine Shifts an, schreibe mir nieder, was ich gut gemacht habe und was ich noch besser machen kann. So definiere ich für mich, ob ein Spiel gut oder nicht so gut war."

Es ist leider immer noch so, dass Leute, die nicht in den Statistiken aufscheinen, nicht die Anerkennung kriegen, die sie bekommen sollten.

Bernd Wolf

Er werde nie ein Spieler sein, der im Mittelpunkt stehe. Seine Aufgabe besteht darin, die "Drecksarbeit" zu verrichten. "Deshalb muss ich mir ab und zu selbst auf die Schulter klopfen", gibt der Wiener zu bedenken.

Und führt aus: "Es ist leider immer noch so, dass Leute, die nicht in den Statistiken aufscheinen, nicht die Anerkennung kriegen, die sie bekommen sollten. Das versuche ich in den Teams, in denen ich bin, zu ändern."

Besonders jüngeren Spielern will der ÖEHV-Teamspieler mitgeben, "dass sie nicht 'highlight reel'-Tore schießen, sondern ihren Job einfach gut machen müssen."

Dauerbrenner im Nationalteam

Dieses Credo nimmt Wolf auch ins Nationalteam mit. Bei der WM wird der Abwehrspieler mit aktuell 123 Einsätzen den größten Erfahrungsschatz in der ÖEHV-Equipe vorweisen können.

Im November 2016 verhalf Teamchef Roger Bader dem Defensivmann zu seinem Länderspiel-Debüt, seither ließ der Wiener praktisch keinen Lehrgang mehr aus.

"Für mich ist das Nationalteam eine Herzensangelegenheit", sagt Wolf. "Ich finde es cool, mit den Jungs irgendwo zu spielen und die Atmosphäre zu genießen. Ich sage nie ab, außer ich habe etwas Gröberes."

Große Unterstützung von daheim

Von größeren Verletzungen ist der Linksausleger überwiegend verschont geblieben, auch das Familienglück hindert Wolf bislang nicht daran, zur ÖEHV-Auswahl zu kommen. Seine Tochter Mila erblickte 2025 das Licht der Welt.

"Meine Frau hat daheim sicher mehr Stress als ich hier", lacht Wolf. "Sie weiß aber auch, dass es mir sehr wichtig ist, und unterstützt mich extrem." Das Nationalteam sei für ihn eine "Auszeit von allem", erklärt er.

Teil des Mannschaftskerns

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Bernd Wolf bei seinem Länderspiel-Debüt im November 2016
Foto: ©GEPA

Die Jahrgänge 1996 und 1997 bilden inzwischen den Kern des Nationalteams. Neben Wolf gehören etwa Benjamin Nissner oder Lukas Haudum dem 97er-Klub an, Dominic Hackl, Ramon Schnetzer, Mario Huber und Dominic Zwerger dem 96er.

Alle haben Österreich bereits in ihrer Jugend international vertreten. "Wir hatten damals schon ein paar coole Turniere, das schweißt zusammen", blickt Wolf zurück. Viele Spieler würden sich nun in einem guten Alter befinden, hinzu kämen jüngere Spieler wie Thimo Nickl.

Gleichzeitig sieht der Verteidiger genügend junge Spieler nachkommen. Entscheidend sei, sie schnell zu integrieren: "Uns ist wichtig, dass wir sie heranführen und sagen: Ihr braucht euch nicht zu verstecken."

"Ihr seid ein Teil von uns, könnt genauso reden und wir helfen euch. Dafür wollen wir euren ganzen Einsatz haben." Nur dann könne man als Team weiter wachsen. "Uns macht der Zusammenhalt aus", betont Wolf.

"Jetzt müssen wir etwas mitnehmen"

In Zürich muss die Mannschaft mehr denn je als Einheit agieren. Zahlreiche Ausfälle haben die ÖEHV-Truppe geschwächt, einige Spieler werden zu ihrer WM-Premiere kommen.

Dass dann just zu Beginn die vermeintlichen Entscheidungsspiele um den Klassenerhalt gegen Großbritannien (16. Mai, 12:20 Uhr) und Ungarn (17. Mai, 16:20 Uhr) warten, macht es nicht unbedingt leichter.

Die WM ist kein Sprint, sondern ein Marathon.

Bernd Wolf

"Jetzt müssen wir etwas mitnehmen", ist sich Wolf bewusst, dass der weitere WM-Verlauf vom Auftakt-Wochenende abhängig ist.

Der Verteidiger erklärt: "Wir können dort extrem gute Spiele machen. Wenn wir das schaffen, können wir daraus viel Energie mitnehmen. Alles andere ist ein Bonus."

Wie ein Underdog - auch gegen die "Kleinen"

Wolf warnt davor, mit der falschen Einstellung an die Aufgabe heranzugehen. "Wir müssen verstehen, dass wir ein wenig wie ein Underdog spielen müssen. Wir dürfen nicht zu viel wollen, müssen exakt gleich spielen wie gegen die Top-Nationen."

Das sei nicht immer einfach, weiß er, "aber genau mit der Einstellung müssen wir reingehen." Und wenn die Dinge nicht für Österreich laufen, dürfe man nicht die Nerven verlieren. "Auch dann nicht, wenn wir das erste Spiel theoretisch verlieren."

Denn: "Die WM ist kein Sprint, sondern ein Marathon."

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