Standards im ÖFB-Team
ÖFB-Teamspieler Philipp Lienhart bekam die Entwicklung bei Standards in den vergangenen Jahren aus nächster Nähe mit.
Sein Klub, der SC Freiburg, gilt als eines der stärksten Bundesliga-Teams nach ruhenden Bällen.
"Wenn man an die letzte EM denkt - und wir speziell an das Europa-League-Finale - , dann ist klar, dass Standards auf jeden Fall sehr, sehr wichtig sind und die Spiele entscheiden können und oft auch tun", meint der Innenverteidiger.
Zwei österreichische Spezialisten
Die Wertigkeit von Standards habe sich in den letzten Jahren erhöht, findet Stefan Posch: "Man hat es auch in der Quali gesehen, dass wir nach Standards gefährlich sind - ob es lange Einwürfe oder Ecken sind."
Gerade bei den Outeinwürfen hat das ÖFB-Team mit Lienhart und Kevin Danso zwei Spezialisten.
"Da haben wir die richtigen zwei dabei, mit Kevin und Lieni. Die zwei können schon richtig weit einwerfen. Wenn man so welche im Team hat, ist das auf jeden Fall wie ein Corner oder zumindest genauso gefährlich", erzählt Patrick Wimmer.
Die Entwicklung bei den letzten WMs
Bei der vorletzten Weltmeisterschaft, 2018 in Russland, wurde ein neuer Rekord an Treffern nach Standardsituationen aufgestellt: 73 waren es insgesamt, 51 ohne Elfmeter. 43 Prozent der 169 WM-Tore fielen nach ruhenden Bällen.
2022 verringerte sich der Anteil an Standardtoren mit nur 42 von 172 Toren (24 Prozent) gewaltig. Aber nicht nur ob des deutlichen Anstiegs im Klubfußball ist zu erwarten, dass es 2026 wieder deutlich nach oben gehen wird.
Warum eigentlich
Aber weshalb? Zum einen orientiert sich der Nationalmannschaftsfußball häufig an den erfolgreichsten Klubs, das war 2010 und 2014 bei den WM-Siegen von Spanien und Deutschland der Fall.
Zum anderen ist das Nationalteam-Umfeld bei einer WM fast ideal, um Standards zu trainieren. Das beginnt natürlich schon vor der Endrunde in den unterschiedlichen Lehrgängen.
Doch selbst vor der Großveranstaltung gibt es genug Zeit, um diverse Varianten einzuüben.
Klare Abläufe bei ruhenden Bällen zu schaffen, benötigt etwa im Vergleich zu offensivtaktischen Überlegungen weniger Zeit.
Zudem kostet es weniger Belastung. Darum bietet sich auch während des laufenden Turniers häufig die Möglichkeit dazu, wenn spätestens ab der K.o.-Phase im Vier-Tages-Rhythmus gespielt wird.
Deutschland holte extra einen Co-Trainer dazu
Indizien, dass bei der WM vermehrt auf ruhende Bälle gesetzt wird, geben einige Teilnehmer auch selbst. Etwa Deutschland, das schon im März Alfred Schreuder als neuen Assistenzcoach vorstellte.
DFB-Trainer Julian Nagelsmann erklärte in der Mitteilung, dass Schreuder angestellt wurde, "damit sich Mads Buttgereit (Anm. Assistenztrainer) im Training voll auf die Standardsituationen konzentrieren kann".
Nagelsmann erwartet, "dass Standards bei dieser WM eine noch größere Bedeutung zukommen wird. Deshalb wollen wir den Fokus im Training und in der Vorbereitung auch verstärkt auf diese legen".
Nominierung auf Standards ausgerichtet
Standards spielen bei anderen Nationen sogar schon bei der Kadernominierung eine Rolle.
Das gab zumindest Englands Teamchef Thomas Tuchel nach seiner - durchaus kontroversen - Kaderbekanntgabe für die WM an. Anstelle von Levi Cowill, Harry Maguire oder Cole Palmer entschied er sich u. a. für Dan Burn oder Ivan Toney.
"Wir haben immer gesagt, dass wir ein starkes Team bei Standardsituationen haben wollen. Dafür haben wir Spezialisten - auch für Elfmeter", sagte Tuchel.
Keine andere Wahl bei diesen Bedingungen?
Tuchel erntete durch seine Nominierung harsche Kritik - nicht nur von den eigenen Fans, sondern auch von anderen Nationalteamtrainern.
"An der Aufstellung der englischen Mannschaft lässt sich erkennen, wie sie spielen werden", sprach Oranje-Coach Ronald Koeman nicht gerade positiv über seinen Kollegen. England werde "auf Eckbälle und Einwürfe gambeln. Das kostet bei den heißen Temperaturen am wenigsten Energie".
Damit spricht Koeman auch schon das letzte Argument für eine Standard-Vorherrschaft bei der anstehenden WM an.
Gerade die europäischen Teams werden durch die teils heißen Temperaturen in den USA und Mexiko wohl auf die Probe gestellt. Und ruhende Bälle könnten Abhilfe schaffen.