ÖFB-Nationalteam: Die Deutschen und wir

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Deutschland ist für viele ÖFB-Kicker nicht nur ein hochkarätiger Testspiel-Gegner (18 Uhr im LIVE-Ticker), sondern auch im Lebenslauf fest verankert.

18 von 26 Kadermitgliedern sind oder waren Legionäre bei einem deutschen Verein - inklusive Louis Schaub, der im Sommer zum 1. FC Köln wechseln wird.

Eine beachtliche Anzahl, obwohl mit Marcel Sabitzer, Michael Gregoritsch und Valentino Lazaro sogar noch drei Deutschland-Legionäre verletzungsbedingt fehlen, die normalerweise fix dem Aufgebot angehören.

"Für mich ist es natürlich etwas Spezielles. Ich verdiene mein tägliches Brot in Deutschland, habe viele Kollegen, die für Deutschland spielen. Ich hatte schon drei Mal das Glück, Spiele gegen Deutschland spielen zu dürfen. Flair und Euphorie bei so einem Spiel sind etwas Besonderes", erklärt Julian Baumgartlinger.

Einzigartig in Europa

Bis auf einen zweijährigen Abstecher zur Wiener Austria lebt und spielt der ÖFB-Kapitän bereits seit 2001 in Deutschland und hat somit die Rückkehr der deutschen Nationalmannschaft an die Weltspitze aus nächster Nähe mitverfolgt.

Und es ist eine äußerst konstante Rückkehr. Nach einem Tief rund um die Jahrtausendwende wurden beim DFB, beginnend mit dem Engagement von Jürgen Klinsmann als Teamchef, 2004 die sportlichen Weichen neu gestellt. Sein damaliger Co-Trainer und späterer Nachfolger Joachim Löw führte dieses Projekt erfolgreich weiter und perfektionierte es auch ein Stück weit.

"Ich glaube, das kann fast keine Nation von sich behaupten, in dieser Konstanz Spieler zu entwickeln, Spieler zu etablieren und dann in die Weltspitze zu führen."

Julian Baumgartlinger

Für Baumgartlinger fängt die unheimliche Konstanz des DFB-Teams jedoch nicht erst im Profibereich an, sondern bereits bei der Ausbildung junger Spieler und der Art und Weise, wie Fußball in Deutschland gelebt wird: "Das beginnt bei der Infrastruktur, die über ganz Deutschland teilweise bis in die 4., 5. und 6. Liga da ist. Dazu kommen finanzstarke Klubs und Traditionsvereine, die das Ganze mit Leben füllen."

Dies zieht sich hoch bis zur Auswahl von Löw: "Das ist eine Konstellation, die es in Europa kaum gibt. Sie integrieren ihre eigenen Spieler zum einen sehr schnell in den Vereinen, zum anderen dann aber auch in der Nationalmannschaft. Nach dem WM-Titel haben sie einen rechtzeitigen Umbruch eingeleitet und mehr oder weniger keinen Schritt ausgelassen. Das ist etwas Besonders. Ich glaube, das kann fast keine Nation von sich behaupten, in dieser Konstanz Spieler zu entwickeln, Spieler zu etablieren und dann in die Weltspitze zu führen. Das macht sie über Jahre so erfolgreich."

Ähnlichkeiten beim Umbruch

Und dies hilft auch Rücktritte wie jene von Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Miroslav Klose kompensieren zu können. "Wenn man auf der höchsten Ebene einen Umbruch startet, ist die Fallhöhe auch relativ gering", erklärt der Leverkusen-Legionär und verdeutlicht: "Ein Gerüst von Weltklassespielern und Führungsspielern ist ja trotzdem immer wieder geblieben. So eine Achse zu besitzen und darum herum neue Spieler zu integrieren, ist einfacher möglich, als eine komplette Mannschaft umzukrempeln."

"Wir hatten jetzt auch einen Umbruch, aber es ist trotzdem auch eine Achse geblieben oder zumindest ein stabiler Kern. Das ist schon eine Basis für eine Mannschaft, um den Erfolg konstant hoch zu halten", ortet Baumgartlinger in Sachen Mannschaftsentwicklung und Kaderphilosophie Ähnlichkeiten.

Der 30-Jährige gehört ebenso zu diesem Kern wie andere jahrelange und erfahrene ÖFB-Teamspieler wie Marko Arnautovic, David Alaba, Aleksandar Dragovic oder Sebastian Prödl.

Aktuelle Deutschland-Legionäre Ehemalige Deutschland-Legionäre Keine Deutschland-Erfahrung
Hinteregger Lindner Stankovic
Danso Siebenhandl Bauer
Alaba Strebinger Lainer
Baumgartlinger Dragovic Potzmann
Grillitsch Prödl Murg
Ilsanker Wimmer Schlager
Kainz Hierländer Zulj
Schöpf Arnautovic Alar
Burgstaller
Schaub (ab Sommer Köln)

Anmerkung zur Tabelle: Wimmer (zu Hannover) und Dragovic (zurück zu Leverkusen) stehen ab Sommer ebenfalls wieder in Deutschland unter Vertrag.


Fast jedes Jahr ein Champions-League-Sieger

Letzterer gehört als Watford-Spieler zur Fraktion ehemaliger Deutschland-Legionäre. Seine sieben Jahre bei Werder Bremen holen ihn vor dem Showdown in Klagenfurt nun wieder ein, schließlich hat der Steirer immer noch viele Freunde in der Hansestadt:

"Man merkt schon an den Nachrichten, die man zugeschickt bekommt, welche Aufmerksamkeit dieses Spiel auf sich zieht. Deutsche Freunde melden sich und sagen mir, wie hoch es ausgehen wird. Es ist ein Prestige-Duell. Die Deutschen sind mitunter Favorit auf den WM-Titel, wir sind bei der WM nicht dabei, wollen aber an unsere Grenzen gehen und hoffen, dass das reicht, um auch den Deutschen ihre Grenzen aufzuzeigen", erklärt Prödl.

Auch der 30-Jährige zieht den Hut vor der Nationalmannschafts-Philosophie in Deutschland und weist vor allem auf die große Auswahl an Stars hin, die zur Verfügung stehen:

"Wenn sie einen Flow haben, sind sie unglaublich, und wenn sie einen schlechten Tag haben, immer noch besser als andere."

Sebastian Prödl

"Sie haben einen Riesen-Pool an Spielern, aus dem sie fischen können. Die Deutschen stellen fast jedes Jahr einen Champions-League-Sieger, zuletzt mehrmalig Toni Kroos. Sie haben Weltklasse-Spieler, agieren jeden Spieltag auf Topniveau und legen eine große Reife an den Tag, sodass sie, wenn sie einen Flow haben, unglaublich sind, und wenn sie einen schlechten Tag haben, immer noch besser als andere."

"Extremer Fokus" der deutschen Liga auf Österreich

Aus rot-weiß-roter Sicht wäre es wünschenswert, die DFB-Elf in keinen Flow kommen zu lassen. Wobei das österreichische Nationalteam längst nicht mehr den benachbarten Fußball-Zwerg, über den man in Deutschland nur müde und ein wenig mitleidig lächelt, darstellt.

Dafür haben inzwischen zu viele ÖFB-Legionäre in Deutschland ihre Spuren hinterlassen. "Ich weiß nicht, wie es früher war, aber wir werden absolut positiv wahrgenommen. Die Österreicher in der deutschen Liga bringen sehr gute Leistungen. Das honorieren natürlich auch die Deutschen", schildert Augsburg-Legionär Martin Hinteregger.

"Natürlich tauscht man sich über richtig interessante Spieler aus der österreichischen Liga aus. Augsburg liegt auch sehr nahe zu Österreich, das ist für viele natürlich sehr interessant."

Martin Hinteregger

Worin sich dies äußert? "Die deutsche Liga hat einen extremen Fokus auf die österreichische Liga. Viele Vereine schauen sich österreichische Spiele und Spieler an. Österreicher stehen nicht nur wegen der gemeinsamen Sprache im Fokus, sondern weil es auch fußballerisch richtig gut passt. Daher werden wir sicherlich nicht mehr belächelt, sondern sehr ernst genommen."

Der FC Augsburg ist ohnehin eine Österreicher-Filiale, und dabei soll es auch vorkommen, dass sich die Vereins-Verantwortlichen über Landsleute von Hinteregger erkundigen: "Natürlich tauscht man sich über richtig interessante Spieler aus der österreichischen Liga aus. Augsburg liegt auch sehr nahe zu Österreich, das ist für viele natürlich sehr interessant."

Arnautovic: "Sind nicht auf dem Level von Deutschland"

Bei allem Respekt, den sich der österreichische Fußball im Weltmeister-Land erarbeitet hat, ändert dies natürlich nichts an der Ausgangsposition für den Test im Wörthersee-Stadion. 

Deutschland ist der große Favorit, woran auch Marko Arnautovic erinnert: "Deutschland ist für mich ein Favorit bei der WM, wenn sie nicht sogar die stärkste Nation der Welt sind. Die Deutschen sind außerdem immer hochmotiviert, wenn sie gegen uns spielen. Es wird ein sehr harter Brocken, aber wir probieren natürlich trotzdem etwas rauszuholen. Aber jedem muss klar sein, dass wir nicht auf dem Level von Deutschland sind. Aber wir wollen dorthin kommen, wir wollen uns messen und werden alles dafür tun, gut aus dem Spiel rauszukommen."


PODCAST: DIE "PIEFKE-SAGER"

Rivalität? Vorurteile? Sprache? Was denken prominente Deutsche in Fußball-Österreich wirklich über den heimischen Fußball beziehungsweise das Land Österreich und seine (liebevollen) Eigenheiten? Wir haben in der 11. Ausgabe von LAOLA1 on Air - der Sport-Podcast bei Teamchef Franco Foda, Salzburg-Goalie Alexander Walke und dem zurückgetretenen Sturm-Kapitän Christian Schulz nachgefragt:


Der frühere Werder-Legionär streicht hervor, dass man sich messen könne und nach dem Spiel wissen würde, wo man steht und wo man sich noch verbessern könne. Ein Vorhaben, dass man dieser Tage immer wieder aus den Mündern von ÖFB-Kickern hört.

"Wir wollen sehen, wie weit wir als Mannschaft schon sind. Und natürlich wollen wir unsere Serie, die wir mit dem neuen Trainer gestartet haben, auch gegen Deutschland verteidigen", betont Schalke-Legionär Alessandro Schöpf.

Gegen die Deutschen "etwas Freches" machen

Ein fünfter Sieg im fünften Spiel unter Franco Foda würde die steigende Euphorie rund um das ÖFB-Team wohl auf ein neues Level katapultieren. Der Teamchef ermuntert seine Schützlinge auch, mutig zu sein, keinen falschen Respekt zu zeigen und den Sieg anzustreben.

"Wie mutig wir Spieler sind, wird entscheidend sei. Wir brauchen in den entscheidenden Momenten den Mut, gegen einen übermächtig scheinenden Gegner zu versuchen, auch selbst Fußball zu spielen oder etwas Freches zu machen. Jeder von uns muss am Limit sein. Wenn wir nicht am Limit sind, wird Deutschland schwer zu besiegen sein", erklärt Baumgartliger.

Die durchaus freche Devise von Aleksandar Dragovic: "90 Minuten um jeden Zentimeter beißen, kratzen und laufen. Dass die Deutschen von der Qualität her noch einmal eine Stufe höher sind, wissen wir natürlich, aber sie kochen auch nur mit Wasser."

"Es ist natürlich vereinfacht zu sagen, sie kochen auch nur mit Wasser, aber 'Drago' hat recht. Ich weiß, was er meint und das ist genau das, was der Trainer fordert. Natürlich ist Respekt da und wir brauchen nicht irgendwie so tun, als ob die Deutschen nicht so gut wären, wie sie sind. Sie sind einfach stark. Aber wir wissen auch, was wir können und haben bewiesen, dass wir auf einem guten Weg sind. Wir müssen alles reinwerfen, uns vielleicht das eine oder andere Quäntchen Glück verdienen, aber in erster Linie unserem Plan treu bleiben. Dann kocht jede Mannschaft nur mit Wasser", findet auch Baumgartlinger.

Textquelle: © LAOLA1.at

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