Diogo Jota: Heilsbringer und Ronaldo-Nachfolger?

Diogo Jota: Heilsbringer und Ronaldo-Nachfolger? Foto: © getty
 

Der FC Liverpool erlebt eine wahre Seuchen-Saison. Zahlreiche Verletzungen werfen die "Reds" immer wieder zurück, dabei hielt sich der amtierende Premier-League-Meister lange im Titelrennen, führte die Tabelle zwischenzeitlich an und schien die einzige Konstante in einer verrückten Spielzeit zu sein.

Waren der Kreuzbandriss von Star-Verteidiger Virgil van Dijk und weitere Ausfälle in den Defensivreihen Liverpools bereits ein großer Schock, führte die Verletzung eines Neuzugangs zur Formkrise der Truppe von Jürgen Klopp - jene von Diogo Jota.

Mittlerweile kehrte der Portugiese nach einer im Champions-League-Spiel beim FC Midtjylland erlittenen Knieverletzung und dreimonatiger Pause wieder zurück, jedoch konnte auch er nicht die nächste blamable Heimpleite, diesmal gegen den FC Fulham, verhindern (Spielbericht >>>).

Nun steht am kommenden Mittwoch das richtungsweisende Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale gegen RB Leipzig (ab 21:00 Uhr im LIVE-Ticker) an, die "Reds" nehmen einen 2:0-Vorsprung aus dem Hinspiel mit. Dabei geht es wohl auch um die letzte Chance auf ein Fix-Ticket in der "Königsklasse", in der Premier League rutschte die Klopp-Truppe mittlerweile auf den achten Platz ab und bangt nun sogar um die Europacup-Teilnahme.

Die großen Hoffnungen aller Liverpool-Fans ruhen nun auf Jota, der sich vor seiner Verletzungspause innerhalb kürzester Zeit zum Publikumsliebling und Schlüsselspieler entwickelte.

"Unberechenbarer Spieler"

(Artikel wird unter dem Video fortgesetzt)

Dass Jota sich so früh zu einem wichtigen Spieler entwickeln würde, erwarteten jedoch nur die Allerwenigsten. Geholt als hochwertiger Ersatz für Sadio Mane - dem das Fehlen Jotas deutlich anzumerken war, denn dem Senegalesen konnten aufgrund mangelnder Alternativen auf der Bank, kaum Pausen gegeben werden - spielte sich der achtfache portugiesische Nationalteamspieler (3 Tore) vor der Verletzung sogar in der Startelf fest.

Dies wurde dem Portguiesen anfangs kaum zugetraut, vor allem Experten belächelten die "Reds" für diesen Transfer, auch aufgrund der horrenden Transfersumme von 44,6 Millionen Euro. Doch gerade die Summe sollte zeigen, welch großes Talent der Portugiese ist, das in der vergangenen Saison allerdings nicht so recht auf Touren kam.

In 34 Liga-Einsätzen erzielte der Flügelstürmer nicht gerade berauschende acht Scorerpunkte für die Wolverhampton Wanderers - der 24-Jährige kam aber auch auf 14 Torbeteiligungen in ebenso vielen Europa-League-Spielen.

Nach den ersten Einsätzen im Liverpool-Dress samt wichtigen Toren ließ Jota seine Kritiker innerhalb kürzester Zeit verstummen und spielte sich in den Reihen der Mannschaft von Jürgen Klopp fest. Der Deutsche war bereits bei der Ankündigung des damals noch 23-jährigen Neuzugangs voll des Lobes: "Er ist ein Spieler, der uns so viele Möglichkeiten bietet, ihn in verschiedenen Systemen einzusetzen, zumal er mit 23 Jahren noch sehr jung ist und noch sehr viel Potenzial besitzt."

Er habe demnach einen "unberechenbaren Spieler" erhalten, der „Schnelligkeit besitzt, es mit dem Ball kann, verteidigen kann und eine Waffe im Pressing ist. Das macht ihn noch unberechenbarer und gibt uns echte Optionen im Angriff."

"Er ist Teil dieser unglaublichen portugiesischen Generation, in der es derzeit eine Menge, offensichtlich eine Vielzahl von fähigen Spielern gibt. Ich bin wirklich froh, ihn hier bei uns zu haben", so Klopp.

Durchbruch bei Atletico Madrid blieb Jota verwehrt

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Dabei galt der Portugiese früher nie als das Top-Talent des Landes, stieg vergleichsweise klein in den Profifußball ein. Seine ersten Karriereschritte machte der 24-Jährige beim Gondomar SC, einem kleinen Vorstadtverein Portos, der sich derzeit in der dritten Liga Portugals wiederfindet.

Im Jahr 2013 folgte der Wechsel in die Akademie von Pacos de Ferreira. Dort feierte der 1,78 Meter große Flügelspieler sein Debüt in der Liga NOS und kam in der Saison 2014/15 in 10 Ligaspielen auf fünf Torbeteiligungen.

So richtig in die Notizblöcke der internationalen Scouts spielte sich Jota aber erst in der Saison darauf, als er in 31 Spielen starke 12 Tore und 8 Vorlagen beisteuerte und sogar zum besten jungen Spieler Portugals gewählt wurde.

Die Leistungen riefen unter anderem den spanischen Großverein und derzeitigen La-Liga-Tabellenführer Atletico Madrid auf den Plan, der sich die Agenden des Portugiesen sieben Millionen Euro kosten ließ, nur um ihn direkt zum FC Porto zu verleihen.

Beim zweimaligen Champions-League-Sieger sicherte sich der damals erst 19-Jährige Jota sofort einen Stammplatz und wusste mit 15 Scorerpunkten in 27 Ligaspielen zu überzeugen. Daraufhin wurde der Portugiese zu den "Rojiblancos" zurückbeordert, nur um sofort zum damaligen englischen Zweitligisten, den Wolverhampton Wanderers, weiterverliehen zu werden.

Warum zu den Wolves?

Sein Berater Jorge Mendes, der unter anderem Cristiano Ronaldo betreut, fädelte den Deal ein. Aber warum genau Wolverhampton? Im Jahr zuvor waren die Wanderers vom chinesischen Konglomerat Fosun International Limited gekauft worden. Dabei handelt es sich um Geschäftspartner von Mendes, die über eine Tochtergesellschaft angeblich sogar Anteile an GestiFute, der Beraterfirma Mendes', halten sollen.

Seit der Übernahme des Vereins fungiert der Berater als Wolverhamptons "Schatten"-Manager und brachte etliche seiner Klienten in die Midlands. Jota und sein Nationateamkollege Ruben Neves entwickelten sich aber prächtig bei den "Wolves" und führten den Klub in ihrem ersten Anlauf als Meister in die Premier League. Jota hatte dabei maßgeblichen Anteil, erzielte der 24-Jährige doch 17 Tore und steuerte sechs Assists bei.

Nach der Saison sicherte sich Wolverhampton die Dienste Jotas und zahlte Atletico Madrid 14 Millionen Euro, die dadurch mit einem deutlichen Plus aus dem Geschäft ausstiegen. Die darauffolgenden Jahre mit dem Klub aus den Midlands verliefen souverän – 14 Torbeteiligungen in der Aufstiegssaison folgten derer acht im Meisterjahr Liverpools.

Auch auf internationaler Bühne durfte sich der Portugiese bis dahin schon präsentieren, absolvierte acht Spiele (ein Tor) in der Champions League mit dem FC Porto und führte die "Wolves" in der vergangenen Europa-League-Saison (inklusive Qualifikationsrunden neun Tore und fünf Assists) bis ins Viertelfinale, wo man sich nur knapp dem späteren Sieger, dem FC Sevilla, geschlagen geben musste.

Nur zweite Wahl

Und dann folgte der Wechsel zu den "Reds", der eigentlich gar nicht hätte stattfinden sollen. Liverpool war lange auf der Suche nach einem Flügelspieler, der neben Xherdan Shaqiri das Dreieck rund um den Ex-Salzburger Sadio Mane, Roberto Firmino und Mohamed Salah entlasten sollte.

Ganz oben auf der Einkaufsliste stand dabei der 22-jährige Ismaila Sarr von Absteiger Watford, der mit sechs Toren und ebenso vielen Assists durchaus überzeugen, den Abstieg der "Hornets" aber auch nicht verhindern konnte. Der Senegalese war erst zu Beginn der Saison 2019/20 zu Watford gewechselt und das für die Klubrekordsumme von 30 Millionen Euro.

Daher wollte der Absteiger den Flügelstürmer nicht mit Verlust abgeben und schlug eine Summe von mindestens 36 Millionen Euro vor – zu viel für Liverpool. Die "Reds" feilschten lange mit Watford um die Dienste des 22-Jährigen, ein Transfer kam aber nicht zustande.

Währenddessen meldeten sich die "Wolves" bei der Mannschaft von Jürgen Klopp und bekundeten ihr Interesse an Talent Ki-Jana Hoever, der nur kurze Zeit später für 16 Millionen Euro an den derzeitigen Tabellenzwölften abgegeben wurde – beinahe im selben Atemzug und in Windeseile wurde der Transfer von Diogo Jota bekannt.

"Möchte Jordan dafür danken"

"Ich muss Jordan Henderson erwähnen. Noch bevor ich zu meiner ersten Trainingseinheit kam, schrieb er mir bereits eine Nachricht und sagte, dass er für mich da sein wird."

Diogo Jota

Viele blickten dem Neuzugang skeptisch entgegen – 44 Millionen für einen Mann, mit nur acht Torbeteiligungen im vergangenen Jahr? Jemandem, der nur auf der Ersatzbank sitzen soll? Einer, der gar nicht auf der Wunschliste der "Reds" stand?

Mittlerweile wird Jota hochgejubelt, sowohl in der Heimat als auch in England und plötzlich heißt es, er könnte der neue Cristiano Ronaldo werden. Vielleicht noch ein wenig verfrüht, war "CR7" im selben Alter schon um einiges weiter. Die Anlagen für einen Weltklassefußballer hat der 24-Jährige allemal.

Das beweist er in dieser Saison, in der er sich so schnell bei Klopp und den "Reds" zurechtfindet. Den Einstand erleichterte ihm auch Liverpool-Kapitän Jordan Henderson, wie der Portugiese betonte: "Ich muss Jordan Henderson erwähnen. Noch bevor ich zu meiner ersten Trainingseinheit kam, schrieb er mir bereits eine Nachricht und sagte, dass er für mich da sein wird."

Eine starke Aktion, findet der Ex-Spieler von Atletico Madrid, dem FC Porto und Pacos de Ferreira: "Das war eine große Sache für mich. Das hatte ich nicht erwartet und ich möchte Jordan dafür danken."

Ein Umstand, der dem Nationalspieler Portugals ebenfalls zu Gute kommt – die Verletzungssituation des Meisters. Klar, niemand wünscht sich die Verletzung eines Teamkollegen, allerdings wurde Jota erst dadurch in die Mannschaft rotiert und vor der eigenen Verletzung stellte Jürgen Klopp sogar das System um, damit alle seine Offensivstars einen Platz in der Startelf haben.

Der "Dosenöffner" Liverpools

Jota dankte seinem Trainer mit schon fünf Toren in nur elf Ligapartien und vier Toren in sechs Champions-League-Spielen – dabei war er oft der Dosenöffner für die "Reds".

Bereits bei seinem Debüt für den FC Liverpool erzielte der Portugiese den 3:1-Endstand gegen den FC Arsenal. Gegen Sheffield United war er es, der den Champions-League-Sieger der Saison 2018/19 zum 2:1-Sieg schoss. In der Königsklasse traf der Rechtsfuß erneut, diesmal zum Führungstreffer. Nur wenige Tage später schoß er 15 Minuten nach seiner Einwechslung den Siegtreffer gegen West Ham, im nächsten Spiel in Atalanta krönte er eine Galavorstellung mit einem Hattrick.

Beeindruckend ist vor allem, wie Jota seine Tore macht – ob per Kopf, mit dem linken Fuß, mit seinem starken rechten, als hängende Spitze oder vom Flügel kommend. Bringt man sich all seine Tore aus dieser Saison wieder in Erinnerung, zeigt sich sofort, wie vielseitig der 24-Jährige agiert.

Aber auch im Nationalteam läuft es sehr gut für ihn. Am 14. November 2019 feierte der Liverpool-Spieler sein Debüt für den Europameister und wurde ausgerechnet für Cristiano Ronaldo eingewechselt.

Mittlerweile ist es auch er, der "CR7", wenn der 35-Jährige nicht spielt, am linken Flügel ersetzt. In seinem erst dritten Länderspiel, am 5. September dieses Jahres erzielte der Flügelspieler in der Nations League gegen Kroatien seinen Debüttreffer, im Oktober gelang ihm ein Doppelpack gegen Schweden, dabei war er maßgeblich am 4:1-Erfolg beteiligt.

Ex-Jota-Coach: "Für mich der Nachfolger von Cristiano Ronaldo"

"Niemand macht das, was Jota jetzt macht, ohne echte Ambitionen zu haben. Als er bei Porto unterschrieb, sagte ich einer portugiesischen Website, dass Jota für mich der Nachfolger von Cristiano Ronaldo sein würde. Das war damals ein ziemlich großer Anspruch, den ich gestellt hatte. Schließlich hatte er zuvor nur für Pacos gespielt und konnte bei Atletico nicht wirklich performen."

Jorge Simao, Ex-Coach von Diogo Jota

Apropos Cristiano Ronaldo – Jotas ehemaliger Coach bei Pacos de Ferreira, Jorge Simao, hatte bereits 2016 eine leise Vorahnung, dass der Portugiese in die Fußstapfen des Nationalhelden und Jahrhundertspielers treten könnte.

Simao sagte in einem Interview: "Niemand macht das, was Jota jetzt macht, ohne echte Ambitionen zu haben. Als er bei Porto unterschrieb, sagte ich einer portugiesischen Website, dass Jota für mich der Nachfolger von Cristiano Ronaldo sein würde. Das war damals ein ziemlich großer Anspruch, den ich gestellt hatte. Schließlich hatte er zuvor nur für Pacos gespielt und konnte bei Atletico nicht wirklich performen."

Der Ex-Jota-Coach verfolgte den Werdegang seines ehemaligen Schützlings weiterhin und hat auch schnell Wind von dessen Wechsel zum FC Liverpool bekommen. Als der Transfer fixierte wurde, habe er Jota eine Nachricht geschrieben, um ihm zu gratulieren.

Und Jotas Antwort? "Er antwortete, und zwar fünf Sekunden später. Er schickte mir einem Link zu diesem alten Artikel über ihn und Ronaldo", berichtet der 44-Jährige. "Das war das Allererste, was er geschickt hat! Er muss es mit einem Lesezeichen versehen haben. Unglaublich! Er hatte es nicht vergessen", zeigte sich der jetzige Trainer des belgischen Erstligisten Royal Mouscron beeindruckt.

In Vergessenheit ist Diogo Jota auch in seiner Verletzungspause nicht geraten, nicht nur aufgrund der aktuellen Misere seines Klubs. Die Hilfeschreie nach dem 24-Jährigen wurden immer größer, mit ihm soll nun der Umschwung erfolgen. Und wer weiß, vielleicht entwickelt er sich nebenbei sogar zum neuen Nationalhelden Portugals - das nächste Großereignis steht dafür bereits vor der Tür.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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