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TSV 1860 München: Der Abstieg eines Traditionsvereins

Der einst erfolgreiche Traditionsklub 1860 München steht vor einem Scherbenhaufen: Lizenzentzug, interne Konflikte, Insolvenz. Aber wie konnte es dazu kommen?

TSV 1860 München: Der Abstieg eines Traditionsvereins Foto: © IMAGO / Ulrich Wagner

Hört man TSV 1860 München, denkt man nicht einfach nur an Fußball.

Man denkt an Tradition, Fankultur, Rivalität - Faktoren, die diesen Sport einfach ausmachen. "Als gebürtiger Münchner bekommt man früh mit, was sich beim TSV 1860 abspielt. Der Verein ist ein Dauerthema in der Stadt", schildert "Abendzeitung"-Reporter Kilian Kreitmair, der hier als Experte fungiert.

Doch der einst so erfolgreiche Verein erlebte in den vergangenen Jahren viele Rückschläge, jüngst sorgten der Zwangsabstieg aus der dritten deutschen Liga sowie der gestellte Insolvenzantrag für Schlagzeilen.

LAOLA1 hat sich, vor allem angesichts der aktuellen Ereignisse, mit der Geschichte und dem Niedergang des Traditionsvereins beschäftigt.

Eine Reise in die Vergangenheit

Zunächst blicken wir aber kurz auf die Historie des Vereins zurück. 1963 wurde die Bundesliga gegründet. Der TSV war eines von insgesamt 16 Gründungsmitgliedern der neuen Liga, die den alten Pokalmodus zur Ermittlung des Meisters ersetzte.

"Wenn man auf die Geschichte der Löwen schaut, gehört es fast schon zur DNA, dass nach einem Hoch ein Tief folgt."

Kilian Kreitmair, Sportjournalist bei der Münchner Abendzeitung.

Die Jahre nach der Gründung der Bundesliga waren auch so ziemlich die erfolgreichsten der Vereinsgeschichte. 1964 wurde der TSV DFB-Pokalsieger, 1965 schaffte man es in das Finale des Europapokals der Pokalsieger, wo man allerdings West Ham United unterlag.

1965/66 feierten die Löwen in einem spannenden Saisonfinish den ersten und bis heute einzigen Meistertitel.

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Meistermannschaft des TSV 1860 München, 1966.
Foto: ©IMAGO / Schirner Sportfoto

Nach dem Vizemeistertitel 1966/67 und dem Erreichen der zweiten Runde des Europapokals der Landesmeister - heute als Champions League bekannt - endete aber die Erfolgsgeschichte.

"Gehört es fast zur DNA, dass ..."

1970 stieg 1860 in die Regionalliga ab, damals die zweithöchste Spielklasse in Deutschland, wo sie bis 1977 verblieb. Dann gelang der Wiederaufstieg zurück in die Bundesliga.

Im Zeitraum von 1978 bis 1982 stieg der TSV zwei Mal (1978, 1981) aus der höchsten Spielklasse ab, ehe 1982 die Lizenz wegen finanzieller Gründe entzogen wurde und der Verein per Zwangsabstieg den Gang in die drittklassige Bayernliga antreten musste.

Nach vielen Jahren in der Drittklassigkeit, einem drohenden Abstieg in die Landesliga und kurzzeitigem Aufwärtstrend 1991 gelang unter Werner Lorant der große Durchbruch. Binnen zwei Saisons coachte Lorant die Löwen von der dritten Liga zurück in die Bundesliga.

"Wenn man auf die Geschichte der Löwen schaut, gehört es fast schon zur DNA, dass nach einem Hoch ein Tief folgt", meint Kilian Kreitmair.

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Werner Lorant, Trainerlegende von 1860 München.

Der im April 2025 verstorbene Trainer sorgte nach 13 Jahren für das Comeback in der Erstklassigkeit und erarbeitete sich damit den Status einer Vereinslegende. Bis heute wird er von den Anhängern in Ehren gehalten, wenige Tage nach seinem Tod wurde ihm eine Choreografie gewidmet.

Beginn der andauernden Abwärtsspirale

Mit dem Aufstieg begann die bis heute letzte erfolgreiche Ära von Sechzig. Der Klub verblieb zehn Jahre im Oberhaus, spielte in der Saison 2000/01 sogar im UEFA-Cup, dem Vorgänger der heutigen UEFA Europa League.

Doch 2004 erfolgte der neuerliche Abstieg in die zweite Bundesliga, mit dem auch wirtschaftliche Sorgen einhergingen. Einen wesentlichen Anteil hatte der gemeinsame Bau der Allianz Arena mit Stadtrivale FC Bayern München. Das Projekt brachte den Verein finanziell enorm in Bedrängnis. So sehr, dass 1860 die 50-prozentigen Anteile 2006 an die Bayern verkaufen musste.

Allerdings entspannte sich die Gesamtlage weiterhin nicht. Während das sportliche Ziel, der Wiederaufstieg in die Bundesliga, verpasst wurde, gab es in der Führungsetage immer wieder Streitigkeiten und personelle Veränderungen.

Einstieg von Investor Hasan Ismaik

Aufgrund der finanziell weiter angespannten Situation, auf die mehrere Spielerverkäufe während der Saison 2010/11 zurückzuführen sind, kam es schließlich am 30. Mai 2011 zur Unterzeichnung des Vertrages mit Investor Hasan Ismaik. Ein Name, der bis heute polarisiert.

Viele Anhänger erhofften sich davon die große Trendwende, erklärte Ismail bei seinem Einstieg doch: "Wir wollen die Sechziger stark machen, wir wollen keine finanziellen Löcher mehr, wir wollen innerhalb von drei Jahren in die erste Liga."

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Hasan Ismaik, seit Jahren umstrittener Investor bei 1860.
Foto: ©IMAGO / Ulrich Wagner

Die Hoffnungen wurden aber nicht erfüllt, die Unruhe blieb. Immer wieder kam es zu öffentlichen Unstimmigkeiten zwischen Vereinsseite und Investor Ismaik.

"Dass die vergangenen Jahre zu einer Abwärtsspirale wurden, hat sicherlich mit dem angespannten Verhältnis zwischen Investor Hasan Ismaik und dem Stammverein zu tun. Seit seinem Einstieg fehlt es an einer gemeinsamen Vision. Oftmals arbeitete man gegeneinander statt miteinander. Dazu kommt die hohe Erwartung, die die Fans an den Verein haben" erklärt Kreitmair.

Konflikte und unerreichte Ziele

Die auf den Investoreneinstieg folgenden Jahre waren von vielen personellen Wechseln, Konflikten und nicht erreichten sportlichen Zielen geprägt. So trat im Sommer 2015 etwa das Präsidium aufgrund gescheiterter Verhandlungen mit Ismaik sowie dem neuerlich verpassten Aufstieg zurück.

Zwischen 2010 und Ende 2016 standen insgesamt 14 verschiedene Coaches an der Seitenlinie der Münchner. Trotz vieler Investitionen in den Kader blieb der erhoffte sportliche Erfolg aus.

"Es kam in den vergangenen Jahren von verschiedenen Seiten zu Fehlentscheidungen. Ob das die Besetzung von Geschäftsführern war oder auch Transfers, die nicht so aufgingen, wie man sich das wünschte."

Kilian Kreitmair, Sportjournalist bei der Münchner Abendzeitung.

2017 stieg der TSV nach verlorener Relegation gegen den SSV Jahn Regensburg aus der zweiten deutschen Bundesliga ab. Die für die Drittliga-Lizenz benötigte Summe wurde nicht fristgerecht hinterlegt, was den Zwangsabstieg in die viertklassige Regionalliga bedeutete. Grund dafür waren Uneinigkeiten zwischen Verein und Investor.

Ein Hoffnungsschimmer

2017/18 gelang den Münchnern der unmittelbare Wiederaufstieg in die 3. Liga. Ein kurzer Hoffnungsschimmer, dass der Klub sowohl wirtschaftlich als auch sportlich langfristig stabil werden könnte.

Doch abseits des Rasens blieben die Machtkämpfe und ständigen Nebengeräusche, die das Sportliche oft in den Hintergrund rückten. Der Aufstieg in die zweite deutsche Bundesliga wird in den darauffolgenden Jahren mehrmals (knapp) verpasst.

"Es kam in den vergangenen Jahren von verschiedenen Seiten zu Fehlentscheidungen. Ob das die Besetzung von Geschäftsführern war oder auch Transfers, die nicht so aufgingen, wie man sich das wünschte", führt Kreitmair aus.

"Mit der Rückkehr von Kevin Volland und Florian Niederlechner haben die Verantwortlichen eine Euphorie erzeugt, wie sie Jahre in Giesing nicht spürbar war. Die Fans haben an den Aufstieg in die 2. Bundesliga geglaubt. "

Kilian Kreitmair, Sportjournalist bei der Münchner Abendzeitung.

"Der schwarze Mittwoch"

Am 3. Juni 2026 gab es dann den großen Schock: Dem TSV 1860 München wird die Lizenz für die 3. Liga entzogen, der Klub muss in den Amateurfußball. Löwen-Fans nennen diesen Tag den "schwarzen Mittwoch", verrät Kreitmair.

Nur wenige Stunden nach dieser Nachricht folgte die nächste Hiobsbotschaft: Hauptsponsor "Die Bayrische" beendet die Zusammenarbeit mit dem Klub, was aus seiner Sicht zwar "etwas überraschend kam, aber nachvollziehbar" sei.

Kreitmair meint: "Wenn man sich die gesamte vergangene Saison anschaut, hätte man vergangenen Juni damit nicht unbedingt gerechnet. Mit der Rückkehr von Kevin Volland und Florian Niederlechner haben die Verantwortlichen eine Euphorie erzeugt, wie sie Jahre in Giesing nicht spürbar war. Die Fans haben an den Aufstieg in die 2. Bundesliga geglaubt. Und intern hat man genau das als Ziel ausgegeben. Dass die Saison im Amateurfußball endet, ist deshalb vor allem für viele Fans ein Schock. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass im Hintergrund die Investorenthematik immer da war und keine dauerhafte Lösung gefunden wurde."

Die nächste Eskalation: Insolvenz

Nur wenige Wochen nach dem Entzug der Lizenz stellt die KGaA einen Insolvenzantrag. Zur Erklärung: Nicht der gesamte Verein ist von der Insolvenz betroffen, das laufende Verfahren betrifft ausschließlich die ausgegliederte Profiabteilung (KGaA). Der eingetragene Verein (e. V.) ist davon getrennt.

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Foto: ©IMAGO / Ulrich Wagner

Der Hintergrund? Zum einen die Überschuldung der KGgA, insbesondere durch Verbindlichkeiten gegenüber Investor und Darlehensgeber Hasan Ismaik, zum anderen die akute Zahlungsunfähigkeit. Insgesamt 7,3 Millionen fehlten, um den Spielbetrieb für die kommende Saison zu sichern.

Ein Insolvenzverwalter muss nun die wirtschaftliche Situation prüfen und entscheiden, ob die KGaA noch saniert werden kann. Der Stammverein arbeitet währenddessen bereits an einer eigenen Lösung. So gründete der e. V. eine eigene Spielbetriebsgesellschaft, mit der der Neustart in der viertklassigen Regionalliga ermöglicht werden soll.

Wie geht es weiter?

Der TSV 1860 München steht nach dem neuerlichen Absturz in den Amateurfußball vor einem weiteren Neuanfang. Eine Rückkehr in den Profifußball? Für Kreitmair "ein realistisches Szenario". Dafür bräuchte es aber "Einigkeit und eine klare Vision".

Zudem sollte man nicht zu viel Zeit im Amateurfußball verbringen, schließlich sind die unteren Ligen für Vereine aufgrund von abnehmenden Sponsoreneinnahmen sowie geringeren TV-Geldern kaum wirtschaftlich tragfähig. Auch das Interesse seitens der Fans, vor allem aber auch der Öffentlichkeit, könnte bei einer zweiten Saison in der Regionalliga zurückgehen.

Fakt ist: Die Negativentwicklung des TSV 1860 München ist nicht nur für den Klub selbst ein Einschnitt, sondern auch ein warnendes Beispiel für andere Vereine.

Geschichte, Fans und Geld - all das alleine reicht nicht aus. Was es braucht, ist ein gemeinsamer Weg, auf dem alle Parteien am selben Strang ziehen. Genau daran scheiterte es bei den Löwen in den vergangenen Jahren immer wieder.

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