Die Eishockey-Ligen im Corona-Schock

Aufmacherbild
 

Wie die normale Welt zerfällt auch die Eishockey-Welt derzeit in ihre Einzelteile.

Länder, Ligen sowie Klubs suchen mangels Vorgaben ihre eigenen Wege, zumindest mit den finanziellen Auswirkungen fertig zu werden. Der Versuch einer Übersicht von LAOLA1-Experte Bernd Freimüller.

Ich habe die letzten Tage mit unzähligen Telefonaten mit Agenten sowie DEL- und EBEL-Managern verbracht. Wie lassen sich diese Gespräche zur derzeitigen Lage und Zukunft zusammenfassen?

Die Finanzen jetzt und morgen

Der Abbruch der EBEL und DEL - fast zeitgleich am 10. März - betrifft die Teams natürlich unterschiedlich. Wer das Playoff verpasst hat, war ohnehin schon im Sommer-Urlaub, die anderen Teams konnte noch mit fetten Einnahmen rechnen, die allerdings auch wieder mit Playoff-Prämien gegengerechnet worden wären. Die Graz99ers, denen noch am Tag des Saisonabbruchs eine Heimspieleinnahme entging, etwa haben die Prämien für den Einzug in die Playoffs schon ausbezahlt.

Bei Verträgen für die ganze Saison gibt es solche bis Ende April (um etwaige Finalserien abzudecken) oder seltener Ganzjahres-Verträge. Dabei handelt es sich meist um Kontrakte für die einheimischen Spieler, die den ganzen Sommer vor Ort sind und durchtrainieren. Auch wenn derzeit Trainingsstätten nur schwer oder gar nicht zugänglich sind, plant etwa ein DEL2-Team diese Verträge voll zu honorieren.

Die ausstehenden Monatsgehälter von Klub-Seite nicht oder verringert ausbezahlen, wäre rechtlich wohl kaum durchzudrücken - schließlich unterschreibt jeder Spieler einen Vertrag über eine Saison-Gesamtsumme, die dann in gewissen Tranchen (meist acht Monate) ausbezahlt wird und ja auch bei einem Rausschmiss aus Leistungsgründen weiter bezahlt werden muss.

Kurzarbeit? Auch kleine Probleme

KAC-Manager Oliver Pilloni hofft - wie er weiß, sicher vergebens - auf eine Vorgabe der IIHF, doch derzeit sucht jedes Team das Gespräch mit seinen Arbeitnehmern, beide Seiten sollen die Last schultern.

Die zum Saisonende noch ausstehenden Gehälter für die Monate März und April sind derzeit der Spaltpilz im europäischen Eishockey. Der tschechische Zweitligist Chomutov etwa kündigte dieser Tage alle seine Verträge (bis auf die schlecht bezahlten U22-Spieler) auf - die Erklärung war die darin festgehaltenen Klauseln bezüglich höherer Gewalt. Ein Schritt, der aber von der Extraliga-Führung streng verurteilt wurde und bis jetzt auch noch keine Nachahmer fand.

Wie kommt es zu unterschiedlichen Vertragsdauern? Während der Saison verpflichtete Spieler - derer gab es etwa bei den Dornbirn Bulldogs einige - wurden monatlich bezahlt, der April wird damit auf keinen Fall schlagbar.

In Österreich ist natürlich Kurzarbeit ein heißes Thema, dessen sich etwa die spusu Vienna Capitals bedienen, auch wenn General Manager Franz Kalla anmerkt: "Das ist kein Vorwurf, aber die Richtlinien ändern sich täglich." Auch Pilloni meint: "Was mir mein Steuerberater gestern gesagt hat, kann heute schon wieder überholt sein."

Dass die Vertragsbedingungen bei allen EBEL-Klubs ohne Kollektivvertrag höchst unterschiedlich sind, kommt da noch dazu. Die Capitals müssen dazu noch für die Erhaltung der Halle aufkommen, diese Woche wurde die letzte Eisfläche abgetaut.

Kürzungen der letzten Gehälter eine Option

Worauf es bei vielen Teams hinauslaufen könnte, dürften geringe Kürzungen der beiden letzten Monatsgehälter (10-20 Prozent) sein. Beim tschechischen Zweitligisten Vsetin einigte man sich beim April-Gehalt auf eine Kürzung von 50 Prozent, der März wurde dafür vollständig ausbezahlt. Das war allerdings ein Mittelwert, die jüngeren Spieler mit geringeren Gehältern wurden nicht in dieser Höhe gekürzt.

In Großbritannien flüchteten die nordamerikanischen Cracks Hals über Kopf in ihre Heimat, verzichteten mitunter auf ihre letzten Gehälter, die auf der Insel wöchentlich ausbezahlt werden. Grundsätzlich gilt: Das letzte Gehalt wird erst einige Zeit nach Saisonende und Abreise ausbezahlt, ein kleiner Teil oft auch danach einbehalten. Das soll etwaige Schäden in den Wohnungen und Autos bzw. Verkehrsstrafen abdecken.

Klar ist: Beide Seiten werden aufeinander zugehen müssen, wie bei der Kurzarbeit muss der Arbeitnehmer Einverständnis zeigen. Spieler, die auf einen Anschlussvertrag hoffen, werden hier eher mit von der Partie sind als solche, die wissen, dass ihre Zeit abgelaufen ist.

Die Zukunft

Der vorzeitige Saisonabbruch war natürlich für einige Teams keine Lappalie, sollte aber in den meisten Fällen nicht existenzbedrohend sein. Aber wie geht es weiter?

Capitals-Manager Franz Kalla
Foto: © GEPA

Nicht nur Franz Kalla zeigt sich zwar optimistisch, aber doch besorgt: "Der Sport gehört zur Gesellschaft, es wird weiter Eishockey gespielt. Wir haben aber derzeit keine fixen Daten, mit denen wir planen können."

Auf einen regulären Spielbetrieb in der nächsten Saison kann man nur hoffen, aber nicht bauen. Die EBEL hielt zwar vor kurzem eine Sitzung via Telefonkonferenz ab und hat als Einschreibetermin den 15. April bekanntgeben. Doch selbst in normalen Jahren waren die EBEL-Termine immer dehnbar, warum sollte das ausgerechnet heuer anders sein?

Dornbirn-Manager Alex Kutzer: "Ich kann derzeit sicher keine Meldung abgeben, alles ist zu ungewiss."

Irgendwann braucht es Rahmenbedingungen

Ich erwarte in Österreich und Deutschland eher keine großen Bekanntgaben vor Mitte bis Ende April, allerdings erwarten nicht wenige Branchenkenner eine Sistierung des gerade einführten Auf- und Abstiegs in der DEL zumindest in der nächsten Saison. Dort stehen immerhin die Vorgaben (z.B. Anzahl der Legionäre), wovon in der EBEL keine Rede sein kann.

Irgendwann müssen hier aber Rahmenbedingungen für eine normale Saison vorgegeben werden - wie schnell Regeln und Gesetze geändert werden können, sieht man ohnehin dieser Tage. Nur: Um diese zu ändern, müssen sie erstmal existieren und den Sommer im Blindflug zu bestreiten, kann ja auch keine Alternative sein.

Sogar bei Branchenriesen wie den Mannheimer Adlern (mit SAP im Rücken) sind große Budgetkürzungen absehbar, wie soll das erst bei kleineren Teams aussehen? Ich glaube (noch) nicht an Insolvenzen, die Ausnahme ist Krefeld, die ja schon ohne Corona ein Wackelkandidat waren. In Österreich sieht es eher danach aus, dass sich die AlpsHL wieder in ihre nationalen Bestandteile auflösen könnte.

Der Spielermarkt

Wo jetzt zumindest die Nicht-Playoff-Teams erste Verpflichtungen tätigen würden, ist der Spielermarkt zuletzt völlig zusammengebrochen. Die wenigen Transfers, die dieser Tage bekanntgegeben wurden, sind solche, die schon vor längerer Zeit getätigt oder zumindest angeleiert wurden.

Einige Teams halten noch einige Bekanntgaben zurück, doch in den letzten zwei Wochen ist wirklich Stillstand angesagt. Selbst bei einem Team wie Dornbirn, das im Gegensatz zu den letzten Jahren den Transfermarkt sehr früh beackerte, bevor Corona die Überhand bekam. Die Vorgaben von Coach Kai Suikkanen, dass das Team heuer bereits im Mai stehen sollte, wurden jetzt zur Makulatur.

KAC-Manager Oliver Pilloni

Klar bieten die Agenten weiter ihre Spieler an, einige wenige aggressiv, doch auch bei ihnen kehrt Realismus ein. Gut, wer da nicht übereilt agierte. Pilloni: "Vor Monaten habe ich von einem interessanten Spieler gehört, dass wir ihn sofort verpflichten müssten, sonst ist er weg. Jetzt steht er noch immer auf der Liste und das wird auch so bleiben."

Solche Spiele gehören natürlich immer zur Transferszene, doch heuer wird das noch krasser werden. Selbst bei einem pünktlichen Saisonbeginn wird sich das Transferwesen auf einen knapperen Zeitraum konzentrieren, etwa den Juli oder gar August.

Falscher Zeitpunkt für das große Feilschen

Vife Agenten gaben ihren Spielern zuletzt den Ratschlag, Deals wegen 2.000 Euro auf oder ab nicht platzen zu lassen. Die Budgets werden drastisch nach unten gehen, 20-30 Prozent weniger könnten da die Untergrenze sein.

Doch das kann vor allem in der EBEL nicht gießkannenförmig passieren: Soll der Backup-Goalie noch weniger als 8x800 Euro (netto) verdienen? Der durchaus brauchbare Stammspieler und auch Punktesammler weniger als 12.000 Euro für die Saison? Da gibt es keinen Spielraum nach unten, vor allem, da sowohl in Österreich als auch in Deutschland der einheimische Spielermarkt nicht unendlich ist.

Wenn es in den nächsten Wochen Signings geben wird, dann eher hier, bei den Imports wird es definitiv zu einem Buyer's Markt kommen und hier können die Teams Einsparungen vornehmen.

Was machen die Übersee-Cracks?

Worst-Case Scenarios gibt es natürlich einige, von gar keiner Saison 2021/22 bis zu einer verkürzten. Doch selbst Optimisten - und die überwiegen (noch) - stellten mir unisono die Frage: "Was ist, wenn Nordamerikaner nicht einreisen dürfen?" Da könnten dann Teams ohne Schlüsselspieler oder gar ohne Coaches dastehen.

Ob das eine Hinwendung zu europäischen Legionären bedeutet, vermag ich derzeit noch nicht zu sagen. Vielleicht flüchten Nordamerikaner nach Wiedereröffnung der Grenzen nach Europa, vielleicht klammern sie sich auch an ihr Heimatland.

Doch dort werden die Arbeitsplätze nicht mehr: Während die NHL- und AHL-Teams weiter bestehen werden, werden einige ECHL-Teams nicht überleben. Und deren Cracks wurden jetzt mit Einstellung der Saison schon fristlos gekündigt, die (ohnehin nicht üppigen) Gehaltsschecks gestoppt.

Wie im richtigen Leben - alles was ich hier niedergeschrieben habe, kann morgen oder übermorgen schon wieder obsolet sein, diese Geschichte kann sich in einigen Monaten schon übertrieben negativ, aber auch wie eine naive Betrachtung lesen…

Textquelle: © LAOLA1.at

Eishockey-Hoffnung Marco Rossi: "Sehe mich in der NHL"

Zum Seitenanfang »

LAOLA Meins - Tags folgen

COMMENT_COUNT Kommentare