Teamspieler: Adelsprädikat? Allerweltsbegriff?

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Erstes Antreten des ÖEHV-Teams nach dem Abstieg bei der A-WM in Bratislava im Mai: Bei den "MECA Hockey Games" in Oslo trifft das ÖEHV-Team von Roger Bader auf Gastgeber Norwegen (heute 19 Uhr, LIVESTREAM) und auf Dänemark (Freitag, 19 Uhr).

Sind die Auswahlen für solche Turniere ein elitärer Kreis? Ist der Begriff des Nationalspielers ein Adelsprädikat oder ein bedeutungsloser Allerweltsbegriff? Der Versuch einer Aufarbeitung.

Um fair zu bleiben: Nehmen wir als Ausgangsalter für einen Nationalspieler 23 Jahre an. Das schließt den Jahrgang 1997 aus, von dem aber schon einige Cracks (z.B. Lukas Birnbaum, Dario Winkler, Moritz Matzka, Michael Kernberger, Felix Maxa) im Team standen, ohne in der Liga große Wellen geschlagen zu haben.

Das Endergebnis bliebe ungefähr das gleiche, aber mit 23 Jahren sind beide Lager abgedeckt: Jenes, das Österreicher in der körperlichen und spielerischen Entwicklung ein bis zwei Jahre hinter dem Rest von Europa sieht und jene Leute, die bei 24- oder 25-jährigen Cracks noch von jung sprechen, ohne laut losprusten zu müssen.

Die Zahlen

In der EBEL sind 73 Spieler tätig, die Jahrgang 1996 und älter sind. 59 von ihnen haben mindestens ein Länderspiel in ihrer Vita stehen. Das sind knapp 80 Prozent. Mit anderen Worten: Acht von zehn österreichischen Spielern in der Liga können sich als Teamspieler bezeichnen. Eine Zahl, die für sich spricht und im Profisport wohl kaum Parallelen findet.

Das macht die restlichen 14 Spieler schon zu Exoten. Ein genauerer Blick auf diese Team-Jungfrauen lässt die Zahlen noch krasser erscheinen.



Backup-Goalies und Kader-Auffüller:

Thomas Stroj und Lukas Schluderbacher (stand sogar schon einmal im Kader, allerdings ohne Einsatz) sind in ihren Teams klare Backups, Stroj sogar eher die Nr. 3 in der Linzer Hierarchie.

Laurens Ober gehört bei den Wings eher zum AHL-Team. Dass es Felix Brunner in Innsbruck in die EBEL verschlagen hat, ist nur mit dem Minikader der Tiroler zu erklären.

Philipp Kreuzer spielte schon vor Jahren in der EBEL und in den Nachwuchs-Nationalteams. Adduktoren-Probleme und ein gewisses Laissez-Faire-Verhalten spülten ihn beim übervollen KAC in die AlpsHL, aus der er erst vor kurzem wieder auftauchte. Vom (Scorer-)Talent her könnte er schon lange weiter sein.

Die "Neo-Österreicher":

Tyler Cuma kam zwar schon mit einem rot-weiß-roten Pass nach Österreich, hätte aber auch theoretisch bis zum Ende der Saison 2018/19 auf ein eventuelles Teamdebüt warten müssen. Ähnliches gilt für den Letten Zintis Zusevics, der im Laufe der Jahre in Graz den Pass bekam. Beide gehören aber nicht gerade zur Elite der ÖEHV-Spieler.

Die Viertlinien-Spieler:

Zusevics fiele natürlich auch in diese Kategorie, zu der Patrik Kittinger (Capitals), Niki Kraus und Samuel Witting (beide KAC) gehören. Kraus und Witting sind derzeit verletzt – das spricht heuer gegen eine Berufung, letztes Jahr in der WM-Vorbereitung waren sie beim KAC bis ins Finale beschäftigt. Keine verwegene Annahme: Wären sie bei Dornbirn oder Innsbruck tätig, hätten sie damals eine Einberufung bekommen.

Allerdings: Clemens Paulweber spielt bei den Haien, heuer auch mit mehr Eiszeit und sogar im PK. Bis auf eine U18-WM machte er aber auch im Nachwuchsbereich keine Turniere mit und ich täte mich auch schwer, seine Stärken herauszufiltern.



Emil Romig
Foto: © GEPA

Diese elf Cracks würde wohl außerhalb der engsten Familienmitglieder niemand ins ÖEHV-Team reklamieren, wer bleibt da noch über?

Alexander Lahoda: In Salzburg nie für die Erste ein Thema, in Villach letztes Jahr dann Stammspieler. Heuer auch mit gutem Saisonbeginn, zuletzt etwas in Ungnade gefallen. Es gab sicher schlechtere Spieler im Kader, Roger Bader kennt ihn auch von der erfolgreichen Junioren-WM in Wien. Ihn kann man kurz oder lang sicher auch einmal im Aufgebot erwarten, den Speed für das internationale Niveau hätte er.

Florian Pedevilla: Der Inbegriff des guten Soldaten und "Homegrown Players". Machte alle acht EBEL-Saisonen der Haie nach dem Wiederaufstieg mit. Ein Kämpfer vor dem Herrn, doch weder seine Beine noch seine Hände ließen ihn für andere Teams oder das Nationalteam interessant werden.

Solche Spieler – limitiert, aber beliebt in der Organisation und auf den Tribünen – gibt es bei fast allen europäischen Teams, nur in der EBEL sticht ein solcher Spieler durch seine Nicht-Länderspiel-Karriere hervor.

Emil Romig: Sicher der einzige dieser 14 Namen, dessen bisherige Nicht-Einberufung überrascht – und dann auch wieder nicht. Spielte bis Februar 2018 in Nordamerika (College/ECHL) und – wie schon bei Peter Schneider gesehen – dadurch unter dem ÖEHV-Radar.

Selbst im jämmerlichen Bulldogs-Team von heuer sticht der 27-Jährige mit seinem Speed und seinem Einsatz hervor, bewies bei den Capitals gegen Ende der letzten Saison auch, dass er etwas Scoring-Upside mitbringt. Er feiert am Wochenende endlich sein ÖEHV-Debüt, zuletzt spielte er im Dezember 2011 für ein U20-Nationalteam.

Mit Lahoda und Roming gibt es also ganze zwei EBEL-Cracks, die das Niveau für das Nationalteam mitbringen, dort aber noch nie gespielt haben. Was sind die Gründe für diese Inflation an Einberufungen?

Limitiertes Angebot:

80 von 176 Kaderplätzen (22 pro Team) nehmen Imports ein, da bleiben nur knapp 96 Spieler übrig. Und zu diesem Kreis gehören schon Alt-Recken - Spieler, die noch in einem guten Alter stehen, aber nicht für das Team spielen wollen (nicht alle offiziell bekanntgegeben) sowie ganz wenige Cracks, die selbst für den Jugendförderer Bader vielleicht noch etwas zu jung oder zu wenig etabliert sind.

Experimente während der Saison:

Bader sieht sich gerne die Spieler aus nächster Nähe an, Eindrücke aus der Liga alleine genügen ihm zur Kaderformung vor der WM nicht. Das unterscheidet ihn nicht von anderen Teamcoaches, er treibt es vielleicht etwas weiter als seine Kollegen, die aber natürlich von Haus aus ein größeres Reservoir an Stammspielern haben.

Nur: Selbst wenn er jedes Turnier mit dem sich abzeichnenden WM-Aufgebot bestreiten wollte, würde das nicht gehen. Siehe die zahlreichen Absagen vor jedem Turnier (acht alleine vor Oslo), teilweise auf Druck der Vereine. Vor allem bei den drei Turnieren der Vorsaison (heuer nur zwei mit jeweils zwei Spielen) musste er rotieren. Das machen Schweden oder Finnland nicht anders, allerdings natürlich auf einem Niveau, in dem dadurch nicht jede Liga-Randerscheinung zum Nationalspieler werden muss.

Die unmittelbare WM-Vorbereitung:

Für die Spiele am Beginn der WM-Camps fehlen natürlich die Playoff-Teilnehmer, das heißt, ein Teamchef muss sich schon bei den schwächeren Teams bedienen. Wenn er Glück hat, kommen wie im Vorjahr einige der wenigen Legionäre wie Dominic Zwerger oder Fabio Hofer dazu, sonst wird die Suppe noch dünner. Da treffen dann halt – wie im Vorjahr gegen Tschechien – EBEL-Viertlinien-Spieler auf KHL-Legionäre, von denen wohl jeder im rot-weiß-roten WM-Team einen Stammplatz hätte.

Um Teams für diese Spiele zusammenzustoppeln, mussten auch schon Baders Vorgänger auf so manch heute längst vergessenen Spieler zugreifen – der wackere KAC-Allerweltscrack Philipp Cirtek dient hier als Beispiel.

Wer also in der nächsten Off-Season wieder eine Pressemitteilung eines EBEL-Teams liest, in der hyperventilierend vom Übertritt eines Nationalteamspielers geschrieben wird, sollte dies nicht zu ernst nehmen – diesen Begriff kann - wie beschrieben - fast jeder EBEL-Crack für sich in Anspruch nehmen. Der Begriff "WM-Spieler" würde wohl eher taugen, um diesen Kreis etwas einzuschränken: 38 der 73 EBEL-Spieler 1996 und älter haben WM- oder Olympia-Quali-Turnier-Erfahrung. Allerdings: Auch diese knapp 52 Prozent sollte man Leuten aus echten Eishockeyländern besser nicht mitteilen…

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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