LAOLA1: Du hast deine zweite A-WM hinter dir. Wie war’s?
Christian Ofner: Es war richtig geil! Ich war letztes Jahr in Herning, wo das Zuschauerinteresse relativ gering war. Da war die Schweiz eine völlig andere Liga. Ich habe sieben Spiele geleitet, jedes Mal war die Arena ziemlich voll oder sogar ausverkauft. Die Atmosphäre war hervorragend. Es ist schon etwas Besonderes, wenn die Hallen voll sind und man selbst am Eis steht. Eishockey-mäßig herrscht aber kein großer Unterschied zur Liga. Am Ende ist Eishockey immer Eishockey.
LAOLA1: Du warst zuerst in Fribourg, warst dort unter anderem bei zwei Spielen Kanadas im Einsatz.
Ofner: Dort war die Arena auch ziemlich ausgelastet. Wenn du die Chance bekommst, Spieler wie Sidney Crosby oder Macklin Celebrini zu sehen, musst du kein Fan einer bestimmten Nation sein – du gehst einfach hin. Beide sind das Nonplusultra im Eishockey. Crosby seit 20 Jahren, Celebrini schießt gerade durch die Decke.
LAOLA1: Ist die Aufregung größer, wenn solche Superstars am Eis stehen?
Ofner: Es ist definitiv ein besonderer Moment. Ich habe selbst Eishockey gespielt, Crosby war für uns alle ein Kindheitsidol. Mit ihm einmal am Eis zu stehen, ist schon etwas Besonderes. Nervös war ich aber nicht. Man realisiert oft erst nach der WM, mit wem man eigentlich am Eis gestanden ist. Wenn man in dieser Bubble drinnen ist, macht man einfach seinen Job. Da ist jeder Spieler wie einer aus der Liga.
LAOLA1: Gegen welche Superstars hast du eine Strafe aussprechen dürfen?
Ofner: Bei den Kanadiern ist jeder auf seine Art ein Superstar, weil alle in der NHL spielen. In Erinnerung geblieben ist mir aber Mathieu Olivier von Columbus. Ein US-Amerikaner, der richtig tough ist. Ich habe die Partie Lettland gegen die USA geleitet. Für beide Teams war es ein extrem wichtiges Spiel. Es war eine richtig heiße Partie und eines der geilsten Spiele, die ich jemals geleitet habe. Wenn es dort einmal zu scheppern beginnt, ist das nochmal etwas anderes als bei uns in der Liga. Olivier war bei jeder heißen Situation dabei, genauso wie Matthew Tkachuk. Die wissen aber genau, wie weit sie gehen können, um an der Grenze des Erlaubten zu bleiben. Das sind Vollprofis, die damit ihre Millionen verdienen. Tkachuk ist für mich derzeit auch einer der geilsten Eishockey-Spieler auf dem Planeten. Er kann einfach alles.
LAOLA1: Und er kann Trash Talk wie wohl kaum ein anderer führen.
Ofner: Unglaublich, wie er das macht!
LAOLA1: Wenn dir die Crosbys und Tkachuks gegenüberstehen: Wirst du selbst nochmal zum kleinen Jungen, der zu denen "aufschaut"?
Ofner: Wenn vor dem Spiel ein Celebrini herkommt und dir die Hand gibt, denkt man sich schon: Der ist 19 Jahre alt und hat heuer 115 Punkte in der NHL gemacht. Das ist unglaublich. Wenn man sieht, was der am Eis macht, ist das ein anderes Level. Während des Spiels hast du dafür aber keine Zeit. Es geht so schnell, man muss seinen Job machen und ist so im Tunnel, dass man darüber gar nicht nachdenkt. Bei den Handshakes nach dem Spiel schaut man natürlich schon das eine oder andere Mal rüber, wer dort alles steht. Das sind Spieler, die ich sonst nur aus dem Fernsehen und den NHL-Highlights kenne. Und plötzlich steht man selbst mit ihnen am Eis. Das ist ein richtig cooles Erlebnis, das ich nie vergessen werde.
LAOLA1: Erwischt ihr euch während eines Spiels selbst dabei, wie ihr bei manchen Situationen denkt: WOW!
Ofner: Definitiv! Wir schauen uns das Spiel ja trotzdem an. Da denkt man sich schon: Wow, wie gut sind die? Das ist unmenschlich. Sowas sieht man selten, aber das sind die Besten der Welt. Wir Schiedsrichter sind bei der WM am Eis miteinander verbunden, da sagt man schon einmal: Hast du das gesehen? Wie geil war das gespielt? Das ist unglaublich. Und das machen sie nicht gegen irgendwelche Amateure, sondern gegen Vollprofis.
Ich habe bei der WM viel Anerkennung dafür bekommen, dass Österreich mittlerweile so viele Referees auf Top-Niveau hat.
LAOLA1: 2025 warst du erstmals bei einer A-WM dabei. Wie hast du davon erfahren?
Ofner: Schon im September oder Oktober werden die Schiedsrichter für alle Weltmeisterschaften eingeteilt, ausgenommen die Männer-A- und B-WM. Dafür gibt es eine eigene Longlist. Wer darauf steht, wird per E-Mail informiert und weiß, dass er zu einer A- oder B-WM fährt. Die endgültige Entscheidung habe ich dann im Februar erfahren.
LAOLA1: Kann es passieren, dass man von dieser Longlist nochmal ausgesiebt wird?
Ofner: Heuer war es so, dass jeder Schiedsrichter von der Longlist entweder zur A- oder B-WM gefahren ist. In der Vergangenheit ist es aber schon vorgekommen, dass Referees auf der Longlist für die A-WM standen und am Ende gar kein Turnier bekommen haben. Grundsätzlich ist aber jede Weltmeisterschaft etwas Besonderes. Man muss erst einmal zu einer WM fahren dürfen. Heuer waren drei österreichische Schiedsrichter bei Top-Turnieren im Einsatz. Andreas Huber durfte zur U20-WM, Christoph Sternat zur U18-WM. Simon Riecken wäre zusätzlich als Linienrichter bei der A-WM vorgesehen gewesen, musste aber aus beruflichen Gründen absagen. Ich habe bei der WM viel Anerkennung dafür bekommen, dass Österreich mittlerweile so viele Referees auf Top-Niveau hat. Teilweise haben nicht einmal die großen Nationen vier Schiedsrichter in diesem Pool. Das haben wir auch Lyle Seitz zu verdanken. Vor 15 Jahren hatten wir keinen einzigen Schiedsrichter auf diesem Niveau.
LAOLA1: Ist diese positive Entwicklung, die offensichtlich auch international wahrgenommen wird, hauptsächlich auf Lyle Seitz zurückzuführen?
Ofner: Natürlich haben auch andere ihren Anteil daran. Lyle hat allerdings alles umgekrempelt, als er gekommen ist. Das Schiedsrichterwesen in der Liga hat sich in den vergangenen 15 Jahren enorm positiv entwickelt. Ohne ihn wären wir international nicht dort, wo wir heute sind. Machen wir Fehler? Definitiv. Das wird immer so sein. Eishockey ist derart schnell, dass immer wieder etwas übersehen wird. Das ist nicht nur bei uns so, sondern auch in der NHL. Leider sieht jeder immer nur die Fehler. Wenn man 59 Minuten eine Top-Partie pfeift und dann einen spielentscheidenden Fehler macht, wird nur darüber gesprochen. Das ist im Schiedsrichterwesen leider so. Damit müssen wir leben und einen Weg finden, damit umzugehen.
Man kann mit keinem Außenstehenden über unseren Job reden, das versteht niemand.
LAOLA1: Wird man dabei unterstützt?
Ofner: Bei der WM war das großartig. Wir waren wie eine Mannschaft organisiert und hatten ähnlich wie die USA oder Kanada Off-Ice-Trainer, Physiotherapeuten, Masseure und Psychologen. Da hat sich international in den letzten Jahren viel getan, das gab es früher nicht. Man braucht einfach Leute, mit denen man reden kann. Vor allem bei einem kurzen Turnier: Wenn man eines von sieben Spielen schlecht pfeift, nimmt man das natürlich mit.
LAOLA1: Diese Schar an Trainern, die euch dort zur Verfügung gestanden sind – sowas wünscht man sich vermutlich auch im Liga-Betrieb?
Ofner: Ich hoffe, dass das irgendwann kommen wird. Es ist natürlich alles mit Geld verbunden. In Schweden haben sie meines Wissens nach bereits eine Psychologin, die den Schiedsrichtern zur Seite steht. Das ist für mich der nächste Schritt, der gemacht werden muss. Jeder Spieler arbeitet heutzutage mit Mentaltrainern zusammen. Wir Schiedsrichter müssen dagegen oft selbst Wege finden, um schlechte Spiele zu verarbeiten. Wir sprechen in der Liga viel untereinander, aber es wäre ein Traum, wenn Mentaltrainer oder Psychologen zur Verfügung stehen würden. Der Druck ist enorm groß – und wird immer größer. Man kann mit keinem Außenstehenden über unseren Job reden, das versteht niemand.
LAOLA1: Warum?
Ofner: Sobald man mit jemandem spricht, heißt es nur: Ihr habt das und das übersehen. Aber niemand kennt die Gründe dafür. Wenn man eine gute Partie macht, wird über die Schiedsrichter nicht gesprochen. Machst du einen Fehler, stehst du am nächsten Tag in der Zeitung. Die Medien habe ich sowieso abgeschalten. Ich lese nichts, das interessiert mich nicht. Das haben wir auch bei der WM gehört: Medien ausblenden, Instagram löschen, den Fokus auf den Job legen.
LAOLA1: Bist du selbst noch auf Social Media?
Ofner: Nein, nicht mehr. Ich hatte es viele Jahre lang. Da bekommt man immer wieder Nachrichten von Fans, wenn etwas nicht so gelaufen ist, wie sie es sich vorgestellt haben, oder sie der Meinung sind, dass man gegen ihr Team pfeift. Irgendwann habe ich gesagt: Ich brauche das nicht. Es tut mir selbst nicht gut, das habe ich über die Jahre gelernt.
LAOLA1: Schiedsrichter werden allerdings auch während eines Spiels angefeindet, ausgepfiffen – manchmal sogar wüst beschimpft. Kann man das ausblenden?
Ofner: Ich bin während einer Partie so in meinem Tunnel drinnen, dass ich das kaum mitbekomme. Vielleicht höre ich kurz die Pfiffe, aber wenn ich weiß, dass es die richtige Entscheidung war, können die Zuschauer noch hundert Mal pfeifen. Natürlich gibt es auch schlechte Calls. Dann gehe ich zu den Coaches oder Spielern und sage offen, dass ich die Situation im Nachhinein anders beurteilen würde. Ich habe über die Jahre gelernt, ehrlich zu sein. Jeder macht Fehler, das gehört zum Sport dazu. Gleichzeitig muss man Vertrauen in sich selbst haben. Der Großteil der Entscheidungen ist ja korrekt. Man muss wissen, was man am Eis tut, und hinter seinen Entscheidungen stehen. Das kommt aber nicht von heute auf morgen. Es ist ein Lernprozess. Deshalb muss man jungen Schiedsrichtern Zeit geben und ihnen Fehler zugestehen. Nur daraus lernt man.
LAOLA1: Man hat in den letzten Jahren immer häufiger das Gefühl, dass große Strafen ausgesprochen werden, nur damit die Schiedsrichter die Gelegenheit bekommen, sich die Situation nochmal am Video anschauen zu können. Wurde diesbezüglich einmal eine Richtlinie aufgesetzt?
Ofner: Nein, gar nicht. Meistens geht es bei solchen Situationen um Checks gegen den Kopf oder Boarding. Dort kommt es oft auf den Blickwinkel an. Am Eis sieht ein Check manchmal brutal aus. Ein Spieler knallt mit dem Kopf voraus in die Bande oder der Kopf schnellt nach hinten. Oder der Spieler bekommt einen Cross-Check Richtung Brust, geht aber automatisch mit dem Kopf nach hinten. In Echtzeit kann man oft nicht sicher sagen, wo genau der Kontakt war. Deshalb wird die Situation überprüft. Man spricht mit dem Partner, tauscht die Wahrnehmungen aus und schaut sich die Szene am Video an. Erst dort sieht man zu 100 Prozent, ob ein Spieler am Kopf, an der Brust oder irgendwo anders getroffen wurde. Das gilt auch für Boarding-Situationen. Für eine Major-Strafe ist entscheidend, wie sich beide Spieler unmittelbar vor dem Kontakt verhalten. Das lässt sich am Video oft deutlich besser beurteilen als in Echtzeit.
LAOLA1: Das bedeutet, man sollte dieses Vorgehen nicht negativ bewerten. Das ist gewissermaßen euer Fallschirm und gibt euch die Chance, die Situation richtig zu beurteilen.
Ofner: Genau. Wir sehen die Situation am Eis nur einmal. Vor dem Fernseher mit Zeitlupe ist vieles einfacher zu beurteilen. Das Video ist ein wichtiges Hilfsmittel für uns. Man will einfach keine Major-Strafe übersehen, weil sie ein Spiel entscheidend beeinflussen kann. Oft gibt es auch Situationen, in denen die Schiedsrichter unterschiedlicher Meinung sind. Dann schauen wir uns die Szene ebenfalls noch einmal an.
LAOLA1: Du hast nun mehrfach die Erfahrung, die es in diesem Job braucht, angesprochen. Ist es von Vorteil, wenn man früher selbst gespielt hat und gewisse Grundfähigkeiten wie die Fitness, das Skating oder den Hockey-IQ mitbringt?
Ofner: Natürlich! Gerade zu Beginn hat man gegenüber Schiedsrichtern, die nie selbst gespielt haben, einen Vorteil. Man kann sich besser in die Spieler hineinversetzen. Ich fahre oft zu den Spielern und sage ihnen, dass ich sie zu 100 Prozent verstehe und wahrscheinlich genauso reagiert hätte. Ich glaube aber nicht, dass jeder ehemalige Profi automatisch ein guter Schiedsrichter wird. Man muss seinen eigenen Weg finden und auch der Typ dafür sein. Nur weil man gewisse Voraussetzungen mitbringt, heißt das noch lange nicht, dass man ein guter Referee wird. Es gibt viele Dinge, die man neu lernen muss. Das Schiedsrichterwesen ist ein völlig anderes Business als jenes als Spieler. Man sieht das Spiel auch ganz anders. Wenn ich heute ein Eishockeyspiel anschaue, achte ich auf völlig andere Dinge als früher als Spieler.
LAOLA1: Zum Beispiel?
Ofner: Wenn eine Partie etwas ruppiger wird, schaut man auf andere Dinge: Wer fängt an? Wer ist gerade am Eis? Wenn ein Spieler beim vorherigen Wechsel bereits mit einem Gegenspieler aneinandergeraten ist und wieder aufs Eis kommt, verfolgt man ihn etwas genauer. Was macht er abseits vom Puck? Man weiß bei jedem Spieler ungefähr, welcher Charakter er ist und welche Rolle er im Team hat. Darauf achtet man als Schiedsrichter besonders. Dadurch kann man teilweise schon erahnen, was als Nächstes passieren könnte. Das ist sehr interessant.
LAOLA1: Ich habe einmal gehört, dass du zu Spieler-Zeiten eine ziemliche "Krätzn" am Eis gewesen sein dürftest. Hättest du dir jemals gedacht, dass du einmal Schiedsrichter wirst?
Ofner: Sicher nicht. Ich habe die Schiedsrichter nicht gehasst, aber ich war ihnen gegenüber nicht der feinste Typ und habe viele versteckte Fouls gemacht. So war ich einfach. Irgendetwas hat mich trotzdem dazu bewegt, es auszuprobieren. Ich habe es spannend gefunden. Außerdem war es eine Möglichkeit, dem Sport, den ich liebe, erhalten zu bleiben. Ich mache diesen Job aus Leidenschaft. Wenn man die Liebe zum Eishockey nicht hat, macht man ihn nicht. Man muss so viel Kritik einstecken. Eishockey ist einfach der geilste Sport. Wenn diese Leidenschaft irgendwann weg ist, ist wahrscheinlich auch der Zeitpunkt gekommen, aufzuhören. Ich hoffe aber, dass das noch lange dauert, weil es mir nach wie vor jeden Tag Spaß macht, aufs Eis zu gehen und Spiele zu leiten.
Ich werde nach Saisonende oft krank. Dann merkt man erst, wie viel Druck man über Monate mit sich herumgetragen hat.
LAOLA1: Kannst du alleine vom Schiedsrichter-Beruf leben oder verfolgst du noch einen Zweitjob?
Ofner: Ich bin mittlerweile im dritten Jahr Profi-Schiedsrichter und mache das hauptberuflich. Früher war ich Amateur, hatte einen normalen Job und nebenbei das Eishockey. Das ist praktisch ein zweiter Fulltime-Job. Man arbeitet 40 Stunden, hat mehrere Spiele pro Woche und ist ständig unterwegs. Das hat sich dann schon auf 100 bis 110 Stunden in der Woche summiert. Auch als Profi sind es während der Saison oft 70 bis 80 Stunden pro Woche. Man ist viel auf Reisen, schläft in Hotels und ist selten zuhause. Das ist physisch und mental anstrengend und für die Familie ebenfalls nicht immer einfach. Man braucht Menschen, die einen dabei unterstützen. Viele sehen nur den Schiedsrichter am Abend, der einen Fehler gemacht hat. Was die Leute nicht sehen...
LAOLA1: Ja?
Ofner: Der Amateur-Schiedsrichter ist vielleicht um fünf Uhr aufgestanden, hat den ganzen Tag gearbeitet, fährt danach quer durchs Land zu einem Spiel und muss dort trotzdem voll konzentriert sein. Dafür habe ich den größten Respekt. Dass unter solchen Umständen einmal Fehler passieren, ist menschlich. Der Mensch ist kein Roboter. Ich finde, das sollte von den Zuschauern viel mehr honoriert werden. Natürlich hat sich das jeder selbst ausgesucht. Aber alle, die pfeifen, verbindet die Liebe zum Eishockey.
LAOLA1: Hattest du in deiner Zeit als Amateur-Schiedsrichter Selbstzweifel, ob das wirklich das Richtige für dich ist?
Ofner: Die letzten Jahre als Amateur-Schiedsrichter waren schon richtig anstrengend. Man hat eigentlich keine Freizeit. Die Freizeit ist Eishockey, aber Eishockey ist Profisport. Ich habe mich manchmal wirklich an meine Grenzen gebracht. Wenn man mehrere Spiele pro Woche hat, spät heimkommt, nur wenige Stunden schläft und am nächsten Tag wieder arbeiten geht, sieht man sich irgendwann nur mehr aus der Vogelperspektive. Gegen Ende der Saison funktioniert man nur noch und bekommt rundherum kaum noch etwas mit.
LAOLA1: Und als Profi?
Ofner: Als Profi pfeift man zwar mehr Spiele, hat aber deutlich mehr Zeit zur Regeneration. Trotzdem merkt man nach der Saison, wie der gesamte Druck abfällt. Das Interessante ist: Sobald die Saison vorbei ist, fährt auch der Körper herunter. Ich werde nach Saisonende oft krank. Dann merkt man erst, wie viel Druck man über Monate mit sich herumgetragen hat. Diese Pause braucht man. Zwölf Monate Eishockey am Stück würden einen verrückt machen.
LAOLA1: Wie viele Spiele pfeifst du im Jahr?
Ofner: Mit Vorbereitung, Meisterschaft, internationalen Spielen, Champions Hockey League und WM komme ich auf etwa 90 bis 100 Profi-Spiele pro Saison.
LAOLA1: Auf das Jahr hochgerechnet macht das alle drei bis vier Tage ein Spiel.
Ofner: Wobei sich das nicht gleichmäßig verteilt. Bis zum November-Break gibt es oft nur zwei Spieltage pro Woche. Ab Dezember wird es dafür richtig intensiv. Es ist schon einmal vorgekommen, dass ich zehn Spiele in 14 Tagen geleitet habe.
Ich würde nur dann ernsthaft über einen Wechsel nachdenken, wenn es bei uns kein Eishockey auf Top-Niveau mehr gäbe.
LAOLA1: Hast du Schiedsrichter erlebt, die an diesem Druck zerbrochen sind und gesagt haben: Ich will das nicht mehr machen?
Ofner: Die gab es auf jeden Fall. Der Druck ist enorm und wird immer größer. Vor 20 Jahren war das noch anders. Damals war nicht jede Situation in der Zeitlupe zu sehen. Heute wird praktisch jede Entscheidung analysiert und diskutiert. Natürlich haben wir mittlerweile mehr Hilfsmittel, um die richtige Entscheidung zu treffen. Gleichzeitig steigt dadurch aber auch der Druck. Wer eine Szene sieben Mal in der Zeitlupe sieht, kann sie viel leichter beurteilen als jemand, der sie in Echtzeit am Eis entscheiden muss. Das Eishockey ist in den letzten Jahrzehnten einfach viel professioneller geworden – und diese Entwicklung wird weitergehen.
LAOLA1: Abschließend noch zu dir: Ist es realistisch, dass es für dich als Profi-Referee einmal über die ICE Hockey League hinausgeht?
Ofner: Es ist sicher möglich. Wenn man bei Weltmeisterschaften dabei ist, zählt man zu den Top-Schiedsrichtern Europas. Deshalb gäbe es grundsätzlich Möglichkeiten, etwa in Deutschland oder der Schweiz. Aber ich muss sagen, dass es uns hier sehr gut geht. Die Liga macht viel für uns und das schätzen wir sehr. Außerdem ist Villach meine Heimat, ich bin hier sesshaft und glaube nicht, dass mich etwas so leicht ins Ausland bringen würde. Selbst ein lukratives Angebot wäre für mich nicht ausschlaggebend. Natürlich wäre es cool, etwa vor 18.000 Zuschauern in Köln zu pfeifen. Aber am Ende ist Eishockey überall Eishockey. Ich würde nur dann ernsthaft über einen Wechsel nachdenken, wenn es bei uns kein Eishockey auf Top-Niveau mehr gäbe. Und das wird hoffentlich nie passieren.
LAOLA1: Danke für das Gespräch!