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Wie stark ist das österreichische Kinder-Tennis?

ÖTV-Kids-Nationalcoach Martin Kondert gibt einen Ein- und einige Rückblicke. Er sagt: "Lilli Tagger hat sich damals schon abgehoben."

Wie stark ist das österreichische Kinder-Tennis? Foto: © GEPA

Der Weg zum Tennisprofi ist lang und steinig.

Bis es ein Spieler oder eine Spielerin in die Top 100 schafft, stehen viele Jahre harte Arbeit voller Entbehrungen auf dem Programm.

Der erste Schritt erfolgt bereits im Kindesalter. Nach den Anfängen in der U8 mit roten Bällen werden im U9- und U10-Bereich mit orangen und grünen Bällen die ersten Weichen gestellt und dabei das technische Grundgerüst für spätere Aufgaben erlernt.

Bereits in diesem Alter versucht der ÖTV dabei die größten Talente des Landes zu erfassen und sie in bundesweiten KAT1- und Einladungs-Turnieren für den Leistungssport zu sensibilisieren.

"Dabei ist es aber wichtig, dass das Spielerische im Vordergrund steht. Es sind schließlich noch Kinder", erklärt ÖTV-Kids-Nationalcoach Martin Kondert im Gespräch mit LAOLA1.

"Der Leistungsgedanke ist natürlich nicht unwichtig, aber für mich sind das Soziale und das Miteinander sehr wichtig. Es soll eine Community geschaffen werden, wo die Kids unter ihresgleichen sind", beschreibt der Salzburger das Konzept des heimischen Verbandes.

Doch worauf wird bei der Talenteerkennung in diesem Alter am meisten geachtet? Wie schlagen sich Österreichs Kids bzw. das heimische System im internationalen Vergleich? Welche Schwierigkeiten gilt es zu bewältigen? Und was für einen Impact hatte die erfolgreiche Zeit von Dominic Thiem auf das heimische Nachwuchstennis?

Martin Kondert beantwortet all diese Fragen im LAOLA1-Interview und erinnert sich zudem auch an die Anfänge von Lilli Tagger, Filip Misolic und Lukas Neumayer zurück.

LAOLA1: Du bist Kids-Nationalcoach beim ÖTV. Beschreibe doch bitte zunächst einmal kurz deine Aufgabenstellung?

Martin Kondert: Ich organisiere die Einladungs- und KAT1-Turniere in Österreich sowie einzelne Lehrgänge, den Bundesländer-Teamcup und das Masters in Österreich. Zudem begleite ich die österreichischen Kinder beim jährlichen Vergleichskampf gegen Bayern und bei einem internationalen Turnier auf Mallorca, wo die österreichischen Masters-Finalisten teilnehmen dürfen. Ich befinde mich zudem meist in einem engen Austausch mit dem ÖTV und den Kids-Coaches der Landesverbände. Jeder Verband hat unterschiedliche Voraussetzungen und Bedürfnisse, das Ziel ist, dass sich bei den Turnieren ein roter Faden durchzieht. Es sollten alle an einem Strang ziehen und dieses Miteinander funktioniert sehr gut bei uns. Zudem stehe ich natürlich auch im Austausch mit den Eltern, soweit das möglich ist. Im U9-Bereich geht es generell einmal darum, die Kinder für den Leistungssport zu sensibilisieren. Dass zum Beispiel ein Kind bei einem Einladungsturnier erst auf den Geschmack kommt und sich noch mehr dem Tennis verschreibt. Ich sehe das nicht nur für die Leistungsorientierten, die schon in diesem frühen Alter ganz klar ein Ziel vor Augen haben. Der Leistungsgedanke ist natürlich nicht unwichtig, aber für mich sind das Soziale und das Miteinander sehr wichtig. Es soll eine Community geschaffen werden, wo die Kids unter ihresgleichen sind.

LAOLA1: Worauf achtest du bei der Talenterkennung im jungen Alter am meisten? 

Kondert: Wir versuchen das nicht nur an Ergebnissen festzumachen, deshalb gibt es in diesem Alter auch keine Rangliste. Wir lassen verschiedene Komponenten einfließen. Wie bewegt sich ein Spieler? Was bringt er motorisch mit? Wie stellt er sich taktisch an? Wie antizipiert er? Wie weit ist er technisch? Vor allem im U12-Bereich ist das schon ein limitierender Faktor, wenn da gewisse Leistungskriterien nicht erfüllt sind. Ich versuche, das breitgefächerter zu sehen. Auch was das Umfeld betrifft. Bei Lukas Neumayer haben wir beispielsweise gewusst, dass das Umfeld sehr sportaffin ist und er bei einer Profi-Karriere sehr, sehr gute Voraussetzungen hat.

LAOLA1: In den letzten Jahren wurde von vielen Experten wie Günter Bresnik, Jürgen Melzer oder Wolfgang Thiem immer wieder gefordert, dass das technische Grundgerüst bis zum 12. Lebensjahr passen muss, damit man sich dann anderen Dingen widmen kann. Passt das deiner Meinung nach schon oder besteht da weiter Verbesserungsbedarf?

Das technische Niveau ist - auch wenn man es an biomechanischen Faktoren festmacht - ganz anders als vor 30 Jahren. Das hat sich alles nach vorne verschoben.

Die technische Grundausbildung erfolgt bereits in jungen Jahren.

Kondert: Grundsätzlich unterschreibe ich das zu 100 Prozent. Die Griffe müssen in der U10 bereits passen. Das Kind muss mit dem Hammergriff servieren können, auch wenn der Kick vielleicht noch kein Kick ist. Auch die anderen Griffe bei Vorhand, Rückhand und Volley sollten passen. Wenn man sich erst später mit solchen Dingen beschäftigen muss, kostet das einfach Zeit. Der technische Standard ist heute gravierend anders als zu Muster-Zeiten. Das technische Niveau ist - auch wenn man es an biomechanischen Faktoren festmacht - ganz anders als vor 30 Jahren. Das hat sich alles nach vorne verschoben. Es ist nicht mehr wie früher, dass man mit elf oder zwölf Jahren noch sagen kann, dass die Kinder eine andere Sportart machen und sich erst später spezialisieren sollen. Diese Zeit haben die Spieler nicht mehr, um den Übergang von national auf international zu schaffen. Wobei die Spieler mit 14, 15 Jahren auch koordinativ und konditionell sehr viel machen müssen. Nur Tennis zu spielen ist nicht ausreichend – das sieht man auch im Juniorenbereich. Zudem ist es gesundheitlich ja auch nicht ratsam. Gerade im Alter zwischen sechs und zehn werden ganz viele Grundlagen geschaffen. Deshalb ist es da natürlich schon gut, wenn ein Spieler neben dem Tennis auch noch Fußball spielt oder eine andere Sportart macht. Wenn er es zeitlich unter einen Hut bekommt. Mit elf, zwölf Jahren muss man es in Abhängigkeit von der Schule machen und da sind wir sicher nicht das sportfreundlichste Land. Die Belastung ist in der Schule sicher höher als in anderen Ländern. Um national vorne dabei zu sein, muss man sich deshalb wahrscheinlich mit elf Jahren spezialisieren.

LAOLA1: Welche Fähigkeiten sind in diesem Alter entscheidend, um es später einmal ganz nach vorne schaffen zu können? Früher hat man oft gesagt, dass es in erster Linie auf die Schnelligkeit bei den Schlägen ankommt, weil man die im späteren Alter auch nur mehr schwer verbessern kann.

Kondert: Die Schnelligkeit hängt großteils von den Fasern ab und ist quasi von der Natur vorgegeben. In diesem Bereich kannst du dich sicherlich am schwierigsten steigern. Schlagtechnik, Kraft, Ausdauer, Koordination – das ist alles leichter zu trainieren. Eine gute Schnelligkeit ist sicherlich eine Grundlage, um im Männertennis international ganz vorne mitzuspielen. Das sind sicherlich leistungsbestimmende Parameter. Auf der anderen Seite braucht es in der Spitze auf jeden Fall auch einen unfassbaren Willen. Eine schnelle Hand alleine reicht nicht aus. Es braucht schon beides. Wenn ich den Kopf nicht dafür habe, werde ich es auch mit einer schnellen Hand im Spitzentennis sehr schwer haben. Zudem kann es auch ein richtig harter Arbeiter auch in die Top 100 schaffen, selbst wenn er nicht so privilegiert ist – aber dafür kann er an seine Grenzen gehen, ist diszipliniert und auch stark im Kopf.

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Lilli Tagger durfte sich in der U10 bei den Burschen versuchen
Foto: ©GEPA

LAOLA1: Wenn du zurückblickst auf die letzten Jahre. War es da schon im Kidsbereich absehbar, dass sich Spieler und Spielerinnen wie Lilli Tagger, Anna Pircher, Filip Misolic oder Joel Schwärzler auch international einmal durchsetzen werden? 

Kondert: Beim Filip Misolic war ich noch im Salzburger Landesverband tätig, ich habe ihn da aber zumindest beobachten dürfen. Da hat man schon erkennen können, dass der eine außergewöhnliche Hand hat. Abgesehen vom Joel Schwärzler hab ich wenige Spieler seitdem gesehen, die so gesegnet waren wie er. Damals hab ich mir nur gedacht, ich hoffe, dass er diese Einstellung und den Willen aufbringen kann, dass er das umsetzen kann, was er sich vornimmt. Und jetzt ist er Top 100 und im Davis-Cup-Team. Schauen wir mal, wie weit die Reise noch geht. Neumayer Luki durfte ich selbst einige Zeit lang begleiten. Da kenne ich auch sein Umfeld recht gut. Seine mentale Stärke war schon damals hervorzuheben. Er war immer mutig und überzeugte auch damals schon mit seiner Disziplin. Da habe ich mir schon damals gedacht, dass wenn’s einer schafft, dann schafft ers anhand dieser Attribute. Er ist ein unglaublich disziplinierter Arbeiter. Das ist sicher seine größte Kernkompetenz. Wenn er verletzungsfrei bleibt, glaube ich schon, dass er es in die Top 100 schaffen kann. Er hätte es sich sicher verdient. Anna Pircher war relativ früh schon bei uns im System und hat da sehr bald aufgezeigt. Auch bei Lilli Tagger hat man gesehen, dass sie sehr außergewöhnliche Fähigkeiten mitbringt. In ihrem Jahrgang hat sie sich wirklich abgehoben. Auch das Umfeld ist ähnlich wie bei den Neumayers sehr tennis-affin. Die unterstützen das zu 100 Prozent - mit allem, was sie haben. Lilli hab ich in der U10 beim Masters bei den Jungs mitspielen lassen und die hat sich dort sehr, sehr gut aus der Affäre gezogen, ist, glaube ich, Fünfte geworden. Das war für die Jungs damals auch nicht so einfach. Da hat man schon gesehen, dass die was mitbringt, was überdurchschnittlich und außergewöhnlich ist. Aber sie war damals halt auch noch ein Kind und da hätte ich mich auch nicht getraut zu sagen, dass sie es schaffen wird. Wir haben viele Kinder, die schon sehr gut ausgebildet und sehr matchaffin sind. Die Eltern unterstützen diese Kinder auch sehr stark – sowohl monetär als auch zeitlich, weil es ja viele Fahrten zu Trainings und Turnieren zu bewältigen gilt. Hätten wir die Heimtrainer und die Eltern nicht, gäbe es auch diese Spieler nicht. Und dann könnten wir uns österreichweit auch nicht auf diesem Niveau messen.

LAOLA1: Welche Bedeutung hat das Umfeld?

Kondert: Das ist ein wichtiger Faktor. Es gibt natürlich keine Garantie, aber man kann schon erkennen, welches Umfeld sportaffiner ist. Vor allem, wenn die Eltern selbst aus dem Leistungssport kommen, dann ist die Bereitschaft für den steinigen Weg nach oben deutlich höher. Es ist von Vorteil, jemanden zu haben, der so etwas schon einmal erlebt hat und der weiß, was da auf einen zukommt. Es ist ein immenser Aufwand, der mit vielen Entbehrungen verbunden ist. Sei es, dass man die Schule nur online macht oder gar mit 15 Jahren komplett aus der Schule rausgeht, um auf diesem Level performen zu können.

LAOLA1: Im Fußball wird in Leistungszentren und Vereinen sehr viel durchorganisiert. Im Tennis bist du selbst alleine für vieles verantwortlich. Ist die Herausforderung beim Tennis extrem groß?

Kondert: Das Gesamtpaket beim Tennis ist sehr, sehr komplex und extrem kompetitiv. Du musst da einfach sehr viele Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringen. Zudem hast du als Einzelsportler ganz eigene Herausforderungen. Es da in die Top 100 zu schaffen, ist schon außergewöhnlich. Die Dichte in den Top 100 ist jetzt noch einmal höher als zu Zeiten von Federer und Nadal. Es wird alles immer professioneller und das Niveau immer höher.

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Dominic Thiem brachte mit seinen Erfolgen viele Kinder zum Tennis-Sport
Foto: ©GEPA

LAOLA1: Mit Dominic Thiem haben wir in den vergangenen Jahren einen österreichischen Spieler in der Weltklasse gehabt, der natürlich auch eine gewisse Sogwirkung auf den Nachwuchs gehabt hat. Schön langsam kommen jene Generationen, die Jahrgänge 2010 bis 2015, nach, die Thiem in seiner besten Zeit erlebt haben. Sind das besonders starke Jahrgänge im Vergleich zu früheren Jahren?

Kondert: Auf jeden Fall. Dominic ist ein unfassbares Role Model, so wie es für uns früher Thomas Muster war. Da kannst du natürlich auch das eine oder andere Kind mehr für den Leistungssport begeistern. Es ist aber jeder Jahrgang unterschiedlich. Gerade der 2015er-Jahrgang ist aber zum Beispiel in der Breite sehr stark gewesen. Es korreliert aber einfach extrem stark mit dem Umfeld. Wenn du das nicht hast – und da spreche ich vor allem von den Eltern, die das unterstützen – kannst du noch so viel Talent und Liebe zum Sport haben, da wird’s einfach schwierig werden, dass du in die Spitze kommst.

LAOLA1: Was unterscheidet die stärksten Nationen (z. B. Tschechien, Frankreich, Spanien) im Kids-Bereich von Österreich? 

Kondert: Im Kids-Bereich haben wir erst im zweiten Halbjahr der U10 einen internationalen Vergleich, da wir vorher das Hauptaugenmerk auf die schon angesprochenen Dinge legen. So findet jährlich am Jahresende ein U10-Vergleichskampf gegen Bayern statt, den wir in den letzten vier Jahren drei Mal gewinnen konnten. Der bayrische Verband hat deutlich mehr Mitglieder als wir in Österreich. Das ist dementsprechend nicht selbstverständlich und wir wissen auch, dass die Bayern zu den stärksten Bundesländern in Deutschland gehören. Aus dem europäischen Umfeld höre ich eigentlich immer positive Stimmen, dass es toll ist, was wir mit den KAT1- und Einladungsturnieren bieten können. So ein Angebot gibt es in vielen Ländern nicht. Beim Turnier in Mallorca, wo viele der besten Kinder Europas in der U10 aufeinandertreffen, hat man auch gesehen, dass wir uns nicht verstecken müssen. Auch technisch fallen wir nicht ab, da gehören unsere Spieler eher zu den stärkeren. Da fahren wir auch regelmäßig mit einem Pokal nach Hause und da sind viele der besten Italiener, Kroaten, Bulgaren, Franzosen und so weiter dort. Da sind wir vorne dabei.

LAOLA1: Welche Punkte würdest du im Kids-Bereich in Österreich gerne verbessern?

Kondert: Ich wäre froh, wenn die Botschaft der unterschiedlichen Courts und Bälle zur Gänze in den Vereinen ankommt. Nicht nur in der Breite, sondern auch in der Spitze. Mir ist schon bewusst, dass es in vielen Tennisschulen und Akademien außergewöhnliche Spieler gibt, die sich schnell nach oben spielen. Trotzdem sollten sich viele Eltern und Trainer bewusst sein, dass es sehr wohl einen Mehrwert hat, mit den orangen und grünen Bällen zu spielen. Da sollte man keine Angst haben, dass einem etwas davonläuft. Ansonsten bin ich aber eigentlich ganz happy, wie alles funktioniert. Auch, wie sich die Spieler präsentieren. Wir haben auf Mallorca zum Beispiel immer die Fairplay-Trophy gewonnen und das ist schon auf jene Werte zurückzuführen, die wir versuchen zu implementieren. Wir spielen ja alle Turniere ohne Schiedsrichter, weil wir sie einfach nicht brauchen. Die Kids haben miteinander einen guten Umgang. Feine Adaptierungen werden natürlich immer vorgenommen. Ein Wunsch wäre wahrscheinlich, dass es in Österreich mehr Schulen gibt, wo du einen guten Abschluss machen und trotzdem professionell trainieren kannst, sodass du international dabei sein kannst.

LAOLA1: Welche Bedeutung hat das Kids-Tennis?

Kondert: Man kann natürlich sagen, dass das noch keinen großen Stellenwert hat, weil das noch die Kinderschuhe des Tennis sind. Das stimmt natürlich. Es sagt noch wenig aus, ob ein starker Kids-Spieler einmal sein sehr guter Tennisspieler wird, es in die Top 100 schafft oder einen Junioren-Grand-Slam gewinnt wie die Lilli. Aber es ist einmal ein erster Schritt und auch kein unwichtiger. Was später passiert, hängt von ganz vielen anderen Faktoren ab. Bei aller Zielstrebigkeit halte ich auch eines für wichtig: Man muss aufpassen, dass man nicht immer nur auf der Reise ist. Gewisse Dinge sollte man feiern, wie sie sind, auch wenn es nur Teilziele sind und man immer schon an den nächsten Schritt Richtung Leistungssport denken will. Es ist ein weiter Weg und man muss vor jedem den Hut ziehen, der es in vielen Jahren harter Arbeit nach oben schafft. Schließlich ist es selbst mit dem größten Einsatz nicht garantiert, dass man es schafft. Es muss nur eine Verletzung passieren und der Traum ist zerplatzt.

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