Erste Schritte in Amman
In der jordanischen Hauptstadt Amman wuchs Al-Tamari in einer fußballbegeisterten Familie auf und schloss sich im Alter von acht Jahren dem örtlichen Verein Shabab Al-Ordon an. Schon früh hatte er einen großen Traum: Eines Tages wollte er in einer großen Liga in Europa spielen.
Die Voraussetzungen dafür waren alles andere als ideal. Seine Mutter legte großen Wert auf eine gute schulische Ausbildung und erinnerte ihn immer wieder daran, wie schwierig eine Profikarriere in Jordanien sei – vom Sprung nach Europa ganz zu schweigen. Spieler aus dem Königreich tauchen nur selten in den Notizblöcken internationaler Scouts auf, und ein Jordanier hatte es bis dahin noch nie in eine der fünf großen europäischen Ligen geschafft.
Erstes Länderspiel nach sechs Einsätzen für die Profis
Auch für Al-Tamari war der Weg keineswegs vorgezeichnet. Über Jahre durchlief er die Nachwuchsmannschaften von Shabab Al-Ordon, ehe er 2016 im Alter von 19 Jahren erstmals für die Profimannschaft debütierte. Dort machte er allerdings recht schnell auf sich aufmerksam: Mit seiner Geschwindigkeit, seiner engen Ballführung und seiner Dynamik im Eins-gegen-eins gehörte er bald zu den auffälligsten Spielern der Jordan League.
Nach gerade einmal sechs Spielen für die Profis wurde er bereits für die jordanische Nationalmannschaft nominiert. Am 31. August 2016 feierte er gegen den Libanon sein Debüt für die A-Nationalmannschaft, stand dabei bereits in der Startelf.
Sein endgültiger Durchbruch gelang ihm in der Folgesaison während einer Leihe zu Ligarivale Al-Jazeera. Dort entwickelte sich Al-Tamari innerhalb weniger Monate zu einem der dominierenden Offensivspieler der Liga. Mit Al-Jazeera gewann er den jordanischen Pokal und wurde Vizemeister, im AFC Cup erzielte er zudem sechs Tore in sieben Spielen und machte damit auch international auf sich aufmerksam.
Der Sprung nach Europa
Im Sommer 2018 öffnete sich für Al-Tamari schließlich die Tür nach Europa. Für rund 400.000 Euro wechselte er zum zypriotischen Spitzenklub APOEL Nikosia und verließ Jordanien erstmals für eine europäische Liga.
Was für viele Spieler seines Landes unerreichbar bleibt, war für ihn nur eine Zwischenstation. In Zypern gewann er die Meisterschaft und den Supercup, wurde zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt (MVP) und spielte sogar in der UEFA Europa League. Aufgrund seiner explosiven Spielweise und seiner Dribbelstärke tauften ihn Medien und Fans bald den "jordanischen Messi".
Nach zwei Jahren auf Zypern machte Al-Tamari den nächsten Schritt und wechselte für eine Millionenablöse zum belgischen Erstligisten OH Leuven. Auch dort etablierte er sich schnell.
Drei Jahre lang gehörte er zu den Leistungsträgern des Klubs und kam auf 91 Einsätze, zehn Tore und neun Assists. In der Saison 2022/23 verzeichnete er zudem die zweitmeisten erfolgreichen Dribblings der Liga und rückte mit seiner auffälligen Spielweise immer wieder in den Blickpunkt.
Vor allem aber erwies sich der Wechsel nach Flandern als entscheidender Schritt auf dem Weg zu seinem großen Traum. Erstmals konnte sich Al-Tamari in einer Liga präsentieren, die seit Jahren als Sprungbrett für Talente auf dem Weg in Europas Topligen dient – und auch Al-Tamari nutzte diese Bühne, um sich für höhere Aufgaben zu empfehlen.
Der Traum wird Realität
Sein großer Traum erfüllte sich schließlich im Sommer 2023. Nach Ablauf seines Vertrags in Leuven klopfte der französische Erstligist HSC Montpellier bei ihm an und sicherte sich den Offensivspieler ablösefrei. Spätestens mit dem Wechsel zu Montpellier schrieb Al-Tamari Geschichte.
Als erster Jordanier überhaupt unterschrieb er bei einem Verein aus einer der fünf großen europäischen Ligen. Nach seinem Debüt gegen Le Havre erzielte er bereits am 2. Spieltag beim 4:1-Sieg gegen Olympique Lyon zwei Treffer und wurde damit zum ersten Jordanier, der in der französischen Ligue 1 ein Tor erzielte.
Für Al-Tamari war die Erfüllung seines großen Traums mehr als ein persönlicher Erfolg. "Mein Ziel ist es, der Fußballwelt zu zeigen, wozu jordanische Spieler fähig sind", sagte er einmal.
Seine Rolle als Vorbild geht inzwischen weit über den Sport hinaus. Jordaniens Nationaltrainer Jamal Sellami bezeichnete ihn als "Idol für die gesamte Nation". Für viele junge Jordanier ist Al-Tamari ein Symbol der Hoffnung, dass sich mit Talent, Disziplin und Beharrlichkeit auch aus einem vergleichsweise kleinen Fußballland der Weg nach Europa öffnen kann.
Historische WM-Qualifikation
Parallel zu seinem Vereinsaufstieg führte Al-Tamari, inzwischen 76-facher Nationalspieler, auch die Nationalmannschaft zu ihren größten Erfolgen. Beim Asien-Cup 2024 erreichte Jordanien erstmals das Finale.
Im Halbfinale schlug Jordanien Titelfavorit Südkorea um Topstars wie Heung-Min Son oder Kang-in Lee mit 2:0. Al-Tamari erzielte dabei den zweiten Treffer – seinen dritten im Bewerb. Das Finale gegen Gastgeber Katar ging zwar mit 1:3 verloren – alle drei Treffer der Katarer fielen per Elfmeter – die Niederlage schmälert aber kaum die Bedeutung des bis dahin größten Erfolgs der Verbandsgeschichte.
Der noch größere Triumph folgte jedoch in der WM-Qualifikation. Jordanien überstand überraschend alle drei Qualifikationsrunden und sicherte sich erstmals überhaupt das Ticket für eine Weltmeisterschaft.
"Unsere Ziele sind größer"
"Es ist ein wahr gewordener Traum für jeden Spieler, Trainer und Fan. Wir haben gespürt, wie glücklich und stolz die Menschen auf uns waren. Alle Opfer und Anstrengungen der vergangenen Jahre haben sich gelohnt", sagte Al-Tamari nach der historischen Qualifikation in einem Interview mit der FIFA. "Aber wir wollen uns damit nicht zufriedengeben. Unsere Ziele sind größer: Wir möchten Jordanien und unseren Fußball auf der Weltbühne vertreten," ergänzte er.
Die Stärken Jordaniens beschreibt er folgendermaßen. "Was uns auszeichnet, sind unser Zusammenhalt und unser Stolz auf unser Land. Gegen uns bekommt keine Mannschaft etwas geschenkt. Vielleicht verfügen wir nicht über die Möglichkeiten anderer Nationen, doch unser Kampfgeist, unsere Entschlossenheit und unsere Beharrlichkeit gleichen das aus. Unsere Leidenschaft für Jordanien ist unvergleichlich – in jedem Spiel geht es darum, unser Land stolz zu machen."
Auf der großen Bühne
Seit Februar 2025 steht Al-Tamari beim französischen Erstligisten Stade Rennes unter Vertrag, der eine Ablöse in Höhe von acht Millionen Euro an Montpellier überwies. Nach schwierigen ersten Monaten fand er dort zuletzt immer besser in Form und entwickelte sich zu einer wichtigen Offensivkraft.
In der abgelaufenen Saison kam er wettbewerbsübergreifend auf sieben Tore und elf Assists.
Ausgerechnet gegen Meister Paris Saint-Germain erwischte Al-Tamari einen seiner stärksten Tage der Saison. Beim 3:1-Sieg traf er bereits in der 34. Minute zur Führung. Nach einem Dribbling über die rechte Seite zog er an der Strafraumkante nach innen und vollendete mit links präzise ins lange Eck – ein Bewegungsmuster, das bei ihm immer wieder zu sehen ist. Bis Saisonende glückten ihm in der Liga noch sechs weitere Torbeteiligungen. Rechtzeitig zur Weltmeisterschaft scheint der 28-Jährige wieder in Bestform zu sein.
Wenn Jordanien gegen Österreich erstmals bei einer Weltmeisterschaft antritt, wird deshalb auch Al-Tamari im Mittelpunkt stehen. Als bekanntester Spieler des WM-Neulings ist er die prägende Figur einer Mannschaft, die schon Monate vor Beginn des Turniers Fußballgeschichte geschrieben hat.
Für sein Heimatland ist seine Bedeutung jedoch längst nicht auf Tore und Vorlagen zu reduzieren. Er hat gezeigt, dass der Weg aus der jordanischen Liga bis auf die größte Bühne des Weltfußballs führen kann – und damit eine ganze Generation inspiriert.