Diese Gegensätze sprach England-Teamchef Thomas Tuchel nach der 1:3-Testspielniederlage gegen den Senegal an:
"Wenn Bellingham lächelt, gewinnt er jeden für sich. Aber manchmal sieht man seine Wut, seinen Hunger und sein Feuer – und das zeigt sich auf eine Art, die für manche etwas abstoßend wirken kann, zum Beispiel für meine Mutter, wenn sie vor dem Fernseher sitzt."
Tuchels Aussage sorgte damals für viel Trubel innerhalb Englands, weshalb er kurz darauf zurückruderte und betonte, dass er das Wort "abstoßend" unbeabsichtigt gewählt hatte.
Was Tuchel nichtsdestotrotz mit seiner Wortmeldung gemeint haben könnte? Bellinghams Siegeswille artet teils in Besessenheit aus. Das äußert sich im Anschnauzen von Mitspielern oder intensiven Diskussionen mit Schiedsrichtern.
Nicht trotz, sondern wegen des Egos
Kurz gesagt: Bellingham wird ein besonders großes Ego nachgesagt.
Das haben viele große Sportler - es ist jedoch Teil dessen, was sie besonders macht. Der "Guardian" vergleicht Bellingham in diesem Zusammenhang mit Novak Djokovic.
"Auch er kann lächeln und ein Publikum für sich gewinnen, sich aber ebenso in den Bösewicht verwandeln, den alle ausbuhen, oder zu einer furchteinflößenden, unaufhaltsamen Maschine werden, sobald er spürt, dass das Publikum gegen ihn ist", schreibt das britische Medium.
Ich habe mich ein bisschen wie der Sündenbock gefühlt.
Die Zuschauer gegen sich zu haben, ist für Bellingham nichts Neues. Ähnlich verhält es sich mit den Medien. Besonders traf ihn die mediale Stimmung nach der EURO 2024.
"Ich habe danach beim Spielen für England oft mein Lächeln verloren", erzählte er im Herbst 2024. Bellingham erklärte, dass mit ihm übermäßig hart ins Gericht gegangen wurde. "Ich habe mich ein bisschen wie der Sündenbock gefühlt. Vielleicht habe ich mich auch ein bisschen selbst bemitleidet."
Vereinslegende mit 16
Das verlorene EM-Finale gegen Spanien war wohl der erste richtig große Rückschlag für ihn - in einer Karriere, die bis dahin stets nur eine Richtung kannte: steil nach oben.
Mit 16 Jahren gab er sein Profi-Debüt für Birmingham City und avancierte bereits in seiner Premierensaison zum Stammspieler in der harten Championship (41 Einsätze, vier Tore, zwei Assists). Nach seinem ersten Profijahr ging es für die damalige Rekordablöse eines U17-Spielers (30 Mio. Euro) zu Dortmund.
Bellinghams Nummer 22 wird bei Birmingham seitdem nicht mehr vergeben. Jude war zu einer "ikonischen Figur" im Klub geworden.
CL-Sieger mit 20
Beim BVB ging der Erfolgslauf weiter. Anlaufschwierigkeiten? Kennt er nicht. Es folgte eine stetige Entwicklung - Spiel für Spiel, Saison für Saison. In seiner dritten Spielzeit Führungsspieler, dritter Kapitän und Spieler der Saison: Bellingham war der Bundesliga endgültig entwachsen.
Für den logischen nächsten Schritt gab es nur eine Handvoll Optionen: Zurück nach England oder nach Spanien? Es wurde Zweiteres. Und startete unglaublich erfolgreich: Denn wieder hatte Bellingham null Anlaufschwierigkeiten. In seiner ersten Saison bei Real Madrid gewann er gleich das Double aus Champions League und Meisterschaft. Den "Spieler der Saison"-Award heimste er ebenso ein.
Das mit dem angesprochenen Selbstmitleid hörte schon im Herbst 2024 auf - trotz zweier nicht unbedingt leichter Jahre (ohne Titel) bei Real. Es dauerte aber länger, bis er sich wieder in die Gunst der Fans spielte, nämlich spätestens bis zum WM-Achtelfinale 2026 gegen Mexiko.
Wie Zidane - aber anders
Die größten Spieler liefern in den größten Spielen. Eine Fußballweisheit, die Bellingham wie wenige andere Spieler in der Gegenwart lebt.
Lionel Messi ist einer davon, Kylian Mbappé auch - beide sind allerdings Angreifer. Ein besserer Vergleich wäre da schon eine andere absolute Fußball-Legende: Zinedine Zidane. Der Franzose lieferte nie die unfassbaren Scorerzahlen à la Messi oder Ronaldo. Doch in den großen Spielen, da lieferte er ab.
Zidane hatte magische Momente auf größter Bühne, bestach durch eine unfassbare Eleganz. Mit dieser Eleganz bringt man Bellingham weniger in Verbindung. Er ist grundsätzlich nicht "flashy". Die beiden also spielerisch zu vergleichen, wäre natürlich Unsinn.
Es ist viel eher die Art und Weise, wie Bellingham in den großen Momenten noch einmal zur besseren Version seiner selbst wird, die an "Zizou" erinnert.
Er brilliert in diesen Momenten weniger mit einer absolut herausragenden Technik oder purer fußballerischer Magie. Er macht es mit seiner Mentalität, mit dieser speziellen Präsenz am Platz, mit perfekten Laufwegen und mit einer eiskalten Abschlussqualität.
"Das ist pure Mentalität - du kannst sie abfüllen und verkaufen", sagte Tuchel über seine Mannschaft nach dem Viertelfinal-Sieg über Norwegen. Diese Aussage hätte der Deutsche genauso über Bellingham treffen können. Wenige Spieler verkörpern dies so, wie Jude Bellingham.
Überall ein Unterschiedsspieler
Harry Kane stand nicht nur im Vorfeld des Viertelfinals gegen Norwegen im Fokus, sondern schon vor dem Turnier. Doch dass Englands Erfolg allein vom Bayern-Star abhängt, war und ist ein offensichtlicher Irrtum.
Tuchels Wechsel gegen die Wikinger ließen vermuten, wie wichtig Bellingham tatsächlich für das Team ist. Denn in zwei verschiedenen Wechselphasen versuchte er, die durch die Rice-Auswechslung verrückte Position des 23-Jährigen wieder nach vorne zu korrigieren.
Bellingham rutschte auf die Acht. "Dadurch steht er allerdings ein paar Meter tiefer, und das ist für uns nicht ideal – ich möchte ihn so hoch wie möglich auf dem Platz haben", erklärte Tuchel.
Denn in diesem Raum besitzt er seine größte Stärke: Läufe aus der Tiefe in den Gefahrenbereich. Das erkannte schon sein früherer Trainer bei Real, Carlo Ancelotti: "Er ist spektakulär darin. Er kommt in die Box wie ein Motorrad."
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— Troll Football Videos (@TFTBLMEDIA) July 11, 2026
Das Komplettpaket
"Er ist ein echter Profi und ein unermüdlicher Arbeiter", meinte Carlo Ancelotti im vergangenen Jahr im Podcast von Gary Lineker über die Nummer zehn Englands.
Denn obwohl Bellingham bei dieser WM seine Rolle als Zehner deutlich offensiver betont, ist er vom Wesen her ein Box-to-Box-Mittelfeldspieler, wobei auch das zu kurz gegriffen wäre.
Bellingham sticht nämlich bei mehreren Stats heraus: Kein anderer Spieler bot häufiger an, angespielt zu werden (431 Mal, Platz zwei: 339). Außerdem zog er die meisten Sprints aller Engländer an, hatte die meisten Kontakte im letzten Drittel, die zweitmeisten Tacklings und die zweitmeisten Dribblings.
Heißt runtergebrochen: Seine Mentalität und sein Ego können das Spiel vorne wie hinten entscheiden.
Tuchel hat mit Jude Bellingham also nicht nur den (gemeinsam mit Kane) Besten nominiert, sondern auch den Richtigen.