"Ich bin überrascht, wie wenig WM-Stimmung zu spüren ist"
Im Gegensatz zu den Turnieren 1970 und 1986 ist Mexiko bei dieser WM gemeinsam mit den USA und Kanada nur Co-Gastgeber. Von den 104 WM-Spielen finden gerade mal 13 in Mexiko statt: Fünf in Mexiko-City, vier in Guadalajara und vier in Monterrey.
Während das Turnier insgesamt etwas über fünf Wochen dauern wird, ist das WM-Fieber in Mexiko nach knapp drei Wochen mit dem Achtelfinale am 5. Juli wieder vorbei.
Seit dem Turnier 1986 haben die Menschen in Mexiko ein gewisses Selbstbewusstsein, eine gewisse Sicherheit, dass sie alles rechtzeitig hinkriegen können.
Daher ist die Vorfreude aus mexikanischer Sicht auch nicht allzu groß. "Ich bin überrascht, wie wenig die WM-Stimmung noch zu spüren ist. Das Einzige, was ich an wirklicher WM-Stimmung mitbekomme, ist, dass ich vor allem junge Leute mit mexikanischen Nationaltrikots sehe", sagt Klaus Ehringfeld, ein deutscher Journalist, drei Wochen vor Turnierstart.
Dass während des Turniers ebenfalls wenig WM-Stimmung aufkommt, daran glaubt Ehringfeld, der seit 25 Jahren in Mexiko-City lebt, aber nicht: "Das hat ein Stück weit mit der Mentalität der Mexikaner zu tun. Die Stimmung kommt spontan, wenn es so weit ist, aber die kann man nicht schon drei Wochen vorher spüren."
Kommerzialisierung, Verteuerung & Aufblähung
Dennoch: Die WM steht immer wieder in der Kritik. Ein Hauptpunkt dabei sind die enormen Preise, die mit dem Turnier einhergehen. Vor allem die Tickets für die Spiele sind für die meisten mexikanischen Fans nicht leistbar.
"Die Ticketpreise für die Gruppenspiele liegen teilweise bei einem durchschnittlichen Monatslohn. Das macht den Leuten natürlich Probleme und führt dazu, dass sie weniger Lust haben", sagt Ehringfeld.
Weiters meint er: "Die ganze Kommerzialisierung, die Verteuerung und die Aufblähung führen zu einer eher gedämpften Stimmung."
Zudem wird Mexiko und speziell Mexiko City immer teurer. Laut einem Artikel von "The Economist" gehört die Millionenmetropole mittlerweile zu den zwanzig teuersten Städten und liegt unter anderem vor München, Madrid oder Miami.
Investionen ins Landschaftsbild
Auch wenn die Stimmung vor der WM in Mexiko noch nicht so sehr zu spüren ist, im Landschaftsbild änderte sich im Vorfeld der WM einiges. Vor allem in die Infrastruktur der drei Gastgeberstädte wurde reichlich investiert.
So wurde zum Beispiel der Flughafen in der mexikanischen Hauptstadt ausgebaut oder in Guadalajara die Innenstadt renoviert. Auch die Zugverbindungen im 130-Millionen-Einwohner-Land wurden modernisiert.
"Wenn es los geht, sind sie ready"
Zudem wurden auch alle WM-Stadien renoviert, darunter auch das alterwürdige Azteken-Stadion. Im Vorfeld des Turniers gab es, wie so oft vor Weltmeisterschaften, Unklarheit, ob die Arenen rechtzeitig fertig werden.
Dass die Mexikaner rechtzeitig fertig wurden, war für Ehringfeld jedoch klar: "In Lateinamerika wird immer alles auf den letzten Drücker gemacht. Wenn es dann losgeht, sind sie ready."
Zudem hat Mexiko Erfahrung mit Zeitdruck. Gut acht Monate vor der WM 1986 kam es in der Nähe von Mexiko-City zu einem der verheerendsten Erdbeben in der Geschichte des Landes.
Mehrere tausend Menschen starben, dennoch konnte das Turnier damals wie geplant stattfinden. "Seit der WM 1986 haben die Menschen in Mexiko ein gewisses Selbstbewusstsein, eine gewisse Sicherheit, dass sie alles rechtzeitig hinkriegen können."
Hoffnungen in Ochoa und Mora
Während die finalen Bauarbeiten bis auf den letzten Drücker gemacht werden, ist die mexikanische Nationalmannschaft bereits frühzeitig zusammengekommen.
Über einen Monat vor Turnierstart trafen die Nationalspieler unter Cheftrainer Javier Aguirre bereits im Trainingslager ein, obwohl die mexikanische Meisterschaft bis Ende Mai andauerte.
Die Hoffnungen der Fans der "El Tri" ruhen auf den beiden Altstars Guillermo Ochoa und Raul Jimenez, sowie dem erst 17-jährigen Gilberto Mora.
"Jugamos como nunca y perdimos como siempre"
Weitere Hoffnung ruht zudem darauf, dass Mexiko seine beiden bisher besten Weltmeisterschaften auf heimischem Boden bestritt. Sowohl 1970 als auch 1986 zog der Gastgeber ins Viertelfinale ein.
Sonst kamen sie nie über das Achtelfinale hinaus, besonders enttäuschend war das Gruppen-Aus beim vergangenen Turnier in Katar.
Laut Ehringfeld sind die fußballfanatischen Mexikaner sehr kritisch mit ihrer Mannschaft: "Es ist immer wahnsinnig viel Euphorie dabei, aber es gibt so einen Spruch - Jugamos como nunca y perdimos como siempre - das heißt so viel wie: Gespielt wie noch nie, aber verloren wie immer."
Cartel de Jalisco Nueva Generacion
Für Fans, die nach Mexiko reisen, sind oft Sicherheitsbedenken ein großes Thema. Immer wieder steht Mexiko aufgrund von Gewalteskalationen rund um die unzähligen Drogenkartelle in den Schlagzeilen.
Im Februar dieses Jahres wurde einer der berüchtigtsten mexikanischen Drogenbosse, Nemesio Oseguera, besser bekannt als "El Mencho", bei einem Schusswechsel mit mexikanischen Spezialeinheiten getötet.
Die Kartelle wollen, dass die WM erfolgreich verläuft, weil sie dann mitverdienen. Sie verdienen am Verkauf von gefälschten Trikots, sie verdienen mit der Prostitution und sie können wunderbar Geld waschen mit den ganzen Touristen.
Direkt im Anschluss gab es landesweite Racheaktionen von El Menchos Kartell, dem Cartel de Jalisco Nueva Generacion (CJNG). So gab es Straßenblockaden mit brennenden Autos und im ganzen Land wurden dutzende Menschen getötet.
Besonders im Fokus war der WM-Spielort Guadalajara, die Hauptstadt des Bundesstaats Jalisco, in dem die CJNG beheimatet ist.
Die mexikanische Vorstellung von Sicherheit
Mittlerweile hat sich Lage wieder entspannt. "Es ist erstaunlich ruhig. Die mexikanische Regierung bringt andauernd Zahlen auf den Markt, wonach die Mordstatistik noch nie so niedrig war, wie im Augenblick. Ob das alles stimmt, weiß man natürlich nicht", sagt Ehringfeld.
Weiters meint er: "Die optische Präsenz von Sicherheitskräften in den Städten hat sich erhöht. Auf jeder Auffahrt zur Stadtautobahn steht eine Polizeistreife. Mitten in der Stadt fahren Pickup-Trucks mit der bis an die Zähne bewaffneten Nationalgarde. Das ist die mexikanische Vorstellung von: 'Wir vermitteln den Besuchern Sicherheit'."
"Die Kartelle wollen, dass die WM erfolgreich verläuft"
Doch nicht nur die Sicherheitskräfte sorgen dafür, dass es im Moment ziemlich ruhig in Mexiko ist. Den Kartellen soll das in die Karten spielen.
"Sie haben kein Interesse, groß in den Medien zu stehen. Sie wollen ihre Interessen durchsetzen, brauchen dafür aber keine internationalen Kameras", glaubt Ehringfeld.
Denn auch die kriminellen Vereinigungen profitieren vom Turnier: "Die Kartelle wollen, dass die WM erfolgreich verläuft, weil sie dann mitverdienen. Sie verdienen am Verkauf von gefälschten Trikots, sie verdienen mit der Prostitution und sie können wunderbar Geld waschen mit den ganzen Touristen."
Mexiko hat bewiesen, Krisen bewältigen zu können
Kurz vor Start des Turniers sieht sich Mexiko mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Sicherheitsbedenken, Wucherpreise und eine niedrige Erwartungshaltung dämpfen die Stimmung.
Doch bereits 1986 bewiesen die Mexikaner, dass sie es trotz schwieriger Vorzeichen schaffen, das größte Fußballturnier der Welt zu stemmen und mit einer einzigartigen Stimmung zu begeistern.
Und auch diesmal gilt: Wenn am 11. Juni das Eröffnungsspiel im Azteken-Stadion angepfiffen wird, könnte aus der derzeit noch verhaltenen Stimmung rasch jene Leidenschaft werden, für die Mexikos Fußballkultur weltweit bekannt ist.