ÖFB-Stürmer: Die Analyse einer "Krise"

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55 Tore in 97 Länderspielen.

Eine traumhafte Bilanz - leider keine eines ÖFB-Stürmers, sondern jene von Edin Dzeko.

Eine Bilanz, bei der - als Hinweis für Freunde der Fußball-Folklore in Österreich - nicht einmal die rot-weiß-roten "Jahrhundert-Stürmer" Toni Polster (95 Länderspiele/44 Tore) und Hans Krankl (69/34) mithalten können.

Das Gedankenspiel, wie die aktuelle ÖFB-Generation angesichts ihres Potenzials auf anderen Positionen mit einer "Tor-Maschine" vom Schlage eines Dzeko dastehen würde, ist zwar kein verwerfliches, aber letztlich ein sinnloses. Schließlich steht der 32-Jährige dem Nationalteam am Donnerstag (20:45 Uhr im LIVE-Ticker) im Showdown mit Bosnien-Herzegowina als Kontrahent gegenüber.

Eine genauere Analyse der Stürmer-Situation in Österreich, manche sprechen gerne von einer Stürmer-Krise, drängt sich in der aktuellen Phase jedoch nicht erst seit der reflektierten Einschätzung von Michael Gregoritsch geradezu auf.

Ist es überhaupt zulässig von einer Stürmer-Krise zu sprechen? Jein.

Nimmt man diesen Begriff in den Mund, kommt aus vielen ÖFB-Mündern inzwischen schon beinahe reflexartig der Konter: "Wir haben gute Stürmer."

Eine Aussage, die nicht komplett verkehrt ist, vor allem wenn man nach Vereins-Leistungen geht. Marko Arnautovic, Michael Gregoritsch und Guido Burgstaller spielen allesamt in Top-Ligen und wissen dort auch weitestgehend zu überzeugen.

Aber auch im Nationalteam? Und was kommt von hinten nach? An dieser Stelle beginnen die Probleme, die im Oktober-Lehrgang durch die Nachnominierung des langjährigen ÖFB-Goalgetters Marc Janko endgültig vor den Vorhang geholt wurden. Oder andersrum formuliert: Das Problem ist seit Jahren bekannt, vielleicht hat es Janko nur ebensolange mit seinen relativ konstanten Toren im ÖFB-Dress zugedeckt (67 Länderspiele/28 Tore).

Eine aktuelle Bestandsaufnahme der Stürmer-Situation in Österreich:

DIE AUSHÄNGESCHILDER:

Der Begriff "Aushängeschilder" ist ein relativer, zumindest wenn man dieses Trio in Relation zur Nationalteam-Trefferquote von Goalgettern wie Dzeko, Robert Lewandowski (101 Länderspiele/55 Tore) oder Romelu Lukaku (79/45) setzt. Außerdem hinkt etwa der Vergleich mit Marko Arnautovic (75/20) ein wenig, da sich diese Analyse mit Zentrums-Stürmern beschäftigt und der 29-Jährige im ÖFB-Team zumeist am linken Flügel zum Einsatz kam. Aber bei West Ham spielt der Wiener regelmäßig vorne drinnen und auch unter Teamchef Franco Foda mehrheitlich. Arnautovic hat sich im ÖFB-Team zu einem sehr verlässlichen Scorer entwickelt - und richtig ideal wäre es wohl, wenn man ihn über links mit einem Goalgetter in der Mitte kombinieren könnte.

Der bisherige Haken: Guido Burgstaller und Michael Gregoritsch ist im ÖFB-Dress noch nicht der Knopf aufgegangen. Ein Umstand, unter dem Burgstaller spürbar leidet. Und auch Gregoritsch lässt kaum eine Gelegenheit für den Hinweis aus, dass er endlich den ÖFB-Durchbruch schaffen möchte. Auch sein Hinweis, dass die ÖFB-Stürmer Defensivarbeit für Arnautovic leisten, ist zulässig. Dennoch: Selbst wenn es im Nationalteam bislang nicht nach Wunsch klappte und es extrem wünschenswert wäre, dass es endlich - regelmäßig - klappt: Dieses in der deutschen Bundesliga tätige Duo hat sich in Kombination mit Arnautovic karrieretechnisch einen derart großen Vorsprung auf die übrige Stürmer-"Konkurrenz" in Österreich erarbeitet, dass der Begriff "Aushängeschild" ein gerechtfertigter ist. Dies beweist bereits ein Blick auf die nächste Kategorie - die potenziellen Nachrücker.

Name Verein Alter Liga 18/19 CL 18/19 Cup 18/19 ÖFB-Karriere
Marko Arnautovic West Ham 29 10/5 - 1/0 75/20
Michael Gregoritsch Augsburg 24 10/2 - 2/1 9/1
Guido Burgstaller Schalke 29 11/1 4/1 2/0 23/1

AUF ABRUF:

Dass Burgstaller und Gregoritsch im ÖFB-Dress zusammengerechnet erst zwei Tore bejubeln durften, ist wohl die Wurzel der Debatte über eine Stürmer-Krise. Zielführender wäre es jedoch wohl zu vertrauen, oder zumindest zu hoffen, dass wenigstens einer der beiden seinen Nationalteam-Torriecher entdeckt. Die wirkliche Krise beginnt erst dahinter. Denn einen großen Druck von in den Startlöchern scharrenden Stürmer-Konkurrenten verspüren die aktuellen ÖFB-Angreifer nicht gerade, und das ist sehr vornehm formuliert. Marc Janko wird die Einschätzung verzeihen, dass trotz aller seiner unbestrittenen Verdienste seine Nationalteam-Dienste im aktuellen Karriere-Stadium nicht unbedingt gefragt sein sollten. Trotzdem ist der 35-Jährige derzeit Notnagel Nummer eins und vermag es, angesichts seiner Erfahrung immer noch für frischen Wind zu sorgen - auf und abseits des Platzes. Foda zeigte sich zurecht durchaus angetan.

Und auch hinter die anderen drei Stürmer, die sich derzeit auf der offiziellen Abrufliste befinden, kann man bei allem gebotenen Respekt Fragezeichen setzen. Andreas Weiman traf zu Saisonbeginn der zweiten englischen Liga brav für Bristol, wartet inzwischen jedoch seit Ende August auf ein Tor. Besser läuft es für Lukas Hinterseer, der für den deutschen Zweitligisten VfL Bochum zuletzt regelmäßig anschrieb. Beide gehörten unter Marcel Koller auch über einen längeren Zeitraum dem ÖFB-Aufgebot an, konnten sich jedoch nicht nachhaltig etablieren. Deni Alar wiederum tat sich schon zu Zeiten von Toren am Fließband für den SK Sturm Graz schwer, sich im Nationalteam-Kader festzusetzen. So gesehen kann man es nach der bislang nicht nach Wunsch verlaufenen Rückkehr zu Rapid wohl erst recht nicht erwarten. Dennoch: Allen kritischen Anmerkungen zum Trotz hat derzeit auch dieses Quartett kaum Konkurrenz von hinten, was den Abruf-Status betrifft, wie die folgenden beiden Kategorien aufzeigen. Und das ist, Stichwort Krise, das größte Problem.

Name Verein Alter Liga 18/19 CL/EL 18/19 Cup 18/19 ÖFB-Karriere
Deni Alar Rapid 28 13/3 7/0 2/2 2/0
Marc Janko Lugano 35 6/0 - 2/0 67/28
Lukas Hinterseer Bochum 27 13/8 - 1/0 12/0
Andreas Weimann Bristol City 27 15/5 - 1/0 14/0

UND SONST? BUNDESLIGA:

Die folgende Tabelle ist nach der Zahl der Bundesliga-Tore in der laufenden Saison gereiht und spricht somit irgendwie für sich selbst. Leider. Nüchtern betrachtet: Wer sich schon auf heimischem Terrain schwer tut, regelmäßig zu scoren, wird sich auf internationalem Level nicht leichter tun. Ohne auf jeden Angreifer extra einzugehen, ein paar Worte zur einen oder anderen Personalie: Rene Gartler und der an einer Augenverletzung laborierende Hannes Aigner zeigen, dass in der Bundesliga mit Routine noch einiges geht - dem Nationalteam hilft das jedoch nicht weiter.

Dass sich Hoffnungträger von gestern wie Kevin Friesenbichler und Philipp Prosenik im Heute plagen, hilft ebenso wenig. Beide gingen früh ins Ausland, erfüllten die in sie gesetzten Hoffnungen jedoch nicht wie etwa der ungefähr gleichaltrige Gregoritsch. Mehr verlässliche Torjäger in diesem Alter wären jedoch wünschenswert, schließlich feiern sowohl Arnautovic als auch Burgstaller im April 2019 ihren 30. Geburtstag und werden nicht ewig zur Verfügung stehen. Noch wünschenswerter wären Shootingstars rund um die 20. Adrian Grbic und Marko Kvasina gehören dem hoffnungsvollen U21-Nationalteam an, müssen auf Vereinsebene ihre Scorer-Qualitäten jedoch erst nachhaltig unter Beweis stellen - Letzterer vor allem auch, dass er ohne Mentor Gerald Baumgartner funktioniert.

Patrick Schmidt rutschte zuletzt aus dem U21-Kader - wohl auch, weil er bei der Admira nicht so recht vom Fleck kommt. Durchaus als Hoffnungsträger geht sein Südstädter Kollege Sasa Kalajdzic durch, den jedoch der Verletzungsteufel treu begleitet. Für alle Bundesliga-Kicker in einem fürs ÖFB-Team vertretbaren Alters-Segment gilt tendenziell: Mit Foda ist ein Teamchef im Amt, der die heimische Liga durchaus forciert. Angesichts der Konkurrenz ist keine unmachbare Trefferquote von Nöten, um zumindest auf der Abrufliste und somit im Dunstkreis des Nationalteams aufzutauchen.

Name Verein Alter Liga 18/19 EC 18/19 Cup 18/19 ÖFB-Karriere
Rene Gartler St. Pölten 33 14/6 - 2/4 -
Hannes Aigner Altach 37 8/4 - 2/1 -
Dario Tadic Hartberg 28 14/4 - 2/3 -
Markus Pink Sturm 27 12/3 3/0 1/1 -
Marko Kvasina Mattersburg 21 8/3 - 2/3 -
Martin Pusic Mattersburg 31 8/3 - 1/0 -
Philipp Hosiner Sturm 29 12/2 4/0 2/0 5/2
Kevin Friesenbichler Austria 24 11/1 - 3/2 -
Christoph Monschein Austria 26 11/1 - 2/2 -
Adrian Grbic Altach 22 9/1 - 2/1 -
Dominik Starkl Admira 25 10/1 2/0 1/0 -
Sasa Kalajdzic Admira 21 3/1 - - -
Patrick Schmidt Admira 20 9/0 2/0 1/0 -
Philipp Prosenik Mattersburg 25 4/0 - - -
Patrick Bürger Mattersburg 31 3/0 - - 2/0
Bernd Gschweidl Wolfsberg 23 12/0 - 3/2 -
Fabian Schubert Hartberg 24 4/0 - 2/2 -

UND SONST? LEGIONÄRE:

Zum Abschluss der Blick auf die übrigen rot-weiß-roten Angreifer jenseits der Landesgrenzen. Gleich vorneweg: Der vielseitig und durchaus auch als Zentrums-Stürmer einsetzbare Martin Harnik ist hier vor allem der Vollständigkeit halber angeführt - sein ÖFB-Rücktritt ist natürlich zu akzeptieren, wenngleich der Werder-Legionär ansonsten definitiv noch ein Thema fürs Nationalteam wäre. Darüberhinaus drängt sich auch unter den Legionären kaum jemand mit aller Vehemenz auf, wobei Marco Djuricin derzeit wohl der erste Nachrücker für die Abrufliste wäre. Mit Erwin Hoffer, Rubin Okotie und Stefan Maierhofer verdienen altgediente Nationalspieler in zweiten Ligen ihr Geld, Letzterer trifft zurzeit am Fließband (Maierhofers Lauf), ihre ÖFB-Uhr ist jedoch längst abgelaufen.

Größter Hoffnungsträger ist sicherlich U21-Teamstürmer Arnel Jakupovic, der sich bei Empoli in dieser Saison jedoch noch in Geduld üben muss und zumeist die Bank drückt. Erst einen größeren Namen machen müssen sich Armin Mujakic und Marvin Egho. Ersterer wird von seinem ehemaligen Rapid-Trainer Damir Canadi beim griechischen Sensationsteam Atromitos regelmäßig zum Einsatz gebracht, wartet jedoch ebenso noch auf einen Treffer wie Egho bei seinem neuen dänischen Arbeitgeber FC Randers. Zuvor durfte er für Spartak Trnava immerhin fünf Mal in der CL-Quali ran - ebenfalls ohne Treffer. Sandro Gotal und Mihret Topcagic sind immerhin frischgebackene Meister - allerdings in Litauen. Wobei die Trefferquote von Weltenbummler Gotal aller Ehren wert ist.

Name Verein Alter Liga 18/19 EC 18/19 Cup 18/19 ÖFB-Karriere
Martin Harnik Werder Bremen 31 7/1 - 1/2 68/15
Marco Djuricin Grasshoppers 25 9/3 - 1/1 2/0
Arnel Jakupovic Empoli 20 - - - -
Armin Mujakic Atromitos Athen 23 9/0 2/0 1/0 -
Marvin Egho Randers FC 24 9/0 5/0 1/0 -
Stefan Maierhofer FC Aarau 36 7/5 - 1/0 19/1
Erwin Hoffer KFCO Beerschot 31 9/1 - 2/1 28/4
Rubin Okotie KFCO Beerschot 31 6/0 - 1/1 18/2
Seifedin Chabbi Gazisehir 25 7/2 - 1/0 -
Sandro Gotal FK Sudova 27 12/8 - - -
Mihret Topcagic FK Suduva 30 3/0 - - -

FAZIT:

Erfreuliche Erkenntnisse einer Analyse schauen sicherlich anders aus. Um einen Seitenblick zu wagen: Irgendwie erinnert die Situation ein wenig an die alpinen ÖSV-Herren, wo einige wenige Athleten die fehlende Dichte zudecken. Wobei dem ÖFB wiederum ein "Marcel Hirscher" fehlt, denn das wäre wohl eher ein Stürmer wie Lewandowski, Lukaku oder eben Dzeko, der Nationalteam-Tore quasi garantiert. Ähnlich wie beim ÖSV wandelt man wohl auch beim ÖFB auf etwas dünnerem Eis, wenn man das Wort "Krise" zu offensiv verwendet - und es gab auch fraglos Zeiten, in denen Österreich gar kein Stürmer zur Verfügung stand, der in einer Top-Liga überzeugte. Also sprechen wir lieber von einem Problem, und das muss zweigeteilt angegangen werden: Es wird Zeit, dass Burgstaller und/oder Gregoritsch im Nationalteam der Knoten aufgeht - Letzterer bekam bislang noch recht wenig Chancen und würde sich vielleicht die eine oder andere Bewährungsprobe mehr verdienen. Alleine altersbedingt, aber freilich auch von seinem unbestrittenen Potenzial her, ist er derzeit Hoffnungsträger Nummer eins auf Stürmer-Tore im Nationalteam in den kommenden Jahren.

Und dahinter ist vom einen oder anderen Hoffnungsträger wohl mehr Vehemenz einzufordern, was das Vorantreiben der eigenen Karriere betrifft. Bisweilen scheint hier der Biss zu fehlen. Eines sollte man jedoch nicht vergessen: Schwierigkeiten müssen nicht zwangsläufig die Endstation bedeuten. Auch Janko war einst eher ein Spätstarter, und Burgstallers Weg zu einem Champions-League-Starter war keineswegs ein geradliniger, sondern von einigen Rückschlägen gezeichnet. Dies nur als Mutmacher für (zu früh?) Abgeschriebene. Aber egal wie: Das ÖFB-Team benötigt (mehr) Stürmer, die Tore garantieren. Dieses Puzzleteil fehlt, um die aktuelle Generation auf das nächste Level zu hieven.

Textquelle: © LAOLA1.at

Michael Gregoritsch: So beendet man die Stürmer-"Krise"

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