Interview

Daniel Warmuth: "Das war wie eine Explosion"

Im Interview spricht der ORF-Kommentator über seinen Karriereweg, die Emotionen rund um die WM 2024 und warum ihn persönliche Kritik beschäftigt.

Daniel Warmuth: "Das war wie eine Explosion" Foto: © Martin Hanebeck

Viele junge Menschen hegen den Traum, einmal Sportreporter zu werden.

Daniel Warmuth zählt sich dazu. Im Alter von sechs Jahren schrieb der Kärntner in ein Freundschaftsbuch, dass er genau diesen Beruf einmal ausüben möchte.

Heute arbeitet Warmuth als Moderator, Kommentator und Reporter für den ORF. Seit 2013 ist der Klagenfurter Teil der Sportredaktion und begleitete bereits Fußball-Welt- und Europameisterschaften sowie Olympische Spiele.

Höhepunkt im Eishockey, nächster Meilenstein wartet

Einen seiner bisherigen Karriere-Höhepunkte erlebte der 38-Jährige allerdings im Eishockey.

Bei der WM 2024 sorgte Warmuth gemeinsam mit Experte Peter Znenahlik bei der historischen Aufholjagd gegen Kanada und dem sensationellen Sieg über Finnland mit emotionalen Kommentaren für Gänsehaut. "Das war wie eine Explosion", sagt Warmuth heute.

Der nächste Meilenstein wartet bereits im Juni: Bei der Fußball-WM in den USA wird er Österreichs letztes Gruppenspiel gegen Algerien live aus Kansas City kommentieren.

Noch vor der Eishockey-WM in Zürich nahm sich der Kärntner Zeit für LAOLA1 und sprach im Interview über seinen Werdegang, die Fußstapfen der Kommentatoren-Legenden Erich Weiss und Michael Berger sowie den Umgang mit persönlicher Kritik.

LAOLA1: Du hast mit sechs Jahren in ein Freundschaftsbuch geschrieben, dass du einmal Sportreporter werden willst. Kannst du dich noch daran erinnern, warum das damals schon dein Traumberuf war?

Daniel Warmuth: Andere wollen Zahnarzt oder Zirkusdirektor werden, und ich war von Anfang an sportbegeistert. Wir sind noch mit dem Radio aufgewachsen, in Kärnten war das Eishockey-Magazin ganz groß. Es hat einen ans Radio gefesselt, wie spannend und unterhaltsam das aufgezogen wurde. Wenn man dann im Fernsehen die großen Kommentatoren gesehen hat, waren das absolute Vorbilder. Der Wunsch, selbst einmal Sportreporter zu werden, hat sich von klein auf eingebrannt.

LAOLA1: Bist du jemand gewesen, der in der Schule schon gerne vor der gesamten Klasse gestanden ist?

Warmuth: Wenn man vor der Kamera steht oder kommentiert, muss man sich gerne mitteilen – und vor allem gerne reden. Das war bei mir definitiv so. Ich habe mich nie vor Referaten oder Präsentationen gefürchtet, im Gegenteil: Das hat mir eher Spaß gemacht, als dass ich nervös war. Viele kriegen einen höheren Puls, wenn sie vor der Klasse stehen – bei mir war es umgekehrt.

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Daniel Warmuth (rechts) mit dem 2017 verstorbenen Gustav Rainer, der Stimme des Radio-Kärnten Eishockey-Magazins.
Foto: ©Privat

LAOLA1: Um Journalist zu sein, braucht es einerseits das nötige Handwerk, andererseits ist es aber auch viel "learning by doing". Es geht darum, Erfahrungen zu sammeln.

Warmuth: Es hat mir sehr geholfen, dass ich mich nicht nur auf eine Sparte wie das Fernsehen fokussiert habe. Ich habe im Radio angefangen, bei Event-Radios gearbeitet und war für die Rallye-Weltmeisterschaft im Videoschnitt tätig. Mit der internationalen Produktion war ich auf der ganzen Welt unterwegs. Da muss man als 20-Jähriger mit ganz unterschiedlichen Menschen zurechtkommen. Diese Erfahrungen haben mir enorm geholfen.

LAOLA1: Du hast im Zuge dessen viele Länder gesehen, etwa Neuseeland, Mexiko oder Argentinien. Inwieweit hat dich diese Zeit geprägt?

Warmuth: Sie hat mich sehr geprägt. Man lernt jung unterschiedliche Kulturen und Menschen kennen. Dass man an diese Produktionen Reisen anhängen und dabei auch noch etwas Geld verdienen konnte, war als Student natürlich ideal. Es war eine Win-Win-Situation für alle.

LAOLA1: Du hast gleichzeitig Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien studiert.

Warmuth: Ich habe zuerst Publizistik begonnen, aber schnell gemerkt, dass ich eher der praxisnahe Typ bin. Dann wurde ich an der FH aufgenommen und habe das Publizistik-Studium parallel fertig gemacht. Für meinen Werdegang war das FH-Studium letztlich wichtiger, weil dort das Handwerk im Vordergrund gestanden ist. Das kann ich jedem nur empfehlen.

LAOLA1: Warst du dir stets im Klaren, dass es für einen Journalisten bzw. Sportreporter nicht nur reicht, zu studieren, sondern Berufserfahrung essenziell ist?

Warmuth: Definitiv. Man sollte alles ausprobieren, was mit dem Beruf zu tun hat. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, was eine Geschichte ist und wie man sie den Leuten vermittelt. Gewisse Dinge kann man nicht lernen. Talent allein reicht nicht, wenn dieses Gespür fehlt. Ich würde nicht behaupten, dass ich es habe – das wäre etwas vermessen. Zu einem gewissen Teil muss ich es aber haben, sonst würde ich den Job nicht machen.

LAOLA1: Würdest du sagen, dieses Gefühl entwickelt sich über viele Jahre?

Warmuth: Ja, genau. Es hängt auch davon ab, wer dich fördert und Potenzial in dir sieht. Man braucht Leute, die an dich glauben. Es hätte auch anders laufen können, vielleicht hätte mich jemand als Ahnungslosen gesehen und gesagt: Den brauchen wir nicht. Ich hatte gute Mentoren und KollegInnen, die an mich geglaubt haben. Das ist schon cool, wenn man diesen Zuspruch erfährt.

LAOLA1: Wer war dein größter Förderer?

Warmuth: Zum ORF bin ich durch Gerhard Lackner gekommen. Er war lange Zeit Fußball-Chef im ORF. Beim Assessment Center war er zufällig in der Jury, dort mussten wir unter anderem Live-Einstiege machen. Ich hatte damals noch keinen Job im ORF und mich auch nicht beworben. Du brauchst aber dieses Assessment Center, damit du überhaupt zum ORF kommen kannst. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. So ist der Kontakt entstanden. Er hat offenbar gemerkt, dass ich Potenzial habe – und das war mein Glück damals. Das war der Türöffner.

Es wird zwar oft gesagt, dass immer weniger Leute den ORF schauen, aber wenn man den kleinsten Fehler macht, wird er sofort bemerkt.

Daniel Warmuth

LAOLA1: Hattest du einen Plan B im Hinterkopf für den Fall, dass du nicht Sportreporter geworden wärst?

Warmuth: Den hatte ich nicht. Ich hatte immer mit Sport zu tun und hätte mir nichts anderes vorstellen können. Meistens geht es aber nicht darum, was ich mir vorstelle, sondern was möglich ist. Dass es so geklappt hat, war super. Was mir vielleicht zugutegekommen ist: Ich hatte nicht diese Verbissenheit. Dieses 'Ich will jetzt unbedingt' hatte ich nicht. Ich bin mit einer gewissen Lockerheit an die Sache herangegangen und habe mir keinen Druck gemacht. Ich wollte es machen, aber auf meine Art. Ich wollte meine Persönlichkeit bewahren und mich nicht verstellen, damit ich einen Job bekomme.

LAOLA1: Was waren deine ersten Eindrücke, als du zum ORF gekommen bist?

Warmuth: Dass das Gebäude ein Labyrinth ist. (lacht) Mich hat die Größe und Wucht des ORF beeindruckt. Der ORF hat immer noch eine riesige Strahlkraft. Das merkt man ab dem ersten Tag, an dem man hier reinkommt. Es ist Geschichte da, man sieht, was das Unternehmen über die Jahre ausgemacht hat. Und plötzlich sieht man dort die Leute, die man vorher nur aus dem Fernsehen gekannt hat. Das ist als junger Mensch schon beeindruckend.

LAOLA1: Du bist also nicht in Ehrfurcht erstarrt.

Warmuth: Nein, weil alle diejenigen, die man vielleicht aufzählen könnte, Menschen wie du und ich sind. Mit denen kann man normal reden, das sind lockere Typen ohne Berührungsängste. Diese mögliche Ehrfurcht wird dir schnell genommen.

LAOLA1: Wie haben deine ersten Tätigkeiten ausgesehen?

Warmuth:  Für mich ging es darum, die Dinge aufzusaugen und viel zu lernen. Man konnte gleich selbst Dinge ausprobieren – Drehs machen, texten oder schneiden. Aber natürlich auch: Steuerung+A und entfernen, bitte nochmal neu. Niemand hat es gerne, wenn eine komplette Geschichte gelöscht wird. Aber es ist wichtig, das mitzukriegen und dann gezeigt zu bekommen, wie es geht. Genau das gehört zum Handwerk. Dass sich Leute Zeit genommen und gezeigt haben, worauf man aufpassen muss, war sehr hilfreich und prägend.

LAOLA1: Seit 2018 bist du Eishockey-Kommentator, 2023 bist du endgültig in die Fußstapfen von Michael Berger und Erich Weiss getreten. Hast du irgendeine Art Druck verspürt?

Warmuth: Nein.

LAOLA1: Erhöhte Erwartungshaltung?

Warmuth: Natürlich wollte ich es gut machen. Es hat mir sehr geholfen, dass die Leute um mich herum Vertrauen in mich hatten. Ich hatte den Eindruck, dass die Unterstützung da ist und ich die Dinge mit meinem Stil und meiner Art machen kann. Ich habe mir keinen großen Druck auferlegt, weil der auch nie an mich herangetragen wurde. Für einen jungen Mitarbeiter war es schon cool zu wissen, dass dieses Vertrauen da ist.

Das war ein emotionaler Ausbruch, den ich selbst nicht kontrollieren konnte.

Daniel Warmuth über seinen emotionalen Kommentar bei der WM 2024

LAOLA1: Du stehst unweigerlich in Verbindung zur WM 2024. Dein Kommentar bei den historischen Ereignissen gegen Kanada und Finnland hat sich hierzulande ins Gedächtnis zahlreicher Eishockey-Fans gebrannt. Waren diese Spiele der Durchbruch in deiner Karriere?

Warmuth: Es war sicher ein spezieller Moment. Ich hatte das Glück, dass ich dabei sein durfte. Das Ereignis an sich war groß, ich will mich da aber gar nicht in den Vordergrund stellen. Das war ein emotionaler Ausbruch, den ich selbst nicht kontrollieren konnte. Ich würde es nicht als Durchbruch bezeichnen, sondern als Höhepunkt – für Eishockey-Österreich und mich persönlich. Es war einzigartig, das begleiten zu dürfen. Dass es emotional oder ekstatisch wurde, war nicht bewusst. Das war wie eine Explosion.

LAOLA1: Hast du dir diese Spiele im Nachgang selbst nochmal angeschaut?

Warmuth: Komplett nicht, aber die Szenen. Das Video hat auf Social Media Millionen Views, das schaut man sich zwischendurch schon an oder bekommt es geschickt. Jeder, der mit Eishockey zu tun hat, erinnert sich daran – nicht wegen mir, sondern wegen dem Ereignis. Mir ist wichtig zu sagen, dass wir diese Spiele begleiten. Entscheidend ist aber, was die Mannschaft am Eis macht.

LAOLA1: Was macht in deinen Augen einen guten Sport-Kommentator aus?

Warmuth: Kompetenz und Unterhaltungswert, das sind die zwei wichtigsten Dinge. Die Leute sollen das Gefühl haben, dass ihnen kein Blödsinn erzählt wird und gleichzeitig gerne zuhören. Das versuche ich zu vereinen. Eine gewisse Lockerheit gehört für mich auch dazu. Ich finde es wichtig, nicht steif zu wirken, sondern so zu reden, wie man redet. Sport lebt von Emotionen, von Unterhaltung. Auch das will ich den Zuschauerinnen und Zuschauern gerne vermitteln.

LAOLA1: Wie intensiv ist deine Vorbereitung auf eine Eishockey-WM?

Warmuth: Man begleitet die Spieler und ihre Leistungen die ganze Zeit und kennt viele schon seit Jahren. In der Vorbereitung geht es deshalb weniger um die eigene Mannschaft, sondern mehr um den Gegner. Von manchen Teams kennt man nur einzelne Spieler, wenn überhaupt. Da muss man klassische Recherche betreiben.

Ich kann nicht den Trainer der USA anrufen, aber gewisse Geschichten legt man sich natürlich zurecht. Ich unterhalte mich vor Ort oft mit ausländischen Journalisten, durchforste die jeweiligen Medien der Länder. Und das ein oder andere Gespräch oder Interview mit Spielern verschiedenster Nationen ergibt sich auch immer. Im Optimalfall ist das, was am Eis passiert, das Wichtigste und ich muss die ganzen Geschichten, die ich vorbereitet habe, gar nicht erzählen.

Wenn jemand wütend ist und sich bei mir auskotzt, ist das sehr unangenehm, weil es oft ins Persönliche geht.

Daniel Warmuth

LAOLA1: Was ist für dich schwieriger zu kommentieren – Fußball oder Eishockey?

Warmuth: Im Fußball ist es schwieriger, weil viel mehr Menschen mitreden wollen oder behaupten, sie hätten es anders gesehen. Grundsätzlich machen mir beide Sportarten sehr viel Freude. Der wesentliche Unterschied ist: kommentiere ich ein Spiel zwischen zwei Vereinsteams oder eine Partie des Nationalteams. Es ist wichtig, eine gute Balance zu haben zwischen Spielgeschehen, Emotionen und Analyse.

LAOLA1: Ein gewisser Patriotismus ist also erlaubt?

Warmuth: Ja, aber aus der Vogelperspektive. Zu viel Patriotismus sollte es nicht sein, man muss die kritische Distanz wahren. Es ist wichtig, Dinge einzuordnen, ohne die rot-weiß-rote Brille zu sehr aufzuhaben. Die Leute sehen ja, was passiert – ich will ihnen keine Märchen erzählen. Wenn es notwendig ist, muss man Dinge auch knallhart ansprechen.

LAOLA1: Du hast bereits angesprochen, dass negatives Feedback gegenüber dem positiven deutlich überwiegt. Wie sehr lässt du das an dich heran?

Warmuth: Wenn mir jemand eine Mail schreibt, beschäftigt mich das schon. Wenn jemand wütend ist und sich bei mir auskotzt, ist das sehr unangenehm, weil es oft ins Persönliche geht. Sachlicher Kritik stehe ich grundsätzlich offen gegenüber. Ich schreibe vielen Leuten auch zurück, weil es mir wichtig ist, meinen Standpunkt darzulegen. Das machen andere vielleicht anders, die schmeißen das Mail in den Papierkorb und die Sache hat sich für sie erledigt. Das mache ich bei sehr emotionalen und überschießenden Mails auch.

Es ist nicht angenehm, beschimpft zu werden – auch wenn das selten passiert. Das wirklich von mir wegzuschieben, fällt mir schwer, vor allem wenn mehrere Menschen schreiben. Mir fehlt ein wenig das Verständnis dafür, wie intensiv und persönlich manche Leute reagieren. Das versteh ich nicht.

LAOLA1: Man weiß von Sportlern, dass sie immer häufiger wüst beschimpft werden, fallweise sogar Morddrohungen bekommen. Geht es bei Kommentatoren mittlerweile ähnlich weit?

Warmuth: Ich glaube, dass andere Kollegen viel mehr Nachrichten in diese Richtung bekommen. Ich habe persönlich noch nie so extremen Hass abbekommen, Beschimpfungen aber schon. Damit umzugehen, fällt mir schwer.

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Daniel Warmuth mit Ex-ÖFB-Keeper Helge Payer bei der EURO 2024
Foto: ©Privat

LAOLA1: Um den Kreis langsam zu schließen: In einem älteren Portrait von dir steht bei deinen Zukunftsplänen "Olympische Spiele und Fußball-WM kommentieren". Beides hast du mittlerweile geschafft. Gibt es noch ein Spiel, das du unbedingt kommentieren willst?

Warmuth: Das Olympia-Finale im Eishockey zwischen Österreich und Kanada. (lacht) Nein, ich darf bei der kommenden Fußball-WM das Spiel zwischen Österreich und Algerien in Kansas City kommentieren. Es war ein großer Traum von mir, ein ÖFB-Match bei einer WM zu kommentieren. Ich glaube, viel mehr geht nicht. Sein eigenes Land bei einer WM begleiten zu dürfen, ist ein absoluter Höhepunkt.

LAOLA1: Abschließend: Was würde dein 6-jähriges Ich sagen, wenn es dich heute sehen würde?

Warmuth: Kannst du mir ein Ticket für das Match besorgen? Darf ich mitgehen? (lacht) Wahrscheinlich würde er sagen: Cool, wie du alles geschafft hast. Ich bin total stolz auf meine Kinder und Familie, wie alles läuft. Der Job mit Wochenend-Diensten und Dienstreisen ist für eine Familie mit zwei Kindern herausfordernd. Daher auch Hut ab vor meiner Frau, die mich voll unterstützt. Es ist schön, dass im Moment alles so rund läuft.

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