NEWS

Ville Heinola: Das vierblättrige WM-Kleeblatt

Der 25-jährige Verteidiger gibt in diesem Jahr sein WM-Debüt für Finnland - und das trotz seiner besonderen Vertragssituation in der NHL.

Ville Heinola: Das vierblättrige WM-Kleeblatt Foto: © IMAGO / TT

Österreich geht am Sonntag (ab 20:20 Uhr im LIVE-Ticker) natürlich wieder in der absoluten Außenseiterrolle ins Spiel gegen Finnland.

Bis auf Aleksander Barkov stehen zwar keine Superstars im Aufgebot, doch die finnische Mischung aus weiteren NHL-Legionären, Leistungsträgern aus Europa und aufstrebenden Talenten gehört wie fast immer zu den Turnierfavoriten.

Mit Defender Ville Heinola steht ein Mann im Kader, der bei genauerer Hinsicht so etwas wie ein vierblättriges Kleeblatt im Eishockeybetrieb darstellt...

Wer ist Ville Heinola?

Ein mittlerweile 25-jähriger Verteidiger, der 2019 von den Winnipeg Jets in der ersten Runde (20. Stelle) gedraftet wurde. Obwohl er im Nachwuchs Stammspieler in den Suomi-Nationalteams war, feiert er in Zürich sein WM-Debüt im Erwachsenenbereich.

Seine Stärken und Schwächen

test

Heinola wurde als Puckmoving D gezogen und sechs Jahre später bestätigt er mit seinen WM-Auftritten auch diese Reputation:  Leichtfüßig, kann Scheibe transportieren und weiterleiten, leitet darüber hinaus das erste PP-Unit vom Point.

Mit drei Treffern und einem Assist aus fünf Spielen punktet er auch seiner Rolle gemäß. Im Power Play bringt er die Scheibe durch den Verkehr gut auf den Kasten.

Bei der WM im Gegensatz zu Übersee weniger ein Thema:  Heinola ist weiter ein eher schmächtiges Kerlchen, das im Zweikampf alle Kräfte mobilisieren muss, um nicht unterzugehen. Das kann ab und zu zu Giveaways unter Druck führen, er nimmt auch gerne Risiko mit der Scheibe.  

Seine Karriere in Übersee

58 NHL-Einsätzen stehen 209 (inklusive Playoffs) Spiele für das Jets-Farmteam Minnesota Moose gegenüber. Das ist natürlich für einen ehemaligen Erstrunder keine zufriedenstellende Bilanz. Immerhin tat er sich das über sieben Saisonen lang an, ohne die Flucht nach Europa anzutreten oder auf einen Trade zu pochen.

Was macht ihn so besonders?

Auf den ersten Blick ist seine Karriere zwar enttäuschend, aber da steht er natürlich nicht alleine da. Sein Vertragsstatus macht ihn schon zu einem Außenseiter bei einer WM: Er ist bezüglich der NHL ab Sommer ein Unrestricted Free Agent, kann sich sein neues Team selbst aussuchen.

Solche Spieler reisen grundsätzlich nicht zu einer WM, eine Verletzung kann schließlich einen neuen Vertrag verhindern. In den letzten Jahren sagen solche Spieler fast durchgehend ab, heuer etwa Teddy Bluegers bei Lettland, im letzten Frühjahr Marco Rossi bei Österreich.

Lukas Reichel – im Spiel gegen Österreich mit einem Hattrick der Matchwinner – sagte erst einen Tag vor Turnierbeginn zu, als er relativ überraschend einen neuen Deal mit den Boston Bruins signierte.

Es gab über die Jahre einige wenige Ausnahmen, die ohne Deals zu den Weltmeisterschaften reisten, Betonung eben auf "einige wenige". Aber dieser Fakt würde Heinola noch nicht zum vierblättrigen Kleeblatt der WM machen...

test
Bei der WM kann Heinola seine Klasse zeigen
Foto: ©IMAGO / All Over Press Finland

Nicht nur ein UFA, sondern ein UFA Group 6

Es gibt mehrere Arten von Unrestricted Free Agents – sie alle haben im Gegensatz zu den Restricted Free Agents (Rossi im letzten Sommer, Marco Kasper im nächsten) gemein, dass sie sich ihre neuen NHL-Klubs (Europa sowieso) selbst aussuchen können. Die Bezeichnungen sind eher unorganisiert, scheinen auch keinem Muster zu folgen:

Ungrouped Free Agents: Einfach eine Bezeichnung für Spieler, die durch einen oder mehrere Drafts gingen, nicht gezogen wurden und daher ohne Beschränkung Verträge unterschreiben können. Das Gleiche gilt für Spieler, die zwar gedraftet wurden, aber nie einen Vertrag unterschrieben und deren Rechte (meist vier Jahre) ausgelaufen sind.

Ehemalige RFAs: Wenn RFAs von ihren NHL-Teams keine Qualifying Offers vorgelegt bekommen (meist aus Leistungsgründen), werden sie automatisch zu UFAs.

UFA Gruppe 3: Das sind die Spieler, die gemeinhin als UFAs bezeichnet werden. Ohne ins Detail zu gehen, gilt das für Spieler nach sieben NHL-Saisonen bzw. im Alter von 27 Jahren (was eben  früher eintrifft).

Das alles gilt nicht für Heinola, er gehört zu einer ganz seltenen Spezies:

UFA Gruppe 6: Spieler, die 25 Jahre alt sind, drei Jahre unter NHL-Vertrag standen, dieser gerade ausläuft und sie insgesamt weniger als 80 NHL-Spiele bestritten haben. Das alles trifft auf Heinola zu. Es gab im Laufe der Jahre nur sehr wenige Cracks, die in dieser Kategorie fielen. Meist sind das dann typische Minor-League-Spieler, aber sicher keine Erstrundenpicks, die noch dazu aus Europa kommen und dort schon längst wieder unterschreiben hätten können.

Wie kam es dazu, dass Heinola unter der 80-Spiele-Grenze blieb?

Vereinfacht gesagt, drei Gründe:

Die angesprochenen körperlichen Mängel

Heinola tat und tut sich immer noch schwer gegen große Riegel. Er spielte zwar schon gleich nach seinem Draftjahr in der NHL, war auch der erste 2001 geborene Spieler, der einen Treffer erzielte, doch mehr als 18 Spiele in einer Saison absolvierte er für die Jets nie.  Seine Offensivqualitäten – gut, aber nicht Lane Hutson oder Cale Makar ähnlich – überlagerten nie das Bauchweh mit ihm im eigenen Drittel.

test
Der Durchbruch in Winnipeg blieb Heinola verwehrt
Foto: ©imago images / Icon SMI

Verletzungspech

Im Sommer 2023 stand er kurz vor dem Durchbruch, bevor er sich im letzten Preseason-Game den Knöchel brach. Er brachte es in dieser Saison noch auf 43 Spiele für die Moose. Im nächsten Sommer entzündete sich sein Knöchel, eine abermalige Operation folgte.

Die Denkweise der Winnipeg Jets

GM Kevin Chevaldayoff versorgte seine Coaches immer mit reichlich routinierten Defendern, sodass die Plätze für jüngere Leute eher rar waren. Auf diesen spielten sich über die Jahre nur Elias Salomonsson und Dylan Stanley (heuer getradet) neben dem überragenden Josh Morrissey fest.

Zu einem Trade konnte sich Chevaldayoff nie durchringen, Heinolas Marktwert verringerte sich natürlich auch im Laufe der Jahre. Dazu kam, dass Heinola nach einer gewissen Zeit durch Waivers gemusst hätte.

Ein Trip in die Minors hätte anderen Teams die Chance gegeben, ihn für lau zu holen. Deswegen absolvierte der Finne in der Saison 24/25 neben 18 NHL-Spielen nur zwei für die Moose, dieser Conditioning Stint beeinflusste seinen Waiver-Status nicht.

Chevaldayoff hat über die Jahre mit Johnathan Kovacevic und Declan Chisholm schon zwei Defender per Waivers verloren, die dann bei ihren neuen Teams aufblühten.

Die Zukunft für Heinola

Er hätte heuer 27 Partien für die Jets bestreiten müssen, um in deren Besitz zu bleiben, es wurden gerade fünf. An einer weiteren Zusammenarbeit sind beide Seiten nicht mehr interessiert, daher bekam er auch trotz der Moose-Playoff-Teilnahme die Freigabe für Finnland.

Anzunehmen, dass Heinola die Zeit nach dem 1. Juli abwartet, um das NHL-Interesse auszuloten. Sollte das ausbleiben – oder er schon vorher die Geduld verlieren – braucht er sich keine Sorgen zu machen: Auch ohne sein Vorspielen in Zürich bei der WM wäre er ein für die National League wie geschaffener Defender, was ihm viel Geld und weniger Stress als in Übersee versprechen würde.

Schweden, die KHL oder eine Rückkehr nach Finnland (natürlich nur zu den wenigen potenten Spitzenclubs) wären weitere Varianten...

Die Titelträger der bisherigen Eishockey-Weltmeisterschaften

Kommentare