Warum TV-Scouting nicht das Wahre ist

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Was ich als Thema für eine Sommer-Story vorgesehen hatte, wurde durch die Corona-Situation vorgezogen: Auf der ganzen Welt fällt das Live-Scouting flach, Scouts können höchstens noch vor dem TV- und Computer-Bildschirm sitzen.

Ein Blick darauf, welche Vor- und Nachteile diese Art des Scoutings bringt:

Was vor wenigen Jahren noch undenkbar war, wurde in den letzten Jahren zur veritablen Alternative zu Live-Besuchen: Fast alle Ligen sind live oder zeitversetzt via Streaming zu verfolgen. Die NHL sowieso in HD-Qualität, aber auch die AHL, ECHL oder die jeweiligen Junioren-Ligen.

In Europa ist die EBEL fast ein Außenseiter, die nicht alle ihre Spiele anbietet, die DEL und die tschechische Extraliga übertragen alle Spiele, von der Schweiz, Finnland und Schweden mit hochdotierten TV-Verträgen ganz zu schweigen. Die KHL war in dieser Hinsicht sowieso ein Vorreiter.

Es wäre eine Ersparnis, aber...

Allerdings: Viele dieser Spiele sind auf die Ausstrahlungsgebiete ihrer Länder begrenzt bzw. bieten auch keine Gelegenheit zum zeitversetzten Sehen. Als lückenloses Videoarchiv dienen sie daher nicht, das wird aber auch noch kommen.

In Nordamerika können dagegen sämtliche NHL- und AHL-Spiele jederzeit abgerufen werden. Warum schicken die NHL-Organisationen dann aber weiterhin ihre Scouts in die Arenen? Schließlich könnten die Spielbeobachtungen mit weit weniger Aufwand fast ins Unendliche vervielfältigt werden. Ein mögliches Szenario:

So bringt ein Scout am Morgen seine Kinder in die Schule, zieht sich dann ein oder zwei Spiele rein, fertigt seine Berichte an, isst zu Mittag, holt seine Kinder ab und sieht sich dann abends noch ein Live-Spiel an. Das wäre also drei Spiele pro Tag, bei fünf Arbeitstagen macht das dann pro Woche 15 Spiele im Gegensatz zu vielleicht fünf Live-Games. Nach ein oder zwei Monaten hätte er die ganze NHL und AHL sicher schon im Griff.

Der finanzielle Aufwand wären gerade zwei Jahres-Abos für die NHL (159 US-Dollar) und AHL (100 US-Dollar) – keine Flug- und Hotelkosten, keine Leihwagen, keine Taggelder. Kosten also im Promillebereich einer Pro-Scout-Abteilung. Vor allem in Anbetracht der sich abzeichnenden finanziellen Lage müsste das für die NHL-Teams doch sehr reizvoll sein.

Die Sabres probierten es - und ließen es wieder

Die Buffalo Sabres waren vor ca. 15 Jahren in dieser Beziehung ein Vorreiter, vergatterten ihre Scouts zu unzähligen TV-Games. Allerdings mussten diese daneben auch weiterhin reisen, was zu einem kaum mehr bewältigbaren Arbeitsaufwand führte.

Still und leise ließen die Sabres diese Vorgaben dann auch wieder einschlafen, andere Teams schlossen sich dem nicht an. Im Gegenteil: Die Scouting-Abteilungen – und damit natürlich auch die Kosten dafür – wuchsen in den letzten Jahren immer mehr an und ich sehe hier auch keine große Reduktion auf die Branche zukommen.

Warum sperren sich die Teams, aber auch die Scouts selbst, gegen ein wesentlich ruhigeres Leben vor dem Bildschirm? Aus eigener Erfahrung vor allem aus folgenden Gründen:

Der Scout als Sklave des Kameramanns

Wenn ich zu einem Spiel gehe, bestimme ich, wo ich sitze (außer bei seltenen vollen Arenen) und wohin sich meine Augen wenden. Bei jedem Shift kann ich auswählen, auf wen ich mich konzentriere, kann verfolgen, was der Spieler mit und vor allem ohne Scheibe macht.

Vor dem TV-Bildschirm fällt diese Option flach. Vor allem bei flachen Kamerawinkeln (öfters bei AHL-Spielen) sieht man nur wenig von der gesamten Eisfläche, selbst in den Endzonen verschwinden einige Spieler oft vom Bildschirm.

Für mich der größte Nachteil: Ich bekomme fliegende Wechsel so gut wie nie mit. Ist der rechte Flügel auf der anderen Seite der Eisfläche jetzt der, den ich beobachten will oder schon sein Ersatz? Bis ich das herausgefiltert habe, ist schon wieder der halbe Shift dahin.

Scouting nach Positionen

Grundsätzlich gilt für mich: Bei Torhütern ist das TV-Scouting eine gute Alternative, da alle ihre Aktionen von den Kameras eingefangen werden. Ihren Stil kann man grundsätzlich auch vor und nach Schüssen verfolgen, einzig ihre Körpersprache, wenn sich das Spiel wieder vom Tor wegbewegt, fehlt halt dann. Dafür können die Saves und Gegentore nochmals seziert werden, was oft nach einem "Ei" aussah, wird dann zu einem perfiden Ablenker.

Bei Goalies traue ich mir noch am ehesten ein Urteil zu, das sich von meinen Live-Eindrücken wenig unterscheidet – ob es dann richtig oder falsch ist, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Bei Defendern wird es dann schon schwieriger, aber immer noch einfacher als bei Stürmern. Ein lapidarer Grund: Es gibt meist nur sechs von ihnen, im Gegensatz zu zwölf Angreifern.

Bei den in der AHL üblichen drei Paaren kann man auch ungefähr erwarten, wann der nächste Shift des rechten Verteidigers kommt. Nach einigen Wechseln kommt man als Scout dann auch in einen Rhythmus und kann sich auf die Details konzentrieren.

Am schwersten vom Bildschirm her zu bewerten sind sicher die Stürmer. Sie kommen und gehen bei fliegenden Wechseln, sind auf einmal da, dann wieder weg. Positionen im modernen Eishockey sind ohnehin aufgeweicht und es ist nicht so wie früher, dass der rechte Flügel – wie bei einem Tisch-Eishockey-Spiel – nur die rechte Seite rauf- und runterpflügt.

Eislaufen und Größe

Der wichtigste Grund, warum TV-Scouting immer nur eine Blaupause der Live-Besuche bleiben wird. Vor allem das Eislaufen kann vom Bildschirm her kaum bewertet werden. Während die Bandbreite in der Halle von "Glühern" bis "Treibsand-Skatern" geht (letztere Gattung stirbt aber aus), kommt es vor dem Schirm eher zu einem allgemein gültigen Mittelweg, weswegen ich diese Scouting-Kategorie nur sehr unscharf bewerten kann.

Auch die Größe schleift sich hier irgendwie ein: Natürlich ragen Riesen und Zwerge weiterhin heraus, aber im Gegensatz zu Live-Berichten kann ich hier kaum in Details gehen. Es sollte zwar über die bloßen Körpermaße hinaus ohnehin mehr zählen, wer groß oder klein "spielt", aber leichter wird diese Sache vor dem Bildschirm sicher nicht.

Die Anzahl der Spieler bei einem AHL-Spiel, die ich beobachten will, unterscheidet sich natürlich nicht von einem Live- zu einem TV-Spiel, beträgt ungefähr sechs bis sieben Spieler pro Teams (Goalies einmal ausgenommen). Doch bei einem Live-Spiel komme ich dann ungefähr auch auf zehn Berichte, vom TV weg vielleicht auf sechs und die mit Bauchweh. Deswegen halte ich meine Live- und TV-Berichte auch immer getrennt, sage einem Interessenten auch, wie der Bericht entstanden ist.

Fazit: Eine schwache Alternative

Die Hierarchie der Güte meiner Informationen: Live-Viewings, dann Gespräche mit Mitspielern, anderen Scouts und Coaches, danach erst die TV-Berichte.

Ein Vorteil des TV-Scoutings: Mit der Scouting-Software "Steva" lassen sich Shifts oder gar gewisse Situationen (z.B. Breakouts oder Umschaltmomente nach Puckverlusten) zusammenschneiden. Ein Tool, das vor allem Coaches gerne wahrnehmen und das für Scouts sicher auch interessant wäre.

Nur: Wer übernimmt für sie diese Arbeit, vor allem bei den Tausenden von Spielern, die für sie ausgesondert werden müssen? Als Unterstützung - etwa bei den Spitzenspielern des Drafts - allemal aber ein Thema für die Zukunft, derzeit aber noch ein Mittel, in dem sich die Betrachtungsweisen von Coaches und Scouts kategorisch unterscheiden.

Was ich erst ab Mai vorgehabt habe, kann ich jetzt aus unerfreulichen Gründen vorziehen: Alle Teams der AHL und der finnischen Liiga zu sehen, letztere dank eines finnischen Kollegen, der mir die Log-In-Daten gegeben hat. An Eishockey-Entzug werde ich sicher nicht leiden und das ist sowieso ein Teil meines Berufs, allerdings nicht nur für mich eine schwache Alternative zu den richtigen Spielen…

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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