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So viel verdienen Marco Rossi und Kollegen

LAOLA1-Experte Freimüller über Nachwuchs-Gehälter und Ungemach für Liga:

So viel verdienen Marco Rossi und Kollegen

Ein Engagement in den kanadischen Nachwuchs-Ligen soll für Marco Rossi, Thimo Nickl, Fabian Hochegger, David Maier, Devin Steffler sowie den auf einen rot-weiß-roten Pass wartenden Senna Peeters ein Sprungbrett ins Profi-Eishockey sein. Sechs österreichische Cracks sind im kanadischen Junioren-Eishockey engagiert, so viele wie noch nie.

Aber spielen der Vorarlberger Marco Rossi - hält nach 16 Partien bei acht Toren und 24 Assists - und seine Kollegen nur für Luft, Liebe und die große Chance? Oder verdienen sie in Nordamerika auch gutes Geld?

LAOLA1-Experte Bernd Freimüller wirft einen Blick auf die finanzielle Seite der Canadian Hockey League, und warum auf das bisherige System schwere Zeiten zukommen könnten:

Was gibt es in der CHL zu verdienen?

Alles streng geheim, offizielle Zahlen gibt es keine. Aber man kann von etwa 150 Dollar pro Woche für Rookies und bis zu 500 Dollar für ältere Spieler ausgehen. "Over-Agers" können sogar auf 1000 Dollar die Woche kommen.

Das ist aber nicht die Welt...

Natürlich nicht. Obwohl es keine Gehaltsobergrenze gibt, dürften die Teams aus arbeitsrechtlichen Gründen sowie aufgrund der Chancengleichheit offiziell lediglich Aufwandsentschädigungen auszahlen. Was für die Spieler noch dazukommt, sind Entschädigungen für die Anreise, Kost und Unterkunft (bei einer Gastfamilie) sowie die Ausrüstung.

Und in aller Fairness: Fast alle der europäischen Spieler (die Nordamerikaner haben außer US-Colleges sowieso keine hochwertige Alternative) würden zuhause unter Junioren- oder Jungprofi-Verträgen spielen. Da sprechen wir in Österreich etwa von der Geringfügigkeitsgrenze oder knapp darüber.

Verstehen sich die CHL-Teams als Spieler-Ausbildner?

Offiziell ja – die CHL hält ihre Statuten unter Verschluss, vieles läuft im Geheimen. Aber Geldmachen mit Eishockey? Nie und nimmer, wo denkst du hin? "Non-profit-organisations" - das sind wir...

Doch jetzt kommt großes Ungemach auf die Liga zu: Einige Spieler klagten zugesprochene Nebenabmachungen ein - die es ja offiziell gar nicht geben darf. Dazu kommt, dass diese Klagen von findigen Anwälten zu einer Sammelklage ausgeweitet wurden, die dann auch vom Gericht Anerkennung fand.

Worauf beruft sich diese Klage?

Ganz einfach darauf, dass es sich bei der CHL bzw. ihren Mitgliedern um profitorientierte Unternehmen handle, die Spieler daher als Arbeitnehmer zu betrachten wären und ihnen wenigstens der Mindestlohn zustünde. Dazu kämen dann noch bezahlte Urlaube sowie klar deklarierte Arbeitszeiten. Die CHL musste mit ihren Unterlagen herausrücken und aus denen ging hervor, dass die Liga pro Saison etwa drei Millionen kanadische Dollar an Jahresgewinn erwirtschaftet. Nichts da mit "Non-Profit"...

Was hat die CHL dazu zu sagen?

Genau das Gegenteil natürlich. Ihre Teams arbeiteten – ähnlich wie die US-Colleges – rein zur Spieler-Ausbildung, die Spieler seien keine professionellen Athleten oder Arbeitnehmer, sondern "Student-Athletes", für die das Arbeitsrecht nicht gelte. In den Verträgen achten die Teams auch darauf, den Spieler als "Athlete" bzw. "Independent Contractor" zu bezeichnen.

CHL-Präsident und OHL-Commissioner David Branch schaltete sogar einige Regionalregierungen ein und bekam auch Unterstützung, nicht nur aus seiner Heimat-Provinz Ontario.  British Columbia, Saskatchewan und Nova Scotia etwa nahmen ihre WHL-Teams vom Arbeitsrecht aus, Alberta schloss sich dieser Auslegung dagegen nicht an.

Die Entstehungsgeschichte dieser Klage:

Das Ganze begann 2013: Lukas Walter spielte für drei Jahre in der WHL und QMJHL. Sein "Q"-Team - die Saint John Sea Dogs - händigten ihm nach Abschluss seiner Karriere dort ein sogenanntes "T4-Formular" (für Steuer- und Pensionsbehörden) aus, in dem er klar als "Arbeitnehmer" und die Ice Dogs als "Arbeitgeber" bezeichnet wurden.

Als es um Aufklärung ging, verstrickten sich die Verantwortlichen in Widersprüche, argumentierten, dass 20-Jährige anders behandelt würden als jüngere Spieler. Warum anders und wie? Keine ausreichenden Antworten, es hätte sich beim T4-Formular um einen Irrtum gehandelt.

Auch Walters Karriere bei den Tri-City Americans davor war nicht koscher – das in den USA beheimatete Team ließ die Visa für seine kanadischen Spieler stets auf "Non-Immigrant Workers" ausstellen, keineswegs also Studenten.

In der OHL wiederum klagte Sam Berg die Niagara Ice Dogs und folgerichtig die OHL und CHL. Die Ice Dogs hätten ihm ein Studien-Programm zugesagt, das über das ligaweite Angebot hinausging. Als er dieses in Anspruch nehmen wollte (seine Karriere bei den Ice Dogs war schon nach 16 Spielen zu Ende), herrschte nur Funkstille im Äther.

Findige Anwälte nahmen sich dieser Fälle an, strengten schließlich 2014 eine Sammelklage gegen die CHL an. Streitwert: 180 Millionen Dollar an nachzuzahlenden Gehältern und Sonderleistungen, über 400 Spieler schlossen sich dieser Klage an. In der OHL wird überhaupt jeder Spieler seit 2012 automatisch Mitkläger, in den anderen Ligen bzw. Regionen gelten andere Rechtsbestimmungen. Die einzelnen Ligen wurden sukzessive mit achtstelligen Millionenklagen eingedeckt.

Was passiert, wenn die CHL diesen Rechtsstreit verliert?

Laut Aussage der Liga natürlich Armageddon, einige der kleineren Teams müssten sofort zusperren, das kanadische Junioren-System wäre am Ende. Nicht nur die Nachzahlungen durch die Liga, sondern auch die laufenden Gehälter wären nicht zu stemmen.

Was sicher stimmt: "Gelddruck-Maschinen" wie London, Calgary oder Edmonton unterscheiden sich kategorisch von kleinen Teams wie Swift Current oder Owen Sound. So unterschiedlich diese Teams auch finanziell ausgestattet sind: Die Verträge ähneln einander, das war auch die Grundlage dafür, dass das Gericht 2018 die Sammelklage zuließ.

Ist die CHL eine Bande von Gaunern, die Spieler als billige Arbeitskräfte missbraucht?

Es gibt wie fast immer kein schwarz und weiß: Neben den Ausgaben für den laufenden Spielbetrieb stecken die CHL und ihre Teams viel Geld in ihre Schulprogramme, die OHL etwa über drei Millionen pro Jahr, die WHL knapp darunter. Dabei handelt es sich um Rücklagen für eine spätere Ausbildung für deren Ex-Spieler.

Ausbildung am Beispiel von Derek Ryan:

Der 32-jährige Ex-Villacher Derek Ryan
Foto: © GEPA

Der Ex-Villacher Derek Ryan soll hier als Beispiel dienen: Nach seiner Karriere in Spokane (übrigens an der Seite von Michael Grabner) spielte er noch drei Spiele in der United Hockey League, ehe er an die Universität von Alberta ging. Dort ließ er sich in vier Jahren zum Apotheker ausbilden, spielte nebenbei natürlich für das dortige Team. Die Kosten für dieses Studium übernimmt die CHL, pro Jahr in der Liga wird ein Studienjahr finanziert.

Dass Ryan dann über Europa zum NHL-Spieler wurde und gutes Geld verdiente, ist zwar atypisch, aber seine Berufsausbildung verdankt er jedenfalls der CHL und deren Schulprogramm. Grundsätzlich gilt: Nach dem Major-Junior-Hockey versuchen viele Spieler im Profi-Eishockey unterzukommen (meist in der ECHL). Wenn das nicht gelingt oder ihnen das nicht gefällt, können sie auch mit einem gewissen Abstand eine der Universitäten des U-Sports (früher CIS) besuchen und danach mit einem Abschluss ins Berufsleben umsteigen.

Eine schöne Seite, aber die Klage lässt die CHL doch in einen zwielichtigen Ruf kommen?

Wie immer im Profisport (auch wenn sich die CHL nicht als solcher sieht): Hinter die Kulissen sollte man lieber nicht blicken. Branchenkenner lachen nur beim Gedanken, dass etwa Agenten lediglich aus der Güte ihres Herzens und wegen des Wohls ihrer Spieler diese in der Import Draft zu bestimmten Teams dirigieren, die sich ihrerseits dann nur mit einem warmen Händedruck bedanken.

Dass nordamerikanische Spieler ihre US-College-Karriere von heute auf morgen zugunsten der CHL aufgeben, kann ja auch unmöglich mit Geld zu tun haben. Genauso wenig wie bei russischen Spitzen-Junioren, die mit ihrer Familie nach Nordamerika ziehen und KHL-Angebote dafür ablehnen.

...Derek Ryan nachher in Calgary
Foto: © getty

2009 führte die CHL strengere Richtlinien für ihre Teams ein, ahndete seit damals allerdings nur drei Verstöße gegen ihre Gehalts-Richtlinien. 2011 wurden die Portland Winterhawks zu einer Geldstrafe von 200.000 Dollar verurteilt, ihr GM Mike Johnston bis zum Ende der Saison gesperrt. 2012: Windsor Spitfires, 400.000 Dollar Strafe, Verlust von fünf Draftpicks. 2018 waren die Niagara IceDogs dran – 250.000 Dollar und der Verlust zweier Draftpicks.

Alle diese Strafen erfolgten aufgrund der Verstöße gegen die Richtlinien zur Rekrutierung und Entschädigung von Spielern und sie alle wurden nach Einsprüchen reduziert. Die CHL wollte die Hintergründe natürlich unter den Teppich kehren, Details kamen aber doch ans Tageslicht. In Portland etwa: Bezahlung von Sommertrainingsprogrammen, Freiflüge für Familienmitglieder, freie Mobiltelefone. Bei Niagara klagte ein Spieler 40.000 Dollar ein – 10.000 pro Jahr per Nebenabsprache, die aber dann nie bezahlt wurden.

Ob interne Unregelmäßigkeiten oder der anstehende Gerichtsprozess – die CHL ist natürlich weder die große Familie, der nur das Wohl ihrer Spieler am Herzen liegt, noch ein Ausbeuter der Arbeiterklasse. Dass Rossi und Co. (vor allem Co., die ja keine großartigen Alternativen haben) diese Liga als Sprungbrett zum Profi-Eishockey betrachten, ist aufgrund ihres wohlverdienten Rufes als NHL-Zubringer-Liga aber verständlich...

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