Was die Draft-Liste für Marco Rossi bedeutet

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7. Oktober – Das Central Scouting Bureau veröffentlicht seine erste "Players to watch list", natürlich scheint darauf Marco Rossi auf.

Österreichs NHL-Hoffnung wird wohl hoch eingeschätzt, für viele bietet diese Rangliste eine Orientierung, welche Talente beim nächsten Draft wann gezogen werden könnten. Aber besitzt sie auch Relevanz für die NHL-Teams?

LAOLA1-Experte Bernd Freimüller beantwortet nicht nur diese Frage. Was bedeuten diese Listen? Welche Relevanz haben CSB oder andere Scouting-Agenturen? Ein Leitfaden für diese Saison:

Was ist das Central Scouting Bureau überhaupt?

Es handelt sich dabei um eine Abteilung der NHL, die sich nur mit Scouting- und Draft-Angelegenheiten befasst. Dazu gehört etwa das Vorbereiten und Ausrichten des Draft-Wochenendes selbst, das Ausrichten des Scouting Combines und weitere administrative Aufgaben.

Zur Informationsbereitstellung gehören etwa kurzfristige Informationen über verletzte und gesperrte Spieler (um so Scouts unnötige Trips zu ersparen), Bereitstellung von Kontakten zu Teams, Spielpläne und Kader für Liga- und Auswahlspiele, die Bereitstellung von Scouting-Akkreditierungskarten und ähnliche Dienstleistungen.

Von all diesen Aufgaben bekommt die breite Öffentlichkeit so gut wie nichts mit, die CSB-Webpage ist auch nicht öffentlich zugänglich. Fans werden auf das CSB erst dann aufmerksam, wenn dieses seine Listen publiziert.

Wann kommen diese Listen heraus?

Anfang Oktober, dann Anfang November erscheinen Listen, die die Spieler in die Kategorien "A", "B" und "C" einteilen. "A" bezeichnet etwa einen Kandidaten für die erste Runde im Draft, "C" für die späteren Runden.

Am 13. Jänner 2020 erscheint die "Mid-Season-List", wo die Kategorien von einem Ranking abgelöst werden. Allerdings getrennt nach Europa und Nordamerika, die Goalies werden auch separat gelistet. Vor der U18-A-WM im April – eigentlich ein sehr wichtiges Turnier – gibt das CSB dann seine Abschlussliste heraus, verzichtet also auf diese letzte Standortbestimmung.

Und anhand dieser Liste wird dann gedraftet? Wer nicht draufsteht, kann nicht gedraftet werden?

Ein weitverbreiteter Aberglaube, der jedes Jahr wieder auftaucht. Diese Listen haben reinen Informationscharakter und keine – ich wiederhole: KEINE! - Relevanz für den Draft. Die NHL-Teams werfen noch am ehesten zu Beginn der Saison einen Blick darauf. Scout A schaut sich etwa früh in der Saison das OHL-Spiel zwischen Ottawa und Sudbury an. Natürlich kennt er Marco Rossi noch als Underager aus der Vorsaison, er wird auch ein Hauptgrund sein, warum er bei diesem Spiel ist. Dazu kommt noch der eine oder andere Spieler, der in der Vergangenheit auf sich aufmerksam gemacht hat. Er wird aber vielleicht einen kurzen Blick darauf werfen, ob die CSB-Scouts noch andere Spieler dieser beiden Teams empfehlen.

Im Laufe der Saison werden diese Listen immer irrelevanter und mit dem Draft haben sie gar nichts zu tun, da haben sich die NHL-Teams natürlich schon lange ihre eigene Meinung gebildet. Ein Team kann einen Spieler nicht leiden, den CSB hoch gerankt hat? Kein Problem, vor allem da CSB sich überhaupt nicht mit Off-Ice-Issues beschäftigt. Ein regionaler Scout eines NHL-Teams hat sich in einen Spieler verliebt, der von CSB nie gelistet wurde und hat auch seine Chefs von ihm überzeugt? Auch kein Problem – er kann natürlich jederzeit gedraftet werden. Vor allem Spieler, die schon durch zwei oder (nur bei Europäern möglich) drei Drafts gegangen sind, werden von CSB nicht wahrgenommen, obwohl sie noch gezogen werden können. Umgekehrt fühlt sich CSB oft bemüßigt, fast jeden Spieler zu listen, was zu fast 400 Namen auf ihren Endlisten führt – die Draft selbst umfasst 217 Spieler.

Das ist absolut kein Runtermachen der CSB-Scouts – viele von ihnen kommen nach einiger Zeit auch bei NHL-Teams unter. Nur: Sie haben ja keine Verantwortung für den Draft und können sich daher mit bloßen Spielbeobachtungen begnügen, müssen keine Background-Infos checken. Die Arbeit von CSB ist aber vor allem in den letzten Jahren weit professioneller und zeitnaher geworden. Ein Fehler, als etwa der deutsche Defender Denis Reul in seinem Draftjahr die halbe Saison durch ein falsches Geburtsdatum als Underager geführt wurde, sind vorbei. Auch krasse Fehleinschätzungen wie bei Christian Ehrhoff, der als DEL-Stammspieler in Krefeld von CSB lediglich an Platz 71 unter den Europäern gelistet wurde, sind heute kaum mehr vorstellbar. Damals 43 Plätze vor ihm gerankt: Oliver Setzinger.

Die CSB-Listen haben also für die Öffentlichkeit weit mehr Relevanz als für NHL-Scouts. Das führt aber zu vielen jährlichen Fehlmeldungen ("Spieler XY wird als Nr. 20 gelistet, ist daher ein Erstrundenpick") und zu viel Konfusion bei Spielern, Eltern und selbst Agenten, vor allem in Europa. Ich erinnere mich noch an einen Spielervater, der nicht und nicht einsehen wollte, warum sein Sohn trotz des Erscheinens auf einer CSB-Liste nicht gedraftet wurde. Umgekehrt sahen sich einige Spieler, die CSB nie listete, positiv überrascht, als ihr Name am Drafttag ausgerufen wurde.

Auch beim Draft selbst gibt es dann oft Fehlmeldungen. "Spieler X wurde viel zu hoch gedraftet – alle Listen hatten ihn viel weiter hinten". Natürlich Mumpitz, außer der Kommentator kennt die Listen aller 31 NHL-Teams und selbst dann wäre ja nur die Liste des Teams, das den Spieler gedraftet hat, relevant. Nochmals: Die Teams gehen nach ihren eigenen Einschätzungen vor. Aber ohne die CSB-Listen hätten Kommentatoren oder Fans, die natürlich nicht die Zeit haben, Spieler anzusehen, keinerlei Anhaltspunkte.

Aber was ist mit den anderen Listen? Red Line Report, International Scouting Services, The Athletic usw. - was bedeuten diese?

Genauso viel oder wenig wie die CSB-Listen – es handelt sich hier um Magazine oder Online-Agenturen, die ihre Einschätzungen anbieten. Die einen basieren das auf Live-Viewings von Mitarbeitern, andere rein auf TV- oder Streaming-Eindrücke. Oft durchaus interessant zu lesen (wenn man die Zeit oder das Geld dafür aufwenden will) und in ihrer Gesamtheit geben sie natürlich eine Richtung vor, wohin der Draft gehen kann. Aber nochmals: NHL-Teams lassen sich ihre Scouting-Stäbe, die immer größer werden, viel Geld kosten und diese sind rund um die Uhr in den Hallen. Einflüsterer von außen, die sich auf Streams oder gar Highlights verlassen, brauchen sie sicher nicht.

Was haben die ersten Listen für Marco Rossi oder Thimo Nickl also für eine Relevanz?

Natürlich gar keine, die Saison steckt ja auch noch in den Kinderschuhen. Das sage ich auch jedem, der mich etwa über die deutschen Spieler wie Tim Stützle oder John-Jason "JJ" Peterka fragt, auch wenn vor allem bei Stützle eine sehr positive Tendenz abzusehen ist.

Marco Rossi hat sich in der letzten Saison bereits eine ausgezeichnete Grundlage geschaffen. Natürlich wird er als "A-Prospect" gelistet, er gehört zu den Topspielern in der OHL. So kann er auch seine Fünf-Spiele-Sperre verkraften – im Spiel gegen Guelph jagte er einem Gegenspieler bei einem Backcheck über die ganze Eisfläche nach (eigentlich vorbildlich), gab diesem dann jedoch einen Stoß, der ihn kopfüber in die Bande krachen ließ. Gottseidank ohne gesundheitliche Folgen, aber an der Sperre gab es nichts auszusetzen. Rossi ist damit erst am 11. Oktober wieder mit dabei.

Ob Thimo Nickl als "C-Prospect" oder gar nicht gelistet wird, hat auch keine große Relevanz – er braucht sicher Zeit, um sich an das Übersee-Hockey zu gewöhnen und wohin die Reise für ihn (oder seinen Teamkameraden in Drummondville, Fabian Hochegger) geht, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen. Dass die Voltigeurs heuer eine Übergangssaison bestreiten müssen, bewahrheitete sich leider schon in den ersten Spielen.

Wie für so viele scheinbare sichere Information im Eishockey-Geschäft gilt also für die CSB-Listen: Lesen ja, sich davon leiten lassen nein...

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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