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Super-Bowl-Thesen: Diese Diskussion ist heuchlerisch!

Ist Brock Purdy "Elite"? Wo reiht sich Patrick Mahomes in der Riege der besten Quarterbacks aller Zeiten ein? LAOLA1 debattiert:

Super-Bowl-Thesen: Diese Diskussion ist heuchlerisch!

In unserem neuen Format "Ansichtssache" versuchen wir, Meinungen, Stimmungen, Überreaktionen oder sonstige Ansichten jeglicher Art in eine These zu packen und zu analysieren.

Das kann mal provokant sein, mal eine oft gehörte Meinung. Mal sehr strittig, mal weniger. Mal eine Prognose, mal eine simple Einordnung.

Dieses Mal beschäftigen wir uns näher mit der bevorstehenden Super Bowl (Montag, ab 0:30 Uhr im LIVE-Ticker), oder genauer gesagt mit potenziellen Storylines zu den beiden Super-Bowl-Teilnehmern: Den Kansas City Chiefs und den San Francisco 49ers.

In Zukunft wollen wir auch User-Thesen debattieren. Diesmal waren unsere Redaktions-Kollegen aufgerufen, sechs Ansagen zu liefern, die in weiterer Folge von den LAOLA1-Redakteuren Peter Altmann und Christopher Köller eingeordnet wurden.

1) Patrick Mahomes steigt mit einem dritten Super-Bowl-Sieg zum zweitbesten Quarterback der Geschichte auf.

Peter Altmann:

Gegenfrage: Wer ist der beste? Ich kenne genügend Leute, die jetzt böse auf mich sein werden, vielleicht sogar zurecht, aber trotzdem:

Tom Brady ist der größte, erfolgreichste, cleverste, teamorientierteste, am gesündesten essende, am überlegtesten an seinem Körper arbeitende oder wahrscheinlich diverse weitere Superlative abhakende Quarterback aller Zeiten.

Patrick Mahomes wird von seinen Fans frenetisch empfangen
Foto: © getty

Aber der beste? Das ist schwerer messbar als Erfolge. Rein vom Quarterback-Spiel her meine ich beginnend mit Peyton Manning den einen oder anderen Besseren gesehen zu haben. Ich respektiere jeden, der es anders sieht. Aber das ist meine Meinung und bei der bleibe ich.

Fakt ist allerdings auch: Am Ende geht’s um den Super-Bowl-Triumph, und den gewinnt man gerade im ultimativen Teamsport nicht solo. Also müssen wir über den GOAT nicht diskutieren.

Und was machen wir mit Mahomes? Vergleicht man seine ersten sechs NFL-Jahre mit jenen von Brady, ist er selbstverständlich der "bessere" Quarterback (da gibt’s keine zwei Meinungen, oder?).

Ob er Bradys Alterswerk erreicht, wird sich weisen. Bis zum GOAT hätte er jedenfalls auch nach dem dritten Titel noch viele Jahre zu tun. Aber würde es mich wundern, wenn Mahomes irgendwann als "bester" und "erfolgreichster" QB besprochen wird? In keinster Weise.

Christopher Köller:

Beim Lesen der These hätte ich nicht gedacht, dass wir mehr als die Hälfte der Zeit darüber argumentieren müssen, wer denn überhaupt als Nummer eins gilt. Der beste Quarterback aller Zeiten? Das kann nur Tom Brady sein.

Quarterback ist die einzige Position im American Football, wo wir unterschiedliche Kategorien erstellen müssen, um Spieler zu bewerten und einzuordnen. Braucht es wirklich eine Unterscheidung zwischen dem "besten" und dem "größten" QB aller Zeiten? Denn wer der "Größte" ist, hat auch Kollege Altmann unmissverständlich zugegeben.

Die Hauptaufgabe eines Quarterbacks ist und bleibt es, sein Team zu Siegen zu führen - so regelmäßig wie möglich, und das am besten auf den größten Bühnen dieses Sports. Style-Points spielen da nur eine untergeordnete Rolle. 

Körperliche Fähigkeiten bringen dich auf dieser Position nur so weit... situational Football und die Gabe, unter größtem Druck deine besten Leistungen abzurufen, trennen die richtig guten Quarterbacks von den Besten. Genauso kommen letztlich auch Titel zustande - und das ist doch genau das, wonach alle QBs streben.

Zurück zu Mahomes: Wer bei meinem Plädoyer für den "besten" Quarterback genau mitgelesen hat, wird gemerkt haben, dass jene Attribute nicht nur auf Tom Brady, sondern auch auf Patrick Mahomes zutreffen. Der Chiefs-QB ist in meinen Augen auch ohne dritten Super-Bowl-Sieg schon jetzt der zweitbeste Quarterback aller Zeiten. 

Mahomes' Fähigkeit, sein Spiel in den Playoffs nochmal auf ein anderes Level zu heben als in der Regular Season, ist faszinierend  - weder Rückstände noch Verletzungen können ihm was anhaben. Schon jetzt ist er für mich über andere Legenden wie Peyton Manning oder Joe Montana zu stellen. 

Ja, Mahomes hat aktuell fünf Super-Bowl-Siege weniger als Brady. Die Kombination aus Talent, augenscheinlicher Leichtigkeit und "Coolness under Pressure" machen Mahomes jedoch zu einem gefährlicheren Paket, als es Brady je war. Sollte er in dieser Gangart weitermachen, scheint auch der "GOAT" alles andere als unerreichbar.

2) Brock Purdy zählt nach dieser Saison zur absoluten Elite der NFL-Quarterbacks.

Peter Altmann:

Natürlich nicht! Aber tief durchatmen, liebe Purdy-Fans, das wird kein Bashing, im Gegenteil.

Ich habe diese Woche eine schönen Satz gelesen (der auch a bisserl zu These #1 passt): "Tom Brady had to win three Super Bowls before people stopped calling him a 'game manager'; how many would it take for Purdy?"

Die Purdy-Diskussion ist sowieso außer heuchlerisch nur heuchlerisch.

Brock Purdy nach dem NFC Championship Game 2024
Foto: © getty

Warum kann man ihn nicht einfach das sein lassen, was er ist? Ein noch immer unerfahrener, von allen Scouts komplett falsch eingeschätzter Shootingstar, der seine Sache verblüffend gut macht, aber noch viel zu lernen hat und deshalb halt hin und wieder ein wackliges Spiel einstreut?

Ich behaupte: Bei einem Erstrunden-Pick mit ähnlich wenig Erfahrung hyperventiliert kaum jemand, wenn etwas danebengeht - und die spielen bekanntlich oft genug keinen Deut besser.

Ich vermute, hier geht es auch viel um Neid, weil es mit so vielen Offense-Superstars um sich ja sogar für "Mr. Irrelevant" sooo leicht ist, Quarterback zu spielen. Dann reicht es ja ein "Game Manager" zu sein.

Mal abgesehen davon, dass ich nichts Schlechtes am Dasein eines Game Managers entdecken kann, wenn der ganze Spaß in einer Super Bowl endet, agiert Purdy auch nicht wie ein klassischer Game Manager.

Aber auch nicht wie ein Elite-QB. Von denen habe ich in dieser NFL-Saison aber so oder so nicht allzu viele gesehen.

Christopher Köller:

Netter Versuch, aber Elite ist Purdy bestimmt nicht - noch nicht. Und das soll jetzt auch von mir keineswegs als Kritik verstanden werden. Purdy macht einen ausgezeichneten Job und ist auch vollkommen zurecht Pro Bowler - nur Pro Bowler und Elite-Quarterbacks sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

In die Riege der Elite-Quarterbacks aufgenommen zu werden, ist härter als man denkt. Es gab bestimmt Zeiten, als sich mehr aktive Elite-QBs in der Liga tummelten, als das aktuell der Fall ist. Aber wie wird man "Elite"? Ich denke, es gibt keine bestimmten Nummern oder Meilensteine, die man erreichen muss, um in diesen Klub aufgenommen zu werden.

Die Frage ist: Bist du der Hauptgrund, warum dein Team erfolgreich ist oder nicht? Kann man diese Frage mit JA beantworten - und dein Team ist obendrein auch noch tatsächlich erfolgreich - dann bist du in meinen Augen auch "Elite".

Also ist Purdy DER Hauptgrund, warum San Francisco ein erfolgreiches Football-Team ist? Nein. Er ist definitiv ein immens wichtiger Mitgrund, aber nicht der wichtigste. Die gewöhnliche Dominanz der 49ers verlangte in den den vergangenen eineinhalb Jahren aber auch selten einen übermenschlichen Quarterback.

Spätestens seit diesen Playoffs wissen aber auch die Niners, dass ihr QB Comeback-Qualitäten besitzt. Die beiden letzten Spiele zeigten einen Purdy, der auch Widrigkeiten trotzen kann, Spiele trotz Rückstanden gewinnt, und sich vielleicht nicht immer auf die Hilfe seiner All-Pro-Mitspieler verlassen muss.

Die Kunst ist es nun, solche Auftritte auch öfter zu zeigen. Ob San Francisco seinem Quarterback aber überhaupt die Gelegenheit bieten wird, häufiger solche Situationen bewältigen zu müssen, ist wieder eine andere Frage.

3) Wenn Kansas City die Super Bowl gewinnt, ist der richtige Zeitpunkt für Andy Reid gekommen, seine Hall-of-Fame-Karriere zu beenden.

Christopher Köller:

Hier tendiere ich eher zu Nein. Zwar heißt es immer wieder, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist - aber ob es Andy Reid übers Herz bringt, die Chiefs am absoluten Höhepunkt ihres Schaffens zu verlassen? Ich bezweifle es.

Ich glaube auch, dass Reid nach wie vor zu viel Spaß am coachen hat. Ein großer Faktor ist dabei zweifelsohne Patrick Mahomes, der nicht nur der beste Quarterback ist, mit dem Reid je zusammenarbeiten durfte, sondern auch noch genau auf der gleichen Wellenlänge agiert, was die Kreativität am Spielfeld anbelangt. Dazu haben die Chiefs obendrein auch noch eine junge, hungrige Defense im Rücken, die für deutlich mehr Entlastung für Reids Offense sorgen wird als in den Jahren zuvor.

Andy Reid stellt sich den Fragen der Reporter
Foto: © getty

Ja, Reid hat auch ohne einen dritten Super-Bowl-Sieg seinen Platz in der Pro Football Hall of Fame bereits sicher, eine Legacy-Entscheidung wird der Entschluss weiterzucoachen also nicht sein. Zurückzutreten mit dem Wissen, dass noch mehr möglich wäre, bringen die ganz Großen aber nur selten zusammen.

Als warnendes Beispiel werfe ich hier Bill Walsh in die Runde. Der legendäre Head Coach trat 1988 nach seinem dritten Super-Bowl-Sieg mit den San Francisco 49ers am vermeintlichen Höhepunkt zurück und musste im folgenden Jahr dabei zusehen, wie sein Team mit einem anderen Head Coach erneut die Super Bowl gewann – eine Entscheidung, die er im Nachhinein bitter bereute, wie er später zugab.

Peter Altmann:

Im Namen von 31 NFL-Teams: Klar ist der Zeitpunkt gekommen! Auf so eine Rente arbeitet man doch sein Leben lang hin, oder? Und dieses Leben bietet doch so viel mehr als Football!

Nach den Abgängen von Bill Belichick (New England) und Pete Carroll (Seattle) ist Reid mit 65 nun der älteste Head Coach der Liga. Gerade in diesem Job ist man in der Regel ein derart Besessener, dass man ein Umfeld wie jenes in Kansas City im Normalfall nicht freiwillig verlässt. Aber wer weiß, diskutiert wird auffällig intensiv.

Geht Reid, wäre dies eine gute Nachricht für die Konkurrenz, denn ich habe meine Zweifel, dass der jeweilige Erbe nahtlos an diesen Erfolg anschließen kann – selbst wenn er von innen (Defensive Coordinator Steve Spagnuolo) oder quasi von innen (Ex-Offensive-Coordinator Eric Bieniemy) kommt. An den aktuellen OC Matt Nagy denkt nach seiner Performance bei den Chicago Bears hoffentlich ohnehin niemand. Dort ging es nach gutem Start flott bergab.

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4) Kyle Shanahan hat aus seinen Fehlern in vergangenen Super Bowls gelernt.

Peter Altmann:

Der Head Coach der 49ers ist der Andy Reid der Moderne. Ein geniales Offense-Hirn, ein famoser Playcaller, aber im entscheidenden Moment erfolglos.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Wir sprechen von Andy Reid vor 2020. Vor vier Jahren gelang es ausgerechnet im direkten Duell mit Shanahan, nach vielen Jahren der vergeblichen Anläufe erstmals die Super Bowl zu gewinnen. Und dies schoben diverse Experten auch einigen Entscheidungen des 49ers-Coaches in die Schuhe.

Kyle Shanahan nach der Super-Bowl-Pleite 2020
Foto: © getty

Unter anderem verzichtete er am Ende der ersten Halbzeit darauf, mit Nachdruck auf (zumindest) drei weitere Punkte zu gehen, die in einem engen Duell wertvoll gewesen wären.

Ob es mit einer anderen Herangehensweise anders ausgegangen wäre? Who knows!

Sehr konkrete Vorwürfe hagelte es auch nach dem historischen Kollaps der Atlanta Falcons 2017 gegen die New England Patriots, als eine 28:3-Führung noch aus der Hand gegeben wurde. Eine Schmach, die Shanahan als Offensive Coordinator mitzuverantworten hatte. Den einen oder anderen Playcall würde er mit dem Wissen von heute nicht mehr machen, gab er später zu.

Aber die Kunst ist eben, es vorher zu wissen und nicht nachher. Und diesbezüglich ist Shanahan eigentlich einer der Besten seines Fachs.

Soll heißen: Natürlich hat er daraus gelernt. Sein Playcalling wurde über die Jahre nicht schlechter, wie er im Alltag (fast) Woche für Woche beweist. Leider ist die Super Bowl nichts Alltägliches – und hier steht sein persönlicher Fluch bis zu jenem Moment, an dem er die Lombardi-Trophy in Händen hält.

Christopher Köller:

Es ist den San Francisco 49ers und deren Fans zu wünschen, dass er es getan hat. Und ich gehe auch stark davon aus, dass er es getan hat.

Super Bowls sind einfach eine andere Brut. Die Atmosphäre und der Druck sind mit keinen anderen Saisonspielen zu vergleichen. Die Erfahrung, die Shanahan aus vergangenen Super Bowls mitgenommen hat, macht ihn zu dem Coach, der er heute ist - und das ist einer der absoluten besten seines Fachs.

Und von einem der besten Coaches der NFL erwarte ich auch, dass er es schafft, Fehler zu korrigieren und die richtigen Adjustments vorzunehmen. Und das bedeutet: Seinem Play-Calling treu zu bleiben, sich nicht vor der großen Bühne der Super Bowl einschüchtern zu lassen und seinem Quarterback zu vertrauen.  

5) Die Kansas City Chiefs machen sich mit einem Super-Bowl-Sieg am Sonntag zu einer der größten drei "Dynasties" der NFL-Geschichte.

Christopher Köller:

An der Spitze ist die Luft bekanntlich dünn – mit einem etwas genaueren Blick auf die Historie würde ich aber dennoch mit Ja antworten. In meinen Augen reihen sich die Chiefs der Reid-Mahomes-Ära mit einem dritten Super-Bowl-Sieg in fünf Jahren auf Rang drei der größten Dynasties der NFL-Geschichte ein.

Travis Kelce, Chris Jones & Patrick Mahomes nach dem AFC Championship Game 2024
Foto: © getty

Vielleicht nur vorher zur kurzen Erklärung: Drei Super-Bowl-Siege innerhalb einer kurzen Zeit-Periode qualifizieren eine Franchise traditionellerweise dafür, um in die Riege der "Dynasties" aufgenommen zu werden. Zur Auswahl stehen daher die 1960er Green Bay Packers (Super-Bowl-Sieger 1966, 1967), die zwar nur zwei Super Bowls gewannen – dies waren jedoch die ersten beiden überhaupt. Davor gewannen sie in den 1960ern drei weitere NFL-Titel.

Weiters die 1970er Pittsburgh Steelers (Super-Bowl-Sieger 1974, 1975, 1978, 1979), die 1980er San Francsico 49ers (Super-Bowl-Sieger 1981, 1984, 1988, 1989), die 1990er Dallas Cowboys (Super-Bowl-Sieger 1992, 1993, 1995) und die 2000er und 2010er New England Patriots (Super-Bowl-Sieger 2001, 2003, 2004, 2014, 2016, 2018).

Die Patriots sind mit ihren sechs Titeln auf Platz eins einzementiert, dahinter wird es eng. Bei mir reiht sich Pittsburgh mit vier Super-Bowl-Siegen in sechs Jahren – und einer Armada an Hall of Famern – auf dem zweiten Platz ein. Vielleicht mag es Geschmackssache oder eine kleine Portion Recency Bias sein, die Chiefs den Packers oder den Niners, die beide mehr Titel vorweisen, vorzuziehen.

Die Konstanz, die Kansas City seit der Übernahme von Patrick Mahomes als Quarterback zeigt, gibt letztlich aber den Ausschlag. Tatsächlich erreichten die Chiefs seit 2018 stets das AFC Championship Game – ausnahmslos! Einzig New England (8) weist eine längere Serie auf. Und wer sagt denn, dass diese Serie nicht verlängert werden darf?

Peter Altmann:

Hmm, ich bin seit drei Jahrzehnten NFL-Fan, habe aber noch nie die Dynasties gerankt. Aber ich will kein Spielverderber sein.

#1 New England Patriots

#2 San Francisco 49ers – hier könnte man schon den fünften Titel in der Saison 1994 dazurechnen, wenn man die zehn Jahre Pause bei den Patriots gelten lässt.

#3 Pittsburgh Steelers – vier Titel sind mehr, als es drei wären; fünf AFC Championship Games in sechs Jahren sind auch top.

Die 49ers mit ihrer West Coast Offense und zuvor die Steelers mit dem "Steel Curtain" haben das Spiel zudem auch abseits aller Erfolge nachhaltig geprägt.

Jetzt kommt ungefähr der Bereich, wo ich die Chiefs bei einem Sieg am Sonntag einordnen würde. Von den Titeln her wären die 60er-Packers weiter vorne, und diese ganzen "Titletown"-Storys sind auch lieb, aber ehrlicherweise halte ich es in der modernen NFL für schwieriger, derart dominant zu sein, als in der Zeit vor der NFL/AFL-Fusion.

Die 90er-Cowboys habe ich als beeindruckende Supermacht in Erinnerung. Ein unglaubliches Star-Ensemble. Aber irgendwie waren sie nicht allzu lange an der Macht.

6) Sollten die San Francisco 49ers wieder nicht die Super Bowl gewinnen, müssen drastische Änderungen vorgenommen werden.

Peter Altmann:

So ein Blödsinn! Ich verstehe den Gedanken der These. Denn wenn man Jahr für Jahr kurz vor der Ziellinie scheitert, könnte man schon auf die Idee kommen, dass dieser Reflex hilft, um die letzten Meter als Erster zu schaffen. Nur: Was sind drastische Änderungen? Damit scheinen Maßnahmen wie ein neuer Head Coach, ein neuer Quarterback oder einschneidende Änderungen bei den Führungsspielern gemeint zu sein.

Der Kern dieser Mannschaft wird nicht jünger, ist aber noch nicht in einem Alter, dass nicht noch zumindest ein Anlauf drinnen ist (das gilt auch für Ü30er wie Trent Williams oder George Kittle). Kyle Shanahan ist einer der innovativsten Head Coaches der Liga – nicht umsonst sind seine Schüler in anderen Franchises so gefragt wie "Red-Bull-Trainer" im Fußball. Kurzum: Die 49ers sind so aufgestellt, dass sie noch eine Zeitlang an der NFL-Spitze mitspielen können.

Brock Purdy und 49ers-General-Manager John Lynch
Foto: © getty

Und hier rechne ich persönlich zu 100 Prozent Brock Purdy ein. In meinen Augen ist sein billiger Rookie-Contract ein riesiger Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Ein kleines Aber sei jedoch erlaubt: Sollte er in der Super Bowl total versagen, könnte man nicht gänzlich ausschließen, dass die 49ers über ein Upgrade zumindest nachdenken – und etwa beim früheren Shanahan-Schüler Kirk Cousins anklopfen, ob er sich im Austausch für die Lebenschance auf einen Super-Bowl-Ring einen teamfreundlichen Vertrag vorstellen kann.

Ich denke jedoch, dass die wahre Purdy-Entscheidung San Franciscos erst nach 2024 ansteht, wenn die erste Vertragsverlängerung fällig ist. Soll heißen: Auch bei einer Super-Bowl-Pleite reichen bei den Niners die branchenüblichen Veränderungen, die es ohnehin Jahr für Jahr gibt – und darunter fällt für mich beispielsweise die Evaluierung, ob man mit Steve Wilks den richtigen Defensive Coordinator hat. Der ist bestimmt ein guter Coach, aber wenn man eigentlich lieber ein anderes Scheme coachen würde, passt es halt möglicherweise einfach nicht. Soll vorkommen…!

Christopher Köller:

Auch ich kann dieser These nichts abgewinnen. Die Basis der San Francisco 49ers ist einfach zu kompakt, um das Projekt - überspitzt gesagt - in die Luft zu sprengen. Kyle Shanahan bleibt auch ohne Super-Bowl-Sieg einer der besten Offensive-Play-Caller der Liga, General Manager John Lynch stellt seinem Head Coach Jahr für Jahr einen Roster hin, der auf beiden Seiten des Balls mit All-Pros gespickt ist, und genau jener Roster hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass er - das von Verletzungen geplagte Seuchenjahr 2020 ausgenommen - von seiner Qualität her ein Dauergast im NFC Championship Game ist.

Die Niners haben in dieser vor der Tür stehenden Offseason keine absoluten Key-Free-Agents. Dazu hat man noch zwei weitere Jahre mit dem Schnäppchen-Vertrag von Brock Purdy vor der Brust, der es dem Team erlaubt, auf anderen Positionen mehr Geld zu investieren. Purdy hat in den vergangenen eineinhalb Jahren eindeutig mehr als genug gezeigt, um zumindest bis zum Ende seines Rookie-Vertrags der Starting-QB der 49ers zu bleiben - da kann er noch so schlecht spielen in der Super Bowl!

Die aktuelle Situation mit Purdys Vertrag ist einfach zu vorteilhaft, um in den kommenden zwei Jahren nicht nochmal in der aktuellen Konstellation All-In zu gehen. Dazu ist der 24-Jährige alles andere als ein fertiges Produkt. Auch er wird aus seinen bisherigen Erfahrungen lernen und sich weiterentwickeln - und dass nicht mehr viel zur absoluten NFL-Spitze fehlt, haben wir bereits gesehen.

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