Antonelli oder Russell? Wurz legt sich bei Weltmeister fest
Der einstige Formel-1-Pilot spricht über die neuen Regularien, den "Boom" der Formel 1 sowie die rot-weiß-rote Motorsport-Zukunft.
von Emily Konrad
Was sagt Alexander Wurz zu den neuen Regularien der Formel 1?
Mit dem Jahr 2026 veränderte sich in der Rennserie so einiges. Kleinere und leichtere Autos, nachhaltigere Hybridmotoren und flache Unterböden. "Die Umstellung ist so groß, wie sie noch nie war", meinte der Österreicher im Vorfeld der Saison.
Nun sind fünf von den aufgrund des Krieges im Nahen Osten insgesamt 22 statt 24 Rennen absolviert, nach viel Aufregung zu Beginn wurde das neue Regelwerk bereits Ende April erstmals angepasst.
Im Rahmen des Equal Racing Days am Red Bull Ring (hier nachlesen >>>) nahm sich der 52-Jährige für ein Gespräch mit LAOLA1 Zeit.
"Sehr spannende Situation"
"Wenn wir die letzten paar Rennen sehen, können wir nicht vorhersagen, wer beim nächsten Grand Prix in Monaco Favorit ist, zeigt das, dass wir in einer sehr spannenden Situation sind", so der Experte.
Am stärksten sehe "natürlich Mercedes" aus, wer im Fürstentum am Ende aber ganz oben stehen wird, lässt sich tatsächlich nur schwer vorhersagen.
Der Grand Prix in Monaco ab Freitag im LIVE-Ticker >>>
Dort kommt es vor allem auf eine perfekte Qualifikationsrunde am Samstag an, Überholen ist auf dem engen Stadtkurs zwar nicht unmöglich, bekanntlich aber alles andere als leicht. Einige sehen Ferrari als Favorit in Monaco.
"Haben den totalen Boom"
Vor allem in puncto Fanzuspruch und Einschaltquoten ist die Formel 1 derzeit auf einem absoluten Hoch: "In den letzten zwei, drei Jahren" waren die Zahlen "so stark, wie sie vorher noch nie waren". "Wir haben den totalen Boom und dementsprechend ist das Netto-Fazit immer top", bilanziert Wurz.
Doch nicht alles ist nur positiv: Nach dem heftigen Crash zwischen Franco Colapinto und Oliver Bearman in Japan gab es vor allem auf Social Media viel Aufregung und Sicherheitsbedenken rund um die neuen Regularien, ohne die dieser Unfall wohl nicht passiert wäre.
"Sicherheit ist Punkt Nummer eins"
Dazu meint Wurz: "Sicherheit ist Punkt Nummer eins, deswegen haben sich alle sofort zusammengesetzt und überlegt, wie so etwas verhindert werden kann." Zum einen trage dazu die "natürliche Verbesserung" bei, da gelegentliche Softwareprobleme bei neuen Regularien mit so großer Veränderung anfangs ab und an auftreten können.
Eine weitere große Gefahr: Regen. Hier würde man "aufpassen, dass es von der Software und der Energieaufteilung" aufgrund der schlechten Sicht "keine akuten Verlangsamungen" geben werde.
Dass man schon in so kurzer Zeit Verbesserungen erzielen konnte, würde erneut beweisen, dass die Formel 1 eine "Top-Industrie" sei.
USA-Faktor? "Sind immer noch ein Sport"
Was man außerdem beobachten kann: Der Trend in Richtung Amerika. Bereits drei Rennen - Miami, Austin und Las Vegas - werden in den USA ausgetragen, zudem sorgen die Netflix-Show "Drive to Survive" sowie der vermehrte Fokus auf Show und Entertainment für mehr amerikanischen Zuspruch.
Was Alex Wurz davon hält? "Unterm Strich sind wir immer noch ein Sport. Ich sage immer, wenn der Sport auf der Strecke Sport bleibt und wir rundherum eine große Show aufziehen, dann ist es nachhaltig und ein gutes Geschäft. Denn wenn die Formel 1 ein gutes Geschäft ist, lebt der ganze Motorsport davon. Die Teams können mehr Geld in die Nachwuchsentwicklung stecken, die Rennstrecken können, wenn sie genug Tickets verkaufen, wie am Red Bull Ring alles schön instand halten."
Solange man das Geschehen auf den Rennstrecken dieser Welt nicht "künstlich" beeinflusse, sieht der Österreicher kein Problem.
Heißes Battle bei Mercedes: "Finde es voll cool"
In der laufenden Saison liefern sich die beiden Mercedes-Teamkollegen Kimi Antonelli und George Russell ein heißes Duell um ihren jeweils ersten WM-Titel.
"Ich finde es voll cool, das erinnert mich ein bisschen an Rosberg und Hamilton oder Senna und Prost", schwelgt der Ex-Rennfahrer in Erinnerungen. Man könne "in die Menschen hineinschauen". Ähnliches Material und ähnliche Voraussetzungen würden zeigen, wie Rennfahrer mit Siegen oder Rückschlägen umgehen.
"Wir wollen sehen, dass alle nur Menschen sind. Wir wollen sie sehen, wenn sie totale Heros sind und Überleistungen bringen, aber wenn sie Fehler machen, ist es für uns Normalverbraucher schön zu sehen, dass auch sie Nerven haben und die irgendwann einmal weghauen", meint der 52-Jährige.
Weltmeister? Das ist Wurz' WM-Tipp
Und wer holt sich in diesem Jahr den Titel? "Das ist ein bisschen schwer zu sagen", grübelt Wurz. "Vor der Saison habe ich Russell gesagt, aber mit dem Lauf, den Antonelli jetzt hat, kann ich mir gut vorstellen, dass Kimi das fertig fährt."
Er legt sich fest: "Ich glaube, dass ein Mercedes-Fahrer die WM gewinnen wird. Es wird keine g'mahte Wies'n, wir sehen jetzt schon, dass das Feld zusammenrückt. Wenn du mich festnageln willst, sage ich Antonelli."
43 Punkte liegt der 19-Jährige vor Teamkollege Russell, erster Verfolger aus einem anderen Team ist Charles Leclerc (Ferrari) mit bereits 56 Zählern Rückstand. WM-Stand >>>
Und Österreichs nächster Formel-1-Fahrer?
Jochen Rindt, Niki Lauda oder Gerhard Berger - Österreich hatte tatsächlich schon einige erfolgreiche Formel-1-Piloten. Christian Klien ist jener heimische Sportler, der 2010 als letzter Österreicher bei einem Formel-1-Grand-Prix an den Start ging. Doch wie sieht es aktuell aus?
"Wir müssen uns als Nation sputen", meint Wurz. Der Weg in die Formel 1 ist bekanntlich ein kostspieliges Vergnügen. Andere Nationen mit hoher Unterstützung und erfolgreicher Wirtschaft können jungen Talenten deutlich mehr ermöglichen.
"Ich weiß von anderen Ländern, die systematisch an die Sache Motorsport und Formel 1 herangehen. Sie beginnen die Nachwuchsförderung von ganz früh an, um diese weltweite Medien- und Werbewirkung eines nationalen Heros zu haben", erklärt er.
Wie steht es um Sohn Charlie Wurz?
Auch seine eigenen Söhne Charlie und Oscar haben ihre Begeisterung für den Motorsport gefunden. Seit 2026 ist Charlie als Toyota-Werksfahrer in der japanischen Super Formula unterwegs.
Sein Sohn hat sich auf der Rennstrecke bereits mit aktuellen Formel-1-Fahrern wie Antonelli, Oliver Bearman (Haas), Isack Hadjar (Red Bull Racing) und Arvin Lindblad (Racing Bulls) gemessen.
Aber: "Er ist bis jetzt nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz gesessen. Aber er hat noch zwei, drei Jahre, um dieses Thema Formel 1 und die Hoffnung absolut offen zu haben."
Man darf also gespannt sein, wann ein Formel-1-Cockpit wieder von einem Österreicher oder gar einer Österreicherin besetzt wird.