Alex Wurz: "Dramatischer Wandel im Motorsport"

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Die Formel-1-Saison 2019 ist bereits Geschichte, die Piloten und Teams längst im verdienten Urlaub. Zeit für Alexander Wurz, ein Fazit über die abgelaufene Saison zu ziehen.

"Ich bin am meisten überrascht über den enormen Fortschritt von Honda, der für die Formel 1 ganz wichtig war. Zum Saisonende wusste kein Experte mehr, wer für die Pole oder den Rennsieg Favorit ist. Es wurde wieder sehr spannend. Das zeigt, wie weit der Bogen der Formel 1 geht. Von Langeweile bis zu super coolen Rennen", meint der ORF-Experte.

Im Interview mit LAOLA1-Kolumnist Gerhard Kuntschik spricht Wurz, der auch Präsident der GP-Fahrervereinigung GPDA, Toyota-Konsulent und Teststrecken-Bauer ist, auch über seine Erwartungen für die Saison 2020, den Elektro-Rennsport, die Langstrecke und erklärt, warum Europa im Motorsport gegen Asien massiv verlieren wird.

LAOLA1: Wie beurteilst du die abgelaufene F1-Saison? War alles programmgemäß oder gab es Überraschendes für dich?

Alexander Wurz: Ich hatte schon auf Überraschungen gehofft, und die gab es auch. Ich bin am meisten überrascht über den enormen Fortschritt von Honda, der für die Formel 1 ganz wichtig war. Zum Saisonende wusste kein Experte mehr, wer für die Pole oder den Rennsieg Favorit ist. Es wurde wieder sehr spannend. Das zeigt, wie weit der Bogen der Formel 1 geht. Von Langeweile bis zu super coolen Rennen. Man sieht, dass alle Bestrebungen, die Teams nahe zusammen zu bringen, gefördert gehören. Wenn der Sport gut und authentisch ist, ist er auch gut zu vermarkten. Das sahen wir zum Saisonende hin. In diesem Sinn ist ja auch das Reglement ab 2021, die Teams werden wieder näher zusammenrücken.

LAOLA1: Was wird 2020 bei Ferrari passieren?

Wurz: Da bräuchte ich eine Kristallkugel. Ich hoffe, Ferrari ist voll dabei und sorgt für Spannung.

LAOLA1: Sebastian Vettel hat eine schwierige Saison hinter sich. Ist er noch voll motiviert?

Wurz: Absolut. Er hatte ein Tief, weil er sich im Auto und mit den Reifen nicht wohlfühlte, aber er erholte sich. Er rückte Leclerc wieder näher und ist wieder hungrig. Das merkte ich in persönlichen Gesprächen ganz klar. Er hat noch immer enorme Kapazitäten.

LAOLA1: Wird Lewis Hamilton 2020 Michael Schumacher mit seinem siebenten Titel einholen?

Wurz: Ich glaube ja, aber es wird schwierig, weil ihm Verstappen das Leben schwer machen wird. Es wird keine "gmahte Wiesn".

LAOLA1: Was traust du Verstappen zu?

Wurz: Er kann Weltmeister werden - mit der Form und der derzeitigen Gruppendynamik bei Red Bull Honda. Das ist für den Sport eine tolle Konstellation.

LAOLA1: Wer ist dein Rookie des Jahres?

Wurz: Lando Norris, auch wenn ich die Leistung von Alex Albon nicht schmälern will.

LAOLA1: Du hast seit Sommer keine Funktion mehr bei Williams. Wie erklärst du diese schwache Form und den großen Rückstand des einstigen Top-Teams auf die Konkurrenz?

Wurz: Es wäre jetzt nicht fair, darüber zu urteilen, aber eines ist im Rennsport klar: Die Stoppuhr lügt nicht und sie zeigt dir deine Arbeit und deren Qualität. Es liegt an Williams, zu erforschen, was schiefgegangen ist und was man ändern muss. Ich habe meine Meinung dazu, werde die aber in keinem Interview kundtun.

LAOLA1: Mit der schlechten Performance von Williams ist auch eine Beurteilung von Rookie George Russell und F1-Rückkehrer Robert Kubica schwierig. Wir beurteilst du die beiden?

Wurz: Für George war es dennoch ein gutes Jahr, weil er keinen Druck hatte und von Robert, der ein exzellenter Entwickler ist, lernen konnte. Für George ist es wichtig, bald in ein Team zu kommen, das auf hohem Niveau fährt oder in extremer Aufwärtsdynamik ist. Er muss halt bereit sein, wenn in einem Top-Team ein Platz frei wird. Aber exakt sind seine Fähigkeiten, z. B. beim Überholen, nicht einzuschätzen, weil er ja heuer in einer eigenen Kategorie fuhr. Vor Robert ziehe ich meinen Hut, dass er die Rückkehr schaffte, er hatte Probleme mit dem Material. Was er menschlich schaffte, ist für mich sensationell.

"Ich sehe einen dramatischen Wandel in der Motorsportkultur. Bisher waren die großen Talente fast immer Europäer, meist aus den 'klassischen' Ländern. Österreich war da auch lang dabei. Wenn ich jetzt bei den wichtigen internationalen Kart-Meisterschaften zusehe, sehe ich eine Welle aus Asien, vor allem China, und Russland auf uns zukommen."

LAOLA1: Siehst du in Österreich ein Talent mit Formel-1-Zukunft?

Wurz: Ich sehe einen dramatischen Wandel in der Motorsport-Kultur. Bisher waren die großen Talente fast immer Europäer, meist aus den "klassischen" Ländern. Österreich war da auch lang dabei. Wenn ich jetzt bei den wichtigen internationalen Kart-Meisterschaften zusehe, sehe ich eine Welle aus Asien, vor allem China, und Russland auf uns zukommen. Dort gibt es Förderprogramme von Staatsseite mit Unterstützung großer Unternehmen. In Europa gibt es das nicht mehr, da regiert nur mehr der Sparefrohgedanke. Das wird auch immer mehr die Technik und die Zulieferbranche betreffen. Die Spitze des Technologie-Eisbergs ist nicht mehr in Europa, sondern in Asien. Als Europäer werden wir verlieren, das betrifft auch die Japaner, die von den Chinesen überrollt werden. In einigen Jahren werden wir etliche Chinesen und Russen in der Formel 1 oder sonstigen Top-Serien erleben.

LAOLA1: Was bleibt dann für Europa?

Wurz: Europa wird ein Disneyland für Touristen. Wir verlieren Brainpower und Produktionsvorteile, das ist nicht mehr zu stoppen. Es wird nur mehr über Rechte diskutiert, keiner redet aber über Pflichten in Staat und Gesellschaft. In "Entwicklungsländern" wird nicht über Überstunden verhandelt, da geht es darum, ein Projekt abzuschließen.

LAOLA1: Angesichts der Entwicklung der Autobranche stellt sich die Frage: Ist die Rennsport-Zukunft nur noch elektrisch? Formel E über alles?

Wurz: Da könnte man nach langem Philosophieren ein Buch schreiben. Ich glaube, es gibt weder ein A noch B noch C. Die Formel E ist definitiv interessant mit toller Dynamik, die den sozialpolitischen Zeitgeist trifft. Ob die Formel E die Spitze im Motorsport wird, ist mir egal, solange der Motorsport seinen hohen Stellenwert in der Gesellschaft behält. Motorsport ist nach wie vor ein Top-Ereignis mit enormen Reichweiten. Wenn das bleibt, ist es egal, welche Antriebsform angewandt wird.

LAOLA1: Bei Toyota bist du nach wie vor der "Konsulent" mit viel Mitsprache. Ist die Situation Toyotas in der Langstrecken-WM WEC angesichts der technischen Einschränkungen im Sinne der Ausgeglichenheit frustrierend?

Wurz: Das ist eben das Reglement, das auch Toyota akzeptiert hat, mit allen Handicaps. Je mehr du gewinnst, desto mehr wirst du "eingebremst" – in unserem Fall durch Energieentzug und nicht durch Zusatzgewicht, denn das würde aus Sicherheitsgründen nicht mehr gehen.

LAOLA1: Ist das kommende Hypercar-Reglement ab der Saison 2020/21 eine gute Lösung? Begrüßt du den Einstieg von Aston Martin und Peugeot in diese neue Top-Kategorie?

Wurz: Ja, ich finde dieses Reglement gut, nicht nur, weil ich einer der Ersten war, der dies im Gespräch mit Gerard (Neveu, Promotor des WEC) in Monaco anregte. Schade ist nur, dass es so lange dafür gebraucht hat. Mit den Neueinsteigern und noch einigen weiteren Privatteams wird das die Serie neu beleben.

LAOLA1: Wie wird der Toyota dafür aussehen?

Wurz: Wir haben ja das Konzept "GRX" angekündigt, aber es gibt noch keine Details. Vom GRX wird dann eine Straßenversion abgeleitet.

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Textquelle: © LAOLA1.at

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