Dieser Blick auf das aktuelle Fußballgeschehen soll weitestgehend ohne Bewertung und Beurteilung der Rahmenbedingungen der FIFA auskommen. Auch der Turniermodus und seine Auslosung, die Werbepausen, die Hydration Breaks genannt werden, etc. sind kein Thema.
Vielmehr geht es um die Entwicklung des Spiels. Um die Killer und Game Changer auf dem Platz.
Die WM der Killer und Game Changer
Die Frage, wer die Garanten des Erfolgs sind, ist sicher die spannendste. Nach dieser WM lässt sich diese Antwort einfach zusammenfassen. Wenn die Strukturspieler funktionieren, ist man konkurrenzfähig. Wenn man auch noch Game Changer bzw. Killer in der Mannschaft hat, ist man titelfähig.
Wer sind die Game Changer bzw. Killer und wer sind die Strukturspieler bzw. System-Träger?
Vier Kategorien
Wenn man die Spieler in 4 Kategorien bewertet, erhält man die Antwort.
Die erste Kategorie ist der Wert der Expected Goals und der Expected Assists. Übersetzt heißt das, der Wert durch erzielte Tore und herausgespielte Chancen bzw. letzte und vorletzte Pässe.
Die zweite Kategorie ist der Wert des Spielaufbaus und des daraus resultierenden Raumgewinns. Wie viele progressive Pässe und Ballvorstöße liefert der Spieler?
Die dritte Kategorie ist die Defensivwirkung des Spielers. Wie sehr sinkt der gegnerische Wert der Expected Goals und Expected Assists, wenn dieser Spieler spielt?
Die vierte Kategorie ist die Team-Stabilität. Wie hoch ist der Punkteschnitt des Spielers pro Spiel und wie ist das Torverhältnis, wenn er am Platz steht?
Fazit: Es gibt die so genannten Killer und Game Changer, wie den Argentinier Lionel Messi, den Franzosen Kylian Mbappe, den Norweger Erling Haaland, den Engländer Harry Kane und Mikel Oyarzabal aus Spanien, die durch ihren hohen Wert in der Kategorie 1 jedes Team durch die letzten Schritte zum Torerfolg stabilisieren.
Aber es gibt sehr wenige davon. Die meisten Länder haben keinen, die wenigsten haben zwei oder mehr. Genau genommen nur Frankreich, England und natürlich Spanien. Zu Mbappe kommt noch Ousmane Dembele, zu Kane gesellt sich Jude Bellingham und zu Oyarzabal niemand Geringerer als Lamine Yamal. Nicht zuletzt aus diesem Grund waren die vier Halbfinalisten Frankreich, Spanien, England und Argentinien.
Englands Mauer und Argentiniens hässliche Fratze
Der große Favorit Frankreich konnte jedoch im Halbfinale doch etwas überraschend seine Offensive nicht zur Geltung bringen und biss sich an der spanischen Defensive die Zähne aus. Zudem zeigten die Iberer, dass sie sogar noch einen Tick ballsicherer als die Equipe tricolore sind und erreichten hochverdient das Finale.
Im zweiten Halbfinale hat England mit einer halsbrecherischen Mauertaktik nach dem 1:0 gegen Argentinien versucht, die Führung über die Zeit zu bringen. In ihrer vielleicht besten halben Stunde des Turniers bewiesen die Argentinier aber, dass das gegen sie nicht reicht und zogen so verdient in das Finale ein, auch wenn sie vor allem schon zu Beginn des Halbfinales mit vollkommen überzogener Härte viele Sympathien verspielten.
Im Finale gegen Spanien zeigten die Gauchos ebenfalls ihre hässlichste Fratze, dieses Mal von Anfang bis Ende. Dreckige, hinterhältige Fouls, ständiges Nachtreten und maßlos übertrieben harte Zweikämpfe. Mit angemessen eingestellten Schiedsrichtern wäre es fragwürdig gewesen, ob Argentinien das Spiel mit der Mindestanzahl von 7 Spielern hätte beenden können. Der Weltmeister heißt also völlig zurecht und Gott sei Dank Spanien.
Nicht nur die sichtbarsten Spieler
Und es gibt die Strukturspieler bzw. System-Träger, die zwar durch- oder unterdurchschnittliche Werte in der Kategorie 1 aufweisen, aber sehr gute bzw. überdurchschnittliche Werte in einer oder mehreren der anderen 3 Kategorien, wie z.B. Martin Ödegaard aus Norwegen, der Engländer Declan Rice oder allen voran die Spanier Rodri, der mit einer Passquote von 94% (753 Pässe von 803 gespielten Pässen erreichten ihr Ziel) zurecht zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde, und Pau Cubarsi, der mit 19 Jahren die spanische Defensive zur erfolgreichsten der Welt stabilisiert hat.
Die wichtigsten Spieler sind also nicht nur die sichtbarsten, sondern die, deren Abwesenheit die Teamwahrscheinlichkeit zu gewinnen, am stärksten verändert.
Ehemalige Killer
Nahezu unmöglich, den Titel zu gewinnen, wird es allerdings dann, wenn die ehemaligen Killer ihren giftigen Biss längst verloren haben, wie es z.B. bei Portugal mit Cristiano Ronaldo und Brasilien mit Neymar Jr. der Fall war, aber den Platz nicht räumen wollen.
Ganz im Gegensatz zu Lionel Messi, der der ganzen Welt gezeigt hat, dass er auch im zarten Alter von 39 vielleicht noch immer der beste Spieler der Welt ist, da er sein Spiel auf Weltklasseniveau verändern konnte. Vom weltbesten Dribbler wurde er auch zum weltbesten Vorbereiter. Aber nur, wenn er was tut.
Im Halbfinale gegen England reichten 30 überragende Minuten, gekrönt von der Flanke zum 2:1-Siegtreffer. Gegen Spanien im Finale fand Messi aber nicht statt, in diesem, vielleicht seinem letzten Spiel für die Albiceleste, erinnerte seine Laufleistung auch eher an die Leichtathletikdisziplin "5 km Gehen".
Und wenn er keine Tore schießt und auch keine vorbereitet, ist sein Wert für das Spiel doch sehr in Frage zu stellen, da er ohnehin kaum bis gar nicht in der Defensive am Spiel gegen den Ball teilnimmt. Im Finale hat Argentinien nach der Roten Karte gegen Fernandez in der 93. Minute daher gefühlt mit zwei Spielern weniger verteidigt.
Überragender Messi
Dennoch hat Messi mit 8 Toren und 4 Vorlagen in 8 Spielen noch einmal eine überragende WM gespielt. Nun muss Messi aber als Vizeweltmeister abtreten.
Zudem ist es ihm auch nicht vergönnt, als ewiger WM-Rekordtorschütze in den Urlaub zu fahren. Kylian Mbappe entriss ihm im Freundschaftsspiel um den 3. Platz diesen Titel mit 2 Toren bei der 4:6-Niederlage gegen England und hat mit 22 Toren nun eines mehr als Messi.
Aber kommen wir noch einmal zu den inzwischen zahnloseren Killern.
Ronaldos Trampelpfad und Neymars Arthrose
Niemand hat Interesse daran, die unglaubliche Weltkarriere von Cristiano Ronaldo zu beschmutzen, denn welch großartige Leistung er über mehr als 20 Jahre auf allerhöchstem Niveau vollbracht hat, verdient jeden Respekt.
Auch das Standing von Neymar Jr. in der brasilianischen Nationalmannschaft, bevor ihm 2014 der Kolumbianer Juan Zuniga die Lendenwirbelsäule zerschmettert hat, ist unbestritten. Dennoch gilt es zu erkennen, ob man über dem Zenit seiner Leistungsfähigkeit noch konkurrenzfähig ist oder nicht.
Gerüchten zufolge sollen die Greenkeeper immer noch damit beschäftigt sein, den Trampelpfad zu vertikutieren, den Ronaldo zwischen Sechzehner und Mittellinie hinterlassen hat. Aber immerhin konnte er gegen überforderte Usbeken und mit einem Elfmeter gegen Kroatien trotzdem noch 3 Tore erzielen.
Bei Neymar Jr. war es daher noch dramatischer. Es gibt ungesicherte Überlieferungen darüber, dass Neymar Jr. in dem kurzen Gespräch vor der Ausführung des Elfmeters den norwegischen Torwart Nyland darum gebeten haben soll, doch bitte Rücksicht auf seine fortschreitende Arthrose zu nehmen und dementsprechend ins andere Eck zu fliegen.
Die Tränen Neymars nach dem Abpfiff konnte er dennoch nicht verhindern, obwohl er ihm seinen letzten Wunsch erfüllte. Für alle, die sich nun fragen, wie man zu solchen Informationen kommt: Gar nicht, sie sind frei erfunden.
Trainerleistungen und Mannschaftscharakter
Bleibt noch die Frage nach den Leistungen der Trainer und dem damit eng verbundenen Charakter einer Mannschaft. Vor allem dann, wenn kein high performender Killer an Bord ist, kann eine Mannschaft nur durch eine geschlossene und intelligente Mannschaftsleistung konkurrenzfähig sein.
Die Rolle des Trainers gewinnt hier zwar an Bedeutung, aber ohne Killer schwindet die Chance auf den Titel.
Deshalb liegt der Verdacht nahe, dass sich der Fußball seit der niederländischen Revolutionierung mit dem sogenannten "Totaalvoetbal", mit dem man sich 1974 bis ins Finale gegen Deutschland spielte, mit der Raumdeckung des AC Milan Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre, die unter Arrigo Sacchi perfektioniert wurde und mit der heutigen taktischen Flexibilität und Intensität dieser Elemente auf ein taktisches Plateau entwickelt hat.
Die Zeit des Kollektivs
Noch heute gilt der niederländische Fußball von damals mit seinem Begründer Johann Cruyff als der beste seiner Zeit. Noch heute gelten die Prinzipien der Raumdeckung von Arrigo Sacchi. In der Zeit vor diesen taktischen Entwicklungen waren die Killer meist spielentscheidend.
In den 90igern und 2000ern kam die Zeit des Kollektivs. Obwohl es immer noch außergewöhnliche Einzelspieler gab, war das Motto oft "Der Star ist die Mannschaft". Trainervorreiter im taktischen Bereich, wie z.B. Ralf Rangnick, waren mit durchschnittlichen Mannschaften, was die Einzelspieler anbelangt, sehr erfolgreich, was seine Durchmärsche mit dem SSV Ulm oder mit der TSG Hoffenheim von der dritten deutschen Liga in die erste Bundesliga zeigten.
Wer geht für den Trainer durchs Feuer?
Die Trainer auf höchstem Niveau, wie bei dieser WM, sind mittlerweile alle taktisch hochqualitativ geschult und deshalb sind es nun am Plateau der taktischen Ausgereiztheit nach bestehendem Regelwerk also wieder die Einzelspieler, die Killer, die vermehrt das Zünglein an der Waage sind.
Die Leistung des Trainers ist also hauptsächlich daran zu messen, ob er eine Mannschaft zusätzlich zur taktischen Marschroute auch charakterlich formen kann und die Mannschaft nicht zuletzt auch für ihn durchs Feuer geht.
Deutscher Katzenjammer
In Deutschland ist der Katzenjammer groß und es wird nicht nur die VAR-Entscheidung beim vermeintlichen Treffer zum 2:1 in der Verlängerung gegen Paraguay in Frage gestellt.
War es für die Mannschaft gut, Baumann gegen Neuer austauschen? War es vertretbar, Kapitän Kimmich den rechten Außenverteidiger spielen zu lassen, nur um ihn in der Mannschaft zu halten? War es leistungsgerecht, stoisch an Leroy Sane festzuhalten? Welchen Einfluss auf den Charakter einer Mannschaft hat ein dünnhäutiger Trainer Julian Nagelsmann, der gefühlt auf jede Reporterfrage genervt und mit einer gewissen Arroganz reagiert?
Jürgen Klopp hat in seinen Vereinsstationen bewiesen, dass er Mannschaften auf den Platz bringen kann, die auch für ihn durchs Feuer gehen. Mal sehen, ob es ihm wieder gelingt, wenn er deutscher Bundestrainer wird, aber jetzt wird in Deutschland vermutlich erstmal jeder Stein umgedreht. Vor allem auch in der Ausbildung der Nachwuchskicker.
Und Österreich?
Wie sieht es in Österreich aus? Trainer Ralf Rangnick haderte wohl damit, dass man so früh in der K.o.-Phase auf ein derartiges Kaliber wie Spanien getroffen ist.
Nach einer überraschend aufreibenden Schlacht gegen Algerien, da sie trotz des Umstandes, dass vor dem Spiel beiden Mannschaften ein Unentschieden zur Erreichung der maximal möglichen Ziele verholfen hätte, zustande kam, war Spanien im Sechzehntelfinale in allen Belangen, leider auch in den körperlichen, überlegen.
Dies nur auf das kräftezehrende Spiel gegen Algerien zu beziehen, reicht sicher nicht.
Rangnick hat daher schon verlauten lassen: "Wenn nicht irgendwo einer mit österreichischen Vorfahren auftaucht, den wir bisher nicht kennen, werden wir in zwei Jahren noch mit den Spielern spielen, die wir jetzt haben. Ich schaue viele Spiele der U17, U19, U21 - ich sehe niemanden, der in den nächsten zwei Jahren in die Fußstapfen treten könnte."
Quo Vadis Fußball?
Und damit wären wir wieder bei der ewig aktuellen Frage nach einem Großturnier: Quo vadis Fußball?
Wo sind die Jungstars, die nicht nur konkurrenzfähig sind, sondern auch den Unterschied auf höchstem Niveau ausmachen können? Liefert die Ausbildung der Talente zu viele "Spieler von der Stange"? Stromlinienförmig und datenbasiert ausgebildet in Technik, Taktik und Athletik und durchgeformt in der Medienschulung.
Verbessern wir zwar so vielleicht das Gesamtniveau, was Laufleistung und brave Aufgabenerfüllung im technisch-taktischen Bereich anbelangt, verhindern aber auch die Entwicklung von mehr Killern und Game Changern und besonderen Spielern?
Der Zauber des Spiels
Die besonderen Spieler haben den Fußball über viele Jahrzehnte geprägt und deshalb ist der Fußball heute weltweit noch immer „the great game“. Aber läuft der Fußball Gefahr, diesen Status zu verlieren? Ist die Zeit der Fußballromantiker vorbei?
Wenn man sich die herausragenden Spieler der vergangenen WMs anschaut, wird eine unglaubliche Vielfalt an Spielertypen und Persönlichkeiten und ihrer Geschichten erkennbar.
Die Frage nach den heutigen Pelés, Maradonas, Cruyffs, Beckenbauers oder Laudrups (Anmerkung: die Rede ist von Michael) bleibt dabei nicht nostalgisch gemeint, sondern strukturell.
Game Changer innerhalb der Ordnung
Natürlich gibt es herausragende Spieler, wie die aktuellen Game Changer Messi, Mbappe, Haaland, Kane oder Yamal. Aber die Frage ist, ob das System noch Raum für echte Abweichung lässt.
Früher entstanden diese Spieler im Spiel gegen die Ordnung. Heute entstehen sie oft innerhalb der Ordnung.
Akademischer Einheitsbrei
Die Akademien produzieren keine Einheitsmenschen im negativen Sinn – aber sie produzieren Spieler, deren Kreativität immer schon durch Effizienz gefiltert wird. Nahezu jeder Laufweg, jede Entscheidung, jede Aktion ist eingebettet in eine taktische Logik.
Die Plattform zu bieten, dass sich Spieler dementsprechend entwickeln können, ist die hohe Kunst der Nachwuchstrainer.
Ob die derzeitige Entwicklung den Fußball dahingehend attraktiver macht oder ob es vielleicht doch ein Umdenken braucht, wird die Zukunft zeigen, denn eines darf nicht passieren, der Fußball darf seinen Zauber und das Potential für das Unerwartete und Besondere nicht verlieren.
Und er braucht wieder mehr besondere, einzigartige Spieler. Mehr Killer.