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Wie die Heim-WM Kanada verändern könnte

Kanada ist Co-Gastgeber der WM 2026. Doch wie groß ist die Euphorie tatsächlich? Und was traut man Jesse Marsch und Co. zu? Zwei kanadische Top-Journalisten geben Einblick.

Wie die Heim-WM Kanada verändern könnte Foto: © IMAGO/Agencia-MexSport/Propaganda Photo/KI

Wenn am 11. Juni die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 mit dem Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika (ab 21:00 Uhr im LIVE-Ticker) beginnt, startet das größte Fußballturnier der Geschichte.

48 Nationen, 104 Spiele und erstmals drei Gastgeberländer: USA, Mexiko und Kanada.

Aus kanadischer Sicht beginnt das Turnier am 12. Juni in Toronto gegen Bosnien-Herzegowina (ab 21:00 Uhr im LIVE-Ticker).

"Das Land freut sich auf das Turnier", sagt Neil Davidson, kanadischer Sportjournalist vom "Globe and Mail".

Zwar habe es Diskussionen über die Kosten der Veranstaltung und die hohen Ticketpreise gegeben, doch je näher der Anpfiff rücke, desto stärker würden die Kanadier die Weltmeisterschaft annehmen.

Längst kein Nischensport mehr

Kanada gilt traditionell nicht als Fußballnation. Eishockey und Lacrosse genießen nach wie vor einen besonderen Stellenwert. Nach dem enttäuschenden vierten Platz bei der Eishockey-WM Ende Mai richtet sich der Blick nun aber endgültig auf die Fußball-Nationalmannschaft.

Von einer allgegenwärtigen WM-Euphorie möchte John Molinaro dennoch nicht sprechen.

"Ich würde nicht sagen, dass die WM nur in Fußballkreisen ein Thema ist, aber sie ist auch noch kein Teil des Alltags", erklärt einer der renommiertesten Fußballjournalisten des Landes.

Kanadas Frauen als Fußball-Vorreiter

Dass der Fußball heute deutlich relevanter ist als noch vor wenigen Jahren, hat laut beiden Experten vor allem mit den gestiegenen Leistungen der Nationalteams zu tun.

"Immer mehr kanadische Spieler stehen bei europäischen Topklubs unter Vertrag, etwa Alphonso Davies bei Bayern München oder Jonathan David bei Juventus", sagt Molinaro.

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Das kanadische Frauen-Nationalteam holte 2021 Olympia-Gold
Foto: ©imago images / Bildbyran

Davidson verweist zusätzlich auf die Erfolge der Frauen-Nationalmannschaft. Die Kanadierinnen gewannen 2021 Olympia-Gold, 2012 sowie 2016 jeweils olympische Bronzemedaillen und zählen seit Jahren zur Weltspitze. Der Erfolg der Frauen habe wesentlich dazu beigetragen, Fußball im Land sichtbarer zu machen.

Die WM 2022 veränderte alles

Ein entscheidender Wendepunkt war die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar.

Erstmals seit 1986 gelang Kanada wieder die Teilnahme an einer WM-Endrunde. Auch wenn die Mannschaft damals alle drei Gruppenspiele gegen Belgien, Kroatien und Marokko verlor, veränderte das Turnier die Wahrnehmung des Teams nachhaltig.

"Die WM-Teilnahme war sehr wichtig und hat viel Momentum geschaffen", sagt Molinaro. Als Beleg nennt er unter anderem den überraschenden Halbfinaleinzug bei der darauffolgenden Copa America 2024.

"Das ist die talentierteste kanadische Mannschaft aller Zeiten"

John Molinaro, kanadischer Journalist

Auch Davidson sieht die Katar-Reise als Schlüsselmoment: "Nicht viele Kanadier hatten erwartet, dass sich die Mannschaft überhaupt qualifizieren würde. Allein die Teilnahme hat das Ansehen des Teams und der Spieler enorm gesteigert."

Hinzu kommt die Erfahrung. Insgesamt 13 Spieler des aktuellen WM-Kaders waren bereits 2022 dabei und wissen, was sie bei einer Weltmeisterschaft erwartet.

Ein Team als Spiegelbild Kanadas

Die Entwicklung des Fußballs in Kanada ist eng mit der Einwanderungsgeschichte des Landes verbunden.

"Immigranten haben eine wichtige Rolle beim Wachstum des Sports gespielt", betont Molinaro.

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Alphonso Davies und Jonathan David: Die zwei besten Fußballer des Landes haben Migrationshintergrund
Foto: ©IMAGO/Cover-Images/Eyepix Group

Und tatsächlich spiegelt die Nationalmannschaft die Vielfalt Kanadas wider. 21 der 25 Spieler aus dem WM-Kader bringen einen Migrationshintergrund mit. Jonathan Davids Eltern stammen beispielsweise aus Haiti, Alphonso Davies wurde als Sohn liberianischer Eltern in einem Flüchtlingslager in Ghana geboren.

Kanada zählt weltweit zu den Ländern mit den höchsten Einwanderungsraten. Fast ein Viertel der Bevölkerung wurde im Ausland geboren.

"Früher unterstützten viele Kanadier bei Weltmeisterschaften jene Nationen, zu denen sie familiäre Verbindungen hatten", erklärt Davidson. Nun könne man erstmals in größerem Ausmaß die eigene Nationalmannschaft anfeuern.

Jesse Marsch als Publikumsliebling

An der Seitenlinie steht mit Jesse Marsch ein Trainer, der in Österreich bestens bekannt ist.

Der ehemalige Salzburg-Erfolgscoach übernahm die Nationalmannschaft im Mai 2024 und führte sie bei der Copa America auf Anhieb bis ins Halbfinale.

In Kanada genießt der US-Amerikaner hohes Ansehen.

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Jesse Marsch genießt im Land hohe Popularität
Foto: ©IMAGO / Icon Sportswire

"Er wird sehr positiv wahrgenommen, weil er den Spielerkader verbreitert, jungen Spielern Chancen gegeben und einige Doppelstaatsbürger für Kanada gewonnen hat", erklärt Molinaro, der damit auf die Einbürgerungen der beiden Defensivspieler Alfie Jones und Niko Sigur anspielt.

Für zusätzliche Sympathien sorgte Marsch mit seiner Kritik an Aussagen von US-Präsident Donald Trump, der Kanada wiederholt als möglichen "51. Bundesstaat" bezeichnet hatte.

"Viele Kanadier mochten seine Reaktion darauf", sagt Davidson. Auch Marschs Darstellung der Nationalmannschaft als "People's Team" sei im Land gut angekommen.

Die Hoffnung auf den ersten WM-Sieg

Sportlich sind die Erwartungen so hoch wie nie zuvor.

1986 verlor Kanada bei seiner ersten WM-Teilnahme alle drei Gruppenspiele ohne eigenes Tor. Auch 2022 blieb man sieglos, wenngleich Alphonso Davies gegen Kroatien den ersten kanadischen WM-Treffer überhaupt erzielte.

2026 soll nun Geschichte geschrieben werden.

"Das ist die talentierteste kanadische Mannschaft aller Zeiten", sagt Molinaro. Die Erwartung sei klar: "Der erste WM-Sieg und der Einzug in die K.-o.-Phase."

Auch Davidson sieht das Sechzehntelfinale als realistisches Ziel. Idealerweise sogar als Gruppensieger der Gruppe B mit Bosnien-Herzegowina, Katar und der Schweiz als Gegner.

Sorge um Alphonso Davies

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Bayern-Star Alphonso Davies verletzte sich Anfang Mai in der Champions League
Foto: ©IMAGO / Beautiful Sports International

Allerdings besteht aktuell Grund zur Sorge. Vor allem die Verletzung von Kapitän Alphonso Davies beschäftigt das ganze Land. Der Bayern-Star wird das Auftaktspiel gegen Bosnien-Herzegowina aller Voraussicht nach verpassen.

Neben Davies ruhen die Hoffnungen vor allem auf Jonathan David. Der 26-jährige Stürmer wechselte 2025 zu Juventus Turin und ist mit 39 Treffern in 76 Länderspielen bereits Rekordtorschütze Kanadas.

Als möglichen "Break-out Star" nennen beide Journalisten Mittelfeldspieler Ismael Kone von Sassuolo Calcio.

"Kone erinnert mich ein bisschen an Patrick Vieira", ist Molinaro vom physischen Paket des 23-jährigen überzeugt.

Mit Moiso Bombito vom OGC Nizza verfüge man grundsätzlich noch über einen zweiten hochveranlagten Spieler.

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Serie A-Legionär Ismael Kone könnte einer der Shootingstars der WM werden
Foto: ©IMAGO / Beautiful Sports

"Bombito bildet den Anker in der Abwehr. Wenn er vollständig fit ist, ist er ein Weltklasse-Verteidiger", schwärmt Davidson vom 26-jährigen Frankreich-Legionär, der die WM allerdings wegen eines nicht vollständig auskurierten Unterschenkelbruchs verpassen wird.

Nur 13 Spiele – trotzdem ein echter Gastgeber

Lediglich 13 der insgesamt 104 WM-Spiele finden in Kanada statt. Trotzdem fühlt sich das Land laut den Experten nicht wie ein Gastgeber zweiter Klasse.

"Es gibt sehr viel Aufmerksamkeit im Land. Das ist ein riesiger Moment für den kanadischen Fußball, deshalb fühlt es sich definitiv wie eine echte Heim-WM an", sagt Molinaro.

Auch Davidson glaubt nicht, dass die vergleichsweise geringe Anzahl an Spielen noch ein Thema ist. Die Kanadier würden sich vor allem auf den Turnierstart freuen.

"Eine Heim-WM kann den Stellenwert des Sports nur erhöhen und einer neuen Generation Vorbilder geben"

Neil Davidson

Zumal neben den Spielen der eigenen Nationalmannschaft auch zahlreiche weitere Nationen in Kanada gastieren werden. Deutschland trifft etwa in Toronto auf die Elfenbeinküste, Australien spielt in Vancouver gegen die Türkei. Insgesamt findet in sechs verschiedenen Gruppen zumindest ein Spiel auf kanadischem Boden statt.

Die WM als Chance für die Zukunft

Langfristig könnte die Heim-WM dem Fußball in Kanada einen weiteren Schub verleihen.

Große Infrastrukturprojekte erwartet Molinaro zwar nicht, dafür könnte das Turnier viele Kinder erstmals nachhaltig für Fußball begeistern.

Davidson hofft vor allem auf positive Effekte für die heimischen Profiligen. Sowohl die Canadian Premier League bei den Männern als auch die Northern Super League der Frauen könnten vom gesteigerten Interesse profitieren.

"Eine Heim-WM kann den Stellenwert des Sports nur erhöhen und einer neuen Generation Vorbilder geben", sagt Davidson.

Ob Kanada tatsächlich den erhofften historischen WM-Sieg einfährt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Fest steht bereits jetzt: Noch nie war "Soccer" im Ahornland so relevant wie vor dieser Weltmeisterschaft.

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