Fünf Erkenntnisse der ÖFB-Kaderbekanntgabe

 

"Ich hoffe, ich habe die Besten und die Richtigen einberufen", grinst Franco Foda.

Eine ähnliche Wortwahl bei Kaderbekanntgaben kann schon mal eine Falle für Teamchefs darstellen. Zumindest hat es Josef Hickersbergers Kult-Sager von 2008 auch in die Präsentation des ÖFB-Aufgebots für die diesjährige EURO geschafft.

"Wir haben uns im Vorfeld viele Gedanken gemacht, welche Spieler wir nominieren. Wir haben einen klaren Plan, wie wir gegen die unterschiedlichen Mannschaften spielen wollen. Wir kennen alle Stärken und Schwächen der Gegner, dementsprechend haben wir auch den Kader zusammengestellt", erläutert Foda.

Auch wenn bis auf Mainz-Legionär Phillipp Mwene größere Überraschungen ausblieben, gibt es auch bei dieser Auswahl Auffälligkeiten.

Die Erkenntnisse der Kaderbekanntgabe für die EURO:

VIELE BUNDESLIGA-VERTRETER SCHEITERN AN EM-HÜRDE:

Man kann es auch so sehen: 2021 sind mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Spieler aus der heimischen Bundesliga bei der EURO dabei als 2016, damals war Austria-Goalie Robert Almer der einzige Vertreter der heimischen Liga.

Während Husein Balic vom LASK möglicherweise zittern muss, darf man diesmal jedoch davon ausgehen, dass Alexander Schlager (LASK) und Andreas Ulmer von Red Bull Salzburg definitiv im Kader verbleiben.

Dass die ÖFB-Auswahl von Legionären dominiert wird, ist alles nur keine neue Normalität. Dies ist die logische Folge der Vielzahl an qualitativ guten Spielern im Ausland und im Prinzip seit Jahren ein Dauerzustand.

Foda hat jedoch in den letzten Lehrgängen immer wieder Vertretern der heimischen Liga eine Chance gegeben, die nun reihenweise an der Hürde, das EM-Ticket zu lösen, scheiterten.

Während mit den bereits im März nicht nominierten Cican Stankovic und Maximilian Wöber zwei Vertreter des Serienmeisters tendenziell schwer enttäuscht sind und auch Ercan Karas 15 Liga-Tore für Rapid nicht reichten, ist die Nichtnominierung vor allem für ein LASK-Duo besonders bitter. Reinhold Ranftl war bei den letzten Lehrgängen Stammgast im ÖFB-Team und kam auch in gewisser Regelmäßigkeit zum Einsatz.

Trauner konnte sich gegen Dänemark nicht empfehlen
Foto: © GEPA

Bei Gernot Trauner darf man zumindest mutmaßen, dass ihm seine schwache Performance gegen Dänemark zum Verhängnis wurde - ein gutes Bewerbungsschreiben schaut nun mal tatsächlich anders aus.

Die Erkenntnis, dass der März-Lehrgang dem einen oder anderen Bundesliga-Vertreter seine Grenzen aufgezeigt habe, lässt Foda so nicht gelten.

Etwa im Fall Trauner argumentiert der Deutsche damit, dass Martin Hinteregger, der damals angeschlagene Stefan Posch sowie Philipp Lienhart, der Dänemark verpasst hat, in der Innenverteidigung nun wieder zur Verfügung stehen.

"Auch David Alaba oder Stefan Ilsanker könnten diese Position spielen. Wir haben genug Innenverteidiger. Das war die Begründung. Das hat nichts mit den Erkenntnissen des letzten Lehrgangs zu tun, denn da muss man schon festhalten, dass nur ganz wenige Spieler ihre Leistung abgerufen haben", bekräftigt Foda.

Zumindest auf der Abrufliste dominiert die heimische Liga, wenngleich dies möglicherweise nur Symbolpolitik ist.

Mit Jörg Siebenhandl, Cican Stankovic, Richard Strebinger, Gernot Trauner, Maximilian Ullmann, Maximilian Wöber, Yusuf Demir, Thomas Goiginger, Jakob Jantscher, Reinhold Ranftl und Ercan Kara stehen elf Bundesliga-Kicker lediglich drei Legionären gegenüber (Raphael Holzhauser, Florian Kainz, Stefan Schwab).

VERZICHT AUF PERSPEKTIVSPIELER:

Da man nur bedingt davon ausgehen kann, dass bei einem Großereignis alle Spieler zum Einsatz kommen, kommt es immer wieder vor, dass Teamchefs die hinteren Kaderplätze mit zwei, drei Youngsters auffüllen, denen man Stammspieler-Potenzial attestiert.

Dies bringt für gewöhnlich zwei Vorteile mit sich. Einerseits Ruhe, weil diese Spieler mangels hoher Ansprüche einfach nur froh sind, dabei zu sein. Andererseits noch viel wichtiger: Wichtige Turniererfahrung für Akteure, bei denen man davon ausgehen muss, dass sie zwar aktuell noch nicht reif genug für einen ÖFB-Stammplatz sind, dies aber in absehbarer Zeit sein könnten.

Konkretes Beispiel aus dem Jahr 2016: Teamchef Marcel Koller nahm Valentino Lazaro damals als 24. Spieler mit in die EM-Vorbereitung, entließ den damals 20-jährigen Salzburg-Kicker jedoch vor Turnier-Beginn aus dem Aufgebot. So konnte ein heutiger Stammspieler nicht die Abläufe eines Turniers aus nächster Nähe kennenlernen.

"Yusuf Demir hat die Möglichkeit, in der U21 zu spielen - und da ist es auch sehr, sehr wichtig für ihn, dass er sich dort auf diesem Niveau weiterentwickelt. Er hat große Qualitäten, muss aber weiter hart an sich arbeiten. In Zukunft wird er sicher wieder ein Thema für uns sein."

Franco Foda

In der Gegenwart ist Yusuf Demir das aufgelegte Beispiel. Im März bedachte Foda aber etwa auch Sturm-Innenverteidiger David Nemeth mit einer vorübergehenden Kadereinberufung als Signal.

"Im Vorfeld einer Kadernominierung hat man viele Überlegungen. Wir sind dann doch zum Entschluss gekommen, dass wir uns auf diesen Kader beschränken", deutet Foda an, dass man zumindest über Perspektivspieler nachgedacht hat.

Letztlich entschied man sich jedoch für das Hier und Jetzt.

"Yusuf Demir hat die Möglichkeit, in der U21 zu spielen - und da ist es auch sehr, sehr wichtig für ihn, dass er sich dort auf diesem Niveau weiterentwickelt. Er hat große Qualitäten, muss aber weiter hart an sich arbeiten. In Zukunft wird er sicher wieder ein Thema für uns sein."

Das jüngste Kadermitglied ist übrigens der 21-jährige Christoph Baumgartner. In den 2000ern geborener Spieler steht keiner im Aufgebot.

KOMPROMISSE IN SACHEN FITNESS:

Ist ein Turnier noch weit genug weg, wird jeder Teamchef versichern, dass er nur topfitte Spieler mitnimmt. Je näher das Großereignis kommt, sind bisweilen eben doch Kompromisse gefragt.

Ein Problem 2016 war, dass das eine oder andere Mitglied der Stammelf aus Verletzungen kommend zum Turnier reiste und dies nicht kaschieren konnte. Ältere Semester werden in diesem Zusammenhang vielleicht auch an die "Zehe der Nation" von Schlüsselspieler Andreas Herzog bei der WM 1998 denken.

Auch diesmal könnte es bei der einen oder anderen Personalie heikel werden, wenngleich der Teamchef versichert, bei allen Akteuren, hinter denen ein Fragezeichen steht, optimistisch zu sein.

Mit Marko Arnautovic, Julian Baumgartlinger oder Christoph Baumgartner sind es letztlich auch zu wichtige Kadermitglieder, um ihnen nicht jede Chance zu geben, doch noch rechtzeitig fit zu werden. Mit Konrad Laimer sammelte ein weiteres Sorgenkind bereits wieder Spielpraxis.

Julian Baumgartlinger würde auch außerhalb des Platzes fehlen
Foto: © GEPA

"Klar ist es wichtig, dass alle Spieler zu 100 Prozent fit sind", meint Foda, fügt dem jedoch durchaus ein Aber hinzu und nennt als Beispiel Baumgartlinger, der nach seiner Kreuzband-Verletzung wieder matchfit sei, aber noch keine Praxis aufweist.

Letztlich ist der Kapitän zudem auch mehr als ein normales Kadermitglied. Gerade beim März-Lehrgang konnte man das Fehlen des Leverkusen-Legionärs auch abseits des Rasens spüren.

"Julian ist ein verdienter Spieler und extrem wichtig für die Mannschaft, auch für das nähere Umfeld. Seit ich dabei bin, war er extrem wichtig für das Gesamtgefüge", verdeutlicht Foda, stellt jedoch klar:

"Wir wollen aber schon einen Kader haben, bei dem wir überzeugt sind, dass jeder in der Lage ist, am Spiel teilzunehmen."

Dadurch, dass vorerst 30 statt der finalen 26 Spieler nominiert wurden, gewinnt der eine oder andere ÖFB-Star einige Tage Zeit, um körperlich weitere Schritte in die richtige Richtung zu tätigen.

STIMMUNGSTECHNISCHE KADERREDUKTION:

Interessant ist, dass sich Foda nicht im Training ein Bild von den angeschlagenen Akteuren machen möchte, sondern vor dem Einrücken in die ÖFB-Bubble in Bad Tatzmannsdorf die 26 EM-Starter entscheiden möchte.

Dies begründet der Teamchef mit stimmungstechnischen Überlegungen. Konkurrenzkampf soll es offenkundig um einen Platz in der Startelf geben, aber nicht im Kampf um ein EURO-Ticket.

"Wir wollen ruhig, konzentriert und fokussiert trainieren. Da ist es mir persönlich schon wichtig, dass die 26 Spieler dann auch wissen, dass sie zu 100 Prozent bei der EM dabei sind", bekräftigt Foda.

Denn: "Alles andere würde Unruhe bringen, und das ist weder unsere Intention noch unser Ziel. Wir wollen gerade in der Vorbereitung eine gute Atmosphäre schaffen. Wir wollen gute Stimmung erzeugen, damit wir im Spiel gegen Nordmazedonien auf den Punkt unsere optimale Leistung abrufen können."

DAS TIMING DER FORM:

Die Idee, gute Stimmung zu haben, ist während eines mehrwöchigen Zusammenlebens natürlich begrüßenswert. Ein Turbo für allerbeste Stimmung könnte ein gelungener Auftakt ins Turnier sein, der 2016 mit der Niederlage gegen Ungarn bekanntlich nicht gelang.

Man darf davon ausgehen, dass Foda in den kommenden Wochen alles dem Kräftemessen mit Nordmazedonien am 13. Juni unterordnen wird und dies auch in der Kommunikation nach außen mehr als ein Mal erwähnen wird.

2016 ging der ÖFB-Auftakt gegen Ungarn schief
Foto: © GEPA

Allzu viele Experimente sind daher auch in den Tests in England und gegen die Slowakei nicht zu erwarten. "Dafür ist nicht der richtige Zeitpunkt", glaubt Foda und stellt unmissverständlich klar:

"Entscheidend ist: Gegen Nordmazedonien müssen wir auf den Punkt topfit sein, muss die Mannschaft die optimale Leistung abrufen. Dementsprechend werden wir sie im Training auch vorbereiten. An diesem Tag, an dem es drauf ankommt, müssen wir gierig und erfolgshungrig sein."

Die Gefahr, dass die ÖFB-Kicker aufgrund zu großer Euphorie satt ins Turnier starten, besteht nach dem schwachen März-Lehrgang samt 0:4-Pleite gegen Dänemark nicht wirklich.

Man darf davon ausgehen, dass sich die Spieler in den ersten Trainingstagen einiges anhören dürfen, denn Foda möchte den verpatzten WM-Quali-Start noch einmal aufarbeiten:

"Gerade in der ersten Phase im Trainingslager wird der Schwerpunkt auf unserem Spiel liegen. Wir wollen das, was wir im letzten Lehrgang nicht gut gemacht haben, aufarbeiten. Sprich: Wir müssen wieder schneller nach vorne spielen. Dynamischer und zielstrebiger Richtung gegnerisches Tor. Das Umschaltverhalten sowohl von Offensive in Defensive als auch von Defensive in Offensive hat mir nicht gut gefallen. Auch das Pressingverhalten in den unterschiedlichen Zonen war nicht so gut wie in den Lehrgängen davor. Es gibt also einige Dinge aufzuarbeiten."

Fad wird dem ÖFB-Team bis zum Turnierstart bestimmt nicht.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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