Hickes Kult-Sager: Die Richtigen, nicht die Besten

Hickes Kult-Sager: Die Richtigen, nicht die Besten Foto: © GEPA
 

Nicht die Besten, sondern die Richtigen.

Oder wie das Originalzitat lautete: "Ich habe nicht die besten Spieler Österreichs nominiert, sondern mich bemüht, die Richtigen zu nominieren. Und das müssen nicht immer die Besten sein."

Bei der Nominierung des Großkaders für die Heim-EURO 2008 kreierte Josef Hickersberger einen Spruch, der nicht nur kontrovers debattiert wurde, sondern der es zumindest eine Zeit lang in den Sprachgebrauch fußballinteressierter Österreicher schaffte, wenngleich eher sarkastischer Natur.

Mit dem Abstand von 13 Jahren blickt LAOLA1 auf die Nominierung der Auserwählten für die damalige EM zurück und ordnet mit Markus Katzer - einer der Richtigen - das Geschehen aus heutiger Sicht ein.

Man hätte es nicht so sagen müssen

"Ich will nicht sagen, dass diese Formulierung unglücklich war, aber man hätte es nicht so sagen müssen. Man hätte auch sagen können, man hat die richtigen Spieler für diese Heim-EURO ausgesucht", sieht Katzer den Satz eher kritisch und ergänzt:

"Er hat versucht, bestmöglich die richtigen Spieler für dieses Turnier auszusuchen, und ich glaube, das hat er auch gemacht. Dass die Formulierung so war, dass die Leute ihren Senf dazu geben und die Medien das aufgreifen, ist auch klar."

Markus Katzer

"Dass es enge Entscheidungen zwischen Spielern gegeben hat, ist eh klar. Im Endeffekt gibt es einen, der diese Entscheidungen treffen muss, und das ist der Teamchef. Er hat versucht, bestmöglich die richtigen Spieler für dieses Turnier auszusuchen, und ich glaube, das hat er auch gemacht. Dass die Formulierung so war, dass die Leute ihren Senf dazu geben und die Medien das aufgreifen, ist auch klar."

Hickersberger fiel damals während der Vorbereitung und auch später im Turnierverlauf mit diversen originellen Medienauftritten auf, und das mutmaßlich mit Absicht. Ob auch dieser Sager geplant gewesen sein könnte, oder ob er eher passiert ist?

Katzer wagt kein Urteil: "Ich glaube aber, dass es medial Sympathie für den einen oder anderen Spieler gab, der dann nicht dabei war. Das hat er wahrscheinlich vorher auch schon gespürt."

Diskussionen um 1:32 Uhr in der Nacht

Der damalige Premier-League-Legionär Paul Scharner, er hätte wohl zu den Besten gezählt, war für Hickersberger nach dessen Kritik an den aus seiner Sicht unprofessionellen ÖFB-Strukturen schon seit 2006 kein Thema mehr gewesen.

Aus dem Großkader wurden bei der finalen Kadernominierung schließlich die drei Stürmer Marc Janko, Stefan Maierhofer und Sanel Kuljic beziehungsweise Andreas Dober, Andreas Ibertsberger, Markus Weissenberger und Franz Schiemer gestrichen.

"Sieben Härtefälle", versicherte "Hicke" damals und plauderte aus dem Nominierungs-Nähkästchen. Noch "um 1:32 Uhr" in der Nacht habe man innerhalb des Betreuerstabs diskutiert, ob man nicht einen der fünf Innenverteidiger streichen und dafür einen der Stürmer mitnehmen sollte.

"Im internationalen Fußball muss man immer damit rechnen, dass der eine oder andere Innenverteidiger gesperrt ausfällt. Deshalb haben wir die Sicherheits-Variante gewählt", begründete der Niederösterreicher.

Übersetzt hieß dies im Prinzip: Martin Hiden (der später gegen Deutschland tatsächlich den gesperrten Sebastian Prödl ersetzen musste) oder Jürgen Patocka (kein EURO-Einsatz) statt Maierhofer oder Janko.

ÖSTERREICHS KADER BEI DER HEIM-EURO 2008:

Rückennummer Position Name Damaliger Verein Geburtsdatum
1 Tor Alexander Manninger AC Siena (ITA) 04.06.1977
21 Tor Jürgen Macho AEK Athen (GRE) 24.08.1977
23 Tor Ramazan Özcan TSG 1899 Hoffenheim (GER) 28.06.1984
3 Verteidigung Martin Stranzl Spartak Moskau (RUS) 16.06.1980
4 Verteidigung Emanuel Pogatetz Middlesbrough (ENG) 16.01.1983
12 Verteidigung Ronald Gercaliu FK Austria Wien 12.02.1986
13 Verteidigung Markus Katzer SK Rapid Wien 11.12.1979
14 Verteidigung György Garics SSC Napoli (ITA) 08.03.1984
15 Verteidigung Sebastian Prödl SK Sturm Graz 21.06.1987
16 Verteidigung Jürgen Patocka SK Rapid Wien 30.07.1977
17 Verteidigung Martin Hiden SK Austria Kärnten 11.03.1973
2 Mittelfeld Joachim Standfest FK Austria Wien 30.05.1980
5 Mittelfeld Christian Fuchs SV Mattersburg 07.04.1986
6 Mittelfeld Rene Aufhauser Red Bull Salzburg 21.06.1976
7 Mittelfeld Ivica Vastic LASK Linz 29.09.1969
8 Mittelfeld Christoph Leitgeb Red Bull Salzburg 14.04.1985
10 Mittelfeld Andreas Ivanschitz Panathinaikos Athen (GRE) 15.10.1983
11 Mittelfeld Ümit Korkmaz SK Rapid Wien 17.09.1985
19 Mittelfeld Jürgen Säumel SK Sturm Graz 08.09.1984
9 Angriff Roland Linz SC Braga (POR) 09.08.1981
18 Angriff Roman Kienast Ham-Kam (NOR) 29.03.1984
20 Angriff Martin Harnik SV Werder Bremen (GER) 10.06.1987
22 Angriff Erwin Hoffer SK Rapid Wien 14.04.1987

"Hicke" orientiert sich nicht an Internet-Abstimmungen

Vor allem die Stürmer-Auwahl wurde sehr emotional diskutiert. Norwegen-Legionär Roman Kienast bekam unter den großgewachsenen Stürmern den Vorzug. Für die Youngsters Jimmy Hoffer und Martin Harnik, der damals durchaus noch zittern musste, sprach ihre Schnelligkeit.

"Selbstverständlich hat Maierhofer in Österreich mehr Fans als Kienast, er ist ja mit Rapid Meister geworden."

Josef Hickersberger 2008

"Selbstverständlich hat Maierhofer in Österreich mehr Fans als Kienast, er ist ja mit Rapid Meister geworden", war Hickersberger bewusst, keine populäre Entscheidung getroffen zu haben. Er wolle sich jedoch nicht den Ergebnissen von Internet-Abstimmungen beugen: "Korkmaz habe ich auch nicht wegen der 'Ümit'-Sprechchöre genommen, sondern wegen seiner Qualitäten."

"Für Maierhofer sprach seine fantastische Frühjahrssaison und seine Präsenz im Strafraum, die bei Katastrophenfällen helfen könnte. Für Janko sprach seine technische Stärke. Er war eigentlich zwei Jahre lang unsere EURO-Hoffnung, war dann aber oft verletzt, und erst seit zwei, drei Tagen hat er zeigen können, dass er wieder der Alte wird. Aber das war etwas zu spät", referierte Hickersberger.

Wohl ein klassischer Fall von im Nachhinein ist man schlauer. Denn Janko nutzte die unfreiwillig verlängerte Sommerpause und war in der Saison darauf mehr als nur der Alte, wie seine 39 Liga-Tore für den FC Red Bull Salzburg in der Spielzeit 2008/09 unterstreichen sollten.

Maierhofer kam für Rapid im Jahr nach dem Meistertitel auf immerhin 23 Liga-Tore, die ihm einen Premier-League-Vertrag bei Wolverhampton bescherten.

Katzers Vorteile gegenüber Ibertsberger

Katzer wiederum bekam den Vorzug gegenüber Ibertsberger, dem mit Hoffenheim der Aufstieg in die deutsche Bundesliga gelungen war.

"Hickes" Begründung: "Ich habe ihn nur in den Großkader mitgenommen, weil ich ihm zeigen wollte, dass er, obwohl er viel Pech mit Verletzungen und Erkrankungen hatte, zur Nationalmannschaft gehört. Er hat uns dann alle im Training so überzeugt, dass wir gesagt haben, er ist für die EM die bessere Lösung als Ibertsberger, der überaus verlässlich und auf zwei Positionen einsetzbar ist. Dennoch hatte Katzer gewisse Vorteile. Ich kenne ihn von Rapid und habe Vertrauen in seine offensiven Stärken."

Dass sich Katzer und Hickersberger aus Rapid-Zeiten kannten und man 2005 gemeinsam Meister geworden ist, war vermutlich kein Nachteil für den Linksverteidiger.

"Hickes" Motivationsschub

2008 war der heute 41-Jährige Bestandteil der bis dato letzten Meistermannschaft der Hütteldorfer, dies allerdings in einer für ihn persönlich schwierigen Saison mit einem Kreuzbandriss (Anfang September 2007) und einer Blinddarmentzündung im März 2008.

Katzer (2.v.l.) im EM-Camp mit Hiden, Kienast, Macho und Hoffer
Foto: © GEPA

"Ab dem Zeitpunkt, als wir die Heim-EURO bekommen haben, war es für jeden österreichischen Spieler, der die Möglichkeit hatte, das Ziel, dabei zu sein. Und dann reiße ich mir auswärts bei Sturm Graz das Kreuzband und war sechs Monate lang weg", erinnert sich Katzer 13 Jahre später.

Das Thema EM war damit für viele im Prinzip abgehakt: "Teamchef Hickersberger hat mich damals angerufen und gesagt: 'Boah, tut mir Leid, auch wegen der EURO!' Da habe ich mir gedacht: Okay, das schau ich mir an! Es war der erste Motivationsschub, dass Hicke gemeint hat, es geht sich nicht mehr aus."

Das Comeback nach dem Kreuzbandriss erfolgte bereits Mitte Februar.

"Hicke hat mich dann in den 30-Mann-Kader berufen - vielleicht auch ein bisschen aus Dankbarkeit für die Rapid-Zeit, weil wir damals Meister geworden sind und er mich als Spieler sehr geschätzt hat. Er hat dann gesehen, dass ich wirklich alles für die EM-Teilnahme mache. Mehr als 100 Prozent gehen nicht, aber ich habe gefühlte 150 Prozent gegeben. Ich habe jedenfalls a-l-l-e-s gegeben, mir wirklich den Arsch aufgerissen und es auch geschafft, in den 23-Mann-Kader zu rutschen und bei der Heim-EURO dabei zu sein. Das war für mich ein Riesen-Erfolg. Ich habe bei der EM zwar leider nicht gespielt, aber ich war im Kader."

Wie der nunmehrige Sportchef der Vienna den Konkurrenzkampf rund um die Kaderreduktion erlebt hat?

"Man hat damals schon gewusst, wer die ersten 18 sein werden. Um die verbliebenen fünf Plätze hat man halt gefightet. Ich habe es positiv gesehen und keinen Gedanken zugelassen, der nicht daran geglaubt hätte."

Die Initialzündung in Sachen Euphorie fehlte

Katzer bekam beim Turnier selbst keinen Einsatz. Ersatzspieler zu nominieren, die nicht in eigener Sache öffentlichen Alarm schlagen, war wohl auch ein Motiv von Hickersberger, wenn es um die Richtigen ging.

"Damals sind Ideen entstanden. In Richtung Ausbildung hat man sich viel mehr den Kopf zerbrochen und vieles neu aufgestellt oder sogar revolutioniert. Das war sicher wichtig für den österreichischen Fußball."

Markus Katzer

Sicher seien jene Spieler, die nicht von Beginn an oder gar nicht zum Zug gekommen sind, enttäuscht gewesen, aber unterm Strich sei der Zusammenhalt beim Heim-Event riesig gewesen:

"Es war eine Heim-EURO, die erste Europameisterschaft, an der Österreich teilnehmen durfte. Da war es dann schon so, dass alle zusammengehalten haben und eine richtige Gemeinschaft entstanden ist. Wenn man sich die Spiele ansieht, hatten wir auch richtig unglückliche Ergebnisse. Von den Spielverläufen her hätte es ganz anders ausgehen und wir vielleicht eine bisschen erfolgreichere EURO spielen können."

0:1 gegen Kroatien nach frühem Elfmeter-Gegentor, ein Last-Minute-1:1 gegen Polen nach Abseitstor der Gäste beziehungsweise ein 0:1 gegen den späteren Finalisten Deutschland im "Endspiel" ums Weiterkommen - das ÖFB-Team schlug sich vor allem für damalige Verhältnisse achtbar, dennoch war es nicht genug.

Katzer: "Wenn ich rückblickend darüber nachdenke, wäre mehr drinnen gewesen. Schade! Meinem Gefühl nach hätte im kleinen Fußballland Österreich eine richtige Euphorie entstehen können. Die Initialzündung wäre gewesen, wenn wir die Gruppenphase überstanden oder zumindest einmal einen Sieg gehabt hätten."

Die Heim-EURO wirkt bis heute nach

Die Heim-EURO wirkt aber durchaus bis heute nach, da die Nachwuchsförderung nach dem Zuschlag für das Turnier auf komplett neue Beine gestellt wurde - eine längst überfällige Maßnahme, die für 2008 aber eine Spur zu spät kam.

"Damals sind Ideen entstanden. In Richtung Ausbildung hat man sich viel mehr den Kopf zerbrochen und vieles neu aufgestellt oder sogar revolutioniert. Das war sicher wichtig für den österreichischen Fußball. Auch wenn es beim letzten Spiel nicht so erfolgreich war, haben wir jetzt ein wirklich konkurrenzfähiges Nationalteam, auch weltweit. An einem guten Tag können wir jeden schlagen, weil wir viele Spieler mit Riesen-Qualität in guten Ligen im Ausland haben. Und auch die Bundesliga macht angeführt von Red Bull Salzburg eine sehr gute Arbeit und bringt immer wieder gute Österreicher raus", so Katzer.

Dies bringt mit sich, dass nun Teamchef Franco Foda aus einem noch wesentlich breiteren Pool an Spielern wählen kann als Hickersberger damals.

Möge er die Besten und die Richtigen für die EURO nominieren.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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