Nationalstadion?"In dieser Liga spielen wir nicht"

Aufmacherbild Foto: © GEPA
 

Der Wiener Sportstadtrat Peter Hacker (SPÖ) ist derzeit ein gefragter Mann.

Die ausgelöste Diskussion über ein neues Nationalstadion hat neben den Träumen des ÖFB auch die Stadt Wien in den Fokus gerückt.

Die aktuelle Patt-Stellung ist bekannt, niederösterreichische Orte bringen sich für einen Stadion-Neubau in Stellung, während für den Politiker die Kernfragen noch nicht beantwortet sind. Im LAOLA1-Interview will Hacker auch kein Nationalstadion in Wien ausschließen:

"Meine Türe ist immer offen. Ich habe auch nie gesagt, dass es nicht stattfinden wird. Ich habe immer nur gesagt, dass es keine Unterlagen dazu gibt, die das nachvollziehbar machen. Also sollten Unterlagen auf den Tisch kommen, gibt es am Tag darauf sofort Gespräche. Daran soll es überhaupt nicht scheitern."

Außerdem bringt der Stadtrat im Gespräch zum Ausdruck, was ihm in puncto Nationalstadion besonders wichtig erscheint, warum sich "keiner trotzig ins Winkerl stellen soll", in welcher Liga der österreichische Fußball einfach nicht mitspielt und warum er dafür wäre, dass sich Österreich für ein Europa-League-Finale bewirbt.

LAOLA1: Wie sehr nervt Sie derzeit, dass die Diskussion um ein neues Nationalstadion so groß geworden ist?

Peter Hacker: Es nervt mich überhaupt nicht, sondern ich stehe einfach nur gerade dafür, dass ich verantwortlich fürs Steuergeld bin. Ich bin nicht der große Fürst, der in seine eigene Goldkiste greift, sondern ich bin verantwortlich fürs Steuergeld. Ich denke mir manchmal, es ist scheinbar ungewöhnlich in diesem Land, dass Politiker für Steuergeld verantwortlich sind, aber dafür geniere ich mich sicher nicht.

LAOLA1: Wie gut ist derzeit die Gesprächsbasis mit dem ÖFB in dieser Hinsicht eine zufriedenstellende Lösung für alle Seiten zu finden?

Hacker: Meine Türe ist immer offen. Ich habe auch nie gesagt, dass es nicht stattfinden wird. Ich habe immer nur gesagt, dass es keine Unterlagen dazu gibt, die das nachvollziehbar machen. Also sollten Unterlagen auf den Tisch kommen, gibt es am Tag darauf sofort Gespräche. Daran soll es überhaupt nicht scheitern.

LAOLA1: Sollten die Rahmenbedingungen stimmen, wären sie somit der Letzte, der sich für ein Nationalstadion außerhalb Wiens aussprechen würde?

Hacker: Absolut! Ich kriege auch ganz viele Zuschriften von vielen Menschen, die erstens einmal Verständnis dafür haben, dass man nichts planen kann ohne ordentliche Konzeption. Und auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die einfach wollen, dass es in Wien stattfindet. Ich habe auch Verständnis dafür, dass Menschen in anderen Bundesländern, wo teure Stadien gebaut wurden, auch hin und wieder einmal ein Ländermatch sehen wollen. Also ich denke, da geht es darum, einen vernünftigen Weg zu gehen, einen vernünftigen Diskurs zu führen und sich nicht trotzig ins Winkerl zu stellen.

LAOLA1: Braucht es ihrer Meinung nach nicht diese "Heimat“ für das Nationalteam, dieses richtige Nationalstadion, dass noch dazu in Wien stehen sollte?

Hacker: Wenn es in neun Bundesländern eine Heimat gibt, dann ist die Frage, ob die acht anderen Bundesländer einverstanden sind oder nicht. Die Antwort auf diese Frage habe ich bis heute nicht bekommen. Ich verstehe, dass man in Klagenfurt, Innsbruck oder Salzburg gelegentlich die Nationalmannschaft sehen will. Wenn aber alle sagen, wir hätten gerne, dass sie alle Spiele in Wien spielen, dann soll es mir auch recht sein. Aber das ist eine Frage, die nicht ich zu entscheiden habe, sondern die muss innerhalb des ÖFB einmal geklärt sein. Das ist aber nur der emotionale Teil. Der zweite Teil ist bei einem derartig großen Stadion, wo du fünf Mal im Jahr spielst, brauchst du auch noch eine Konzeption, wie du das Stadion überhaupt erhalten willst. Und wenn wir uns anschauen, wie das Wiener Praterstadion funktioniert, dann finden dort 80 Veranstaltungen statt – fünf davon sind Fußballmatches. Das Entscheidende an der Infrastruktur Stadion ist daher auch Fußball, aber nicht nur Fußball. So eine Infrastruktur heutzutage auf den Boden zu stellen, ist natürlich ein riesengroßes Unterfangen. Jetzt habe ich nichts dagegen, es zu tun, aber dann muss man es von Anfang an mit einer sehr präzisen Planung machen.

LAOLA1: Und diese Pläne sind aus Ihrer Sicht bisher nicht detailliert genug?

Hacker: Gar nicht!

LAOLA1: Wie wird man also weiter vorgehen? Warten Sie nun darauf, dass der ÖFB genauere Zahlen und Pläne vorlegt?

Hacker: Ich habe den Auftrag an den Stadionbetreiber gegeben, dass ich jetzt einmal eine wirkliche Analyse der Bausubstanz des Hauses haben will, damit wir auch da einmal eine klare Antwort darauf haben. Ist das Stadion für die nächsten zehn bis 15 Jahre baulich in Ordnung oder ist es das sogar für die nächsten 50 Jahre von der Grundsubstanz her? Wenn wir diese Frage beantwortet haben, dann kann man darüber weiterdiskutieren, was man in dieses Gebäude und in die Infrastruktur noch hineininvestieren kann. Da bin ich auch sehr offen für verschiedene Vorschläge. Das gilt auch zum Thema VIP-Tribünen und ähnliche Sachen. Aber es gilt auch bezüglich Trainingsplätze. Und dafür müssen Pläne auf den Tisch. Wir sind nicht in der Wünsch-dir-was-Situation, sondern wir leben in einer Welt – wenn es um Steuergeld geht – wo Hochpräzision herrscht.

LAOLA1: Es gab bereits diese Machbarkeitsstudie, wo dann wieder ganz andere Meinungen (Anm.: Experte Claus Binz vom Institut für Sportstätten-Beratung sieht einen Neubau im Prater realisierbar) herrschen, dass man es in diesem Stadion eher nicht mehr umsetzen kann. Wie stehen Sie dem gegenüber?

Hacker: Es gibt schon so viele Machbarkeitsstudien. Das Entscheidende ist in Wirklichkeit gar nicht einmal die Frage zu beantworten: Was ist machbar? Sondern die entscheidende Frage ist: Wie kann man sich das dann leisten, was machbar ist? Für jeden von uns ist es machbar in Urlaub zu fliegen auf die andere Seite der Welt. Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir dorthin wollen, sondern können wir es uns leisten? Und das gilt auch bei so einer solchen Infrastrukturfrage. Ist es machbar? Selbstverständlich ist es machbar. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können und gibt es einen Plan, dass dann auch wieder zurückzuzahlen, was Investoren an Invest-Geld hineinbringen. Das ist eine ganz normale Betriebskostenrechnung, die hier vorgelegt werden muss. Solange die nicht am Tisch liegt, können wir weiter träumen – das ist auch in Ordnung so, dann können wir weiter diskutieren und debattieren. Ich gehöre aber zu den Menschen, die auf Präzision stehen, wenn es um Geld geht.

LAOLA1: Was passiert mit dem Happel-Stadion, sollten dort keine Länderspiele mehr ausgetragen werden? Es wird ja baulich auch nicht besser, irgendwann wird man sanieren müssen.

Hacker: Ja, sowieso. Deshalb klären wir jetzt einmal die wichtigste Frage, wie die Substanz des Gebäudes ist. Wenn das geklärt ist, gibt es jetzt schon einige Ideen, was wir tun können und was wir für Verbesserungen in der Infrastruktur machen können. Da gibt es ein paar lustige Ideen, aber alles zu seiner Zeit. Jetzt geht es einmal um die Kernfrage, ob das Fundament geeignet ist, dieses Stadion die nächsten Jahrzehnte zu tragen oder haben wir ein ganz anderes Problem? Dann stellt sich die Frage nach einem Neubau völlig neu.

"Aber ich hätte es spannend gefunden, sich mal wieder zu bewerben und zu schauen, was passiert. Wir haben immerhin vor zehn Jahren ein Europameisterschafts-Finale in Wien gespielt. Also ehrlich gesagt: Wenn man das konnte, dann kann mir keiner erzählen, dass es innerhalb von zehn Jahren so verfallen ist, dass man nichts mehr drinnen machen kann."

Europa-League-Finale in Wien?

LAOLA1: Es gibt auch dieses Refinanzierungsbeispiel mit Wohnungen im Happel-Stadion, um dadurch einen Neubau zu ermöglichen – ist das überhaupt eine relevant Möglichkeit?

Hacker: Jeder, der sich ein bisschen auskennt, weiß, dass das Happel-Stadion mitten im Grüngürtel steht. Ich meine, natürlich kannst du damit Geld verdienen. Das ist so, wie wenn du am Kahlenberg ein Hochhaus hinstellst, damit kannst du auch echt Geld verdienen - aber das wird nicht stattfinden. Und so wird es auch nicht stattfinden, dass man mitten im Grüngürtel Wohnungen baut. Das ist überhaupt keine Frage. Abgesehen davon: Wenn das Stadion so schlecht ist, wie es jetzt gerade teilweise hergeredet wird, dann kann es nicht gut genug sein, um Wohnungen zu bauen. Irgendwie finde ich, dass diese Argumentation auch „hatschert“ ist und nicht ganz zusammenpasst.

LAOLA1: Aber die Infrastruktur wäre rund um das Happel-Stadion definitiv vorhanden.

Hacker: Ja, aber das viel Entscheidendere für ein Stadion ist ja nicht die Infrastruktur für ein paar Wohnungen, sondern die Frage des Sicherheitsplatzes für 50.000 oder 60.000 Zuschauer – wie zuletzt bei den Konzerten – die dann rasch und sicher zum Platz hinkommen und danach wieder wegmüssen. Wir haben dort die U-Bahnstation verdoppelt, das ist eine vierspurige U-Bahn-Station. Das macht man nicht aus Jux und Tollerei, und es ist auch nicht so, dass das nichts kostet. Also die Infrastruktur eines Stadions für 50.000 Plätze oder bei Open-Airs von 60.000 Plätzen ist nicht nur eine Frage der Hülle selbst, sondern da geht es ja auch noch um die Infrastruktur herum. Da geht es um die Infrastruktur im Boden, die niemand sieht, die Zufuhr von Wärme, Strom, usw., aber auch den Transport von Menschen. Da gilt gerade in Zeiten, wo wir in Zeiten des Klimawandels darüber diskutieren, dass wir auch ökologisch intelligente Lösungen treffen wollen, dann kann man nicht sagen, dass wir es im Juchhe, weit weg von jeglichen Städten erbauen und alle fahren halt mit dem Auto hin und wir bauen eine Tiefgarage. So wird man heutzutage keine Infrastruktur mehr bauen können. Das gehört alles zusammen bei der Diskussion zu solchen Standorten. Und last but not least ist die Frage, wie viele Fußballspiele dort überhaupt stattfinden werden. Faktum ist, wir haben keine Bewerbung abgegeben für Europa-League-Spiele – was ich bedaure. Wir haben keine Bewerbungen für andere Turniere der UEFA abgegeben, für die dieses Stadion allemal geeignet wäre. Ich bedaure, dass diese Angebote nicht abgegeben wurden und daher kriegen wir logischerweise diese Turniere nicht nach Wien. Aber ich hätte es spannend gefunden, sich mal wieder zu bewerben und zu schauen, was passiert. Wir haben immerhin vor zehn Jahren ein Europameisterschafts-Finale in Wien gespielt. Also ehrlich gesagt: Wenn man das konnte, dann kann mir keiner erzählen, dass es innerhalb von zehn Jahren so verfallen ist, dass man nichts mehr drinnen machen kann.

LAOLA1: Dazu passend, haben Sie ja auch in einem Interview gesagt, dass man nicht für ein Champions-League- oder Europa-League-Finale ein Riesenstadion hinbauen wird, wenn es sonst nicht ausgelastet und finanzierbar ist?

Hacker: Bei einem Champions-League-Finale wissen wir, dass es illusorisch ist. Das ist ein 70.000er Stadion in einer völlig anderen Infrastruktur. Da müssen wir ganz klar sehen: In dieser Liga spielt der österreichische Fußball nicht! Das kannst du auch nicht bauen für ein Nationalteam, sondern das musst du bauen für eine Klubmannschaft. Da sind wir weit entfernt. Jetzt verstehe ich die Träume total, ich finde das auch cool, an ein Bernabeu-Stadion zu denken, aber dann müssen wir ganz klar sagen, dass wir in einem Zuckerlland mit 8 Millionen Einwohnern sind und dass es das in Österreich nicht spielen wird, ein CL-Finale zu kriegen. Aber was allemal machbar ist, ist ein Finale oder Spiele in anderen Bereichen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass eine österreichische Mannschaft ins CL-Finale kommt, würde ich schon deutlich geringer sehen, als jene in ein Europa-League-Finale zu kommen. Deshalb fände ich es schon spannend, sich für ein EL-Finale zu bewerben und ich kann es mir ganz gut vorstellen – wenn man es will -, dass der ÖFB und die Stadt Wien das gemeinsam auch hinkriegt.

Weitere Videos

Textquelle: © LAOLA1.at

Geld, Nutzung, Mehrkosten: Die Fakten des ÖFB zum Nationalstadion

Zum Seitenanfang »

LAOLA Meins - Tags folgen

COMMENT_COUNT Kommentare