Das Tor zum Berner Oberland
Mit knapp 44.000 Einwohnern ist Thun hinter Bern und Biel die drittgrößte Stadt im Kanton Bern und die elftgrößte der Schweiz.
Malerisch gelegen am nordwestlichen Ufer des Thuner Sees gilt Thun als Tor zum Berner Oberland. So herrscht vom Thuner Ufer aus ein atemberaubender Blick auf das "Dreigestirn" bestehend aus den Bergen Eiger, Mönch und Jungfrau.
Neben einiger Touristen beherbegt Thun auch große Teile der Schweizer Armee, so gilt Thun als die größte Garnisonsstadt der Schweiz.
Im Schatten der Young Boys
Sportlich muss sich Thun meist hinter dem knapp 30 Kilometer entfernten Bern anstellen. Allerdings gibt es mit Wacker Thun einen recht erfolgreichen Handballverein. Im Fußball stand der FC Thun fast immer im Schatten der großen Young Boys aus Bern.
Während "YB" unter anderem 17 Mal Schweizer Meister wurde und acht Mal den Pokal gewann, ist der Titelschrank beim "FCT" bislang noch komplett leer.
2019 stand man kurz vor dem ersten Titelgewinn. Doch im Schweizer Cupfinale musste man sich dem vom damaligen Trainer Marcel Koller trainierten FC Basel knapp mit 1:2 geschlagen geben.
Fünf Jahre Zweitklassigkeit
Im Jahr darauf wurde Thun nur Neunter und musste in die Relegation.
Dort musste sich das Team dem FC Vaduz trotz eines 4:3-Erfolgs im Rückspiel geschlagen geben, denn im Hinspiel in Liechtenstein gab es eine 0:2-Niederlage. Damals bei Thun unter anderem dabei war der heutige Rieder Nikki Havenaar.
Mitten in der Corona-Krise stand der FC Thun vor dem Ruin. Der damalige Präsident Markus Lüthi trat zurück und die weitere Existenz des Klubs war nicht gesichert.
Andres Gerber übernahm das Präsidentenamt in der schwierigen Situation und versuchte, den Klub zu stabilisieren. Doch fünf Jahre in der zweiten Schweizer Liga sollten folgen.
Gerber: "Präsidentschaft war nie mein Ziel"
Dennoch Gerber leitete wichtige Schritte ein. Kaum einer kennt den FC Thun so gut wie er. 2002 kam Gerber als Spieler nach Thun. 2005 führte er sein Team als Kapitän in die Gruppenphase der UEFA Champions League – bis heute der größte Erfolg des FC Thuns.
Nach seinem Karriereende 2009 bewahrte Gerber den FC Thun zunächst als Interimstrainer vor dem Abstieg in die Drittklassigkeit, dann übernahm er das Amt des sportlichen Leiters, ehe er eher unfreiwillig zum Präsidenten befördert wurde.
"Es war ein bisschen überraschend, dass der vorherige Präsident aufhören wollte. Ich habe es verstanden, der Druck war immens, finanziell und emotional. Aber dann gab es keine Alternativen. Wir haben nicht extrem viele Menschen im Klub, die für so ein Amt in Frage kommen."
"Ich wusste, dass ich eines der Gesichter im Klub bin und ich war ein Hoffnungsträger, dass es irgendwie weitergeht beim FC Thun. Deshalb musste ich es fast machen, aber es war sicher nicht mein Ziel, jemals Präsident zu werden", sagt Gerber im Gespräch mit LAOLA1.
Mit neuem Geld ans sichere Ufer
Bei Gerbers Übernahme stand dem FC Thun das Wasser bis zum Hals: "Das war einer der Tiefpunkte des FC Thun. Nach zehn Jahren oben war der Abstieg schon sehr heftig. Es war nach Corona, das Stadion war halb leer und finanziell war die Lage extrem angespannt."
Doch der Klub konnte sich am Leben halten, auch weil der neue Präsident neue Investoren und Sponsoren an Bord holte.
"Aus der Bieridee sind mit der Zeit ungefähr 1,5 Millionen Franken geworden."
Eine undurchsichtige Zusammenarbeit mit der chinesischen Pacific Media Group konnte beendet werden. Stattdessen wurde der Thuner IT-Unternehmer Beat Fahrni als Geldgeber in den Verwaltungsrat geholt.
Mit dem Berner Versicherungsunternehmen "Visana" konnte zudem ein neuer Hauptsponsor gewonnen werden. Visana übernahm die Trikotsponsorschaft sowie die Eigentümerschaft an der Stockhorn Arena, dem Heimstadion des FC Thun.
"Härzbluet": Ein Fanverein für den FC Thun
Nicht nur von externen Unternehmen erhielt der "FCT" finanzielle Unterstützung, sondern auch Thuner-Fans supporteten ihren Klub vor allem dank des Vereins "Härzbluet FC Thun".
Der Verein wurde 2014 gegründet und sammelt seitdem Spenden für den FC Thun. Guido Feller, eines der Gründungsmitglieder und heutiger Vize-Präsident von "Härzbluet", sagt über die Anfänge gegenüber LAOLA1: "Der FC Thun war notorisch klamm. Der damalige Präsident Markus Lüthi hat einen Aufruf gemacht, und Luki Frieden, ein Filmemacher aus Thun, hat das aufgeschnappt. Dann haben wir mit fünf Leuten ein Treffen vereinbart. Es war eigentlich eine Bieridee."
Doch diese Bieridee war ein großer Erfolg: "Aus der Bieridee sind mit der Zeit ungefähr 1,5 Millionen Franken geworden. 50 Franken von dir, ein Fünf-Franken-Stück von einem kleinen Jungen, 20 Franken von der Großmutter. Wir haben Sympathisanten, die uns unterstützen, die haben das Stadion noch nie von innen gesehen."
"Ändu" ist das Gehirn hinter dem FC Thun
Mit der Unterstützung von Sponsoren und Fans konnte der FC Thun nach dem Abstieg 2020 den Konkurs abwenden. Die entscheidende Figur dabei ist laut Feller ganz klar Andres Gerber.
"Ändu (Andres Gerber, Anm.) ist für mich absolut die prägende Figur, der Kopf des FC Thun. Ich weiß nicht, ob es ohne ihn den einen oder anderen Sponsor oder Spieler hier in Thun gäbe. Ich denke schon, dass er extremen Einfluss auf das Kommen und Gehen hat", so Feller.
Gerbers Nachfolger als Sportchef wurde Dominik Albrecht. Einer der wichtigsten Erfolgsschritte der beiden war die Rückholung von Mauro Lustrinelli auf die Trainerbank.
Das "Dreigestirn" des FC Thun
Der Tessiner, der bereits als Spieler für die Berner Oberländer aktiv war, arbeitete nach seiner Spielerkarriere in der Jugendabteilung der Thuner, bevor er zum Schweizer Verband wechselte, um dort die U21-Nationalmannschaft zu trainieren.
Doch Gerber und Albrecht holten Lustrinelli zurück an den Thuner See, und so bilden die drei das "Dreigestirn" des FC Thun.
"Wir haben uns über Jahre mit dem Trainer, dem Sportchef und mir entwickelt. Da ist ein Verbund entstanden, viel Vertrauen, viel Erfahrung und entsprechend auch Ruhe. Die meisten Klubs haben keine Ruhe, da haben wir einen großen Vorteil mit dieser Konstanz und Kontinuität im Klub", sagt Gerber.
Zwei Mal in der Relegation gescheitert
Dass im Verein mit Konstanz und Kontinuität weitergearbeitet wurde, war nicht selbstverständlich, denn der direkt angepeilte Wiederaufstieg wurde verpasst und fünf Jahre Zweitligafußball sollten folgen.
Dabei kratzte der FCT zwei Mal ganz knapp am Aufstieg, doch wieder scheiterte man in der Barrage, wie die Relegationsspiele in der Schweiz heißen.
Besonders bitter war dabei das Relegationsduell 2024 gegen die Grasshoppers Zürich. Im Hinspiel in Zürich konnte man noch ein 1:1 holen, und auch im Rückspiel deutete alles lange auf ein Unentschieden hin, doch in der Nachspielzeit traf der aktuelle Lustenauer Asumah Abubakar zum Sieg für die Grasshoppers.
Rückkehr in die erste Liga
Die Thuner waren erneut am Boden. "Da waren die zwei Aufstiege, die du relativ knapp verpasst hast. Ich glaube, das war fast noch schlimmer als der Abstieg selbst", sagt Feller, der auch als Schiedrichterbetreuer für den FC Thun arbeitet.
"Jeder wollte von der Champions League leben. Zwei Jahre später war fast alles in Schutt und Asche. Das Geld war weg."
Doch der Klub ließ sich vom erneut verpassten Aufstieg nicht unterkriegen. In der folgenden Saison zeigten die Thuner konstant starke Leistungen, so stieg man am Ende der Saison 2024/25 mit elf Punkten Vorsprung auf den FC Aarau souverän als Zweitliga-Meister auf.
Die Rückkehr in die Super League war endlich geglückt, doch der FC Thun war als klarer Außenseiter in die Saison 2026/26 gegangen. Laut "transfermarkt.at" hatte der Verein zu Saisonbeginn den zweitniedrigsten Kaderwert der Liga, nur der FC Winterthur war weniger wert.
Mehr Mut für Thun
Über die Ausgangslage vor Saisonbeginn sagt Feller: "Jeder hat gesagt, wir Thuner werden mit Winterthur und den Grasshoppers um die letzten drei Plätze spielen."
Im Klub selbst wurde die Zielsetzung jedoch um einiges höher gesteckt. Vor Saisonbeginn rief Präsident "Ändu" Gerber sogar die Top sechs und damit das Erreichen der Meistergruppe aus.
"Damals haben wir den ganzen Mut für diese Aussage zusammengefasst, weil es eigentlich untypisch für Thun ist. Normalerweise hätten wir immer gesagt, dass das Ziel der Klassenerhalt ist. Aber wir haben gesagt, komm, wir wollen ein bisschen mutiger agieren", so Gerber.
Kader gezielt verstärkt
Der Mut sollte sich auszahlen. Der FC Thun konnte seine ersten vier Saisonspiele allesamt gewinnen.
Ganz entscheidend dabei war, dass die Thuner ihren Kader aus der Aufstiegssaison fast vollständig zusammenhalten konnten, gleichzeitig holte man vereinzelt wichtige Verstärkungen.
"Die meisten Medien sagen, das ist ja fast der gleich Kader, wie in der Challenge League, aber so ist es nicht. Natürlich hatten wir fast keine Abgänge, aber wir haben schon drei, vier, fünf Spieler dazubekommen, die einen ganz wichtigen Anteil am Ganzen haben. Das sind aber keine Stars", sagt Gerber über seinen Kader.
"Glücksfall Lustrinelli"
Für Guido Feller spielt neben der Kaderzusammenstellung auch der Trainer eine ganz wichtige Rolle.
"Unser Glücksfall ist, dass Mauro Lustrinelli U21-Nationaltrainer war. Er hat einen extremen Draht zu den Jungen, die sind unser Kapital. Wenn ich denke an Justin Roth, Valmir Matoshi oder Lucien Dähler – das sind alles Jungs, die hier aus der Region kommen."
Damit ging der Erfolgslauf auch weiter. Zu Beginn der Winterpause lag der FC Thun nach 19 Spielen sensationell an der Spitze der Tabelle, doch der Abstand auf den ersten Verfolger St. Gallen betrug nur drei Punkte.
Meisterfeier steht bevor: FC Thun kurz vor dem Titel
Im Wintertransferfenster verstärkte sich der FC Thun weiter: Der österreichische U21-Nationalspieler Furkan Dursun wechselte für 400.000 Euro vom SK Rapid an den Thuner See.
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Dennoch erwarteten die meisten Experten, dass das Team von Lustrinelli in der zweiten Saisonhälfte einbrechen würde. Die Thuner brachen jedoch nicht ein, ganz im Gegenteil – sie zeigten noch souveränere Leistungen.
In den ersten elf Ligaspielen im Jahr 2026 feierte der FCT zehn Siege, nur im Topspiel gegen den FC St. Gallen gab es ein 2:2-Unentschieden. Dennoch enteilten die Berner Oberländer den Ostschweizern.
Nun, sechs Spieltage vor Saisonende, steht Thun immer noch an der Spitze der Tabelle. Der Vorsprung ist mittlerweile auf zwölf Punkte angewachsen. Damit steht der FC Thun nach unzähligen Tiefpunkten in den letzten Jahren vor dem größten Erfolg der Vereinsgeschichte.
FC Thun: Lehren aus der Vergangenheit für die Zukunft
Dennoch blickt man auch mit Vorsicht auf die Zukunft, denn beim bisher größten Erfolg, dem Einzug in die Champions League in der Saison 2005/06, ging es danach ziemlich schnell bergab.
"Du hattest damals zwei Leute im Büro und dann kam die Champions League. Das stemmst du nicht mit zwei Leuten, aber der Apparat wurde dann dermaßen aufgeblasen. Jeder wollte von der Champions League leben. Zwei Jahre später war fast alles in Schutt und Asche. Das Geld war weg", so Feller, der damals auch schon als Schiedsrichterbetreuer im Verein war.
Für Thun folgte nur wenige Jahre nach der Champions League der neuerliche Abstieg in die zweite Liga. Das so etwas erneut passiert, will Präsident Gerber auf jeden Fall vermeiden.
"Der Klub jetzt und der Klub damals sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wir haben uns in diesen 20 Jahren weiterentwickelt, sowohl das Stadion als auch die Infrastruktur. Wir haben viel Erfahrung gesammelt, diese Erfahrung von damals sitzt immer noch tief. Ich denke, wir sind so gut vorbereitet wie nur möglich. In diesem Haifischbecken Profifußball ist klar, dass der FC Thun an seine Grenzen kommt, aber wir sind gut aufgestellt", sagt Gerber.
"Nicht naiv"
Die Planungen für die kommende Saison laufen in Thun jedenfalls schon auf Hochtouren. Dennoch steht jetzt erst einmal die Planung für die Meisterfeier im Vordergrund. Denn die Thuner sind laut Gerber "nicht naiv."
Für die meisten ist es nämlich nur noch eine Frage der Zeit, bis die Thuner ihr Märchen perfekt machen und den Meisterpokal in dieser Saison in die Höhe strecken können - und das als Aufsteiger.