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Michael Olise: Das leiseste Genie im Weltfußball

Der Franzose gehört mittlerweile zu den besten Spielern der Welt. Doch was macht ihn aus, woher kommt er und was hat es mit dem Nonchalant-Gimmick auf sich?

Michael Olise: Das leiseste Genie im Weltfußball Foto: © GETTY

Michael Olise ist zurzeit einer der angesagtesten Namen im Weltfußball.

Legenden wie Luis Figo und Oliver Kahn sehen den 24-jährigen Bundesliga-Star auf dem Weg zum Ballon d'Or. Mit dem FC Bayern hat er als überragender Spieler im Team sogar die Chance aufs Triple. Und dann wartet im Sommer ja auch noch die Weltmeisterschaft.

Vor dem Champions-League-Kracher gegen Paris Saint-Germain nimmt LAOLA1 den Franzosen genau unter die Lupe.

Mr. Nonchalant - Was steckt dahinter?

Michael Olise gilt als Mr. Nonchalant im Fußball. Wer nonchalant ist, hat ein ruhiges, unbekümmertes Auftreten und zeigt selten bis nie Nervosität oder Begeisterung bei Situationen, in denen eigentlich Emotionen erwartet werden.

Im Profifußball verkörpert wohl keiner diesen Charakterzug so sehr, wie Olise. Er antwortet bei Interviews und PKs meist nur einsilbig, posiert als Man of the Match nach dem CL-Kracher gegen Real, als müsste er gerade Passfotos machen. Und trägt als Einziger kein Meister-Leiberl und hüpft nicht mit, wenn die Bayern ihren Bundesliga-Titel feiern.

Er will außerhalb des Felds nicht im Mittelpunkt stehen oder viel reden. "Als Fußballer muss man die Antworten als Allererstes auf dem Platz geben", betont er in einem Interview auf der Bayern-Webseite.

Der Charakter Olise

Olises Charakter nach außen ist das eine, wie er sich innerhalb des Teams verhält, aber das andere.

Auf dem Feld präsentiert er sich unglaublich elegant und hat diese nonchalanten Ansätze auch in seinem Spiel. Andererseits arbeitet er unglaublich hart gegen den Ball, spult viele Kilometer ab.

"Was Michael so besonders macht? Seine Mentalität, die ihm die Chance gibt, einer der Besten der Welt zu werden", sagt sein aktueller Cheftrainer Kompany. "Das ist ein Grund, warum er noch besser wird."

Komplettpaket

Eine Eigenschaft, die ihn zum komplettesten Flügelspieler der Welt machen wird - oder sogar schon gemacht hat. Rein körperlich besitzt der Franzose schon ideale Anlagen für den modernen Fußball: Er ist zwar recht schlacksig, bringt aber eine Körpergröße von 1,84 m mit.

Beim ersten Blick fällt wohl jedem Zuschauer auf: Olises Spiel ist in erster Linie elegant. Aber nicht nur das, denn er bringt auch überraschend viel Effizienz mit - sowohl beim eigenen Abschluss als auch als Vorbereiter.

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Unglaubliche Zahlen: In 45 Spielen kommt Olise diese Saison auf 17 Tore und 29 Vorlagen.
Foto: ©GEPA

Häufig positioniert er sich weit außen am rechten Flügel, um möglichst isoliert in Eins-gegen-eins-Duelle zu gehen. Dabei setzt er sich zumeist mit völliger Leichtigkeit durch, oft mit dem klassischen "Robben-Move".

Um mit seinem starken linken Fuß abschließen zu können, cuttet er von rechts in die Mitte. Die Verteidiger wissen dabei genau was passiert, können es aber einfach nicht verhindern.

Olise nur mit Robben zu vergleichen, kommt aber zu kurz. Er ist nämlich deutlich kompletter, ein unglaublicher Assistgeber und Spielmacher vom Flügel. Sein Spiel beschränkt er nicht auf das Hineinziehen vom rechten Flügel, hier und da bleibt er breit und bedient seine Teamkollegen mit idealen Flanken.

Nicht nur im Spiel selbst wurde Olise über die vergangenen Jahre unberechenbarer und hat sich entwickelt. Offensichtlich hat er auch an seinem Körper gearbeitet.

Wegen einer Oberschenkelverletzung verpasste er bei Crystal Palace innerhalb eines Jahres 20 Spiele, dies wurde ihm beim Wechsel nach München von einigen zur Last gelegt. Doch Olise ist mittlerweile alles andere als verletzungsanfällig. Abgesehen von vereinzelten Schonungen verpasste er kein Spiel beim FCB.

Doch ganz anders?

Wie sich Olise außerhalb der Öffentlichkeit verrät, darüber gibt es nur wenige Erkenntnisse. Kleine Einblicke ermöglichten seine Mitspieler aber erst kürzlich. Der Franzose sei intern ganz anders als in der Öffentlichkeit.

"Er unterhält sich und lacht mit allen", wird Dayot Upamecano von "Eurosport" zitiert. Laut Jonathan Tah sei Olise sogar der Anführer in der WhatsApp-Gruppe der Mannschaft.

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Olises Schuhe sind immer passend zum jeweiligen Trikot gestylt
Foto: ©GETTY

Auf dem Platz flashy, daneben ruhig, zurückhaltend und vor allem bodenständig. Darüber wird nicht nur in den Medien spekuliert, das zeigen auch Olises Handlungen. Ja, hier und da kleidet er sich extravagant.

Worin er sich von den allermeisten Profis auf Top-Niveau unterscheidet: Olise hat keinen Sponsorendeal, wie "L'Equipe" berichtete. Diese Entscheidung habe der Franzose bewusst getroffen. Aus seinem Umfeld heißt es dahingehend: "Das interessiert ihn überhaupt nicht."

Trotzdem trägt er stets Nike-Schuhe - allerdings nicht die neuesten, sondern zuletzt besonders häufig ältere Modelle des Nike Hypervenom 3. Diese kombiniert er eigentlich immer passend zur Farbe seines Trikots.

London born and raised

Am 12. Dezember 2001 wurde Olise in Hammersmith, London, geboren. Aufgewachsen ist er noch weiter im Westen der britischen Hauptstadt. Nämlich in Hayes, das rund 27 Kilometer vom Zentrum entfernt liegt.

Sein Vater Vincent ist britisch-nigerianischer Abstammung. Der Name von Olises Mutter, die französisch-algerische Wurzeln hat, ist dagegen nicht öffentlich bekannt.

Michael ist das ältere von zwei Kindern, sein Bruder Richard kam 2004 auf die Welt.

Den Fußball auf der Straße gelernt

"Seit ich denken kann, hatte ich den Ball an meinem Fuß", sagte Olise in einem Interview auf der Bayern-Website: "Wir waren auf den Straßen, haben Pässe mit der Hauswand gespielt."

Besonders häufig spielte er gegen seinen Bruder Richard. Dabei gewann der heutige FCB-Profi laut eigener Angabe die meiste Zeit: "Weil ich der ältere und größere von uns beiden bin."

Auch der jüngere Olise-Bruder ist Fußballer, derzeit in der U21 des FC Chelsea: "Er ist heute Rechtsverteidiger - wahrscheinlich, weil er immer gegen mich verteidigen musste", meinte Michael Olise lachend.

Bei 50 Prozent der Top Six

Mit sechs Jahren kam Olise zu seinem ersten Klub, Hayes and Yeading. Seinen Heimatverein gab es zu diesem Zeitpunkt erst ca. ein Jahr lang, nachdem die örtlichen Klubs Hayes FC und Yeading FC im Mai 2007 fusioniert hatten.

Es dauerte allerdings nicht lange, bis er ins Visier der größten Klubs des Landes genommen wurde. Zu groß war das Talent des Londoners, der mit starker Technik und einem immer größer werdenden Spielverständnis brilliert.

2009 folgte der Wechsel zu Arsenal FC, in diesem Jahr trainierte er auch gleichzeitig beim FC Chelsea, wo er dann bis 2016 blieb. Bei den "Blues" traf er unter anderem auf einen heutigen Mitspieler: Der nur zwei Monate ältere Jamal Musiala war gleichzeitig in der Chelsea-Akademie.

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In München kam es zum Wiedersehen von Olise und Musiala. 56 Partien standen die beiden gemeinsam am Platz.
Foto: ©GETTY

Ein schwieriger Charakter?

In der Gegenwart verkörpert Olise den "nonchalant"-Charakter wie niemand sonst. Bei Interviews antwortet er meist einsilbig, auf und außerhalb des Platzes zeigt er fast nie Emotionen. In der Jugend dürfte das anders gewesen sein, zumindest wenn man einem "kicker"-Bericht Glauben schenken darf.

In der U14 soll Olise nämlich bei Chelsea aus dem Internat geflogen sein, er hätte sich zu häufig mit seinen Teamkollegen angelegt. Es ging weiter in den ManCity-Nachwuchs. Doch auch dort kam es nach einem Jahr zum Ende.

Hier ist der Punkt gekommen, an dem der Weg zum Profi für so viele vielversprechende Nachwuchskicker endet. Doch Michael Olise gehörte zu den Ausnahmen.

Umweg zu einem der größten Klubs weltweit

Dafür war allerdings ein Umweg notwendig. Dieser hörte auf den Namen Reading FC. Als der 15-jährige Olise 2017 kam, war der Klub Teil der zweitklassigen Championship.

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Als er bei Reading spielte, traf Olise sogar auf England-Legende Wayne Rooney.
Foto: ©GETTY

Knapp zwei Jahre später debütierte er mit 17 Jahren und drei Monaten, was ihn damals zum jüngsten Reading-Debütanten in der Championship machte. Olise brauchte ein wenig Zeit, um sich an die Härte im englischen Profifußball zu gewöhnen - rund zwei Jahre, um genau zu sein. Doch als es klickte, funktionierte es so richtig.

2020/21 war mit Sicherheit das Breakout-Year des offensiven Mittelfeldspielers (44 Spiele, sieben Tore und zwölf Assists). Zahlreiche Topklubs, darunter ManCity, Chelsea, PSG oder die Bayern, wurden im Sommer 2021 auf ihn aufmerksam. Der Londoner entschied sich aber für Crystal Palace.

Bei den Eagles machte er in den darauf folgenden drei Jahren die nächsten Schritte, vom Talent zum herausstechenden PL-Spieler.

Und dann kam der große Schritt zum FC Bayern München, wo er bislang absolut brilliert. Die unglaubliche Bilanz: 100 Spiele, 100 Torbeteiligungen.

Ein Unikat im französischen Nationalteam

Auf Nationalteam-Ebene startete seine Laufbahn 2019 in der U18 - und zwar für Frankreich. Das ist deshalb von Bedeutung, weil Olise aufgrund seiner Eltern für vier Nationen hätte auflaufen können: England, Nigeria, Algerien und eben Frankreich.

2024 feierte Olise sein Debüt für das französische A-Team. In der 122-jährigen Geschichte des Nationalteams ist der Bayern-Profi ein Unikat. Denn er ist der erste und einzige Spieler von "Les Bleus", der noch nie für einen französischen Klub auflief. Französisch sprechen kann er zwar, allerdings nicht auf Muttersprachen-Niveau.

Später verriet er, dass er sich für die Équipe Tricolore entschieden hatte, weil er "immer schon eine Verbindung zu Frankreich hatte".

Eine Entscheidung, die Jahre danach einen gewissen Thierry Henry sehr glücklich machen sollte. Die Arsenal-Legende coachte Olise schon bei der französischen U21, bei Olympia 2024 ging die Zusammenarbeit weiter. "Wenn ich darüber spreche, bekomme ich Gänsehaut, wenn ich an seinen Wunsch denke, für die französische Nationalmannschaft spielen zu wollen", sagte Henry.

Drei absolute Weltklassespieler als Trainer

Der frühere Arsenal- und Barca-Spieler war nicht der erste Trainer von Olise, der eine aktive Karriere auf Weltklasse-Niveau hinter sich hat. Bei Crystal Palace machte der Franzose 60 Spiele unter Patrick Vieira.

Die bisherigen Cheftrainer von Olise können sich also durchaus sehen lassen: Vieira, Roy Hodgson, Henry, Oliver Glasner, Didier Deschamps und natürlich Kompany.

Vorbilder hatte er aber andere. Den Bayern-Legenden Franck Ribery und Arjen Robben sah er im Kindesalter gern zu. Außerdem gehören Lionel Messi und Zinedine Zidane zu seinen Vorbildern. Als Kind war allerdings ein anderer sein Favorit.

"Ich mochte sein trickreiches Spiel. Aber man schaut sich von vielen Spielern etwas ab, nur so wird man komplett", verrät er auf der Bayern-Webseite, dass Neymar Jr. früher sein Vorbild war.

Sollte es für Olise so weitergehen, wie es derzeit läuft, dann könnte er sein Vorbild sogar schon überflügeln. Denn: Mit einem Gewinn in der Champions League und/oder einem WM-Titel dürfte der Ballon d'Or eigentlich an keinen anderen gehen als an ihn.

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