Ein Fußballstadion, wie aus der Zeit gefallen
Mjällby Allmänna Idrottsförening - so der vollständige Name des Vereins - war bis zum Meistertitel 2025 eine graue Maus im schwedischen Fußball.
1939 in Mjällby aus einer Fusion von Listers IF und Hälleviks IF in Mjällby entstanden, siedelte der Klub 1953 ins nahegelegene Hällevik um.
Bis heute trägt der Klub seine Heimspiele im dort damals gebauten "Strandvallen" aus. "Strandvallen" bedeutet auf Deutsch so viel wie "Strandmauer".
Treffender könnte der Name für das direkt an der Ostseeküste situierte Stadion nicht sein.
"Es ist eine altmodische, kleine Arena, die eher an einen größeren Sportplatz erinnert, wie es ihn in fast jedem schwedischen Ort gibt. Sie liegt nur wenige hundert Meter vom Meer entfernt, auch wenn man das Wasser von der Tribüne aus nicht sehen kann", schildert Flinck.
Nur rund 6.000 Zuseher fasst das Stadion, das bis 2008 nicht mal eine Flutlichtanlage besaß, im Ligaalltag. Für die ersten Europacup-Matches in seiner Geschichte musste das "Strandvallen" Umbauarbeiten über sich ergehen lassen, ehe die UEFA grünes Licht gab. 3.500 Zuschauer werden am Donnerstag in ihm Platz nehmen.
Das ist immerhin mehr als doppelt so viel, wie Menschen in Hällevik leben. Das idyllische Fischerdorf ist ein beliebter Ferienort, direkt neben dem "Strandvallen" erstreckt sich ein großer Campingplatz.
Klassische Fahrstuhlmannschaft
Aber zurück zur sportlichen Historie von Mjällby, die mit Ex-Trainer Adolf Vogel (1969-70) sogar einen Österreich-Bezug hat und die vor allem von vielen Auf- und Abstiegen geprägt ist. Ab 1975 bis 1980 kämpfte sich MAIF von der Viertklassigkeit in die Allsvenskan hoch, seither wechselte man nicht weniger als 16 Mal die Liga.
2016 stand der Klub unmittelbar vor dem Bankrott und gleichzeitig vor dem Abstieg in die vierte Liga. Beides konnte abgewendet werden.
Mit gezielten Sparmaßnahmen und Fokus auf Jugendarbeit konnte sich Mjällby finanziell konsolidieren und auch sportlich wieder auf Kurs kommen. Seit 2020 gehört man nun wieder zum festen Inventar der Allsvenskan.
Mit dem "Kaizen"-Modell zurück in die Erstklassigkeit
"Wir verfügen nicht über die finanziellen Möglichkeiten vieler unserer Mitstreiter, daher ist für uns die Arbeitskultur entscheidend. Wie stellen wir sicher, dass wir uns ständig verbessern? Indem wir uns jeden Tag auf Leistung konzentrieren statt auf Ergebnisse", verriet Geschäftsführer Jacob Lennartsson in einem "UEFA"-Artikel das MAIF-Erfolgsrezept.
Der damalige Klubpräsident, Magnus Emeus, brachte während der harten Zeiten rund um 2016 das japanische "Kaizen"-Modell in den Verein. Laut dieser Philosophie werde man nur dann erfolgreich, wenn man tagtäglich danach strebt, sich ein klein wenig zu verbessern, anstatt nach schnellen Lösungen zu suchen. Noch heute wird danach gehandelt.
"Wir bleiben mit beiden Beinen fest auf dem Boden, denn die Dinge können sich schnell ins Gegenteil verkehren, wenn man nicht jeden Tag das Richtige tut", ergänzt Sportdirektor Hasse Larsson diesbezüglich.
"Mr. Mjällby" als Architekt des Erfolgs
Larsson gilt als eine der schillerndsten Figuren im schwedischen Fußball und gleichzeitig als der Architekt des Erfolgs von Mjällby. "Mr. Mjällby" wird er in Schweden genannt.
1979, also im Jahr des erstmaligen Allsvenskan-Aufstiegs, kam der heute 64-Jährige als junger Spieler zu MAIF und beendete 16 Jahre später dort auch seine Karriere, ohne jemals den Verein zu wechseln.
Von 1999 bis 2002 und erneut 2015 betreute er Mjällby als Trainer, dazwischen war er Teil einer Investorengruppe, die den Klub mehrere Jahre unterstützte. Und 2016, als sein Herzensverein kurz vor dem Abgrund stand, heuerte er schließlich als sportlicher Leiter an.
"Wenn ein Spiel läuft, fährt der Teufel in mich. Viele sagen, dass sie es hassen zu verlieren. Ich kann es genauso wenig ertragen, den Gegner gewinnen zu sehen."
Dass es seither so steil bergauf mit MAIF ging, liegt zu großen Teilen an Larsson. "Mr. Mjällby" beschreibt sich selbst als "nicht medientrainiert". Während der Spiele seiner Mannschaft geht er gerne mal schreiend auf Schiedsrichter oder Gegner los.
"Wenn ein Spiel läuft, fährt der Teufel in mich. Viele sagen, dass sie es hassen zu verlieren. Ich kann es genauso wenig ertragen, den Gegner gewinnen zu sehen", erzählte Larsson einmal in einem "Sportbladet"-Interview.
Ein Sportdirektor ohne Computer und ein Postler als Chefscout
Diese Emotionalität rühre aber einzig und allein von der Liebe zu seinem Verein her: "Ich empfinde so unglaublich viel für diesen Verein und für all die Menschen, die ihn umgeben."
Ein Anruf genüge, und es stünden hunderte Freiwillige bereit, die alles für den Verein tun würden, so Larsson. Alle Mitarbeiter würden für den Verein brennen, "und wir haben einen Vorstand, der sich nicht in den Fußball einmischt, sondern sich um seine eigenen Aufgaben kümmert".
Larsson selbst war lange Zeit Sportdirektor und Scoutingabteilung in Personalunion. Erst 2023 heuerte man mit Arvid Franzen einen Teilzeit-Scout an. Vor rund einem Jahr durfte Franzen seinen Hauptjob als Postler aufgeben, um Vollzeit bei Mjällby zu arbeiten. Er kümmert sich dabei vor allem um die datengetriebenen Aspekte des Scoutings.
Larsson, der bis heute keinen Computer besitzt und den Großteil der im letzten Jahrzehnt verpflichteten Spieler mit Zettel und Stift bewaffnet in unterklassigen schwedischen Ligen scoutete, verließ sich bisher auf sein Auge und sein Bauchgefühl. "Wenn ich den Spieler live sehe, liege ich normalerweise nicht falsch", behauptet er.
"Fußballdoktor" an der Seitenlinie
Verschlossen wird sich bei Mjällby gegen die modernen Aspekte des Fußballs allerdings nicht - im Gegenteil. Mit Dr. Karl Marius Aksum wurde Anfang des Jahres das Paradebeispiel eines "Laptop-Trainers" zum Chefcoach befördert.
Der 36-jährige Norweger ist bereits seit Anfang 2024 als Co-Trainer beim Verein. Ihm, der das Offensivspiel von Mjällby revolutionierte, wird ein hoher Anteil am letztjährigen Titelgewinn zugeschrieben.
Der Weg zu seinem aktuellen Job passt in seiner Ungewöhnlichkeit zum gesamten Verein. Aksum musste seine aktive Karriere im Alter von 16 Jahren wegen der Erschöpfungskrankheit ME/CFS, die ihn zwei Jahre ans Bett fesselte, beenden.
"...da bin ich vielleicht der Beste der Welt"
Für ihn war rasch klar, dass er dem Fußball als Trainer erhalten bleiben möchte, weshalb er sich an der Sporthochschule Oslo im Bachelorstudiengang "Fußballtrainerwesen" einschrieb. Nach einem anschließenden Master in Coaching und Psychologie setzte er seine akademische Karriere schließlich mit einem PhD in "Visual Perception in Elite Football" (zu Deutsch: "Visuelle Wahrnehmung im Elitefußball") fort.
"Zu wissen, dass ich vielleicht der Beste der Welt in Sachen Scanning und Wahrnehmung bin, verleiht meinen Worten etwas Gewicht, wenn ich mit Spielern spreche."
"Es ist schwierig, als Trainer ganz nach oben zu kommen, wenn man kein Topspieler war. Dann musst du etwas haben, das dich von anderen Trainern unterscheidet. Es gibt nicht viele Spitzentrainer mit einem Doktortitel. Zu wissen, dass ich vielleicht der Beste der Welt in Sachen Scanning und Wahrnehmung bin, verleiht meinen Worten etwas Gewicht, wenn ich mit Spielern spreche", so Aksum.
Scanning definiert er folgendermaßen: "Wie man seine Augen nutzt, um Informationen auf dem Spielfeld aufzunehmen. Das wird immer wichtiger. Wenn du im heutigen Fußball nicht gut scannen kannst, vor allem wenn du zentral spielst, hast du keine Chance."
Während seines PhDs, den er 2021 abschloss, identifizierte Aksum Ex-Barcelona-Star Xavi Hernandez als Spieler mit der besten visuellen Wahrnehmung im Weltfußball. Momentan gehe dieser Titel an PSG-Mittelfeldspieler Vitinha.
Erfinder des 3-4-2-1 und Gegner der Hösche
Aksum sieht sich außerdem als Erfinder des 3-4-2-1-Systems, wie es etwa von Bayer Leverkusen oder hierzulande vom LASK und freilich auch von Mjällby praktiziert wird, "weil ich nach vielen Stunden Arbeit bereits 2012/13 zu dem Schluss gekommen bin, dass es das beste System für offensiven Fußball ist".
Vom Rondo (hierzulande als Hösche bekannt) als Trainingsform hält der "Fußballdoktor" nicht viel und hat sich deshalb schon einmal stundenlang mit Arne Slot gestritten, als er bei diesem hospitieren durfte. Seine über die letzten 15 Jahre gesammelten Gedanken zum Fußball hat der Norweger in einem mittlerweile 500-seitigen Dokument auf seinem Laptop in einer Art "Fußballbibel" zusammengefasst.
An die schwedische Ostseeküste verschlug es Aksum, als man bei Mjällby beschloss, nach einem neuen, offensiv denkenden Assistenztrainer zu suchen, und diese Stelle ausschrieb.
Aksum wollte bei seiner Bewerbung den Kapitän aussortieren
85 Bewerbungen trafen ein. Jene von Aksum blieb auch deshalb in Erinnerung, weil der junge Uni-Absolvent ein MAIF-Spiel gnadenlos analysierte und sofort kritisierte, dass die Nummer 22 im Mittelfeld nicht spielen hätte sollen.
"Das Problem war nur, dass die Nummer 22 unser Kapitän Jesper Gustavsson war, mit dem wir gerade um fünf Jahre verlängert hatten", erinnert sich Geschäftsführer Lennartsson lachend.
Aksum bekam den Job, Gustavsson ist noch heute bei Mjällby und nach wie vor Kapitän.
"Jeppe war nicht gut genug darin, sich anspielbar zu machen, er hatte kein Scanning und hatte große Probleme damit, sich mit dem ersten Kontakt in eine offene Stellung zum Spielfeld zu bringen. Ich sagte nur, dass er so nicht spielen kann, wenn wir so spielen wollen, wie ich es mir vorstelle. Aber ich sagte auch, dass man daran leicht etwas ändern kann", relativierte Aksum sein harsches Urteil Jahre später.
Unter den Mjällby-Spielern genießt er mittlerweile hohes Ansehen. Da Aksum unbedingt den Schritt zum Cheftrainer machen wollte und sich auch die Spieler ihn in dieser Rolle wünschten, machte Meistertrainer und Vereins-Urgestein Anders Torstensson den Weg Anfang des Jahres frei und nahm die Rolle des Technischen Direktors beim Verein an.
Obwohl Aksum und Sportdirektor Larsson eine gänzlich unterschiedliche Herangehensweise an den Fußball haben, funktioniere die Zusammenarbeit gut, weil Larsson diesbezüglich uneitel sei, berichtet Journalist Flinck.
Der Faden ist gerissen
Seit Aksum die Hauptverantwortung übernahm, auch das gehört zur Wahrheit dazu, läuft es bei Mjällby allerdings nicht mehr allzu rund. Im Mai 2026 konnte mit dem Pokalgewinn noch das Double perfekt gemacht werden, in der Ganzjahresmeisterschaft befindet man sich nach 16 absolvierten Spielen jedoch nur auf Platz elf und damit nicht allzu weit vom Abstiegskampf entfernt.
Einerseits sei dieser sportliche Einbruch damit zu erklären, dass MAIF einige Schlüsselspieler der Meistermannschaft verlor, zum anderen damit, dass die dagebliebenen Akteure "letztes Jahr wohl bereits ihren Höhepunkt erreicht haben, und viele von ihnen zudem über 30 Jahre alt sind. Vielleicht sind die Spieler auch ein wenig von den Erfolgen gesättigt, auch wenn sie das selbst niemals zugeben würden", analysiert Flinck.
Vielleicht erwacht der Hunger bei Mjällby ja am Donnerstag, wenn es um die historische Chance geht, sich in der UEFA Europa League mit europäischen Spitzenteams wie Bayer Leverkusen, Crystal Palace oder AC Milan messen zu dürfen.
Spätestens wenn die MAIF-Kicker in Fußballtempeln wie dem San Siro auflaufen, ist aus dem kleinen schwedischen Fußballmärchen ein internationales geworden.