Stecher: "Man braucht keine Wunder erwarten"

 

Kein einziger Weltcup-Sieg, keine Medaille bei Olympia - die vergangene Saison war für Österreichs Skispringer schlichtweg enttäuschend.

"Im Nachhinein ist man natürlich immer g’scheiter, aber es muss sich jeder selbst bei der Nase nehmen. Die Leute, Athleten wie Betreuer, die in den letzten Jahren im Springerteam mitgearbeitet haben, wissen sehr wohl, dass Fehler passiert sind", sagt Mario Stecher, seit April Sportlicher Leiter des ÖSV für Skispringen und Nordische Kombination, vor Beginn der neuen Saison am kommenden Wochenende.

Welche Fehler bei den ÖSV-Adlern genau gemacht wurden und warum Andreas Felder der richtige Chefcoach für Stefan Kraft und Co. ist, erklärt Stecher im ausführlichen LAOLA1-Interview. Außerdem verrät der 41-Jährige, wie man als Sportler "ausdauernd erfolgreich" ist und gibt die Ziele für die Heim-WM in Seefeld im Februar aus:

LAOLA1: Du bist jetzt seit fast genau sieben Monaten Sportlicher Leiter für Skispringen und Nordische Kombination im ÖSV. Bist du in deiner Position schon angekommen?

Mario Stecher: Ja, absolut. Es war natürlich von Anfang an mit sehr viel Arbeit verbunden und ist eine riesengroße Herausforderung. Gleich zu Beginn galt es, einen neuen Cheftrainer für die Skispringer zu suchen und das Team so zu formen, wie ich mir das vorstelle. Ich glaube, das ist recht gut gelungen. Jetzt liegt es an den Trainern, dass sie wieder Begeisterung in der Mannschaft entfachen, damit sie gemeinsam wieder ein Team werden und Erfolge feiern können.

LAOLA1: In deiner Zeit als Aktiver hast du oft das System kritisiert, jetzt stehst du auf der anderen Seite. Wie wichtig ist es dir, dass die Athleten ansprechen, wenn ihnen etwas nicht passt?

Stecher: Das ist sehr, sehr wichtig. Wenn sie es mir gegenüber ansprechen ist es natürlich auch wichtig, aber noch wichtiger ist der Umgang innerhalb des Teams. Man muss offen miteinander sprechen. Oft sind es Kleinigkeiten, die ausschlaggebend sind, warum es nicht funktioniert. Diese gehören im Ansatz ausgeräumt. Für mich zählt vor allem, wie Kritik geübt wird. Man kann über alles schimpfen, aber es wird nichts bringen, wenn es nicht die richtige Art und Weise ist. Es geht mehr um Respekt als darum, als Sieger hervorzugehen.

LAOLA1: Nach deinem Rücktritt als Kombinierer 2015 hast du ein Buch mit dem Titel „Ausdauernd erfolgreich“ veröffentlicht. Was ist das Geheimnis, um Jahre oder gar Jahrzehnte auf höchstem Level erfolgreich zu sein?

Stecher: Die Frage, die man sich als Athlet stellen muss, ist: Wofür motiviere ich mich eigentlich? Es braucht einen gewissen Plan, eine Strategie, um seine Ziele zu erreichen. Dazu gehört auch, Herausforderungen immer wieder neu anzunehmen. Es ist wichtig, eine gewisse Resilienz zu zeigen. Denn bei keinem geht es im Leben nur nach oben, es gibt immer wieder Rückschläge. Bei mir waren das sehr viele Verletzungen (10 Knie-Operationen, Anm.). Es geht darum, einmal öfter aufzustehen als hinzufallen.

LAOLA1: Die ÖSV-Skispringer haben eine magere Saison hinter sich, blieben unter anderem bei Olympia ohne Medaille. Was ist rückblickend schief gelaufen?

"Vielleicht hat man sich durch die großartigen Erfolge davor etwas zu sehr in Sicherheit gewogen. Zusätzlich haben andere Nationen das hohe Niveau, das unsere Mannschaft in den letzten Jahren hatte, noch einmal getoppt."

Stecher über die ÖSV-Skispringer

Stecher: Im Nachhinein ist man natürlich immer g’scheiter, aber es muss sich jeder selbst bei der Nase nehmen. Die Leute, Athleten wie Betreuer, die in den letzten Jahren im Springerteam mitgearbeitet haben, wissen sehr wohl, dass Fehler passiert sind. Aber wo gearbeitet wird passieren auch Fehler. Hier irgendjemandem eine Schuld zuzuweisen ist nicht meine Art. Man gewinnt und verliert immer gemeinsam. Vielleicht hat man sich durch die großartigen Erfolge davor etwas zu sehr in Sicherheit gewogen. Zusätzlich haben andere Nationen das hohe Niveau, das unsere Mannschaft in den letzten Jahren hatte, aber noch einmal getoppt. Auch das Material hat sich wieder weiterentwickelt und so werden Fehler weniger leicht verziehen, das ist uns in den Analysen klar geworden. Athleten anderer Mannschaften sind in der letzten Saison vor allem ein bisschen sauberer gesprungen - das ist unser Ansatz. Es geht um die Ausübung der Technik. Da versuchen wir jetzt, die Fehler auszumerzen. Dass das nicht von heute auf morgen geht, ist klar. Man braucht sich für die kommende Saison keine Wunder erwarten. Aber man sollte sich zumindest erwarten können, dass wir wieder näher an die Spitze herankommen. Dass wir bei Großveranstaltungen wie der Heim-WM wieder um Medaillen mitkämpfen können, zumindest im Teambewerb, nicht wie bei Olympia, als wir nach dem ersten Springer schon in aussichtsloser Position waren. Mit dem nötigen Selbstvertrauen, das man sich jetzt hoffentlich nach und nach erarbeitet, wird der Weg wieder Richtung Spitze gehen.

LAOLA1: Man hört immer wieder von einer Aufbruchstimmung bei den ÖSV-Adlern. Was erwartest du dir von Stefan Kraft, Michael Hayböck, Gregor Schlierenzauer und Co.?

Stecher: Ich erwarte mir - und das habe ich auch am Anfang der Saison gesagt - , dass sie mitarbeiten und die Vorgaben und Möglichkeiten der Verbesserung annehmen. Ein Trainer kann viel reden und tun, aber der Athlet muss es schlussendlich selbst umsetzen. Das erwarte ich mir. Wenn ihnen das nur zum Teil gelingt, dann bin ich überzeugt davon, dass es für jeden eine gute Saison werden kann. Stefan Kraft hatte eine tolle letzte Saison, er ist Vierter im Gesamtweltcup geworden. Das muss man erst einmal schaffen. Natürlich war der Maßstab nach Doppel-Gold bei der WM, dem Gesamtweltcup-Sieg und dem Skiflug-Weltrekord - was ein Wahnsinn war - sehr hoch. Wenn man dann „nur“ Vierter wird, ist es halt traurig. Abgesehen von Kraft waren die Leistungen aber zweifelsohne nicht so, wie man sich das vorstellt und wie der Anspruch im ÖSV ist. Wenn der zweitbeste Athlet im Gesamtweltcup nur 23. wird, ist das einfach zu wenig. Die Athleten müssen an sich selbst arbeiten und bei sich selbst ansetzen. Dann kann es wieder Richtung Stockerl oder Sieg gehen.

LAOLA1: Das klingt so, als wärst du überzeugt, dass der Rest der Mannschaft auch wieder an die Weltspitze anschließen kann.

Stecher: So ist es. Ich bin überzeugt davon, dass man auch von dem einen oder anderen vielleicht noch nicht so bekannten Springer etwas erwarten kann. Daniel Huber zum Beispiel hat sein Potenzial schon zu Beginn der vergangenen Saison mit einem 6. Platz in Wisla gezeigt. Das wollte er dann natürlich fortsetzen und ist daran vielleicht ein bisschen gescheitert. Aber Daniel springt heuer schon über längere Zeit hinweg auf einem sensationellen Niveau. Das ist auf jeden Fall ein Springer, der auch ein Typ ist und der die nötige Konstanz haben kann. Da rede ich jetzt nicht ständig von den Plätzen eins, zwei, drei, aber ich bin mir sicher, dass er das Potenzial hat, sich heuer in den Top Ten festzusetzen. Das wäre ein wichtiger Schritt und vor allem mal ein kräftiges Lebenszeichen von einem Athleten aus der „zweiten“ Reihe. Gleiches gilt für Philipp Aschenwald. Er hat mit seinem Trainer Andi Widhölzl im Sommer toll gearbeitet und einen riesigen Sprung gemacht. Er hat den Continental Cup überlegen gewonnen, jetzt ist es an der Zeit, dass er den nächsten Karriereschritt Richtung Weltcup positiv absolviert. Auch er hat was drauf!

LAOLA1: Nach dem Ende der vergangenen Saison gab es immer wieder Gerüchte, dass der ÖSV österreichische Trainer, die im Ausland erfolgreich tätig sind, wie z.B. Alex Stöckl, Werner Schuster oder Stefan Horngacher, kontaktiert hat. Stimmt das und warum fiel die Entscheidung letztlich auf Andreas Felder?

"Er hat die nötige Ruhe und traut sich, Fehler ganz klar anzusprechen. Das ist ein Typ, der nur Schwarz oder Weiß kennt."

Stecher über Andreas Felder

Stecher: Also ich persönlich habe mit den drei angesprochenen Personen nicht geredet. Die waren ja alle unter Vertrag, deshalb war das für mich kein Thema. Meine Intention aber war von Anfang an, einen österreichischen Trainer zu holen und ich bin dann relativ schnell zum Entschluss gekommen, dass Andi Felder der Richtige ist. Er ist ein gestandener Trainer und hat für die Athleten sicher eine Vorbildwirkung, weil er selbst ein enorm guter Skispringer war. Er hat die nötige Ruhe und traut sich, Fehler ganz klar anzusprechen. Das ist ein Typ, der nur Schwarz oder Weiß kennt. Er ist weit davon entfernt, zu sagen, andere Sachen sind schuld, dass ein Athlet nicht gut ist. Das ist für mich eine sehr positive Eigenschaft. Zusammen mit einem guten Co-Trainerstab und einer guten Auswahl an Trainern für den B- und C-Kader kann das schon Früchte tragen.

LAOLA1: Du warst über 20 Jahre lang Kombinierer. Jetzt bist du quasi der Chef deiner ehemaligen Kollegen.

Stecher: Das ist überhaupt kein Problem. Durch meine Tätigkeit beim ORF nach meinem Karriereende hatte ich auch in den letzten Jahren einen sehr engen Kontakt zu den Kombinierern. Jetzt stehe ich ihnen halt als Sportdirektor vor. Gerade mit Christoph Bieler und Jochen Strobl, die das Training leiten - Christoph Eugen managed alles - kann ich mich sehr gut austauschen. Wir sind in einer Entwicklungsphase, wollen irgendwann wieder die Deutschen überflügeln. Momentan sind sie der Maßstab aller Dinge, da wollen wir wieder hin. Das bedarf sehr, sehr harter Arbeit, gerade was den Ausdauer-Bereich betrifft. Da müssen wir schauen, dass wir uns nach der Decke strecken und noch mehr Umfang trainieren. Das werden wir versuchen umzusetzen.

LAOLA1: Von deinen ehemaligen Kollegen sind Routiniers wie Berni Gruber, Lukas Klapfer oder Willi Denifl noch dabei, die jüngeren um Mario Seidl drängen nach. Wie ist es um die Zukunft der ÖSV-Kombinierer bestellt?

Stecher: Ich sehe das so: Egal, ob ein Sportler jünger oder älter ist, schlussendlich zählt die Leistung. Wenn Bernhard Gruber z.B. in drei Jahren auch mit 40 noch seine Leistung bringt, dann bin ich froh darüber. Er hat nach wie vor viel Potenzial, sich weiterzuentwickeln und ist ein enorm wichtiger Bestandteil des Teams. Das gleiche gilt für jüngere Athleten wie Philipp Orter, David Pommer oder Lukas Greiderer. Alles in allem macht die Mischung ein gutes Team aus. Die arrivierten Athleten müssen aufgeschlossen sein für Neues und sich mit den Jungen messen. Sie sollen ihnen gewisse Sachen weitergeben und ihnen den Weg weisen. Umgekehrt müssen die Jüngeren diese Ratschläge natürlich auch annehmen. Und irgendwann kommt ohnehin der Punkt, an dem sich die Älteren eingestehen müssen, anderen Jüngeren den Vortritt zu lassen.

LAOLA1: Bei der Nordischen WM 2021 gibt es erstmals Bewerbe in der Nordischen Kombination für Damen. Wie groß ist der Zulauf von Frauen in Österreich zur Kombination?

Stecher: Es besteht schon Interesse. Es gibt mittlerweile Nachwuchscamps, bei denen jeweils 25 bis 35 Mädels dabei sind. Auch im Austria Cup sind die Damen bei den Wettkämpfen bereits am Start. Da werden gute Leistungen geboten und die Damen sind mit Eifer dabei. Wir haben mit Lisa Hirner eine Athletin, die noch sehr jung ist, aber 2021 durchaus so weit sein kann, um bei der WM zu starten und eine gute Leistung zu bieten. Vorausgesetzt, dass sie den Weg so weitergeht, Skispringen und Langlauf sind intensive und zeitaufwendige Sportarten. Aber Lisa hat definitiv das Potenzial, den Weg zu gehen und könnte die eine oder andere Athletin mitziehen.

LAOLA1: Vor der WM 2021 steht 2019 die Heim-WM in Seefeld an. Der Druck von außen auf die Österreicher ist groß, wie sieht die Erwartungshaltung innerhalb des ÖSV aus?

"Natürlich sind Medaillen unser Ziel. Wer mich kennt, weiß, dass das oberste Ziel ist, zu gewinnen. Aber es geht nichts von heute auf morgen."

Stecher über die Heim-WM in Seefeld

Stecher: Wenn ich hergehe und sage, wir wollen zehn Mal Fünfter werden, bin ich wahrscheinlich der Falsche für diesen Job. Natürlich sind Medaillen unser Ziel. Wer mich kennt, weiß, dass das oberste Ziel ist, zu gewinnen. Aber es geht nichts von heute auf morgen. Wichtig ist, dass wir wieder die Voraussetzungen schaffen, um dann mit dem nötigen Quäntchen Glück - das gehört auch dazu - gewinnen zu können. Das ist unsere Aufgabe. Den zusätzlichen Druck bei der Heim-WM sehe ich auch als große Chance für unsere Athleten und Betreuer. Wir können uns in die Auslage stellen und unsere Sportarten sympathisch präsentieren. Wir können die Begeisterung auf das Publikum übertragen, weil es einfach sensationell coole Sportarten sind. Dass sich der einzelne Athlet Druck macht, ist klar, aber das macht er sich glaube ich auch, wenn er in Lahti bei einer WM am Start ist. Damit muss man einfach umgehen.

LAOLA1: Was müsste passieren, damit du am Ende der Saison zufrieden bist?

Stecher: Ich möchte das gar nicht so an Medaillen oder Erfolgen festmachen. Ich bin zufrieden, wenn es uns als Team gelingt, wieder eine Mannschaft zu formen, die am gleichen Strang zieht und geschlossen ganz oben stehen will. Dann ist es eine gute Saison.

LAOLA1: Langfristig gesehen: Was ist deine Vision für den nordischen Skisport in Österreich? Was soll am Ende deiner Amtszeit übrig bleiben?

Stecher: Uns muss es vor allem gelingen wieder mehr Kinder für unseren tollen Sport zu begeistern. Das kann allerdings nur passieren, wenn auch deren Eltern ein Faible für den nordischen Sport entwickeln. Die Heim-WM im kommenden Winter in Seefeld könnte dafür eine Initialzündung sein. Dazu gehören natürlich funktionierende Vereine und Eltern, die sich Zeit für unseren Nachwuchs nehmen. Da müssen wir einfach wieder eine große Familie werden.

Textquelle: © LAOLA1.at

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