Stöckl: "Danach hat Norwegen lange gesucht"

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Seit mittlerweile fast zehn Jahren ist Alex Stöckl Cheftrainer der norwegischen Skisprung-Herren und das höchst erfolgreich. Doch so etwas wie in diesem Jahr hat auch der erfahrene Coach noch nicht erlebt - und das hat nichts mit Corona zu tun, sondern mit einem gewissen Halvor Egner Granerud.

Der 24-Jährige ist der neue Überflieger im Skisprung-Zirkus, hat zuletzt fünf Siege in Serie gefeiert. "Halvor hat seine Form auf hohem Niveau stabilisiert. Das ist etwas, wonach wir schon lange gesucht haben, dass wir einen Athleten haben, der über längere Zeit stabil ist. Das haben wir bis jetzt noch nicht so gehabt", sagt der Tiroler.

Im LAOLA1-Interview verrät Stöckl Graneruds Erfolgsgeheimnis und mit welcher Aussage ihn der Senkrechtstarter überraschte. Außerdem spricht der 47-Jährige über die großen Corona-Folgen für den norwegischen Verband und den Cluster bei den ÖSV-Adlern.

LAOLA1: Du hast mit Halvor Egner Granerud den absoluten Überflieger dieser Saison in deinem Team. Was macht ihn plötzlich so stark?

Alex Stöckl: Halvor hat gleich zu Beginn der Saison die Bestätigung bekommen, dass die Arbeit, die er im Sommer geleistet hat, gut war. Das steigert natürlich das Selbstvertrauen und wenn man dann weiß, dass es funktioniert, ist es wichtig, dass man die Routine in der Vorbereitung auf den Wettkampf durchzieht und sich nicht rausbringen lässt. Das hat er wirklich sehr gut geschafft. Halvor hat seine Form auf hohem Niveau stabilisiert. Das ist etwas, wonach wir schon lange gesucht haben, dass wir einen Athleten haben, der über längere Zeit stabil ist. Das haben wir bis jetzt noch nicht so gehabt.

LAOLA1: Granerud kommt nun als absoluter Topfavorit zur Vierschanzen-Tournee. Kann er mit dieser Rolle umgehen?

Stöckl: Das werden wir sehen. Er hat zuletzt in Engelberg mit seinem fünften Sieg in Serie den norwegischen Rekord gebrochen, den bisher Espen Bredesen und Ole Bremseth gehalten haben. Damit hat Halvor Geschichte geschrieben, da war der Druck groß, das war in den Medien schon Thema. Aber er hat deshalb auf der Schanze nichts anders gemacht. Die Tournee ist natürlich noch eine Stufe höher, aber ich glaube, das wichtigste ist, dass er seine täglichen Routinen in der Vorbereitung aufrechterhalten kann. Das ist auch unsere Aufgabe im Trainerteam, dass wir versuchen, alles rundherum mindestens gleich gut zu organisieren, damit die Termine stimmen und der Rhythmus passt.

LAOLA1: Traust du Granerud auch den Gesamtweltcup-Sieg zu?

"Halvor hat im Sommer schon gesagt, wenn er in Form kommt ist sein Ziel der Gesamtweltcup. Das habe ich bis jetzt noch nie gehört, dass ein norwegischer Athlet das gesagt hat, bevor die Saison angefangen hat."

Stöckl über Überflieger Granerud

Stöckl: Halvor hat im Sommer schon gesagt, wenn er in Form kommt ist sein Ziel der Gesamtweltcup. Das war ein offensives Ziel. Das habe ich bis jetzt noch nie gehört, dass ein norwegischer Athlet das gesagt hat, bevor die Saison angefangen hat. Aber die Möglichkeit ist da. Wenn er seine Form halten kann, dann ist die Möglichkeit sehr groß, dass er das schafft. Es spricht im Moment wenig dagegen, aber man muss abwarten. Er macht auf mich persönlich einen sehr guten Eindruck. Er ist relativ unbeeindruckt davon, was rundherum passiert. Er ist einfach in einem Rhythmus drin und hat das Ziel vor Augen.

LAOLA1: Wie geht der Rest der norwegischen Mannschaft damit um, wenn ihnen ein Teamkollege plötzlich um die Ohren springt?

Stöckl: Alle teilen die Freude, das ist wirklich schön zu sehen. Nach dem zweiten Sieg von Halvor in Engelberg haben ihm die anderen in der Kabine applaudiert und gesungen - die ganze Mannschaft. Es hat auch jeder was von Halvors Erfolg, auch die Springer, die aktuell nicht so in Topform sind. Die holen sich dann die Energie von den Erfolgen der Teamkollegen.

LAOLA1: Du bist seit fast zehn Jahren Trainer in Norwegen. Wie schafft ihr es, konstant auf einem hohen Level zu bleiben und euch gleichzeitig ständig weiterzuentwickeln?

Stöckl: Ein wichtiger Punkt ist, dass auch wir Trainer versuchen, uns ständig weiterzuentwickeln und wir das auch vorleben. Ich habe mittlerweile zum Beispiel andere Arbeitsaufgaben als damals, als ich nach Norwegen gekommen bin. Jeder versucht, seine eigene Kompetenz zu erweitern. Wir versuchen, jedem die Möglichkeit zu geben, die Verantwortung zu übernehmen, die er haben will. Es hat jeder die Arbeitsaufgaben, die ihm Spaß machen. So entwickelt sich jeder Trainer und Betreuer weiter. Ich glaube, dass das dann auf die Athleten abfärbt. Jeder merkt: Die Zeit bleibt nicht stehen, man muss sich selbst weiterentwickeln, damit man nicht hintennach ist. Das motiviert auch mich als Trainer, dass ich nicht das gleiche mache wie vor zehn Jahren.

LAOLA1: Wie werden eure Erfolge wie z.B. das Team-Gold bei der Skiflug-WM in Norwegen wahrgenommen? Habt ihr Druck vonseiten der Öffentlichkeit?

Stöckl: Als Druck würde ich es nicht bezeichnen, es ist eher eine tolle Wertschätzung. Wir müssen dankbar sein, dass die Medien interessiert daran sind, was wir machen, davon leben wir ja – vor allem in unsicheren Zeiten wie diesen. Von daher ist die Präsenz in den Medien extrem wichtig für uns. Da ist jedes Interview, in dem man erzählen kann, was wir machen, aus meiner Sicht ein Geschenk. Die Athleten sehen das auch so. Man erlebt das nicht als Druck, sondern als Möglichkeit, sich zu präsentieren. In Norwegen ist es im Moment sogar extrem, weil die Langläufer sich ja wegen der Corona-Pandemie dazu entschlossen haben, im Weltcup vorerst nicht teilzunehmen. Das gibt uns wiederum eine größere Plattform.

LAOLA1: Wie sehr hat die Corona-Pandemie dem norwegischen Verband zugesetzt?

Stöckl: Wir hatten vor allem in der Saisonvorbereitung ziemliche Einschränkungen. Das Problem war, dass einige Veranstaltungen in Norwgen wie z.B. die Raw-Air-Tour letzte Saison abgesagt werden mussten. Der Verband hatte dadurch finanziell einige Einbußen, das mussten wir dann wieder reinholen. Wir haben aufgrund der Absagen sowie schlechter Ökonomie im Verband und einem anderen Projekt, das im Vorjahr in die Hosen gegangen ist, heuer ein Drittel weniger Budget. Das ist schon eine schwierige Situation. Die Hälfte des Betreuerstabs war über den Sommer in Kurzarbeit. Wir haben auch keine Trainingskurse im Ausland gemacht, am Sommer-GP haben wir nur mit drei Athleten teilgenommen. Wir mussten uns wirklich einschränken, aber die Arbeit ist ja die gleiche. Trainieren kann der Athlet genauso gut, eine Hantelstange kostet nicht viel Geld.

LAOLA1: Nach dem Corona-Cluster im ÖSV-Team hat es zuletzt auch Skiflug-Weltmeister Karl Geiger erwischt. Machst du dir Sorgen um deine Gesundheit und die deiner Springer?

"Aus meiner Sicht gibt es keinen sichereren Ort, als mit der Skisprung-Familie unterwegs zu sein. Das Risiko sich anzustecken ist wesentlich geringer als im normalen Leben."

Stöckl über die Corona-Pandemie

Stöckl: Die Möglichkeit besteht, dass es uns irgendwann trifft, es kann jeden jederzeit treffen. Aber man muss ehrlich sagen: Aus meiner Sicht gibt es keinen sichereren Ort, als mit der Skisprung-Familie unterwegs zu sein. Das Risiko sich anzustecken ist wesentlich geringer als im normalen Leben. Bei den Fällen, die wir hatten, ist es sehr wahrscheinlich, dass die von außen reingetragen wurden. Die Österreicher haben sich unter Umständen gegenseitig angesteckt, das ist natürlich bitter, aber man hat es auch geschafft, dass es innerhalb der Mannschaft bleibt. Bei den Deutschen hatte das Virus bisher nur Geiger und der war zwischendurch bei der Geburt seines Kindes im Krankenhaus dabei. Das zeigt schon, dass - wenn man die Grundregeln einhält - die Chance um einiges geringer ist, sich anzustecken. Wir haben da auch eine gewisse Vorbildwirkung. Wir können das schon vermitteln, dass wir unterwegs sein können und es trotzdem funktioniert, eben weil wir uns an die Regeln halten. Ich habe das Gefühl, in dem System übernimmt jeder die Verantwortung für den anderen, damit er keinen ansteckt. Es geht da nicht nur um einen selber, sondern auch um die anderen. Da können wir schon Vorbildwirkung haben.

Textquelle: © LAOLA1.at

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