ÖSV-Asse sehen 50-Rennen-Plan der FIS zwiegespalten
Spezialisten befürworten die Vision einer ausgeweiteten Saison - Feller denkt dabei auch an das Publikum.
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Die Pläne, den alpinen Ski-Weltcup auf bis zu 50 Rennen und um mehrere Wochen zu erweitern, stoßen im österreichischen Lager auf Zuspruch und Ablehnung gleichermaßen.
Für Spezialisten sollte es kein Nachteil sein, für jene mit Allrounder-Ambitionen wird sich womöglich die Qual der Wahl stellen.
Geht es nach FIS-Geschäftsführer Urs Lehmann, müsse nicht mehr jeder alles fahren. Als ehemaliger Athlet nimmt er für sich in Anspruch, "die Denke der Athleten" zu vertreten.
Rennen in Südamerika
Das Interview, das die Wogen hochgehen ließ, gab der Abfahrtsweltmeister von 1993 vor einigen Tagen der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Da sprach er auch über Rennen in beispielsweise Argentinien oder anderen Ländern, wenn die Rennläuferinnen und Rennläufer ohnehin zum Sommertraining dort wären.
"Eine Abfahrt in Chile ist absolut vorstellbar, die Sicherheitsvorkehrungen und der Standard müssen passen. Ich traue ihnen zu, dass sie das hinkriegen", sagte beispielsweise dazu Nina Ortlieb in Zauchensee.
Wenn man ehrlich sei, meinte sie, sehe man nach wie vor ein starkes Ungleichgewicht an Speed- und Technikrennen.
"In der Regel werden Speedrennen abgesagt, am Ende der Saison fehlen zwei, drei Abfahrten. Das ist jedes Jahr wieder Realität. Umso mehr Rennen, umso mehr Chancen haben wir, dass wir auch Rennen haben. Bin absolut dafür und unterstütze es, dass wir mehr Rennen haben, vor allem auf der Speedseite. Ich hoffe, dass das passiert und umgesetzt wird", erklärte Ortlieb weiter.
Scheib und Brennsteiner für mehr Rennen
Damit steht die Vorarlbergerin nicht alleine da. "Ich finde die Idee nicht schlecht. Wir trainieren so lange, und die Wintersaison ist verhältnismäßig sehr kurz. Er (Lehmann/Anm.) meinte ja, dass dann von einer Athletin nicht alles gefahren werden kann und man zurückstecken muss", sagte Julia Scheib, die erstklassig Riesentorlauf fährt und für die weitere Saison auch den Super-G ins Programm nimmt.
Ausgesprochener Riesentorlauf-Spezialist bleibt Stefan Brennsteiner. "Ich habe nur eine Disziplin. Da freue ich mich über jedes Rennen, das es mehr gibt. Ich hoffe auf eine gute Verteilung. Ich glaube, dass er eine ganz gute Vision hat."
Im ORF-TV-Interview führte Lehmann diese weiter aus, sprach darüber, dass es ganz bewusst darum gehen werde, einzelne Rennen auszulassen.
In anderen FIS-Sportarten wie dem Langlauf werde das bereits explizit so gelebt. "Es ist ein Gedankenwechsel, aber der ist machbar", sagte Lehmann. Denn bisher sei der Alpin-Kalender immer so gemacht worden, dass alle alles fahren können.
Bei Klassikern sollen die Besten am Start sein
Das macht aber praktisch ohnehin fast niemand mehr. Alle Disziplinen fährt im Weltcup bei den Frauen derzeit nur die Deutsche Emma Aicher, bei den Männern plant Marco Schwarz, die Abfahrt als vierte Disziplin wieder ins Programm zu nehmen. In Wengen und auch Kitzbühel wolle er zumindest am Training teilnehmen, bekräftigte der Kärntner.
Im Zusammenspiel mit seinen Slalom-Ambitionen erweist sich dies bereits jetzt als schwer zu bewältigender Spagat. Und sonst? Der Schweizer Loic Meillard bestritt zuletzt im Dezember in Beaver Creek ein Abfahrtstraining im Weltcup, der Norweger Atle Lie McGrath im Februar 2023.
"Ich bin ein Typ, der gerne Rennen fährt, von dem her können wir schon früher beginnen oder hinten länger raus fahren. Aber ich glaube schon, dass unser System, wie wir es jetzt haben, sehr gut funktioniert", meinte Schwarz.
"Aber Klassiker sollen Klassiker bleiben. Da sollen die Besten am Start sein. Wenn das anders wird, verliert man den Überblick und kennt sich nicht mehr aus." Die Klassiker würden im Fernsehen gut rüberkommen und die Stimmung vor Ort sei "schon richtig, richtig cool".
Welche Bedeutung hat Gesamtweltcup noch?
Mirjam Puchner stellt sich die Frage, welche Bedeutung die Bezeichnung Gesamtweltcup dann noch habe, wenn man bei den Renneinsätzen Abstriche machen muss.
"Ich verstehe, dass sie den Skisport etwas weltweiter vermarkten wollen. Aber die Frage ist dann für mich, wie attraktiv ist in Argentinien der Skisport? Natürlich, andere Sportarten gehen auch weltweit, aber ich weiß nicht", meinte die Salzburgerin. Manuel Feller befürchtet doppelt ein Zuviel des Guten.
"Wenn ich die Glotze einschalte und jeden Tag Skifahren sehe, schon einmal nicht. Und auch wegen des Verletzungsrisikos nicht." Mit dem, was der heutige Skisport an Vorbereitung und Engagement brauche, sei ein solches Pensum nicht stemmbar.
Mehr Rennen, mehr Geld
Selektion könnte also das Gebot der Stunde werden. Lehmann merkte an, dass die Saison der Alpinen mit etwa vier Monaten eine kurze sei. Um die Profitabilität im Skisport zu erhöhen, könne man entweder die Wertigkeit der Events steigern oder die Anzahl der Rennen. Für Lehmann simple Mathematik.
"Preisgeld pro Rennen ist eine bestimmte Zahl. Wenn ich runtergehe, verdienen die Athleten weniger. Wenn ich mehr verdienen will, sind es mehr Rennen." Das alles ist aber Zukunftsmusik. Lehmann: "Eine Zeitachse kann ich nicht sagen."
Das Erobern der Wachstumsmärkte USA und Asien haben die Führungsfiguren im Weltverband wie Lehmann und FIS-Chef Johan Eliasch fest im Blick.
Das bedeute aber nicht notwendigerweise Ski-alpin-Rennen in China, merkte Lehmann an. Hier seien die Freestyle-Sportarten populärer und künftig wohl auch Skispringen: "In China sprießen die Schanzen aus dem Boden wie Pilze."