NEWS

Tragödie als Antrieb: Ein Shootingstar erobert die Streif

Giovanni Franzoni ist DIE Überraschung des Ski-Winters und Mitfavorit in Kitzbühel. Seine außergewöhnliche Saison hat ihren Ursprung in einer persönlichen Tragödie.

Tragödie als Antrieb: Ein Shootingstar erobert die Streif Foto: © GEPA

Locker lässig an einen Skistock angelehnt, mit schwarzer Haube und verspiegelter Sonnenbrille auf dem Kopf steht Giovanni Franzoni im Zielraum der Streif, ein breites Lächeln im Gesicht.

Fast so, als hätte der 24-Jährige gerade eben nicht die schwierigste Abfahrt der Welt bezwungen.

Franzoni markierte in beiden Abfahrts-Trainings auf der Streif die Bestzeit und fuhr sich damit direkt in den Kreis der Topfavoriten in Kitzbühel.

Es ist der nächste Schritt des Italieners auf dem steilen Weg nach oben. Franzoni ist DER Shootingstar im Ski-Weltcup in diesem Winter.

Der Mann der Stunde

Sein Weltcup-Debüt gab der dreifache Junioren-Weltmeister (Super-G, Abfahrt, Kombination) im Jahr 2020, bis zum Vorjahr war er teilweise noch im Europacup unterwegs. Vor Beginn dieser Saison hatte Franzoni gerade einmal drei Top-Ten-Ergebnisse im Weltcup auf seinem Konto.

Im vergangenen Dezember gelang dem 24-Jährigen mit Rang drei im Super-G in Gröden – wo er sich einst schwer verletzte - dann der Durchbruch. Zuletzt in Wengen feierte er im Super-G sensationell seinen ersten Weltcup-Sieg und fuhr in der Abfahrt am Lauberhorn auf Rang drei.

Franzoni ist in den Speed-Disziplinen der Mann der Stunde, befindet sich im vielzitierten "Flow".

"Aktuell fahre ich sehr gut und sauber und habe ein großes Selbstvertrauen", sagt der Mann mit dem Pflaster auf der Nase bescheiden.

Franzoni schöpft aus einer Tragödie Kraft

Die Kraft für diese jetzt schon außergewöhnlich gute Saison schöpft Franzoni aus einer Tragödie, die sich unmittelbar vor Beginn der Weltcup-Saison ereignete.

Beim Vorbereitungscamp in Chile verstarb der junge Italiener Matteo Franzoso an den Folgen eines Trainingssturzes. Er wurde nur 25 Jahre alt.

Diese Tragödie gibt mir die nötige Kraft in dieser Saison.

Giovanni Franzoni über den Tod seines Freundes Matteo Franzoso

Franzoni verband eine jahrelange Freundschaft mit Franzoso, er bezeichnete ihn sogar als seinen "großen Bruder".

"Ich denke jeden Tag an Matteo. Ich habe ihm meinen dritten Platz in Gröden gewidmet - und auch diesen Sieg", sagte Franzoni nach seinem Triumph in Wengen. Er werde "für den Rest meines Lebens" weiter für seinen Freund Skifahren.

So schwer der Verlust auch gewesen sei, "diese Tragödie gibt mir auch die nötige Kraft in dieser Saison", erklärt Franzoni.

Einst von Jannik Sinner im Skifahren geschlagen

Aufgewachsen ist Franzoni am Südwestufer des Gardasees. Mit 16 Jahren bestritt er sein erstes FIS-Rennen.

Einem Bericht der "Gazzetta dello Sport" zufolge hatte Franzoni in einem Nachwuchsrennen niemand Geringeren als den heutigen Tennis-Superstar Jannik Sinner als Gegner - und unterlag diesem. Seine Ski-Karriere nahm trotzdem ihren Lauf.

Franzoni startet im Weltcup sowohl in den Speed-Disziplinen als auch im Riesentorlauf.

Das macht Franzoni so stark

Der Italiener habe "den Ski immer unter dem Körper, hat ständig den Zug, fährt unglaubliche Radien. Er ist auch ein guter Riesentorläufer und das Selbstvertrauen ist natürlich auch nicht gering", sagt Vincent Kriechmayr über Franzoni.

© GEPA
Franzoni auf seiner Lieblingsstrecke - der Streif

Für den ÖSV-Star wie auch seinen Teamkollegen Daniel Hemetsberger zählt Franzoni auf der Streif zu den Topfavoriten.

"Man muss sich nur mal anschauen, wie entspannt er fährt. Er steht momentan extrem geil am Ski. Das macht dich auf so einer schweren Abfahrt stark. Er hat nie irgendeinen Wackler und wenn er mal einen Schlag erwischt, steht er direkt danach wieder souverän drüber. Seine Ski rennen brutal fein durch und da macht er den Speed. Er fährt so ziemlich alles auf Zug und das macht ihn so stark", analysiert Hemetsberger.

Und auch Marco Odermatt, einer der weiteren Topfavoriten, prophezeit: "Er hat seit zwei Wochen einen unglaublichen Speed und dominiert jedes Training . Er wird für Samstag sicher ganz gefährlich sein."

Franzoni liebt die Streif

Für Franzoni ist es übrigens erst sein zweites Mal auf der Streif nach dem Vorjahr. Technisch anspruchsvolle Highspeedstrecken wie jene in Kitzbühel sind aber ganz nach seinem Geschmack.

"Das ist vielleicht meine Lieblingsabfahrt", sagt Franzoni über die Streif – ganz locker lässig.

Kommentare