"Dieser Moment, über die Ziellinie zu fahren... davon habe ich immer geträumt. Gleichzeitig hatte ich auch große Angst vor diesem Moment", erzählt Shiffrin und wird beim Gedanken an ihren 2020 verstorbenen Vater emotional.
"Alles im Leben, was man tut, nachdem man den Menschen verloren hat, den man liebt, fühlt sich wie eine neue Erfahrung an. Es ist, als würde man noch einmal geboren werden. Und ich habe immer noch so viele Momente, in denen ich mich dagegen wehre. Ich möchte nicht in einem Leben ohne meinen Papa sein. Und vielleicht war heute das erste Mal, dass ich das wirklich akzeptieren konnte – die Realität", sagt Shiffrin.
"Und statt zu denken, dass ich diesen Moment ohne ihn erlebe, habe ich mir den Moment genommen, in Stille mit ihm zu sein. Und mit einem ganzen Team, das hier mit mir ist, und mit meiner Mama."
Shiffrin und das Risiko, kritisiert zu werden
Für die 30-Jährige ist es nach dem Slalom 2014 und dem Riesentorlauf 2018 ihr insgesamt drittes Olympia-Gold.
In Mailand/Cortina hat es für Shiffrin zuvor in der Teamkombination aus der Führungsposition heraus nur zu Rang vier gereicht, im Riesentorlauf wurde sie Elfte.
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Die erfolgreichste Skifahrerin der Weltcupgeschichte musste dafür Kritik und teils sogar Häme einstecken.
"Nach der Team-Kombination wusste ich, dass es da draußen Geschichten geben würde, die sehr frustrierend sind, weil sie einfach nicht der Realität unseres Sports entsprechen Die kommen von 'Keyboard-Kriegern' aber auch von manchen Medien, die nicht ganz verstehen, was alles dahintersteckt", sagt Shiffrin.
Das lasse sich nicht vermeiden. "Also habe ich einfach nicht darauf geschaut, was irgendjemand gesagt hat. Ich habe keine sozialen Medien gelesen und mir immer wieder selbst in Erinnerung gerufen, was wichtig ist: die Momente zwischen Start und Ziel."
Kritik werde es immer geben. "Aber ich bin hier, um mir diesen Moment zu verdienen – und das erfordert Risiko. Das Risiko, vielleicht nicht ins Ziel zu kommen, aber auch das Risiko, kritisiert zu werden. Das zu akzeptieren, ist nicht das Einfachste. Aber am Ende kann ich das."
Pure Dominanz
Shiffrin dominiert den Slalom im Olympia-Winter. Im Weltcup hat sie sieben der acht bisherigen Rennen gewonnen und sich vorzeitig ihre neunte Kristallkugel in dieser Disziplin gesichert.
Ihre einzige Niederlage im Slalom in diesem Winter hat sie am 4. Jänner in Kranjska Gora gegen Camille Rast erlitten. Die Eidgenossin kam ihr auch im Olympia-Torlauf am nächsten.
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"Sie ist eine verdiente Siegerin mit sieben von acht Saisonsiegen, da darf man schon die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gewinnen", sagt Katharina Huber, die im Team-Kombi-Slalom noch schneller als Shiffrin war.
"Ich war mir nicht sicher, wie sie mit dem Druck umgeht, weil sie sich sicher auch selbst sehr viel Druck auferlegt hat. Gerade mit der Kombi hat sie einen besonderen Druck gehabt", sagt Huber. "Mein größter Respekt."
Dem kann man sich nur anschließen.