Kommentar: Österreichs WM-"Miracles" in Tampere

Kommentar: Österreichs WM- Foto: © GEPA
 

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"Making miracles" – so lautet das Motto der diesjährigen Eishockey-Weltmeisterschaft in Finnland.

Österreichs Männer leben diesen Leitsatz derzeit im großen Stile vor. Mit Ehrfurcht wurde den ersten drei Spielen der Gruppe B gegen Schweden, der USA und Tschechien entgegen geblickt. Ganze 19 Weltmeistertitel vereinen diese Nationen unter sich.

Zwar betonte Teamchef Roger Bader stets, dass man in den Vorbereitungsspielen gegen Top-Nationen eine gute Figur abgab, auch auf der großen Bühne etwas möglich sein könnte, einige stempelten diese Worte jedoch als heiße Luft ab.

Die graue Maus schreibt Schlagzeilen

Doch die ÖEHV-Cracks belehrten ein ganzes Land eines Besseren. Bereits das Auftakt-1:3 gegen die "Tre Kronor" war ein erster Achtungserfolg, schließlich kassierte Österreich vor drei Jahren in Bratislava noch ein 1:9.

Tags darauf witterten viele bereits gegen die USA, die sich in den entscheidenden Phasen nur mit übermäßiger Härte zu helfen wusste – man frage bei Benjamin Baumgartner nach – plötzlich die große Sensation, doch in der Overtime hatte Österreich einfach das Pech auf dem Schläger kleben.

Letzten Endes war der Punktgewinn gegen die "Übermacht" trotzdem bereits eine herausragendes Ergebnis. Und man bekam den Eindruck nicht los, dass diese WM etwas ganz Besonderes werden kann.

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Nur zwei Tage später sollte sich dieses Gefühl bestätigen, als Österreich mit Tschechien der nächsten Großnation das Leben schwer machte, die nächste Top-Leistung ablieferte. Und diesmal sollte das "verdiente Glück" der Bader-Truppe auch hold sein.

Ausgerechnet der plötzlich kurzhaarig erscheinende Lebler - gegen die USA noch mit einem haarsträubenden Turnover, der zum 2:3 führte - sorgte kurz vor der Schlusssirene mit dem 1:1-Ausgleich für Glücksmomente auf dem Eis, der Tribüne und in der über 2.000 Kilometer entfernten Heimat.

Und als wäre es nicht schon kitschig genug, dass der Austro-Kanadier für den nächsten überragenden Punktgewinn verantwortlich war, setzte Schneider gegen seine alte Wahl-Heimat noch einen oben drauf und sorgte für einen historischen Triumph über den nördlichen Nachbar, der im 20. Duell erstmals bezwungen wurde.

Somit machte die Mannschaft von Head Coach Roger Bader das "miracle" perfekt, schrieb auf der ganzen Welt Schlagzeilen. Mit einem Schuss ist Österreich nicht mehr die graue Eishockey-Maus, sondern erscheint, zumindest kurzfristig, auf der großen Bildfläche.

Ein seltenes Lob an die Verantwortlichen

Die "Übermächte" hatten sich die Begegnungen mit der heimischen Equipe sicherlich anders, vor allem leichter vorgestellt. Aber schon jetzt macht sich die wochenlange, intensive Vorbereitung auf die einmalige Chance bezahlt. Denn es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Österreich bis vor wenigen Wochen noch eine B-Nation war und in Slowenien um den Wiederaufstieg in die Top-Division hätte spielen sollen.

Erst der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und die Mitbeteiligung von Belarus führten dazu, dass die Eishockey-Auswahl trotz des nicht in Vergessenheit geratenen Abstiegs in Bratislava 2019 heuer im Konzert der Großen spielen darf. Daher steckt freilich auch etwas Wehmut in den eindrucksvollen Ergebnissen, dennoch darf dem Trainerteam rund um den Schweizer Head Coach ein Lob ausgesprochen werden.

Binnen kürzester Zeit wurde das Vorbereitungsprogramm von vier auf sechs Wochen ausgedehnt, mit der Teilnahme an der "Euro Hockey Tour" mit Spielen gegen Schweden, Finnland und Tschechien – allesamt Gruppengegner in Tampere – ist, retrospektivisch betrachtet, sogar ein kleiner Coup gelungen. In diesen drei Partien zeigte sich nämlich erstmals, dass aus dem misslungenen Auftritt in der Olympia-Qualifikation im vergangenen August die richtigen Schlüsse gezogen wurden.

Neben etablierten Spielern aus der heimischen ICE Hockey League wurden gleich 13 Neulinge in den WM-Kader berufen, zudem spielten neben kreativer Finesse auch Masse und Physis eine große und überaus wichtige Rolle in der Kaderfindung.

Österreich definiert sich in Tampere nämlich nicht über Schönheit und Eitelkeit, sondern hält das Spiel simpel, geht kaum Risiken ein. Zwar streuen sich Querpässe - die einen schon vor der Passabgabe zusammenzucken lassen - durch das eigene Drittel immer wieder noch ein, diese sind im Gegensatz zu früher aber kein Usus mehr.

Der Vater des Erfolgs

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Einen gewichtigen Anteil am Erfolg trägt auch Assistant Coach Arno del Curto. Ein langjähriger Freund von Teamchef Bader, der dem Team sichtlich gut tut. Es darf durchaus die These aufgestellt werden, dass die Schweizer Trainerlegende sogar der Vater des Erfolgs bei dieser WM ist. Mit ihm haben die Cracks wieder die Freude am Spiel im Nationalteam gefunden.

Der 65-Jährige bringt frischen Wind und neue Inputs in eingerostete Gefilde ein, ist das perfekte Gegenstück zum perfektionistischen Bader. Sein Enthusiasmus für den Eishockey-Sport sucht seinesgleichen, die eingefahrenen Erfolge in der Schweiz sprechen für sich. Sechs Meistertitel holte er mit dem HC Davos, dazu gesellen sich vier Spengler-Cup-Triumphe. Und eigentlich kam das Engagement beim ÖEHV zufällig zustande.

Das Turnier in Jesenice im vergangenen November mussten Baders etatmäßigen Co-Trainer Markus Peinter und Philipp Lukas nämlich auslassen, der langjährige Nationalteamspieler Manuel Latusa und der unverkennbare Kompane sprangen spontan ein. Letzterer überzeugte die Verantwortlichen offenbar, sodass der Teamchef ihn auch unbedingt bei der WM dabei haben wollte. Dafür war ein wenig Überredungskunst notwendig, Del Curto ließ sich letztendlich auf die Mission ein – und wird sich keineswegs darüber ärgern.

Sowohl Leistungsträger, Routiniers als auch Jungstars wie der großartig aufgeigende Marco Kasper schauen zu ihm auf, würden gefühlt alles für ihren Co-Trainer geben. Der ihnen nach jedem Shift wichtige Tipps auf den Weg mitgibt.

Etwa Peter Schneider, dem Del Curto in jedem Training einbläut, bei jeder sich bietenden Chance zu schießen – gegen Schweden bereits mit zählbarem Erfolg. Auch Lebler, der in der WM-Vorbereitung wohl der beste ÖEHV-Spieler war, zieht aus allen Lagen ab, und war bis zum Tschechien-Spiel im Abschluss glücklos.

Fokus halten, nicht übermütig werden

Bei all der Euphorie, die sich hinter diesen Zeilen versteckt, darf das tatsächliche Ziel dieser Weltmeisterschaft nicht aus dem Blickfeld geraten – der Klassenerhalt. Punkte und Siege über die USA bzw. Tschechien werden nämlich nur in nachhaltiger Erinnerung bleiben, wenn dem ÖEHV dadurch auch der Verbleib in der A-WM garantiert wird.

Lässt sich die heimische Eishockey-Auswahl die Butter in den wichtigen Spielen gegen die direkten Konkurrenten Norwegen, Lettland und vor allem Großbritannien noch vom Brot nehmen, wird aus der Euphorie blitzschnell eine Dysphorie. Dessen waren sich allerdings sowohl Spieler als auch Trainer nach dem "Wunder von Tampere" auch bewusst, allen voran Roger Bader.

Sein Job hängt nämlich vom Abschneiden beim Großereignis ab, nur mit einem Klassenerhalt wäre der Teamchef noch tragbar. Ansonsten würde der 57-Jährige vor die Tür gestellt werden, zu weit liegt die WM 2018, als Österreich den Ruf der Fahrstuhlmannschaft für ein Jahr ablegte, schon zurück. Deswegen war er auch bemüht, den Sieg über Österreichs nördlichen Nachbar nicht überzubewerten.

Bei genauerer Betrachtung gleicht die aktuelle Situation sogar einem Drahtseilakt: Einerseits darf man nun nicht übermütig werden und den Gedanken fassen, der Klassenerhalt ist eh schon in der Tasche. Denn so selbstkritisch muss man sein, dass es nicht erst das erste Mal der Fall wäre, wenn die kommenden Partien lässiger angegangen werden. Auf diesem Level, und das wird ebenfalls immer wieder betont, werden Fehler knallhart bestraft. Und diese Tugend bewahrheitete sich bislang in sämtlichen Spielen.

Auf der Kehrseite der Medaille muss die Euphorie, sowohl auf dem Eis als auch abseits davon, aufrechterhalten werden. Sie könnte den ÖEHV zu weiteren Höhenflügen führen, den Grundstein für eine erfolgreiche Zukunft des österreichischen Eishockeys sorgen – und ganz nebenbei sogar zu einer der besten Weltmeisterschaften aller Zeiten.

Und da ist er schon wieder, dieser Übermut. Es ist eben ein Tanz auf der Rasierklinge. Einer, den das österreichische Eishockey-Nationalteam hoffentlich mit Bravour bewältigen wird.

Ob dem der Fall ist, wird schon das Spiel gegen Norwegen zeigen.



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