Ende März sorgte Vegas für einen Paukenschlag, als Bruce Cassidy nur acht Spiele vor Ende der regulären Saison entlassen und durch Tortorella ersetzt wurde.
Von Beginn an machte der neue Coach deutlich, dass er gemeinsam mit der Mannschaft an einem Strang ziehen wolle. Das Ziel, das damals noch eher wie ein Wunschtraum wirkte, war klar: den Stanley Cup gewinnen.
Als Tortorella übernahm, waren die Golden Knights von der Spitze der Pacific Division auf Rang drei zurückgefallen und liefen Gefahr, die Playoffs erst zum zweiten Mal in ihrer Franchise-Geschichte zu verpassen.
Mit den Spielern coachen, nicht gegen sie
Allerdings verfügte Vegas weiterhin über eine erfahrene und hochkarätig besetzte Mannschaft. Spieler wie Jack Eichel und Mark Stone hatten die Golden Knights bereits 2023 zum Stanley Cup geführt.
"Man muss die Mannschaft trainieren, die man hat", sagte Tortorella. "Wenn man eine erfahrene Mannschaft so behandelt wie ein junges Team im Aufbau, dann wird man den Spielern nicht gerecht. Ein Trainer muss erkennen, welche Gruppe er vor sich hat und entsprechend handeln. Ich war gerade einmal eine Woche hier und wusste bereits, was diese Mannschaft auszeichnet."
So arbeitete "Torts", der sich und sein Trainerteam eher als Berater denn als reine Anweiser versteht, eng mit den Spielern zusammen - und Vegas startete durch.
Unter Tortorella legten die Golden Knights eine Bilanz von 19 Siegen, vier Niederlagen und einer Overtime-Niederlage hin und sicherten sich noch den Divisionssieg.
In den Playoffs wurden Utah, Anaheim und Colorado ausgeschaltet, ehe der Einzug ins Stanley-Cup-Finale gelang.
Tortorella und Cassidy – nicht so unterschiedlich
So unterschiedlich die beiden Trainer auch wirken mögen, gibt es zwischen Tortorella und Cassidy zahlreiche Parallelen.
Während Cassidy gerne detailliert über taktische Feinheiten spricht und Tortorella bestimmte Themen lieber für sich behält, verfolgen beide einen ähnlichen Ansatz.
Cassidy führte Vegas 2023 mit einer defensiv stabilen Mannschaft zum Titel. Die Golden Knights zwangen ihre Gegner zu Abschlüssen aus ungünstigen Positionen, blockten konsequent Schüsse und verteilten die offensive Verantwortung auf mehrere Reihen.
Genau diese Eigenschaften zeichnen auch die aktuelle Mannschaft unter Tortorella aus.
Warum der Trainerwechsel dennoch funktionierte
Beide Teams profitierten zudem von starken Leistungen ihrer Torhüter in den Playoffs.
Doch selbst erfolgreiche Botschaften nutzen sich in der NHL irgendwann ab. Als der Trainerwechsel erfolgte, beschrieb Mark Stone die Situation in der Kabine als "etwas festgefahren".
Seine Botschaft und sein Auftreten haben dafür gesorgt, dass wir als Team noch enger zusammengerückt sind.
Es brauchte mehr als nur eine neue Stimme. Es brauchte neue Impulse und eine neue Dynamik innerhalb der Mannschaft.
General Manager Kelly McCrimmon überraschte die gesamte Liga mit der Verpflichtung Tortorellas. Der erfahrene Coach gilt als direkt, kompromisslos und nicht immer einfach im Umgang. Seine Art ist nicht jedermanns Sache.
In Vegas scheint jedoch die gesamte Mannschaft hinter ihm zu stehen. "Seine Botschaft und sein Auftreten haben dafür gesorgt, dass wir als Team noch enger zusammengerückt sind", sagte Eichel.
"Er holt sich ständig Feedback von uns. Deshalb ist seine Botschaft bei den Spielern so gut angekommen. Die Jungs vertrauen ihm und glauben an das, was er sagt. Er hat großartige Arbeit geleistet, um das Beste aus dieser Mannschaft herauszuholen."
Selbstvertrauen als Schlüssel
Eigentlich sollte eine Mannschaft mit so viel Erfahrung und Meisterschaftsqualität kein Selbstvertrauensproblem haben. Doch genau das erkannte Tortorella kurz nach seinem Amtsantritt.
Er machte es zu seiner Aufgabe, den Spielern ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurückzugeben.
Das zeigt sich inzwischen deutlich auf dem Eis. Der "Swagger", wie Verteidiger Noah Hanifin es nennt, ist zurück.
Die entscheidenden Momente des Playoff-Laufs
Mehrfach stand Vegas in diesen Playoffs unter enormem Druck.
Gegen Utah drohte die Serie zu kippen. Pavel Dorofeyev erzielte bei gezogenem Torhüter 52,7 Sekunden vor Schluss den Ausgleich und rettete die Golden Knights in die Verlängerung. Dort traf Brett Howden in Unterzahl zum entscheidenden Sieg.
Auch gegen Anaheim war es Dorofeyev, der im fünften Spiel mit einem Overtime-Tor ein mögliches Ausscheiden auf fremdem Eis verhinderte.
Im Western Conference Final gegen Colorado geriet Vegas im dritten Spiel früh mit 0:3 in Rückstand. Die Avalanche schienen auf dem Weg zu sein, die Serie wieder spannend zu machen.
Doch die Golden Knights antworteten mit drei Treffern im zweiten Drittel und zwei weiteren Toren im Schlussabschnitt. Am Ende stand ein beeindruckender Sweep gegen das punktbeste Team der regulären Saison.
Auf dem Weg zu seinem zweiten Cup
Vier Siege fehlen Tortorella nun noch zu seinem zweiten Stanley Cup.
Der Trainer gibt zu, dass er sich in den vergangenen Jahren durchaus gefragt habe, ob er jemals wieder auf dieser Bühne stehen würde.
Seit seinem Titelgewinn mit Tampa Bay waren 22 Jahre vergangen. Acht Playoff-Teilnahmen endeten vor dem Finale.
Vegas ist bereits seine sechste Station in dieser Zeit. Noch vor einem Jahr wurde Tortorella in Philadelphia entlassen. Heute steht er wieder im Stanley-Cup-Finale. "Es ist unglaublich schwer, wieder hierherzukommen", sagte Tortorella.
"Schon die Qualifikation für die Playoffs ist schwierig. In einer Liga mit so viel Ausgeglichenheit denkt man natürlich darüber nach. Viele großartige Spieler und Trainer haben es nie zurück ins Finale geschafft. Deshalb muss man die Gelegenheit nutzen, wenn sie sich bietet. Man weiß nie, ob man noch einmal hierherkommt."
Vom TV-Experten zurück auf die größte Bühne
Tortorella hat 777 NHL-Siege auf seinem Konto und wurde zweimal mit dem Jack Adams Award als Trainer des Jahres ausgezeichnet.
Ich glaube, viele Trainer greifen zu stark ein. Manchmal stehen wir uns selbst im Weg.
Vor wenigen Monaten war der gebürtige Bostoner noch als TV-Experte tätig. Nun kämpft er wieder um den größten Preis des Eishockeys.
Mehrfach bedankte er sich bei Besitzer Bill Foley, Hockey-Präsident George McPhee und General Manager Kelly McCrimmon für die Chance. Gleichzeitig betonte er, dass Bruce Cassidy die Grundlage für den aktuellen Erfolg gelegt habe.
Zuhören statt übercoachen
Von Beginn an kündigte Tortorella an, die Grundstruktur der Mannschaft beibehalten zu wollen. "In der kurzen Zeit mit dieser Mannschaft habe ich vor allem beobachtet und zugehört", sagte er.
"Ich habe enorm viel von den Spielern gelernt. Ich glaube, viele Trainer greifen zu stark ein. Manchmal stehen wir uns selbst im Weg. Nach den Jahren mit jüngeren Teams habe ich gelernt, erfahrenen Spielern genauer zuzuhören. Das hat mir diese Mannschaft beigebracht. Während der Playoffs arbeitet man nicht gegen die Spieler – man arbeitet mit ihnen."
Auch die Kontroversen bleiben nicht aus
Ganz ohne Schlagzeilen geht es bei Tortorella allerdings nie.
Nachdem Vegas Anaheim ausgeschaltet hatte, blieb er einer verpflichtenden Pressekonferenz fern und wurde von der NHL mit einer Geldstrafe von 100.000 US-Dollar belegt.
Zudem verlor die Franchise einen Zweitrunden-Draftpick, weil Spieler nicht ordnungsgemäß für Medientermine zur Verfügung gestellt wurden.
Sollte Vegas den Stanley Cup gewinnen, dürften diese Vorfälle allerdings schnell vergessen sein. "Ich schätze Johns Ehrlichkeit", sagte McCrimmon. "Man kann von Menschen viel verlangen, wenn sie wissen, dass man sich um sie kümmert. Und bei John merkt man genau das."
Eine besondere Verbindung
Unter Tortorella kamen in Vegas nicht nur die Siege zurück.
"Ich liebe diese Kabine", sagte der Trainer. "Die Jungs haben Spaß miteinander, wissen aber auch genau, wann es ernst wird. Eine NHL-Saison ist lang und anstrengend. Wenn man dabei keinen Spaß hat, wird sie unerträglich."
"Diese Mannschaft hat die richtige Mischung gefunden. Für mich war es etwas Besonderes, nach so langer Zeit wieder in die Playoffs zurückzukehren. Und dass ich das mit dieser Gruppe erleben darf, dafür bin ich sehr dankbar."