Hintergrund

Der größte Aufreger der bisherigen NHL-Offseason

Kommen Offer Sheets wieder mehr in Mode? Ein General Manager hat auf jeden Fall eine Lücke im System ausgemacht:

Der größte Aufreger der bisherigen NHL-Offseason Foto: © IMAGO / Larry MacDougal / KI

Der größte Aufreger der bisherigen NHL-Offseason: Das (schließlich gematchte) Offer Sheet der Philadelphia Flyers für Leo Carlsson.

Kommen diese Offer Sheets wieder mehr in Mode?

Ein General Manager hat auf jeden Fall eine Lücke im System ausgemacht:

Wie viele Offer Sheets gab es in den letzten Jahren?

Schwer zu sagen, denn an die Öffentlichkeit geraten ja nur die, die von den Spielern angenommen wurden. Seit dem Beginn der Salary-Cap-Ära im Jahre 2005 bis zum heurigen Sommer waren es gerade zwölf in 21 Jahren, von Routine-Ereignissen also keine Rede.

Heuer kamen mit Barett Hayton (New Jersey, gemacht durch die Utah Mammoth) und eben Carlsson zwei weitere dazu.

Werden Offer Sheets jetzt häufiger?

Zwei Schwalben machen noch keinen Sommer – es gibt Indizien, die dafür und dagegen sprechen.

Der UFA-Markt wurde in den letzten Jahren immer dünner – mehr und mehr Spieler tendierten dazu, bei ihren bisherigen Teams zu unterschreiben. Teams, die Verstärkungen suchen, müssen sich also anderweitig umsehen und da bieten sich eben Restricted Free Agents an.

Diese wurden bisher bei ihren zweiten Verträgen (Anschlussdeals an die starr festgelegten Entry-Level-Deals) oft kleingehalten, erst der dritte Deal, der oft schon in die UFA-Jahre hineinreichte, versprach gutes Geld.

In diese Lücke stieß eben Flyers-GM Daniel Briere: Die Agenten von Leo Carlsson waren mit den Gesprächen mit Ducks-GM Pat Verbeek nicht zufrieden, zögerten einen Abschluss bis zum 1. Juli hinaus und holten potentielle Partner für Offer Sheets ein, von denen schließlich die Flyers übrigblieben.

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Beispielgebend für den Rest der Liga? Vielleicht. Der Carlsson-Deal dürfte jedenfalls dazu beitragen, dass RFAs früher gut bezahlt werden. Nach Carlssons 90-Millionen-Deal unterschrieb jetzt auch Connor Bedard bei den Blackhawks für ebenfalls fünf Jahre zu einem Gesamtbetrag von 75 Millionen. Center Adam Fantilli (Columbus) und Defender Simon Edvinsson (Detroit) brauchen auch noch neue Deals und könnten auch noch (bis spätestens 1. Dezember) Offer Sheets bekommen, wenn sie nicht bald unterschreiben.

Es könnte aber auch nur ein kurzes Hoch in puncto Offer Sheets sein: Die obere Salary-Grenze steigt von Jahr zu Jahr drastisch an, auch die konservativsten General Manager müssen sich der Realität stellen und ihre jungen Spieler fürstlich entlohnen. Das würde dann neben einem dünnen UFA-Markt auch einen verknappten für RFAs und damit Offer Sheets ergeben – die Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen verschwinden immer mehr.

Sind Marco Kasper und Marco Rossi von diesen Trends betroffen?

Ob Marco Kasper im nächsten Sommer von diesem Aufwärtstrend profitiert, wird wohl von seiner nächsten Saison abhängen.

Für Marco Rossi, dessen Lager letzte Saison lange mit Bill Guerin in Minnesota herumzankte, kam diese Entwicklung um ein Jahr zu früh. Bei Auslaufen seines Drei-Jahres-Deals im Sommer 2028 könnte das zu einem Thema werden, er liegt dann noch unter der Obergrenze von 27 Jahren.

Ein Offer Sheet für ihn könnte theoretisch nicht nur sein letztes RFA-Jahr, sondern auch sechs weitere umfassen.

Die Bedingungen für Offer Sheets

Damit Offer Sheets überhaupt möglich sind, müssen mehrere Faktoren zusammenkommen:

Der Spieler muss ein RFA Gruppe 2 sein, der zuvor schon unter einem NHL-Vertrag stand – andere Spieler (UFAs, RFAs 4 oder Draft Picks ohne Verträge) sind davon ausgeschlossen.

Der Spieler muss eine entsprechende Anzahl von Pro-Seasons absolviert haben (meistens drei). Als eine solche gilt eine Saison mit mindestens zehn NHL-Spielen. Deswegen ist etwa Cutter Gauthier im Gegensatz zu seinem Vereinskollegen Leo Carlsson nicht Offer-Sheet-berechtigt: Er absolvierte im ersten Jahr seines Entry-Level-Deals nur ein NHL-Spiel.

Spieler, die das Schiedsgericht wegen eines Anschlussvertrags anrufen (Arbitration), können nur bis zum Urteil (oder einer Einigung zuvor) ein Offer Sheet vorgelegt bekommen.

Von Seiten des interessierten Teams

Sie müssen über die entsprechende Anzahl von Draft Picks als Kompensation verfügen, wenn das Angebot nicht gematcht wird, immer abhängig vom angebotenen Gehalt. Im Falle von Carlsson waren das eben vier (eigene, nicht erworbene) Erst-Runden-Picks innerhalb der nächsten fünf Jahre.

Sie müssen über den entsprechenden Spielraum bezüglich Salary Cap verfügen, können also nicht erst nachher die finanziellen Aufräumarbeiten beginnen.

Das Schlupfloch

Columbus-GM Don Waddell ist aus seiner früheren Tätigkeit für Carolina mit Offer Sheets nur zu gut vertraut. Er war dort von 2014 bis 2024 als Präsident und/oder GM tätig.

Sein Spieler Sebastian Aho erhielt 2019 ein Offer Sheet von den Montreal Canadiens, Carolina matchte. Zwei Jahre später konterten die Hurricanes, legten Canadiens-Forward Jesperi Kotkaniemi ein Offer Sheet vor, das nicht gemacht wurde.

Jeder in der Branche wusste, dass dies eine Revanche war, auf die der exzentrische Hurricanes-Eigentümer Tom Dundon drängte. Waddell dementierte das zwar, aber ein kleines Detail kann kein Zufall gewesen sein: Kotkaniemis Signing Bonus betrug die ungewöhnliche Summe von 20 Dollar - "20" war auch die Rückennummer von Aho.

Waddell kennt sich also mit Offer Sheets gut aus, muss aber hoffen, dass er dieses Wissen nicht in puncto Fantilli, der immer noch ohne Vertrag dasteht, oder im nächsten Jahr Kirill Marchenko umsetzen muss. Der 67-jährige Waddell hat aber ein Schlupfloch im CBA ausgemacht:

Ein Spieler, für den das Offer Sheet gematcht wird, darf für ein Jahr nicht getradet werden. Die Ducks können also nicht sagen: "Der Preis für Carlsson ist uns doch zu steil, wir traden ihn für einen billigeren Spieler."

Umgekehrt gilt das nicht – wäre Carlsson jetzt ein Flyer, könnten die ihn ohne Probleme weiterreichen. Warum hätten sie das machen sollen? Sie brauchten doch einen Center wie ihn?

Ist auch kein Thema, aber man muss eine Stufe zurückdenken:

Die Flyers hätten nicht die notwendigen Picks oder den Cap-Spielraum für Carlsson gehabt. Anstatt gleich das Hangerl zu werfen, hätten sie ein anderes Team als Zwischenhändler eingeschaltet, welches das Offer Sheet legt.

Wird das gematcht, ist nichts passiert. Wenn nicht, bekommt der Zwischenhändler Carlsson, tradet ihn umgehend an die Flyers weiter, bekommt für diese Mühen natürlich auch Spieler oder Draft Picks.

Das wird eben dadurch möglich, dass Carlsson bei einem gematchten Offer Sheet nicht getradet werden kann, im umgekehrten Fall sehr wohl. Seltsam, aber so steht es geschrieben...

Bleibt dieses CBA-Schlupfloch in den nächsten Jahren Theorie oder gehört es zu den Waffen von GMs in einer sich rapide ändernden Gehaltslandschaft?

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