Bader: "Müssen spielen wie ein Außenseiter"

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Der Countdown läuft: Die 82. A-Weltmeisterschaft in Dänemark beginnt für das ÖEHV-Nationalteam am Samstag mit dem Duell gegen die Schweiz (ab 12:15 Uhr im LIVE-Ticker).

Teamchef Roger Bader führte das Team vergangenes Jahr souverän zum Wiederaufstieg, in der Top-Division lautet die Mission, den Abstieg verhindern.

In den letzten Wochen hat sich das Team langsam zusammengefunden, der Schweizer musste dabei auch zahlreiche Absagen hinnehmen. Nun steht das vorläufige Aufgebot für das Turnier.

Im finalen Interview mit LAOLA1 spricht Teamchef Bader über die Vorbereitung, Überraschungsmann Lukas Kainz, die Ausfälle, die WM-Gegner und das U18-Team, welches zuletzt am Aufstieg bei der C-WM denkbar knapp scheiterte.

LAOLA1: Neun Vorbereitungsspiele sind in den letzten Wochen absolviert worden bei der bloßen Betrachtung der Resultate sind Rückschlüsse schwierig. Was hat der Teamchef gesehen?

Roger Bader: Schaut, mit welchen Mannschaften wir zu welchem Zeitpunkt angetreten sind! Gegen Ungarn haben elf Neulinge gespielt, der Gegner hatte hingegen bis auf zwei Spieler die ganze Mannschaft für die B-WM zur Verfügung. Italien ist mit der Truppe, die gegen uns gespielt hat, aufgestiegen! Bei uns waren zu diesem Zeitpunkt vielleicht fünf Spieler dabei, die nun nach Dänemark fahren. Die Resultate sind daher nicht aussagekräftig. Es gab ein schlechtes Spiel gegen Kasachstan, die hatten aber eine komplette KHL-Mannschaft da. Man muss sehen, was hinter den Resultaten steht, selbst bei einem Sieg.

LAOLA1: Erst bei den letzten drei Spielen in St. Petersburg war ein Großteil des WM-Aufgebots dabei. Wie lassen sich die guten Ergebnisse gegen Norwegens U25, Weißrusslands U25 und Russlands B-Garnitur einordnen?

Bader: Das waren zwar noch nicht die Großen, keiner dieser Spieler fährt zur WM, aber es waren die Mannschaften, die für Olympia 2022 aufgebaut werden sollen. Das machen alle großen Nationen. Und bei den Russen spielen alle diese Spieler KHL, eine Liga, die zwei Stufen über die unsrige zu stellen ist. Auch in St. Petersburg hat noch nicht unsere gesamte WM-Mannschaft gespielt, Stefan Ulmer, Patrick Obrist und vielleicht Michael Raffl kommen noch dazu. Das Team, das gegen die Schweiz antreten wird, hat in dieser Zusammensetzung sicher noch nicht gespielt.

LAOLA1: Wie beurteilen Sie den Achtungserfolg gegen Russland - nach 0:3-Rückstand erst in der Overtime zu verlieren?

Bader: Bis zur 15. Minute hatten wir vier Torchancen, die Russen nur eine. In Russland, vor 5.000 Zuschauern. Dann haben wir in fünf Minuten drei Tore bekommen. Das ist das Paradoxe: Man kann gut spielen und ein Drittel verlieren, oder umgekehrt. Auch das erste Drittel gegen Ungarn in Wien (1:3, Anm.) war dafür ein Beispiel: 14:4 Torschüsse und wir waren 0:1 hinten. Vielleicht haben wir bei der WM einmal 4:14 Torschüsse und führen. Leistung und Resultat laufen nicht immer parallel, das muss man hinterfragen.

LAOLA1: Der Kader hat sich in jeder Woche verändert, war am Anfang noch weit von jenem Aufgebot entfernt, das nun nach Dänemark reisen wird.

Bader: Der Plan war, die richtigen Leute zu entwickeln und für die WM auszubilden. Wir hatten auch jede Woche neue Ausfälle einzurechnen. Als die Vorbereitung begonnen hat, bin ich davon ausgegangen, dass Thomas Raffl, Raphael Herburger und Alexander Pallestrang mit uns in die WM gehen. Was ich erstaunlich gefunden habe: Am Anfang war klar, dass Zukunftsspieler neben gestandenen Spielern den Kader zu Beginn ergänzen werden. Das wurde außerhalb groß diskutiert. Ohne diese Spieler hätten wir zu diesem Zeitpunkt gar keine Mannschaft zusammenbekommen! Es wird überall so gemacht, dass am Anfang der Kampagne jungen Spielern Erfahrung sammeln sollen, die dann irgendwann rausfallen, aber für die nächsten Jahre etwas gelernt haben. Sie haben am Nationalteam geschnuppert und gemerkt, dass dies ein erreichbares Ziel ist. Vielleicht fehlt da und dort noch etwas, aber es ist ein Impuls und Motivation, weiterzuarbeiten.

LAOLA1: Mit Lukas Kainz hat es einer dieser jungen und unbekannten Spieler in den vorläufigen WM-Kader geschafft...

Bader: Ob er wirklich zum Einsatz kommt, wissen wir nicht, aber allein, dass er es so weit geschafft hat, ist doch eine riesige Geschichte! Auch Dennis Sticha wäre möglicherweise in St. Petersburg dabei gewesen, hat sich aber verletzt. Zwei Spieler, die noch nicht oder kaum EBEL gespielt haben, haben sich so gut entwickelt, dass sie ein Thema für eine A-WM sind. Junge Spieler sind motiviert, ehrgeizig und hungrig, sie haben für ein gutes Trainingsniveau und den Speed gesorgt. Das hebt auch das Niveau der gestandenen Spieler. Und manche haben den Cut auch nach zwei Wochen geschafft und gesehen: Ich selektiere nur nach der Leistung.

VIDEO - Die Highlights des letzten Heim-Tests gegen Slowenien:

(Interview wird unterhalb fortgesetzt)

LAOLA1: Lukas Kainz hat bislang 41 EBEL-Spiele für Salzburg absolviert, war aber zuletzt in der Zweitmannschaft zu finden, die Alps Hockey League spielt...

Bader: Die Frage ist: Wo ist der Fehler? Ist der Fehler, dass ich einen AlpsHL-Spieler mitnehme? Oder ist der Fehler, dass er nicht EBEL spielen kann? Ich kann verstehen, dass es bei Spitzenmannschaften wie Salzburg oder Wien, die jedes Jahr um den Titel spielen, für einen jungen Spieler schwierig ist, in die Stammformation zu kommen. Ich mache dem Verein deshalb keinen Vorwurf, es sollte aber möglich sein, dass Spieler wie Lukas Kainz in anderen EBEL-Mannschaften Unterschlupf finden und dort eine gewichtige Rolle spielen können. Das würde ich mir wünschen. Er hat so vielseitige Fähigkeiten und eigentlich keine Schwäche: Er hat gute Hände, für dieses Niveau geeignete Beine, ist ein Zweiweg-Mittelstürmer, obwohl er auch viel am Flügel gespielt hat. Auch defensiv spielt er sehr gut, dazu hat er in der Vorbereitung gescort. Er ist sehr vielseitig und das zeigt mir, dass er in verschiedenen Bereichen sehr entwicklungsfähig ist, er wird unterschätzt. Er kann noch viel besser werden. Am Ende jeder Woche hatte ich keinen Grund, ihn rauszuschmeißen. Wir müssen erst abwarten, ob er bei der WM spielt, aber alleine, dass er mitfährt, wird ihm einen riesigen Kick geben. Es wäre unfair, nur über ihn zu sprechen, auch andere junge Spieler haben ihr Können gezeigt.

LAOLA1: Welche Schlüsselfaktoren wurden in der Vorbereitung besonders in Angriff genommen?

Russland oder Schweden ist es schnurzegal, ob wir einen NHL-Spieler dabei haben, die haben selbst 20 davon.

über Michael Raffl

Bader: Wir wollten vor allem unser Spielsystem klären und dieses im Training und in Spielen anwenden. Dass wir defensiv in allen drei Zonen gut organisiert und in der Lage sind, dem Gegner die Scheibe wegzunehmen. Auch das Spiel mit der Scheibe war ein großer Punkt, weil in den nationalen Meisterschaften – nicht nur in der EBEL – viel mehr Zeit und Raum gelassen wird, um Chancen zu kreieren. Das führt dazu, dass die Spieler die Scheibe länger halten. Das ist auch gut, aber bei der A-WM hat man die Zeit und den Raum nicht. Da muss man lernen, schneller zu agieren. Sonst gerät man unter Druck und verliert den Puck, das wird auch oft bestraft. Das 0:5 gegen Kasachstan war so ein typisches Spiel, wo wir gegen ein Team aus KHL-Spielern unzählige Scheibenverluste produziert haben. Das kann man bei einer A-WM nicht machen, wir müssen geradlinig spielen. Das anzulernen, ist ein Prozess, der wegen der neuen Spieler auch jede Woche neu gemacht werden musste. In Sachen Special Teams sind wir im Boxplay sicher weiter als im Powerplay, denn da geht es um Prinzipien und Kampfgeist. Im Powerplay ist man sehr abhängig vom Personal und wir hatten noch nicht alle Spieler zur Verfügung, um das einzuüben. Das wird etwas sein, was wir in den letzten 48 Stunden vor der WM noch verbessern müssen.

LAOLA1: Der Kader ist zum Teil auch davon geprägt, dass es zahlreiche Absagen gab. So fehlen etwa die Salzburger Thomas Raffl, Alexander Pallestrang und Raphael Herburger, aber auch EBEL-MVP Rafael Rotter.

Bader: Es gab keine einzige Absage, die nicht durch eine Verletzung begründet war. Ich weiß von allen Spielern, dass sie gerne gekommen wären. Ich glaube, dass wir alle Ausfälle adäquat kompensieren können. Wir sind sehr glücklich mit den Spielern, die den WM-Kader formen. Im Moment, wo ich vom Ausfall von Thomas Raffl gehört habe, hat das natürlich schon geschmerzt, immerhin war er unser Kapitän und MVP der letzten B-WM. Trotzdem muss man mit solchen Ausfällen umgehen können, und ich tue das auch. Ich bin sehr professionell in dieser Beziehung.

LAOLA1: Welche Rolle wird Michael Raffl im Falle eines Einsatzes im Team zukommen?

Bader: Er ist ein guter Spieler und wir werden schauen, dass wir eine Rolle finden, in der er sich entfalten und der Mannschaft erfolgreich helfen kann. Ich freue mich, dass er unseren Kader verstärkt. Man darf aber keine Wunderdinge erwarten, denn nicht er gewinnt die Spiele, sondern das Team Österreich. Sicher flößt seine Anwesenheit bei einigen Teams Respekt ein, Nationen wie Russland oder Schweden ist es aber schnurzegal, ob wir einen NHL-Spieler dabei haben, die haben selbst 20 davon.

LAOLA1: Wir schaut aus Sicht des Teamchefs eine kurze Einschätzung aller WM-Gegner aus?

Bader: Wir sind sieben Mal Außenseiter und müssen auch spielen, wie ein Außenseiter spielt. Die Schweiz zeichnet sich durch gutes eisläuferisches Potenzial aus, sie haben technisch gute Skills, können auch hart spielen und haben eine große Breite von international guten Spielern. Russland ist läuferisch und technisch eine der besten Mannschaften der Welt, gewinnt aber mit diesem Stil trotzdem nicht immer. Sie können den Gegner so dominieren, aber an einem schwächeren Tag kann die Konzentration fehlen. Die Slowakei ist eine Top-Nation, auch wenn sie im Ranking nach unten gerutscht sind. Die Tatsache, dass sie nicht absteigen können, kann sie beflügeln oder lähmen. Schweden ist Weltmeister und bringt das ganze Package mit: Läuferisch, technisch und physisch. Frankreich ist vielleicht nicht so stark wie Russland und Schweden, aber sie sind seit zehn Jahren in der A-Gruppe - kein Zufall. Man liest oft, dass wir Frankreich schlagen müssen, vergisst dabei aber, dass sie 2017 zehn Punkte geholt haben. Weißrussland ist schwer zu beurteilen, sie spielen die russische Schule, aber von sehr gut bis sehr schlecht ist bei ihnen alles möglich. Sie sind sehr launisch. Es kann sein, dass sie um das Viertelfinale spielen, hatten aber auch schon schlechte Weltmeisterschaften. Und wie gut Tschechien ist, hat man erst bei den Olympischen Spielen gesehen. Mal abwarten, wie hungrig sie im siebten Spiel noch sind.

Auch wenn wir den Klassenerhalt schaffen, werde ich nichts anderes sagen. Dann sind wir nur eine Spur näher gerückt. Man muss am Boden bleiben. Wir benötigen auch einiges an Wettkampf-Glück.

LAOLA1: Mit Großbritannien hat es einen Überraschungs-Aufsteiger für nächstes Jahr gegeben. Ein Indiz dafür, wie knapp die erweiterte Weltspitze zusammenliegt?

Bader: Ich hätte eher auf Kasachstan oder Slowenien getippt, aber so eine große Überraschung war es für mich doch nicht. Immerhin hat Manchester in der Champions Hockey League gute Resultate erzielt. Das ist der Grund, warum ich immer sage, dass wir noch keine A-Nation sind, auch wenn wir jetzt oben spielen: Um A-klassig zu sein, müssen wir erst einmal drei Jahre die Klasse halten und uns im Nachwuchs verbessern. Man neigt hier dazu, sehr schnell euphorisch zu werden, das mussten auch die Fußballer spüren. Auch wenn wir den Klassenerhalt schaffen, werde ich nichts anderes sagen. Dann sind wir nur eine Spur näher gerückt. Man muss am Boden bleiben. Wir benötigen auch einiges an Wettkampf-Glück.

LAOLA1: Stichwort Nachwuchs – Sie sind nicht nur Teamchef, sondern auch Sportdirektor. War der verpasste Aufstieg der U18 eine herbe Enttäuschung?

Bader: Klar, diese Mannschaft hätte aufsteigen sollen, aber das hat sie nur wegen 30 Sekunden gegen die Ukraine nicht geschafft. Ein Sonntagstreffer hat dieses Spiel gedreht, in allen anderen war man krass überlegen. Man hat die meisten Tore geschossen, die wenigsten bekommen, hatte das beste Powerplay und Penaltykilling und mit Benjamin Baumgartner den auffälligsten Spieler des Turniers. Es war einfach viel Pech dabei. Und selbst beim Aufstieg wäre man erst in der B-Gruppe gewesen und hätte im kommenden Jahr den Erhalt schaffen müssen. Mit der U20 haben wir den Abstieg aus der B-Gruppe mit viel Glück abgewendet. Im Nachwuchs sind wir momentan einfach zwischen B- und C-Gruppe anzusiedeln, wobei die A-Gruppe – anders als bei den Erwachsenen – nur zehn Mannschaften umfasst. Österreich ist zur Zeit noch weit weg davon, wirkliches Kapital zu schlagen. Derzeit spielen unsere besten Spieler bei der U18 allesamt im Ausland. Es gibt im Nachwuchs bessere und schlechtere Jahrgänge, aber manche Spieler werden auch zu schnell zu sehr hochgejubelt.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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