KHL in Wien! Die Freimüller-Expertise zur Liga

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Die Kontinental Hockey League, kurz KHL, zu Gast in Wien!

Slovan Bratislava empfängt in Kagran am Freitag und Sonntag die Spitzenteams von CSKA Moskau und SKA St. Petersburg. Auch sonst ist die zweitprominenteste Liga der Welt nach der NHL durch die Teilnahme der Slowaken ganz knapp an der österreichischen Hauptstadt dran.

LAOLA1-Experte Bernd Freimüller wirft einen Blick auf eine Liga, die auch sonst nur eine Stunde von Wien entfernt internationales Spitzeneishockey bietet:

Scouten in der KHL

Moskau und seine Vororte, St. Petersburg, Yaroslavl, Omsk, Magnitogorsk, Togliatti und einige andere schon vergessene Standorte - die russischen Städte, wo KHL- und zuvor Superleague-Eishockey geboten wurden, sind mir nicht fremd. Nicht nur aufgrund der Visum-Problematik war das Reisen durch Russland immer ein Schlauch, aber halt notwendig. Das slowakische Poprad und danach Prag lagen dann schon näher, doch Bratislava, das mit Auto, Zug und Bahn in knapp einer Stunde zu erreichen ist, macht die Anreise zu Spitzenhockey sehr einfach. Kurzum: Wer in den letzten fünf Jahren nie den Weg von Wien nach Bratislava gefunden hat, wird wohl auch am Wochenende nicht zum KHL-Fan umgepolt werden.

Ich sehe pro Saison zwischen zehn und fünfzehn Slovan-Heimspiele, vor allem auch dadurch, dass in der KHL die ganze Woche durchgespielt wird. Spiele am Montag, Mittwoch oder Donnerstag sorgen selten für Überschneidungen.

Grundsätzlich machen die hohen Gehälter einen Direkt-Transfer in die EBEL oder DEL meist unwahrscheinlich. Allerdings gibt es doch einige Spieler, die keine gute Saison hinter sich haben oder die sich den strapaziösen Lebensstil in der KHL nicht mehr antun wollen. Bei meinen Reports konzentriere ich mich meist auf die nordamerikanischen und europäischen Cracks, russische Spieler in ausländischen Ligen sind ja eher rar, auch wenn Zagreb jetzt zwei holte.

Teams wie Riga, Kunlun oder Astana sind bei ihrem Antreten in Bratislava für mich ein Muss, CSKA oder St. Petersburg dagegen eher für die Fans. Ich glaube nämlich nicht, dass Pavel Datsyuk noch ein Jährchen in der EBEL anhängen wird oder Kirill Kaprizov am Weg nach Minnesota in Europa abbiegt. Die Spiele am Wochenende sind daher für Fans attraktiver als für mich...

Die KHL als Konkurrenz zur NHL

Die Weltübernahme-Szenarien der Liga sind schon wieder vorbei, spätestens seit dem Beginn der Öl- und Rubelkrise 2016. Zuvor fabulierten die Ligaverantwortlichen noch von einer Europa umspannenden Liga mit 64 Teams, Berlin, Mailand, Dresden, London, Huttwil(!) in der Schweiz sowie zumindest ein Standort in Schweden kamen zur Sprache. Auch die Schmalspur-Variante mit 32 Teams fand nie statt, der Zuzug von Jokerit Helsinki war eigentlich der größte Coup der Ligaverantwortlichen.

Wurde die Liga über Jahre künstlich aufgeblasen, war in den letzten Jahren Reduktion angesagt. Teams wie Poprad oder das daraus hervorgegangene Lev Prag verschwanden nach finanziellen Desastern ebenso wieder wie Medvescak Zagreb, dem von der EBEL umgehend der rote Teppich ausgerollt wurde. Dombass Donezk musste sich nach den politischen Unruhen in der Ukraine zurückziehen.

In Russland wiederum verschwanden Novokuznetsk und Atlant Moskau von der Bildfläche, Spartak Moskau und Lada Togliatti gingen und kamen wieder, neu hinzu kamen über die Jahre Teams in Vladivostok und Sotschi.

Das Teilnehmerfeld fluktuierte über die Jahre stark, von 24 Teams bei der Liga-Gründung 2008 zum Höchststand von 28 (2013/14) und heute 25 Mannschaften. Aufgrund dieser Anzahl ist die KHL auch die einzige Liga Europas, deren Playoffs schon mit einem Achtelfinale beginnen. Der Grunddurchgang mit 62 Spielen ist auch der längste Europas.

Die Ligaführung machte im letzten Sommer mit einigen Problemstandorten endgültig ernst. Mittels eines Punktesystems mit Faktoren wie sportlichem (Miss)-)Erfolg, finanzieller Stabilität und Zuschauerzahlen wurden Lada Togliatti und Yugra Khanty-Maniysk aus der Liga gekickt.

Ich kann mir vorstellen, dass dieses Schicksal über kurz oder lang auch Slovan Bratislava und Kunlun Red Star ereilen wird. Slovan macht schon seit Jahren mit Zahlungsrückständen Schlagzeilen, das zwischen Peking und Shanghai pendelnde chinesische Team war von Beginn an ein Kunstprodukt.

Welches Niveau hat die Liga?

Eines ist klar: Wer sich am Wochenende wunderbare Kombinationen wie bei der "Sbornaja" der 70er-Jahren erwartet, sollte besser daheimbleiben und sich die DVD des Dokumentarfilms "Red Army" reinziehen. Das internationale Eishockey hat sich in den Jahren über die Ligen hinweg ja ziemlich angeglichen, regionale Eigenheiten gibt es kaum mehr.

Was aber in der KHL vom ersten Blick an auffällt: Sie ist eine körperlich immens große Liga. Russland - was man auch an den Junioren-Nationalteams der letzten Jahre erkennen konnte – bringt vor allem viele großgewachsene Defender hervor. Das geht aber nur selten mit großartigen Puckskills einher, die Konsequenz daraus: Die begehrtesten Imports sind Offensiv-Verteidiger, das beste Beispiel dafür: Matt Maione. Der ehemalige ECHL-Topverteidiger erspielte sich über die Slowakei und Finnland einen Vertrag bei Riga und führt jetzt die KHL-Scorerliste an. Der kleingewachsene, aber dynamische Defender könnte sich sogar noch in der NHL wiederfinden. Andere schussstarke Verteidiger-Imports sind Patrik Hersley, Darren Dietz oder die NHL-erfahrenen Philip Larsen und Sami Lepistö.

Bei vielen Teams – vor allem den nicht-russischen – sind die Legionäre die Spielträger, wie in der EBEL finden sie sich in den ersten beiden Blöcken und in den Special Teams wieder.

Während die russischen Teams maximal fünf Legionäre einsetzen dürfen, ist es bei den internationalen Teams genau umgekehrt – sie müssen fünf einheimische Spieler unter Vertrag haben. Um dem einigermaßen gerecht zu werden, stattete Kunlun Spieler wie Brandon Yip, Cory Kane oder Greg Squires mit chinesischen Pässen aus. In China ausgebildete Spieler finden sich natürlich nicht im Line-up.

Eine weitere KHL-Regel: Die einheimischen Torhüter sind bei den russischen Teams geschützt – eine gewisse Mindestanzahl an Spielminuten über die Saison hinaus ist vorgeschrieben.

Wie in der EBEL werden junge Spieler nur sehr zögerlich hochgezogen. Jetzt könnte man darüber streiten, ob das eine Konsequenz daraus ist, dass viele Youngsters in Juniorenligen in Übersee spielen oder diese den Weg eben aus diesem Grunde erst antreten. So sind noch juniorenberechtige Cracks eher die Ausnahme als die Regel in den Line-ups.

Die KHL bietet also meist eine Kombination aus nordamerikanischen und europäischen Eishockey, vielleicht mit etwas mehr West-Ost und sicher weniger Tempo als in Nordamerika. Nicht alle Teams sind Elite, doch ich würde die KHL stärker als die schwedische Liga einschätzen. Ein Grund dafür: Die russischen Teams könnten starke Imports anlocken und gleichzeitig einheimische Cracks im Lande halten oder zurückholen, während die schwedischen Teams aufgrund der unzähligen Exporte doch in einem steten Erneuerungsprozess gefangen sind (der allerdings sehr gut gelingt). Für mich weist die SHL dafür mehr Speed auf, wofür auch die jüngeren Spieler sorgen.

Klar ist: Solange KHL-Teams nicht daran teilnehmen, wird die Champions Hockey League immer unvollständig bleiben…

Rollt der Rubel noch?

Nicht mehr ganz so wie früher, doch die Spitzencracks bekommen natürlich weiter siebenstellige Gehälter (auf Dollar umgerechnet). Am anderen Ende der Skala verdienen etwa Spieler in Riga und Bratislava nur fünfstellige Beträge, die Spitzenimports dort würde ich auf 250-300.000 Dollar brutto (bei niedrigen Steuersätzen) einschätzen.

Nordamerikaner oder Europäer, die sich einen Winter in Orten wie Minsk oder Omsk antun, können dagegen mit den Doppelten rechnen, da kann nicht einmal die so zahlungsfreudige Schweizer National League mithalten. Dieses Geld entschädigt dann auch für lange Trainingszeiten und lange Roadtrips (meist drei oder vier Spiele in sieben bis zehn Tagen), die Familie muss einstweilen mit sich selbst auskommen.

Eine Eigenheit der KHL: Spieler, die nicht mehr erwünscht sind, können via "Waiver Draft" zu einem anderen Team gehen. Finden sie keinen Abnehmer, können sie mittels eines festgelegten Buyouts (die Höhe hängt vom Zeitpunkt ab, die letzte Chance dazu gibt es Ende Dezember) vor die Tür gesetzt werden.

Die Spieler der russischen Teams werden in Rubel (manchmal zu einem vor der Saison festgelegten Umrechnungskurs zum Dollar) bezahlt, außerhalb von Russland erfolgt die Auszahlung meist in Dollar.

Weitere Ligen-Eigenheiten

Die EBEL halt sich über die Jahre auch schon einige Schmankerl geleistet, doch die KHL ist in mancher Beziehung unschlagbar. Neuestes Beispiel: Ein findiger russischer Journalist fand im Sommer heraus, dass die Liga wieder zur alten Zwei-Punkte-Regel für einen Sieg zurückkehrte, um so einigen Teams zumindest auf dem Papier länger Hoffnung zu geben. Die Liga bestätigte diese nicht ganz so unwichtige Tatsache dann auch – zwei Tage vor Saisonstart. Die Geheimniskrämerei nach Sowjet-Muster ist also bis heute nicht ausgestorben.

Etwas verquerter Kundendienst: Videourteile werden – wie bei einer WM – aus einer Box im Stadion an die Refs weitergeleitet, diese verlautbaren die Entscheidungen dann via Körpermikrofon. Dieses funktioniert zwar gefühlt öfters als in der NHL, die Durchsagen erfolgen aber selbst in Bratislava auf Russisch! Die dazugehörigen Zeichen sind aber international...

Avangard Omsk verfügt heuer über keine Heimat, ihre Arena wurde von der Stadt aus Sicherheitsgründen gesperrt. Die neue Heimat ist jetzt der Moskauer Vorort Balashika. Auch wenn man die russische Landkarte vor sich hat, kann man abschätzen, dass das nicht gerade um die Ecke liegt – um genau zu sein: Etwa 2.700 Kilometer...

Für Liebhaber des internationalen Eishockeys sollten die Spiele am Freitag und Sonntag sicher interessant werden und einen schönen Vergleich mit der EBEL abgeben. Nicht jedes Spiel ist jedoch ein Leckerbissen, bei Slovan bleibt nur zu hoffen, dass sie heuer einen oder zwei ihrer seltenen guten Tage erwischen...

Tickets für die KHL-Spiele in Wien am 26. und 28. Oktober sind erhältlich unter https://www.khl-tickets.at/

Textquelle: © LAOLA1.at

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