Freimüller auf Reisen: Was passiert in Slowakei?

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Drei Spiele vor und nach Weihnachten – was gibt es Neues in der slowakischen Extraliga, die in den letzten Jahre einen ziemlichen Wandel durchgemacht hat? Ein Jahr nach dem ersten Lagebericht aus der Slowakei (HIER klicken) hat LAOLA1-Scout Bernd Freimüller wieder eine Reise zu folgenden Spielen gemacht:

23.12.: Zvolen – Kosice

26.12.: Trencin – Banska Bystrica

28.12.: Poprad – Nitra

Drei Spiele mit sechs der besten Teams in der Tipsport-Liga – das ergibt dann 47 Reports über potenzielle Kandidaten für die EBEL oder andere Ligen und einen guten Eindruck über den Zustand des slowakischen Eishockeys.

Was gibt es Neues?

Zwei ungarische Teams seit heuer - MAC Budapest und DVTK Jegesmedvek Miskolc. Wie kam es dazu? Durch Geld natürlich - die Orban-Regierung brachte sich mit einer Millionenspende ein, die die stets finanziell klammen slowakischen Teams gut gebrauchen konnten, der Deal gilt einmal für drei Jahre. Natürlich wurde und wird die Aufnahme der Ungarn von vielen Seiten skeptisch beäugt, schließlich lag das Eishockey dieser beiden Nationen noch vor Jahren Lichtjahre auseinander. Sportlich liegen die beiden Mannschaften derzeit auf den Pre-Playoff-Plätzen zwischen 7 und 10, auch von den Zuschauerzahlen her ist Luft nach oben. MAC spielt meist vor 500-700 Fans, DVTK vor 1500 in einer damit halbvollen Halle.

Die Ungarn kamen mit dem Liga-Einstieg den Polen zuvor, die ebenfalls mit einer Mitgift winkten. Ligamanager Richard Lindner deutete aber schon an, dass auch von dort ein oder zwei Teams aufgenommen werden könnten.

Im Gegensatz zu Tschechien, wo Traditionsklubs wie Ceske Budejovice, Kladno, Jihlava oder neuerdings wieder Vsetin Jahr für Jahr versuchen, wieder aufzusteigen, gibt es nämlich in der Slowakei nur sehr wenige potenzielle Liga-Einsteiger. So spielen in der St. Nicolaus-Liga (ein blumiger Sponsor-Name für die zweite Leistungsstufe) Teams wie Skalica oder Martin, die zwar eine lange Tradition haben, aber erst vor kurzem bankrott gingen. Tabellenführer Michalovce liegt nahe der ukrainischen Grenze und hat keinerlei Extraliga-Historie, auf dessen möglichen Aufstieg freuen sich nur wenige.

Von Legionären dominiert

Eines ist augenscheinlich: Der Trend zu Legionären setzt sich mehr und mehr fort, Ausländerbeschränkung gibt es in der Extraliga nämlich keine. Die beiden ungarischen Teams setzen sowieso auf Nordamerikaner, Miskolc hat mit Glen Hanlon sogar einen Ex-NHL-Coach (und Nationaltrainer der Slowakei und Schweiz) hinter der Bande.

Fast alle Spitzenteams leisten sich in ihren zwei Top-Blöcken eben vornehmlich Legionäre, die Starting Six von Banska Bystrica – die in dieser Beziehung Vorreiter waren – setzte sich überhaupt ausschließlich aus Nordamerikanern zusammen.

Wo noch vor Jahren meist nur ausrangierte Tschechen als Gastarbeiter werken durften, ist die Tipsport Liga heute wesentlich internationaler aufgestellt. Nach Kanada ist vor allem Finnland ein beliebtes Importland, Neo-Agent Bernd Brückler hat mit Klienten aus beiden Ländern bei mehreren Teams einen Fuß in der Tür.

Die Nordamerikaner kommen aus allen möglichen Ligen, von Spielern mit etwas NHL-Erfahrung über ECHL-Spieler bis zu Ex-College-Boys (USA und Kanada). Wie so oft lässt sich die Spielstärke dieser Cracks nicht aufgrund ihrer Herkunft ableiten, die Spieler, die ich empfehlen werde (vor allem ein Defender im Stile von Jamie Fraser), weisen keine große Vita auf. Bei einigen Teams wie Zvolen, Nitra oder Banska Bystrica lässt sich inzwischen auch hier gutes Geld verdienen und mit einem Gehalt von etwa 35.000 Euro (nur als Beispiel) lässt es sich in einem Land, wo das Mittagsmenü knapp vier Euro kostet, natürlich gut leben. Um einen Bettel kommen diese Leute nicht mehr in die EBEL, erschwinglich sind sie aber für Mittelklasseteams allemal.

Einzig der Traditionsverein Dukla Trencin beteiligt sich nicht am Legionärsmarkt, seine bescheidenen Mittel geben nicht viel her. Teams wie Detva, Liptovsky Mikulas oder Zilina erspare ich mir gerne, ihre in- und ausländischen Spieler sind eher Imports für zweitklassige Ligen.

Das Niveau der Liga und des slowakischen Eishockeys

Die Extraliga ist in den letzten Jahren sicher wieder besser geworden, auch wenn NHL-Scouts aufgrund des Mangels an guten jungen Spielern weiter einen Bogen um sie machen. Hauptgrund dafür sind eben die Legionäre, die vor allem einheimische Altspatzen (oft über 40 Jahre alt) ersetzten, das slowakische Eishockey an sich kommt nur sehr langsam wieder aus seiner Talsohle heraus.

Die Spitzenteams wie Nitra oder Banska Bystrica würde ich in der EBEL durchaus auch als Teams für die Top-6 einstufen, vielleicht aber nicht als Titelkandidaten. Eisläuferisch ist die Liga aber sicher auf einem höheren Niveau, auch wenn die Teams das in der CHL bis jetzt nicht bestätigen konnten.

War das 6:1 der Slowakei über Österreich bei der Swiss Hockey Challenge im Dezember auch ein Indikator für die Spielstärke der beiden Nationen? Ein Ausfall der Top-Cracks wie jener der Salzburger tut Österreich natürlich weit mehr weh als der Slowakei, die auch mit einer reinen Liga-Auswahl wohl immer Favorit wären, wenn auch vielleicht nicht in dieser Höhe. Für mich rangiert die Slowakei aber international mittlerweile klar hinter der Schweiz und auf einer Ebene mit Deutschland, auch wenn die letzte WM unter dem 67-jährigen Kanadier Craig Ramsay durchaus solide ausfiel.

VIDEO - Die Highlights von Slowakei-Österreich:

(Text wird unterhalb fortgesetzt)

Der Hauptunterschied zwischen der Slowakei und Ländern wie Österreich: Ihr Nachwuchs hält sich schon seit Jahren unter den Top-10 der Welt, wenn auch ab und zu mit Bauchweh. Im U20-Bereich könnte man daher schließen, dass das Experiment, mit dem Nationalteam in der Extraliga mitzuwirken (wenn auch außer Konkurrenz), Früchte trägt. Doch wer davon träumt, dass zumindest die besten Junioren des Landes gegen Erwachsene mithalten können, sollte sich die heurigen – durchaus typischen – Ergebnisse des U20-Teams vor Augen führen: Kein Sieg und zwei Punkte in 24 Spielen, Tordifferenz: 30:128. Und dabei geben die Gegner natürlich nicht hundert Prozent...

Nationale Eigenheiten

Die Nationalhymne vor dem Spiel gehört weiter dazu, leider auch die Länge der Spiele: Faceoffs werden weiter so gehandhabt, dass der Linesman pfeift, irgendwann der erste Center eintrifft, der andere inzwischen mit dem Schiri schwatzt und Kusshändchen an die Frau Gemahlin schickt, bevor er am Bullypunkt eintrifft und vielleicht auch wieder weggeschickt wird. Von "Quick Whistle" keine Spur - kombiniert mit 18-Minuten-Pausen und zwei Werbepausen (hier nicht als "Power Breaks" verbrämt) entstehen dann halt Spiele, die meist Richtung zweieinhalb Stunden gehen. Da ist die EBEL, wo die Schiris dazu angehalten sind, die Spiele nach Möglichkeit nicht über 2:10 Stunden auszudehnen, um einiges weiter.

Bei TV-Spielen kommt dann noch nach dem Tor ein automatisches Timeout von einer Minute dazu, damit die unzähligen Wiederholungen über den Sender gehen können. Im Gegensatz zu Österreich hat man das immerhin offiziell gemacht, der Effekt ist aber der gleiche: Die Spieler stehen wie das sprichwörtliche "stinkerte G'söchte" auf dem Eis herum, die Emotionen werden damit weiter heruntergefahren, Doppelschläge wie früher dadurch zur Seltenheit.

Die Preise sind für österreichische Verhältnisse weiter sehr einladend, Tickets um fünf Euro, Bier und Wodka (wird in einigen Hallen ausgeschenkt) um einen Euro. Während einige Fußballstadien mit EU-Geldern modernisiert wurden, sind die Eishallen allerdings weiter antik. In Trencin etwa hat sich in den letzten Jahrzehnten bis auf einen Videowürfel nichts getan, die Holzbänke sind weiter die gleichen wie noch im Kommunismus. Das hat aber auch seinen Charme...

Die Zuschauerzahlen sind meist überblickbar, die Weihnachtszeit kommt aber auch in der Slowakei gut an: In Zvolen (2.000), Trencin (4.800) und Poprad (3.800) lagen die Zahlen bei meinen Besuchen weit über dem Schnitt. Neben MAC sind in Zilina und Detva die Zuschauerzahlen meist nur dreistellig. Liptovsky Mikulas, das aufgrund einer Hallenrenovierung herumziehen muss, spielt meist vor 200 Fans, ein Spiel im knapp 100km entfernten Zilina ergab den Liga-Minusrekord von 54 Zusehern!

Am 3. Februar dürfte das Zuschauerpendel allerdings in die andere Richtung ausschlagen: Das Mittelslowakei-Derby zwischen Banska Bystrica und Zvolen wird als Open-Air-Spektakel im dortigen Fußballstadion ausgetragen.

Alte Bekannte

Evan Brophey (Dornbirn, Graz) in Kosice, Marek Zagrapan (gleiche EBEL-Stationen) in Poprad, Marko Pöyhönen (Zagreb) in Zvolen – einige Legionäre sind altbekannt. Dazu kommen vor allem Ex-Znojmo Cracks wie Martin Nemcik, Marek Biro und Jindrich Abdul sowie Goalie Patrik Nechvatal, der einen seiner Defender mit einem für ihn typischen Gegentor so entnervte, dass dieser seinen Stock an der Bande zertrümmerte - er dürfte ihn noch nicht lange kennen.

Dazu kommen noch die EBEL-Refs Vladimir Baluska, Vladimir Babic (wie immer unrasiert und fern der Heimat) und Daniel Soos, der offenbar zwischen seinen Rollen als Linesman (EBEL) und Head (Extraliga) hin und her pendelt.

Alles bekannte Namen, für die ich aber nicht die oft weiten Reisen antrete. Neben einigen interessanten Legionären und auch Slowaken (eine Nation, die in der EBEL aber eher selten gefragt ist) gibt es mit Lane Scheidl bei Nitra auch einen kanadischen Flügel mit österreichischen Vorfahren – eigentlich noch der größte rot-weiß-rote Bezug in der Extraliga.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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