Analyse

Warum Salzburgs Eishockey-Dominanz vor dem Ende steht

Red Bull Salzburg droht nach vier aufeinanderfolgenden Meistertiteln das sensationelle Viertelfinal-Aus. Das sind die Gründe:

Warum Salzburgs Eishockey-Dominanz vor dem Ende steht Foto: © GEPA

Dem EC Red Bull Salzburg droht in der win2day ICE Hockey League ein historischer Tiefpunkt.

Nach vier Meistertiteln in Folge stehen die "Eisbullen" im Playoff-Viertelfinale gegen den HC Pustertal mit dem Rücken zur Wand und liegen in der "Best-of-Seven"-Serie mit 0:3 zurück.

Eine weitere Niederlage am Dienstag in Bruneck (19:45 Uhr im LIVE-Ticker >>>) würde nicht nur sensationell das Saisonaus bedeuten - Salzburg würde zugleich erstmals in der Klub-Geschichte gesweept werden.

Die "Eisbullen" klammern sich an den letzten Strohhalm, doch die Bilanz spricht gegen sie. Aus den letzten zehn Duellen mit den "Wölfen" ging Salzburg nur zwei Mal als Sieger hervor, in beiden Fällen erst nach Overtime. Der letzte Sieg in Südtirol liegt zudem über ein Jahr zurück.

LAOLA1 hat sich vor Viertelfinal-Spiel 4 auf Spurensuche begeben und sechs Gründe ausgemacht, warum Salzburgs Dominanz vor dem Ende steht.

Atte Tolvanen ist außer Form

Atte Tolvanen ist außer Form
Der dreifache Playoff-MVP hext nicht in gewohnter Manier
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Atte Tolvanen spielt seine schwächste Saison seit seiner Ankunft in Salzburg im September 2021.

Mit einer Fangquote von 91,4 Prozent blieb der gebürtige Finne im Grunddurchgang knapp unter den 91,6 Prozent aus der Saison 2023/24. Im Schnitt kassierte der eingebürgerte ÖEHV-Torhüter 2,39 Tore pro Spiel - ebenfalls ein Negativwert in seiner Salzburg-Zeit.

Ausgerechnet in den Playoffs, in denen Tolvanen in den vergangenen vier Jahren wie kaum ein anderer hexte, sind seine Zahlen noch einmal deutlich eingebrochen. Nur 88,3 Prozent aller Schüsse auf sein Tor hat der 31-Jährige bislang pariert, er muss durchschnittlich 2,96 Gegentore pro Partie hinnehmen. Das sind - gerade für seine Verhältnisse - unterirdische Werte.

Mindestens zwei Gegentreffer in der laufenden Serie gegen Pustertal sind diskussionswürdig, zudem wirkt es phasenweise, als wäre Tolvanen nicht voll bei der Sache. Bislang fehlte Head Coach Manny Viveiros jedoch der Mut, auf David Kickert zu setzen.

Der nominelle Backup wies in der Regular Season mit Abstand die besten Zahlen (Fangquote 94,1 Prozent, GAA 1,44) aller Torhüter mit mindestens fünf Einsätzen auf, blieb in fünf Spielen sogar ohne Gegentreffer und stellte seinen Teamkollegen deutlich in den Schatten.

Deshalb durfte sich der Wiener berechtigte Chancen auf die Nummer-1-Position in der Postseason ausrechnen – bekam aber wieder einmal die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Traut sich Viveiros nun, auf Kickert zu setzen, zumal der 32-Jährige bereits 2017 die Vienna Capitals zur Meisterschaft führte?

Die Top-Linie ist nicht top

Die Top-Linie ist nicht top
Peter Schneider fällt das Toreschießen ungewohnt schwer
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In den vergangenen Jahren war es völlig egal, in welcher Verfassung sich Salzburg präsentierte – auf die Parade-Linie mit Peter Schneider, Benjamin Nissner und Thomas Raffl war stets Verlass.

Besonders in brenzligen Situationen war das Trio dazu fähig, Tore regelrecht zu erzwingen und Spiele auf die Seite der Mozartstädter kippen zu lassen. Doch diese Fähigkeit scheint in dieser Saison verloren gegangen zu sein.

Erst 29 der 169 Salzburger Treffer gehen auf ihr Konto, das entspricht einer Quote von schwachen 17,2 Prozent. Vergangene Saison war ihr Impact mit 71 Toren deutlich größer: Ein Drittel aller Salzburger Treffer (213) wurde von der "Bulldozer-Reihe" erzielt.

Als die "Eisbullen" im Oktober in einer handfesten Krise steckten, löste Viveiros die Top-Linie kurzerhand auf. "Er wollte frischen Wind in die Mannschaft bringen, kurzzeitig einmal alle durchrotieren. Ich glaube, das hat auch geholfen. Wenn du jedes Jahr zusammenspielst, kann das nicht immer funktionieren", sagte Nissner im Februar im LAOLA1-Interview. Hier nachlesen >>>

Zwar wurden Schneider, Nissner und Raffl nach einigen Spielen wieder vereint, an die Leistungen der vergangenen Jahre konnten sie in dieser Saison jedoch nie anschließen.

Insbesondere an Schneider nagt die Misere: Erstmals in seiner Profi-Karriere steht der 35-Jährige bei einer einstelligen Trefferanzahl (9). Der Torjäger hatte heuer allerdings auch wenig bis gar kein Spielglück.

Genoway und Murphy fehlen

Genoway und Murphy fehlen
Ein Ausnahmekünstler wie Ryan Murphy geht ab
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Salzburgs Spielaufbau lebt von einer treibenden Kraft in der Defensive. In den vergangenen Jahren waren die Roten Bullen diesbezüglich mit Chay Genoway und Ryan Murphy regelrecht gesegnet.

Beide Verteidiger hatten ihre Stärken im Offensivspiel und die Fähigkeit, das Spiel in Richtung gegnerisches Tor zu verlagern, sobald sie auf dem Eis standen. Außerdem konnten sie enorme Eiszeiten schultern.

Genoway beendete seine Karriere im Sommer nach einer schweren Gehirnerschütterung, nach der er nie wieder zu alter Stärke fand. Murphy wechselte dagegen Red-Bull-intern nach München und mischt dort nun die DEL auf.

Ihre Rollen sollten Connor Corcoran und Devante Stephens übernehmen. Vor allem Corcoran zeigte in den ersten Wochen gute Ansätze – die Fußstapfen sind jedoch mittlerweile für beide deutlich zu groß. Auch Nash Nienhuis konnte den Vorschusslorbeeren bislang nicht gerecht werden.

So kommt es, dass Dennis Robertson und "Sheriff" Tyler Lewington einen Großteil der Aufbauarbeit übernehmen. Für beide nicht unbedingt die Kernkompetenz - besonders nicht in den Playoffs, wo sie eigentlich die Männer fürs Grobe sein sollten.

Im Nachhinein war es wohl ein großer Fehler, T.J. Brennan im Sommer abgesagt zu haben. Der US-Amerikaner brillierte 2021/22 im Bullen-Trikot mit 59 Punkten in 60 Spielen und wollte heuer unbedingt nach Salzburg zurück.

Doch Manager Helmut Schlögl verwies auf den bereits fertig geplanten Kader. Brennan heuerte stattdessen bei Olimpija Ljubljana an – und wurde dort nach dem Grunddurchgang als erster Verteidiger der Liga-Geschichte zum MVP gewählt.

(Artikel wird unterhalb fortgesetzt)

Eklatante Powerplay-Schwäche

Unter anderem die Kombination der letzten beiden Punkte führt zur eklatanten Schwäche mit einem Mann mehr am Eis.

In den Playoffs hat Salzburg als einziges Team neben dem VSV noch kein Powerplay-Tor erzielt - KAC und Fehervar ausgenommen, beide Teams haben nach dem medizinischen Notfall um Jordan Murray erst ein Spiel absolviert.

Nur 15,58 Prozent (!) aller Überzahlspiele wurden erfolgreich verwertet, lediglich FTC-Telekom und die Pioneers waren heuer schlechter. Zum Vergleich: Graz führt die Wertung mit einer Erfolgsquote von 24,54 Prozent an. Im Vorjahr traf Salzburg noch in jedem vierten Powerplay.

Die Gründe für den Absturz sind vielfältig. Es fehlt ein designierter Puck-Träger, der den Rush vorantreibt. Ein Spieler, der das Spiel denkt und lenkt, sobald die angedachte Powerplay-Formation in der offensiven Zone steht.

Dort agiert Salzburg zudem oft zu kompliziert, will den Puck förmlich ins Tor tragen. Fehlende Präzision führt dazu, dass man sich selbst in Bedrängnis bringt – etwas, das Pustertal in Spiel 2 bereits mit einem Shorthander bestraft hat.

Hinzu kommt, dass Schneider aus "Ovechkin's Office" – also seiner Paradeposition an der rechten Halfwall – abgezogen wurde. Salzburg beraubt sich damit selbst seiner größten Waffe: dem gefürchteten One-Timer des Wieners.

Das Spiel in Überzahl scheint inzwischen eher ein Nach- als ein Vorteil zu sein.

Das Coaching

Das Coaching
Ist Manny Viveiros der richtige Trainertyp für Salzburg?
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Auch Head Coach Manny Viveiros ist nicht von der Kritik auszunehmen.

Im Saisonverlauf hat der ehemalige ÖEHV-Teamchef mit einigen Entscheidungen - unter anderem der Auflösung der Top-Linie - für fragende Blicke gesorgt. Dem gebürtigen Kanadier kann vorgeworfen werden, seinen Kopf stets durchsetzen zu wollen und stur an seinem System festzuhalten.

Große Entwicklungssprünge sind den Red Bulls unter seiner Ägide heuer nicht gelungen, eher im Gegenteil. "Die Kleinigkeiten haben das Spiel entschieden", betonte Viveiros in dieser Saison gebetsmühlenartig, unabhängig von Sieg oder Niederlage. Dafür wurde er von den Fans bereits mehrfach aufs Korn genommen.

Der 60-Jährige gilt als Trainer der alten Schule, sein Führungsstil steht im starken Kontrast zu jenem seiner beiden höchst erfolgreichen Vorgänger Matt McIlvane und Oliver David.

Er sieht das Spiel anders als die "Laptop-Generation". Unzulänglichkeiten werden sofort angesprochen, manchmal auch in lauterem Ton. Anders als bei McIlvane oder David, die Spiele zunächst analysieren wollten, bevor sie ihren Input an die Mannschaft weitergaben.

Der Vater von Ex-ÖEHV-Teamspieler Layne Viveiros hat nicht den Ruf, jedermanns "best buddy" zu sein, genießt aber einen hohen Stellenwert in der Kabine.

Dennoch stellt sich die Identitätsfrage: Passt ein Trainer wie Viveiros tatsächlich zur oft zitierten "Brotherhood", die McIlvane einst mühevoll aufgebaut hat und Salzburg in den vergangenen Jahren so erfolgreich machte?

In dubio pro reo wird Manager Helmut Schlögl letztlich die Entscheidung pro oder contra Viveiros treffen müssen.

Die Erfolgsmüdigkeit

Die Erfolgsmüdigkeit
Der insgesamt zehnte Meistertitel 2024/25 wird vorerst wohl auch der letzte bleiben
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Nach vier Meistertiteln in Folge ist eine gewisse Erfolgsmüdigkeit nicht von der Hand zu weisen. Das Feuer, um die letzten Prozente herauszukitzeln, scheint sich nicht mehr so leicht entfachen zu lassen.

Und das ist durchaus legitim. Die ganz großen Ziele fehlen, ein fünfter Meistertitel würde das Kraut auch nicht mehr fett machen. Zudem arbeitet die Konkurrenz immer härter und nimmt viel Geld in die Hand, um Salzburg endlich vom Thron zu stoßen.

Im Falle der laufenden Viertelfinal-Serie kommt hinzu, dass Pustertal den RB-Code offenbar geknackt hat. Die Südtiroler agieren aus einer tief stehenden, kompakten Defensive, hinter der mit Edward Pasquale einer der absoluten Top-Torhüter der Liga steht.

Die "Wölfe" warten geduldig auf Konterchancen, präsentieren sich vor dem Tor gnadenlos und verfügen über viele Routiniers, die kaum aus der Ruhe zu bringen sind.

So ist der HC Pustertal nicht nur Salzburgs Kryptonit - sondern sogar ein heißer Titelkandidat. Und Salzburg steht plötzlich vor dem Ende einer Ära.

RB-Überläufer: Sie sind von Salzburg nach München gegangen

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