These 1: Es würde der Entwicklung der win2day ICE Hockey League gut tun, wenn der Meister 2025/26 nicht aus Österreich kommt.
Maximilian Girschele:
Dass nicht der EC Red Bull Salzburg Meister wird, ist zunächst einmal ein positives Signal. Die Dominanz der Mozartstädter war erdrückend, hatte allerdings auch ihre gute Seite.
Die Verfolger haben zusätzliche Mittel mobilisiert, um Salzburg vom Thron zu stoßen. Graz und Pustertal ist es gelungen - jeweils mit potenten Geldgebern wie Herbert Jerich und Erich Falkensteiner im Hintergrund.
Allerdings hat sich dadurch auch die Kluft innerhalb der ICE Hockey League vergrößert. Nicht jedes Team kann auf einen Mäzen oder herausragende Nachwuchsarbeit bauen.
Ein nicht-österreichischer Meister würde der Liga kurzfristig durchaus guttun und ein starkes Signal an die internationalen Teams senden.
Für die langfristige Entwicklung ist die Nationalität des Meisters jedoch zweitrangig – entscheidend sind strukturelle Faktoren wie die Qualität des Schiedsrichterwesens, die Arbeit des DOPS, die Kommunikation der Liga sowie die mediale Aufbereitung durch den TV-Partner.
Johannes Bauer:
Gute Zusammenfassung von Max, der wenig hinzuzufügen ist. Ich finde es erfrischend, dass die internationalen Teams endlich mehr darstellen als ein Beiwerk, nämlich eine sinnvolle sportliche Ergänzung und Herausforderung.
Das hatte die Liga in ihrem Anspruch als internationales Produkt bitter nötig. Nur dadurch können die Märkte außerhalb Österreichs wachsen. Nur dadurch wird das Interesse der heimischen Fans an den Duellen ihrer Klubs im Ausland geweckt.
Darum dürfte auch ruhig wieder einmal ein Team außerhalb unserer Grenzen die Karl-Nedwed-Trophy entführen. Um diese Entwicklung zu unterstreichen. Mittelfristigen Effekt würde ich mir davon keinen erwarten.
These 2: Grunddurchgangssieger, noch ohne Playoff-Niederlage: Die Graz99ers haben alles, um die win2day ICE Hockey League auf Jahre zu dominieren.
Johannes Bauer:
Die 99ers haben auf jeden Fall alles, um als Favorit ins ICE-Finale zu gehen und sich in dieser Saison die Krone aufzusetzen. Zu überzeugend war die Vorstellung in den Playoffs bis hierher, der Qualitätsunterschied zu den Grunddurchgangs-Kontrahenten wurde hier erst so richtig deutlich.
Bei mittel- und langfristigen Ansagen muss in dieser Liga Vorsicht regieren. Das Hause Red Bull kann in Sachen Investitionen immer nachziehen und wird diese Saison nicht auf sich sitzen lassen. Und nach so einem ersten Meistertitel, wenn er denn gelingt, muss das Feuer in Graz auch erst einmal am Lodern gehalten werden.
Was aber klar ersichtlich und weniger gut ist - nicht aus Sicht der 99ers, sondern allgemein: Die ICE entwickelt sich schleichend zur Dreiklassen-Gesellschaft, in der nun auch zwischen erweiterter Liga-Spitze und Mittelfeld eine Lücke aufgeht, die sich so schnell nicht wieder schließen wird.
Vor allem aufgrund der Finanzen. Und daher werden sich die Murstädter etwas länger in der Gruppe jener drei, vier, fünf Teams finden, die sich die Titel auf absehbare Zeit untereinander ausmachen werden. Ferner die Investitionen gleichbleibend hoch bleiben.
Maximilian Girschele:
Davon gehe ich aus, sofern Herbert Jerichs Worten Glauben geschenkt werden darf. Die kleine Gefahr, dass des Präsidenten Spielzeug irgendwann einmal "langweilig" wird, besteht trotzdem.
Solange dies nicht passiert, hat Graz sicher die Tools und Möglichkeiten, um der Liga in den nächsten Jahren den Stempel aufzudrücken. Von einer erdrückenden Dominanz, wie Salzburg sie die letzten vier Jahre ausgestrahlt hat, gehe ich jedoch nicht aus.
Der Meistertitel wäre das Sahnehäubchen einer grandiosen Spielzeit, die nach der - von Jerich initiierten - Entlassung von Head Coach Harry Lange und der Installation von Dan Lacroix nochmal so richtig Fahrt aufgenommen hat.
Hier stellt sich allerdings eine der entscheidendsten Fragen: Kann Graz den Kanadier, der Interesse in ganz Europa geweckt hat, von einem Verbleib überzeugen? Und wie groß wird der Umbau in der Verteidigung, wo die Abgänge von Nick Bailen und Kasper Kotkansalo fix sind?
Salzburg wird jedenfalls alles darauf auslegen, sich nächstes Jahr wieder die Krone aufzusetzen. Das zu verhindern, wird nicht nur eine große Aufgabe - es werden erneut große Investitionen vonnöten sein.
These 3: Die win2day ICE Hockey League muss sich bei der Vermarktung der TV-Rechte etwas einfallen lassen, um den Fans mehr entgegenzukommen.
Maximilian Girschele:
30 von 312 Spielen im Jahr, keine klar definierten TV-Zeiten und dazu einige Pannen in den Übertragungen - die angebliche Kündigung von KAC-GM Oliver Pilloni lässt grüßen.
Der ORF hat sich in seinem ersten Jahr als alleiniger TV-Partner der ICE Hockey League nicht mit Ruhm bekleckert - auch wenn nicht alles schlechtzureden ist. Die Kommentatoren Daniel Warmuth und Gerfried Nagel liefern solide Arbeit, ebenso das Experten-Team um Dominique Heinrich. Auch Formate wie die "Cable Guys" sorgen für positive Impulse.
In Summe bleibt dennoch maximal ein "Befriedigend" mit Tendenz zum "Genügend". Beide Seiten müssen sich in der Off-Season Gedanken machen, wie das Maximum aus dem Paket herausgeholt werden kann.
Die Liga darf sich nicht allein auf den ORF verlassen. Wenn die TV-Vermarktung wirklich fanfreundlicher werden soll, muss sie selbst aktiv an besseren Rahmenbedingungen arbeiten.
Denn das Potenzial ist enorm: Der ORF kann dem Eishockey durch seine Reichweite eine Bühne bieten wie kein anderer Sender zuvor.
Umso mehr braucht es den klaren Anspruch, dieses Potenzial auch auszuschöpfen. ServusTV und Puls24 haben die Messlatte hoch gelegt - aktuell ist man davon noch ein gutes Stück entfernt.
Johannes Bauer:
Es ist nicht zwingend die Qualität der Übertragungen, die das große Hindernis auf dem Weg zur nächsten Ebene darstellt.
Klar, ServusTV und Puls(2)4 hatten ihre Freude mit dem Produkt, und damit auch der Zuseher. Ein Level, das der ORF nicht halten kann: Hier muss anders budgetiert werden und ist Eishockey nicht das Premiumprodukt, sondern ein Beiwerk.
Und daran krankt es auch: Was der Sport - wie jeder andere abseits des Fußballs und Skifahrens - in Österreich bräuchte, ist Präsenz. Und da ist es einfach zu wenig, wenn nur ein Zehntel der Grunddurchgangs-Spiele überhaupt zu sehen ist und die Mühe erzeugt, nachsehen zu müssen, wer wann überhaupt zu verfolgen sein könnte.
Bei den Privaten mag die bloße Anzahl nicht deutlich höher gewesen sein, aber jede einzelne Übertragung wurde als Highlight im eigenen Programm zelebriert und beworben. Wenn der ORF da nicht mit kann, müsste eben grundsätzlich mehr zu sehen sein.