Sie haben die meisten Playoff-Einsätze der ICE-Geschichte
LAOLA1: Wie hast du den Moment erlebt, als der Puck zum entscheidenden Tor im Netz war?
Rok Ticar: Das war Adrenalin pur. Ich habe gehofft, dass der Puck nach meinem Tip Richtung Tor geht. Als er im Tor war, habe ich große Freude verspürt. Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft und die harte Arbeit, die wir geleistet haben.
LAOLA1: Wie waren die Stunden nach dem Spiel?
Ticar: Sehr emotional, es ist eine große Last von unseren Schultern gefallen. Wir haben Essen bekommen, ein bisschen getrunken und Musik gehört, dazu getanzt. Es war eine geile Stimmung.
LAOLA1: Welche Songs sind gelaufen?
Ticar: Viele – und "Ti Moja Rozica" war auch dabei. (lacht)
LAOLA1: Was ist die Geschichte hinter diesem Lied?
Ticar: Das war unser Lied in Klagenfurt. Das war meine andere Mannschaft, in der ich mich unglaublich gut gefühlt habe. Die Mannschaft war unglaublich, der Charakter toll. Das Lied und diese Mannschaft bleiben immer in meinem Herzen.
LAOLA1: Ihr habt Serienmeister Red Bull Salzburg per Sweep ausgeschaltet, Ljubljana in fünf Spielen bezwungen. Was macht den HC Pustertal so stark?
Ticar: Ich habe von Anfang an gemerkt, dass die Jungs nicht zum Urlaub machen hergekommen sind. Sie sind hier, um jeden Tag hart zu arbeiten, sich als Spieler und als Mensch zu verbessern – und am Ende vielleicht auch etwas zu gewinnen. Sportdirektor Patrick Bona und Präsident Erich Falkensteiner haben unglaubliche Charaktere geholt und es macht unheimlich viel Spaß. Ich glaube, das sieht man auch am Eis, wir kämpfen füreinander und haben dann auch noch Eddie (Pasquale, Anm.) im Tor. Er gibt uns jeden Abend die Möglichkeit, ein Spiel zu gewinnen.
LAOLA1: Was hat besonders die Serie gegen Salzburg mit euch als Team gemacht?
Ticar: Ich muss zuerst sagen, dass es zwar ein 4:0 war, aber die Spiele sehr eng waren und in beide Richtungen verlaufen hätten können. Salzburg war ein sehr guter Gegner. Aber wir haben diesen Charakter und Willen gezeigt, dass wir auch gewinnen und diesen nächsten Schritt machen wollen.
LAOLA1: Die Serie gegen Ljubljana wurde sehr intensiv geführt, insbesondere Spiel 2 in Slowenien bleibt in Erinnerung. Dort wurden 236 Strafminuten vergeben, es gab mehrere Schlägereien – die Begegnung ist außer Kontrolle geraten.
Ticar: Wir waren überrascht, weil Ljubljana (im Viertelfinale, Anm.) gegen Bozen nicht so gespielt hat. Ich weiß nicht, was der Plan des Trainers war, dass sie so aggressiv gespielt und immer provoziert haben.
LAOLA1: Ihr habt euch davon nicht beeinflussen lassen, 3:0 gewonnen und auch Spiel 3 mit 3:0 für euch entschieden. Was war in Spiel 4?
Ticar: Das haben wir auf die leichte Schulter genommen. Wir haben zu viele Scheiben in der neutralen Zone verloren, Ljubljana war zudem richtig gut. Wir haben ihnen damit wieder etwas Leben eingehaucht. Das fünfte Spiel war anfangs auch nicht so gut, wir waren etwas zu nervös und wollten zu viel. Nachdem wir 0:1 hinten waren, haben wir endlich begonnen, unser Spiel zu spielen – schnell, mit viel Verkehr vor dem Tor. Wir hatten nach dem Ausgleich viele Chancen, die Serie schon nach 60 Minuten zu beenden.
LAOLA1: Gab es im Laufe der Saison einen Wendepunkt, der euch für diesen Playoff-Lauf geprägt hat?
Ticar: Wir haben rund um den Jahreswechsel vier Spiele hintereinander verloren. Danach haben wir das System gewechselt, vor allem in der defensiven Zone. Danach haben wir viel besser gespielt.
LAOLA1: Trotzdem gab es vor dem Olympia-Break zwei krachende Niederlagen gegen die Graz99ers (1:7) und im Derby in Bozen (2:7).
Ticar: Ich glaube, dass viele Spieler schon mit den Gedanken bei den Olympischen Spielen waren, sich nicht verletzen wollten. Das ist ein großes Turnier, jeder will für sein Land spielen.
LAOLA1: Seitdem habt ihr elf von 13 Spielen gewonnen. Warum?
Ticar: Die Jungs, die bei Olympia waren, haben viele gute Spiele bekommen und waren hungrig auf mehr. Der Rest konnte etwas entspannen. Danach lag für alle der volle Fokus auf dem Klub.
LAOLA1: Du hast in deiner Karriere bereits sehr viel erlebt. Welchen Stellenwert hat dieses Finale?
Ticar: Es ist sicher ein großer Moment in meiner Karriere. Ich habe mit Köln zwei Mal im Finale gespielt und verloren, mit Klagenfurt das Finale gewonnen. Mit Slowenien habe ich mich zwei Mal für Olympia qualifiziert. Jetzt bin ich stolz, dass ich für den HC Pustertal im Finale spielen darf.
LAOLA1: Wie charakterisierst du dich selbst?
Ticar: Ich bin ein sturer Mensch. Ich verlange viel von mir selbst und hasse es, zu verlieren. Manchmal streite ich sogar mit meinen Freunden, wenn ich verliere.
LAOLA1: Woher hast du diesen Ehrgeiz?
Ticar: Meine Eltern waren beide Athleten. Meine Mutter hat Basketball gespielt, mein Vater war Torhüter bei Jesenice. Von ihnen habe ich wohl diesen Ehrgeiz mitbekommen.
LAOLA1: Du hast in acht verschiedenen Ländern gespielt, darunter China. Du warst aber nur zwei Monate dort, warum?
Ticar: Das war eine schwierige Zeit mit vielen Reisen. Wenn du in Russland zum Flughafen kommst, warten sie schon mit den Flugtickets etc. auf dich. In Shanghai warst du wie ein normaler Tourist, die Wartezeiten waren lang. Dann noch die Reisen über ganz Russland mit sieben, acht oder neun Stunden Flugzeit – und trotzdem musst du noch gut spielen. Aber ich würde in meiner Karriere nichts ändern. Alles, was passiert ist, war aus einem bestimmten Grund.
LAOLA1: Inwieweit helfen dir alle diese Erfahrungen, die du im Laufe deiner Karriere gesammelt hast, heute?
Ticar: Sie helfen sehr. Ich merke, dass mein Skating nicht mehr so stark wie früher ist. Ich bin älter geworden, habe mein Spiel etwas verändert. Ich muss mehr denken, einfacher spielen. Ich bin glücklich, dass ich immer noch mit jungen, hungrigen Spielern mithalten kann.
LAOLA1: Du bist also ein anderer Spielertyp als in deinem ersten EBEL-Jahr 2009. Da warst du gerade mal 20 Jahre alt.
Ticar: Wenn du jung bist, willst du Spiele alleine gewinnen. Du hast so viel Kraft und Energie, nimmst dir die Scheibe und probierst, über die ganze Eisfläche zu gehen. Jetzt geht das nicht mehr. Ich muss andere Lösungen finden, beide Seiten bespielen, meinen Verteidigern und Torhütern helfen. Vorne muss ich die Scheibe zum richtigen Zeitpunkt an meinen linken oder rechten Stürmer abgeben. Es ist sehr wichtig, die richtigen Linienkollegen zu haben. Und ich muss sagen: Egal, mit wem ich heuer gespielt habe, wir hatten immer eine gute Chemie.
"Das war der schlimmste Moment meiner Karriere. Dass mit mir so kommuniziert wurde, werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen."
LAOLA1: Das lässt sich von deiner Zeit in Klagenfurt wohl auch behaupten. Du hast dreieinhalb Jahre für den KAC gespielt, 2021 habt ihr den Meistertitel gewonnen. Wie sehr hat es dir wehgetan, dass du im Sommer 2023 keinen neuen Vertrag mehr bekommen hast?
Ticar: Das war der schlimmste Moment meiner Karriere. Dass mit mir so kommuniziert wurde, werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen.
LAOLA1: Was ist genau passiert?
Ticar: Ich versuche heute noch Antworten zu erhalten. Ich habe nichts Schlimmes gemacht, immer alles gegeben. Im letzten Jahr habe ich keine guten Playoffs gespielt, die ganze Mannschaft nicht. Ich bin einfach daran interessiert, warum zuerst positiv mit mir kommuniziert, ich dann aber den ganzen Sommer hingehalten wurde. Und Ende Juli bekam ich den Anruf, dass ich meine Sachen packen muss. Es wäre gut gewesen, wenn ich das schon nach Saisonende gewusst hätte. Dann wäre es kein Problem gewesen, aber das habe ich nicht verdient. Es tut mir heute noch weh.
LAOLA1: Ende Juli plötzlich keinen Vertrag mehr zu haben, stelle ich mir alles andere als einfach vor. Wie ging es weiter?
Ticar: Ich habe mit meiner Frau und meinem Agenten darüber gesprochen, welche Optionen wir jetzt haben. Wien hat sich gemeldet und wir haben uns dafür entschieden. Wenn du älter bist, wird es mit Verträgen immer schwieriger. Sie gelten oft nur mehr ein Jahr. Es war auch unser letztes Jahr zusammen als Familie, wir haben dann entschieden, dass sie daheim in Jesenice bleiben. Ich versuche deshalb, nicht so weit weg von zuhause zu spielen.
LAOLA1: Familie hat für dich einen sehr hohen Stellwert, oder?
Ticar: Ich habe sehr großen Respekt vor meiner Frau, weil sie 24 Stunden am Tag alleine mit zwei Kindern ist. Das ist sehr schwer. Zum Glück ist meine Mutter jetzt in Pension und kann ihr viel helfen. Aber ich weiß nicht, wie lange ich das noch machen kann. Ich genieße das Leben – und meine Frau verrichtet die schwere Arbeit. Ich verstehe, wie schwierig das für sie ist. Ich bin sehr dankbar, dass sie mir die Möglichkeit gibt, immer noch zu spielen.
"Nicht unter diesem Präsidenten und General Manager. Für diese Leute will ich nicht spielen."
LAOLA1: Dein Vertrag beim HC Pustertal läuft nach dieser Saison aus. Wie geht es danach weiter?
Ticar: Ich weiß es nicht. Ich fokussiere mich jetzt nur auf das Finale, danach rede ich erst mit meiner Frau. Ich gehe aber sicher nicht weit weg, will in der Nähe bleiben.
LAOLA1: Kannst du dir zum Abschluss deiner Karriere vorstellen, noch einmal für Jesenice zu spielen?
Ticar: Nicht unter diesem Präsidenten und General Manager. Für diese Leute will ich nicht spielen, weil sie keine gute Arbeit für uns Spieler machen. Wenn neue Leute mit einem Plan kommen, die Spieler an erster Stelle stehen, dann wäre ich offen dafür.
LAOLA1: Und Ljubljana wäre keine Option?
Ticar: Nein.
LAOLA1: Ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass jemand aus Jesenice nicht für Ljubljana spielt – und umgekehrt? Dieser Mythos besteht ja.
Ticar: Sagen wir so: Wenn ich jetzt jung wäre und es in Slowenien nur eine Mannschaft gäbe, die wirklich professionell ist und in einer guten Liga spielt, würde ich dorthin gehen. Es wäre eine gute Möglichkeit, um als Spieler und Mensch zu wachsen. Aber jetzt – ich habe Derbys gespielt, vor voller Halle. Ich war selbst auf der Tribüne, als ich jung war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jetzt für Ljubljana spielen würde.
LAOLA1: Kommen wir abschließend zum anstehenden Finale gegen Graz. Glaubst du, wird es ähnlich intensiv wie gegen Ljubljana?
Ticar: Graz ist eine Mannschaft, die ihre Stärken mit der Scheibe hat. Sie wollen in jeder Zone dominieren. Ich glaube schon, dass es physisch wird, aber nicht übertrieben. Wir müssen von Anfang an dafür bereit sein. Die Zahlen zeigen, dass sie bis jetzt die beste Mannschaft sind.
LAOLA1: Graz ist am Papier der Favorit, hat schon zu Saisonbeginn den Meistertitel als Ziel ausgegeben. Pustertal hat dagegen schon mehr erreicht, als man erwartet hätte. Könnt ihr im Finale nur gewinnen?
Ticar: Wir gehen mit dem Mindset rein, dass wir auch gewinnen wollen. Wir wollen gleich im ersten Spiel zeigen, dass wir auch Eishockey spielen können und da sind, um zu gewinnen.
LAOLA1: Hast du abschließend eine Nachricht an alle Pustertal-Fans?
Ticar: Ich habe bereits gesehen, dass unsere Auswärtssektoren ausverkauft sind. Viele Fans wollen nach Graz fahren, deswegen bin ich dankbar für die Unterstützung. Unsere Heimspiele sind ebenfalls ausverkauft, jeder weiß, dass unsere Fans geile Stimmung machen können. Ich hoffe, dass es jetzt noch mehr brennen wird.
LAOLA1: Danke für das Gespräch!