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Lewington-Urteil: Die ICE macht sich selbst ein Fass auf

Der Stinkefinger musste bestraft werden. Doch das Strafmaß wirft eine heikle Frage auf: Warum greift man bei Attacken mit Verletzungsfolge deutlich milder durch?

Lewington-Urteil: Die ICE macht sich selbst ein Fass auf Foto: © GEPA

Die Entscheidung des Disziplinarsenats der win2day ICE Hockey League im Fall Tyler Lewington wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet.

Fünf Spiele Sperre und 2.400 Euro Geldstrafe für einen gezeigten Mittelfinger beim Abgang vom Eis sind kein starkes Zeichen, sondern ein problematischer Präzedenzfall.

Wenn Gesten mehr zählen als Gesundheit

Es lässt sich nicht bestreiten, dass Lewingtons Geste nach dem Faustkampf im Auswärtsspiel seines EC Red Bull Salzburg bei den Graz99ers respektlos und nicht zu verteidigen war.

Doch die Verhältnismäßigkeit der Strafe steht in einem eklatanten Missverhältnis zu dem, was die Liga bislang bei deutlich schwerwiegenderen Vergehen verhängt hat.

Besonders brisant wird das Urteil beim Blick auf dasselbe Spiel. Auf Grazer Seite wurden Josh Currie und Marcus Vela nach Attacken gegen Dennis Robertson und Florian Baltram gesperrt - beide Opfer erlitten eine Gehirnerschütterung.

Currie erhielt drei Spiele Sperre und 750 Euro Geldstrafe, Vela zwei Spiele und 400 Euro. Aktionen also, bei denen es unmittelbar um die Gesundheit von Spielern ging, wurden deutlich milder sanktioniert als eine obszöne Geste gegenüber den Fans.

Gefährlicher Präzedenzfall

Genau hier öffnet sich das Fass, das sich die Liga nun selbst aufgemacht hat.

Wenn körperliche Attacken mit nachgewiesenen Verletzungsfolgen geringer bestraft werden als ein Mittelfinger, dann verschieben sich die Maßstäbe in bedenklicher Weise.

Die unweigerliche Frage lautet: Warum greift die ICE dort, wo es um den Schutz der Spieler geht, nicht mindestens ebenso konsequent durch?

Exempel mit Folgen

An Lewington wurde ein Exempel statuiert. Das mag kurzfristig als Signal für Respekt gegenüber den Fans gedacht sein. Aus Sicht der Liga mag die Abschreckungswirkung im Vordergrund stehen.

Langfristig wird sich die ICE jedoch an diesem Urteil messen lassen müssen. Denn dieser Fall wird künftig als Referenz dienen – auch und vor allem bei gesundheitsgefährdenden Vergehen.

Diese Sichtweise wird nun auch vom Klub selbst gestützt. Red Bull Salzburg stellte in einer offiziellen Stellungnahme klar, dass Lewingtons Geste "in keinster Weise zu verharmlosen" sei und eine Sanktion notwendig war.

Gleichzeitig zeigte man sich jedoch enttäuscht über das hohe Strafausmaß im Vergleich zu jenen Vergehen, die im selben Spiel zu schweren Verletzungen führten. Entscheidend ist dabei ein Satz, der über den Einzelfall hinausweist: Der Schutz der Spieler müsse jederzeit oberste Priorität haben.

Sanktion statt Selbstreflexion

Dass sich die Liga in solchen Fragen zudem kaum kritikfähig zeigt, belegt ein weiterer Fall aus jüngster Vergangenheit.

Salzburg-Coach Manny Viveiros wurde 16 Tage nach dem Auswärtsspiel beim HC Pustertal mit 2.600 Euro Geldstrafe belegt - nicht für eine Unsportlichkeit auf dem Eis, sondern für Kritik an der Schiedsrichterleistung im Post-Game-Interview.

Konkret ging es um die aus seiner Sicht unverhältnismäßige Strafauslegung zwischen beiden Teams. Auch hier reagierte die Liga nicht mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung, sondern mit einer Sanktion.

Spielerschutz nur dem Namen nach

Ein weiterer Aspekt darf dabei nicht unerwähnt bleiben: Das Department of Player Safety trägt den Schutz der Spieler bereits im Namen. Mit Urteilen dieser Art, die sich wie eine schiefe Linie durch Jahre der Rechtsprechung ziehen, bewirkt man jedoch das genaue Gegenteil.

Statt Vertrauen zu schaffen, entsteht der Eindruck einer verzerrten Prioritätensetzung. Und genau das schreckt auch potenzielle Top-Spieler davon ab, in eine Liga zu kommen, in der Gesten härter bestraft werden als Angriffe auf die Gesundheit.

Respekt ist wichtig. Spielerschutz aber ist essenziell. Wer hier die falschen Signale setzt, riskiert nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern langfristig auch die sportliche Attraktivität der Liga.

Die Highlights inklusive Lewingtons Aussetzer (ab Min. 05:38):

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