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Graz99ers: Ist Erfolg automatisch Rechtfertigung?

Der Grunddurchgangssieg rechtfertigt Herbert Jerichs Entscheidung - vorerst. Ob der Trainerwechsel mehr als nur erfolgreich war, zeigt sich erst in den Playoffs.

Graz99ers: Ist Erfolg automatisch Rechtfertigung? Foto: © GEPA

Es war die vielleicht spektakulärste Nachricht der jüngeren Geschichte der win2day ICE Hockey League.

Als Graz99ers-Präsident Herbert Jerich Ende Oktober Head Coach Harry Lange nach einer Overtime-Niederlage in Linz, die alte Wunden aufriss, per Textnachricht vor die Tür setzte, übernahm er vor allem das Heft des Handelns demonstrativ an sich.

"Das hat mir gereicht“, sagte Jerich damals. Ein Satz, der weniger nach Strategie klang als nach Affekt.

In meinem damaligen Kommentar ("Die One-Man-Show bei den Graz99ers") ging es genau darum: um das Übergehen sportlicher Hierarchien, um öffentliche Selbstinszenierung - und um die Frage, ob ein Präsident gut beraten ist, sportliche Grundsatzentscheidungen im Alleingang zu treffen.

Sportlich spricht die Tabelle eine klare Sprache

Vier Monate später steht fest: Sportlich hat Jerich recht behalten. Vorerst.

Mit dem 3:1-Erfolg bei den Black Wings Linz und der zeitgleichen Overtime-Niederlage des KAC gegen die Vienna Capitals haben sich die Graz99ers noch den Grunddurchgangssieg gesichert.

Zum dritten Mal in der Klubgeschichte gehen die Steirer als Nummer eins in die Playoffs. Die Champions-Hockey-League-Qualifikation ist fix, Heimrecht in allen Serien ebenso, dazu das erste Wahlrecht beim Viertelfinal-Pick.

Seit der Amtsübernahme von Dan Lacroix gewann Graz 22 von 28 Spielen. Das Spiel ist geradliniger geworden, der Zug zum Tor klarer, das Verteidigen kompromissloser. Die Mannschaft wirkt gefestigt, stabil, reifer.

Eine entscheidende Nuance

Und doch liegt genau hier die feine, aber entscheidende Nuance.

Graz schießt am meisten - trifft aber nicht am besten. 9,02 Prozent der Abschlüsse landen im Tor. Ein Problem, das bereits unter Lange bestand. Der KAC kommt hingegen auf 12,28 Prozent - Bestwert. Im April zählen keine Torschüsse, sondern Tore.

Der Grunddurchgangssieg gibt dem Präsidenten recht – aber nur auf dem Papier der Tabelle. Er beweist, dass der Trainerwechsel sportlich funktioniert hat. Er beantwortet jedoch nicht die grundsätzliche Frage: Ist Erfolg automatisch Rechtfertigung?

Er beweist nicht, dass der Weg dorthin alternativlos war. Nicht, dass die öffentliche Demontage eines Coaches und das bewusste Übergehen interner Strukturen zwingend notwendig waren. Erfolg kann Entscheidungen legitimieren - er macht sie nicht automatisch klug.

Die Wahrheit kommt im April

Sollte Graz Ende April mit der Meistertrophäe ganz oben stehen, wird man Jerich als Visionär feiern.

Sollte der große Wurf ausbleiben, wird die Frage unausweichlich sein: Hätte Harry Lange dieses Team nicht ebenso in diese Position führen können? Hat es die Unruhe, die negativen Schlagzeilen, das angekratzte Image gebraucht?

Der Grunddurchgang ist eine Momentaufnahme. Die Playoffs sind die Wahrheit.

Herbert Jerich hat seine Wette gewonnen – vorerst. Ob daraus eine Erfolgsgeschichte wird oder nur eine riskante Episode, entscheidet sich nicht im Oktober. Sondern im April.

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