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Chapeau, Herbert Jerich

Der 99ers-Präsident hat in den letzten zwei Jahren viel Geld investiert - und unpopuläre Entscheidungen getroffen. Doch der Titel gibt ihm recht.

Chapeau, Herbert Jerich Foto: © GEPA

Ich ziehe meinen imaginären Hut.

Die Graz99ers haben eine herausragende Saison mit dem Playoff-Sweep und ihrer allerersten Meisterschaft gekrönt.

Darüber, ob der Titel verdient ist, muss gar nicht erst diskutiert werden. Gegen die Steirer war letztlich kein Kraut gewachsen, zu dominant sind die 99ers vor allem in der entscheidenden Saisonphase aufgetreten.

Ein Mann und seine Visionen

Anfang März 2024 war es noch unvorstellbar, dass Graz am 26. April 2026 eine Meisterparty feiern dürfte, die nicht dem SK Sturm gilt.

Über den Dächern Graz stellte Präsident Herbert Jerich damals sich, sein Team und seine Pläne vor. Von den "Graz99ers 2.0" war die Rede, einer neuen Ära im Grazer Eishockey.

Schnell wurde klar: Dieser Mann hat Großes im Visier und schreckt nicht davor zurück, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. So verkündete er sogleich die Verpflichtung von Lukas Haudum, der in Diensten des KAC war und mitten in den Playoffs stand.

Im Ausland nicht unüblich, in Österreich wiederum ein absolutes No-Go. Dem Präsidenten war es herzlichst wurscht.

Jerichs Bauchgefühl hatte Recht

Ähnlich war es im vergangenen Oktober. Da entschied Jerich höchstpersönlich, Head Coach Harry Lange nach einer Overtime-Niederlage bei den Black Wings Linz mittels Textnachricht vor die Tür zu setzen.

Die Entscheidung schlug hohe Wellen, sportlich war sie schwer zu argumentieren. Die Erinnerung an das bittere Viertelfinal-Aus war ausschlaggebend für diese Maßnahme. Es hätte ihm gereicht, stellte der Präsident klar.

Jerich bekam sein Fett ab. Nicht nur von vielen Fans und Beobachtern der Szene, sondern auch einigen Medien. Darunter uns bzw. mir. Ich kommentierte die Entlassung Langes in "Die One-Man-Show bei den Graz99ers" äußerst kritisch, dazu stehe ich auch heute.

Weitere Worte oder Rechtfertigung dazu sind nicht notwendig, nur so viel: Das Bauchgefühl von Herbert Jerich hatte Recht. Ganz einfach.

Lacroix war das fehlende Puzzlestück

Natürlich muss auch weiterhin die Frage gestellt werden dürfen, ob dieser Erfolg nicht auch mit Harry Lange möglich gewesen wäre. Vielleicht wäre er nicht in dieser Deutlichkeit ausgefallen, aber an Graz hätte trotzdem nur schwer ein Weg vorbei geführt.

Doch gemeinsam mit Sportdirektor Philipp Pinter hat Jerich das fehlende Stück für das Meister-Puzzle gefunden: Dan Lacroix. Der Kanadier hatte als Head Coach noch nicht viel erreicht, von Erfahrung ganz zu schweigen. Doch er verstand es, an den richtigen Hebeln anzusetzen.

Nach dem Meistertitel betonte der 57-Jährige, dass die Mannschaft bereits vor seiner Ankunft gut gewesen wäre und würdigte damit auch Langes Arbeit. Doch unter seiner Führung machte das Team unweigerlich nochmal einen großen Entwicklungsschritt.

Lacroix schaffte es, bei vielen Spielern nochmal die letzten Prozent herauszukitzeln. Lukas Haudum ist unter ihm etwa regelrecht aufgeblüht, sprühte vor Spielfreude und schloss die Spielzeit schließlich als Liga-Topscorer sowie Playoff-MVP ab.

Lacroix kombinierte Lockerheit und Unbekümmertheit, ohne die Zügel jemals zu sehr aus der Hand zu geben. Er packte die Mannschaft in sein Korsett und zog dort nach, wo es notwendig war. Und das mit großem Erfolg.

Hauptziel erreicht - und jetzt?

Das Hauptziel von Herbert Jerich ist nun erreicht, das Meisterstück ist vollbracht.

Insgeheim war der Meistertitel von Tag 1 an das Ziel der Träume, obwohl öffentlich zuerst kleinere Brötchen gebacken werden sollten. Die ebenso von Grund auf getätigten Investitionen wiesen auf Gegenteiliges hin.

Aber was kommt nach der bestimmt pompösen Meisterfeier, die Jerich im großen Stile mit 99ers-Lamborghini und Jerich-LKW anlegen wollte?

Ganz oben auf der Liste wird die Vertragsverlängerung des Meistertrainers stehen, wobei das wohl das mitunter schwierigste Unterfangen seiner bisherigen Amtszeit sein könnte. Neben einem "sehr guten Angebot" der 99ers soll Lacroix "100 weitere" vorliegen haben.

Und dann wäre etwas Nachhaltigkeit doch schön. Nicht nur auf der Trainerbank und am Eis, sondern im Nachwuchs. Solche Erfolge bringen zwangsläufig mehr Kinder zum Eishockeysport und können einen kleinen Boom auslösen.

Wenn in die Ausbildung und Entwicklung des Nachwuchs' einmal ähnlich viel Geld wie in den Profi-Betrieb fließen sollte, dann ziehe ich meinen echten Hut. Bis dahin: Chapeau, Herr Jerich - alles richtig gemacht.

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Alle EBEL-/ICE-Meister seit der Liga-Neugründung 2003/04

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