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These: "Saudi-Mania" - Die WWE hat sich längst verkauft

Das größte Wrestling-Spektakel des Jahres steigt an diesem Wochenende. Aus diesem Anlass diskutiert die Redaktion zu vier brisanten Thesen:

These: "Saudi-Mania" - Die WWE hat sich längst verkauft Foto: © GETTY

It's Wrestlemania-Time!

Die größte Wrestling-Show des Jahres findet zum zweiten Mal in Folge in Las Vegas statt. Das macht sich an der Anzahl an abgesetzten Tickets bemerkbar. Etwa 90.000 Karten wurden für die beiden Shows verkauft, letztes Jahr waren es über 120.000.

Highlights stehen dennoch einige auf dem Programm: Angefangen bei den Main-Events (Cody Rhodes vs. Randy Orton, Roman Reigns vs. CM Punk), bis hin zu Multi-Man-Matches und dem vielversprechenden Kampf zwischen Gunther und Seth Rollins.

Doch in letzter Zeit hat sich bei der WWE einiges verändert, nicht nur zum Guten. Die Redaktion hat aus diesem Anlass die Redakteure Jonas Pamperl und René Mersol mit vier Thesen konfrontiert:

These 1: Die WWE braucht Influencer wie "IShowSpeed" nicht. Bei Wrestlemania sollte das Wrestling im Fokus stehen, nicht die Celebrities.

These 1: Die WWE braucht Influencer wie "IShowSpeed" nicht. Bei Wrestlemania sollte das Wrestling im Fokus stehen, nicht die Celebrities.
Foto: ©GETTY

Jonas Pamperl:

Da starte ich gleich mit einem Hot-Take: Denn Wrestlemania macht eben nicht nur gutes Wrestling aus, sondern auch das Drumherum. Also die Stage, die Einzüge, die Größe der Halle - und eben auch die Celebrities.

Selbst bei der ersten Wrestlemania-Ausgabe standen Prominente im Fokus. Mr. T und Cyndi Lauper waren Teil des Main-Events bzw. vorletzten Matches. Das zog sich über die Jahre so weiter.

Und die WWE geht eben mit der Zeit - zumindest bei den Promis. Anstatt "Rocky"-Schauspielern sind Twitch-Streamer und Influencer dabei. Dass neben Logan Paul auch noch IShowSpeed in einem Match steht, ist aber ein bissl zu viel des "Guten".

Wer reines Wrestling sucht, der ist bei der WWE ohnehin nicht am besten aufgehoben. Dafür gibt es Companies wie New Japan oder AEW.

René Mersol:

Bei dieser These wird der Altersunterschied zwischen dem Kollegen Pamperl und mir ersichtlich. Damals wie heute sind Celebrities Teil von WWE-Shows - im Ring und außerhalb. Allerdings nehmen sie heute eine viel zentralere Rolle ein als früher.

Wer, wie ich, mit dem Wrestling der 90er aufgewachsen ist, dem missfällt es schwer, Leute wie IShowSpeed als Opener von Wrestlemania zu sehen. Ich kann der WWE da (leider) dennoch wenig vorwerfen. Sie geht, wie es Jonas bereits richtig anspricht, mit der Zeit.

Abgesehen davon ist die Company seit der Übernahme durch TKO konsequent auf Kommerzialisierung getrimmt. Mit der Einbindung von Influencern wie IShowSpeed erschließt man gezielt jüngere Zielgruppen - gerade im Hinblick auf den Netflix-Deal eine nachvollziehbare Strategie.

These 2: Oba Femi hat das Potenzial zum nächsten Megastar der WWE. Ihn gegen Brock Lesnar verlieren zu lassen, wäre fatal.

These 2: Oba Femi hat das Potenzial zum nächsten Megastar der WWE. Ihn gegen Brock Lesnar verlieren zu lassen, wäre fatal.
Foto: ©GETTY

René Mersol:

Oba Femi hat unbestritten riesiges Potenzial. Ich störe mich bei dieser These an der Wortwahl. Fatal wäre eine Niederlage für den 27-Jährigen nicht zwingend, wenn bei dem Match gegen Lesnar eine entsprechende Geschichte erzählt wird. Wir wissen: Im Wrestling sind Niederlagen langfristig manchmal sogar wertvoller als Siege. Es würde aber gewiss einige Energie aus seinem aktuellen Höhenflug nehmen.

Ob der Dramaturgie der Storyline würde ich mir deswegen einen Sieg Oba Femis wünschen, weil er besser ins Gesamtbild passt und es seinem Aufbau zum "next big thing" in der WWE aktuell aufgrund des Momentums eher dienlich wäre als eine (dann bestimmt knappe und dramatische) Niederlage.

Jonas Pamperl:

Ich bin hier etwas eindeutiger unterwegs als mein Kollege. Denn erstens verdient sich Oba Femi das Prädikat "undeniable“ und darf allein deshalb sein erstes Wrestlemania-Match nicht verlieren.

Der zweite Punkt betrifft seinen Gegner Brock Lesnar. Da muss ich so ehrlich sein und sagen: Ich kann und will diesen Menschen einfach nicht mehr sehen, schon gar nicht als Sieger bei Wrestlemania.

Das hängt in erster Linie mit den Vorwürfen von Ex-WWE-Mitarbeiterin Janel Grant zusammen. Und dem Unverständnis darüber, dass sich die WWE trotzdem dazu entschloss, Lesnar ein Comeback zu ermöglichen.

Wrestlemania: Storytelling-Schwächen und die Erwartungen der Fans

Wrestlemania: Storytelling-Schwächen und die Erwartungen der Fans
Foto: ©GETTY

Jonas Pamperl:

100 Prozent Zustimmung für den ersten Part dieser These. Der Build-up für die größte und wichtigste Show des Jahres war definitiv enttäuschend.

Das WWE-Jahr ist ja bekanntlich ein Zyklus, der mit dem Royal Rumble an Fahrt aufnimmt und zu Wrestlemania gipfelt. Dazwischen gibt es meist langweiligere Phasen, wobei heuer der nächste Gang nicht so richtig gefunden wurde.

Mich hat die Road to Wrestlemania 42 selbst verloren. Abgesehen von zwei Ausnahmen gibt es wenig, was wirklich heraussticht. Bei der Story zwischen Cody und Randy Orton hat sich die WWE verspekuliert. Bei den Frauen wirkt es wie Business as usual und die Midcard ist zum Einschlafen.

Die einzigen zwei Ausnahmen: CM Punk vs. Roman Reigns und Oba Femi vs. Brock Lesnar. Letzteres überzeugt vor allem mit dem Match-up an sich und weniger mit innovativen Ideen. Bei Punk-Reigns wird dagegen sehr viel richtig gemacht. Die Promos hauen mich vom Hocker, in der Vorgeschichte steckt zudem enorm viel drin.

Was den zweiten Teil der These angeht: Ja, die WWE muss abliefern. Eine schlechte Road bedeutet aber keineswegs eine schlechte Wrestlemania oder umgekehrt. Ich bin guter Dinge, dass die Show an sich überzeugen wird. Ob sie an die letzten Ausgaben herankommt? Eher nicht.

René Mersol:

In den letzten eineinhalb Jahren ist bei WWE in Sachen Storytelling vieles in die falsche Richtung gelaufen. Ich fühle mich immer mehr an die Zeit zwischen 2015 und den Post-Corona-Jahren erinnert – eine Ära, in der das Programm von einer ermüdenden Roman-Reigns-Übersättigung geprägt war und das Produkt teilweise schauderhaft war.

Solange bei TKO die Kassen klingeln, wird man unzufriedene Fans aber hinnehmen.

Das heißt aber nicht, dass alles schlecht ist. Denn ein guter Performer kann auch ein schwaches Drehbuch mit Leben füllen – CM Punk ist der lebende Beweis dafür. Das trifft auch auf Gunther zu, der mit seinem arroganten und selbstgefälligen Auftreten bei den Fans immer etwas auslöst. Sein Duell mit Seth Rollins ist sportlich von höchster Güte. Und auch die Main-Events beider Nächte, Punk gegen Reigns und Cody Rhodes gegen Randy Orton, versprechen Matches auf absolutem Top-Niveau.

So sehr ich WWE und TKO nun weiter kritisieren könnte: Ich glaube nicht, dass mich diese Wrestlemania enttäuschen wird. Weil die Kreativabteilung zumindest die eine oder andere gute Idee haben wird – und es so viele grandiose Performer auf der Card gibt, dass es sich lohnen wird, zwei Nächte durchzumachen.

Wrestlemania 2027 in Saudi-Arabien: WWE im Kommerz versunken?

Wrestlemania 2027 in Saudi-Arabien: WWE im Kommerz versunken?
Foto: ©GETTY

René Mersol:

Ich denke, die WWE ist längst im Kommerz versunken. Das wird spätestens seit der Übernahme durch TKO offenkundig – mit der Betonung auf spätestens. Die Kommerzialisierung des Produkts hat mittlerweile ein ekelhaftes Ausmaß erreicht. Tickets werden unerschwinglich, die Merchandise-Preise steigen überproportional, und in und um den Ring wimmelt es nur so vor Sponsoren-Pickerln.

Dass man nun noch den "Super Bowl des Wrestlings" in Saudi-Arabien stattfinden lässt, ist ungefähr so begrüßenswert wie der FIFA-Friedenspreis für Donald Trump – eigentlich aber nur noch die verfaulte Kirsche auf der verdorbenen Sahnetorte.

Jonas Pamperl:

So traurig es klingt: WrestleMania in Saudi-Arabien ist die logische Folge der WWE-Entwicklung der vergangenen Jahre.

Die Sache hat vor acht Jahren mit dem "Greatest Royal Rumble" angefangen. Lange gab es zumindest die Hoffnung, dass die "Big-Four" davon verschont bleiben. Diese Hoffnung starb mit dem diesjährigen Royal Rumble in Riyadh.

Was offen bleibt, ist die Frage, ob die Entwicklung einfach so weitergehen kann. Man darf nicht vergessen: Die WWE lebt von ihren Fans. Und irgendwann wird es auch dem Treuesten zu viel.

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