Super Bowl XLIX – die Vorzeichen 2014
Seattle Seahawks:
Die Seattle Seahawks gingen 2014 mit sehr großen Ambitionen in die Saison. Erst im Jahr zuvor demontierten sie die Denver Broncos in Super Bowl XLVIII mit 43:8 ab und sicherten sich damit die erste Vince-Lombardi-Trophy ihrer Franchise-Geschichte.
Eigentlich hatte dieses Team alles, um die NFL auf Jahre zu dominieren. Einen jungen Star-Quarterback mit Russell Wilson, der damals seine erst dritte Saison spielte, den vermutlich besten Running Back der Liga mit Marshawn Lynch, mit Pete Carroll einen Head Coach, der Seattle binnen kürzester Zeit zu einem Super-Team formte – und natürlich das Prunkstück: Die Defense.
Seattles Defense war zu jener Zeit die mit Abstand beste der NFL. Bobby Wagner war einer der besten Linebacker der Liga, Michael Bennett und Cliff Avril sorgten für den Pass Rush, und dann war da natürlich die "Legion of Boom", die vielleicht beste Secondary aller Zeiten, bestehend aus Richard Sherman, Earl Thomas und Kam Chancellor.
Die Seahawks hatten zwischen 2012 und 2015 die beste Scoring-Defense der NFL, in Super Bowl XLVIII erzwang man gegen Peyton Mannings Broncos vier Takeaways. Das Ziel für Seattle vor dem Showdown gegen New England war klar: Man wollte Titel Nummer zwei und damit einen großen Schritt Richtung Dynasty machen.
New England Patriots:
Eine Dynasty hatten die New England Patriots bereits. Zwischen 2001 und 2004 gewann man unter der Leitung von Head Coach Bill Belichick und Quarterback Tom Brady drei Super Bowls in vier Jahren. Auch in den folgenden Spielzeiten waren die Patriots stets der große Super-Bowl-Favorit, allerdings jagte man der Vince-Lombardi-Trophy zehn Jahre vergeblich hinterher.
2007 und 2011 schaffte man es zwar in die Super Bowl, unterlag dort jedoch jeweils den New York Giants auf herzzerbrechende Art und Weise. 2014 war damit die sechste Super-Bowl-Teilnahme für Belichick und Brady. Die Annahme war, dass es womöglich die letzte Chance für die beiden sein könnte, nochmal einen Super-Bowl-Ring zu gewinnen, war Brady doch bereits 37 Jahre alt und Belichick 64.
Die größeren Sympathie-Werte durften damals wohl trotzdem die Seahawks für sich beanspruchen. Belichick hatte spätestens nach der Spygate-Affäre 2007 nicht mehr das beste Ansehen in der NFL. Kurz vor der Super Bowl gegen Seattle gab es im Jänner 2015 zudem großen Wirbel um die Deflate-Gate-Affäre, als den Patriots vorgeworfen wurde, im AFC Championship Game gegen die Indianapolis Colts absichtlich Luft aus den Spielbällen zu lassen.
Ungeachtet davon waren die Patriots 2014 ein Team, das in allen drei Phasen top aufgestellt war. Julian Edelman hatte sich damals bereits als Lieblingsanspielstation von Brady etabliert, Rob Gronkowski war der beste Tight End in der NFL, und auch die Defense hatte einige Standout-Spieler wie Vince Wilfork, Chandler Jones, Dont’a Hightower, Devin McCourty oder Cornerback Darrell Revis, den man vor der Saison von den Tampa Bay Buccaneers holte.
Super Bowl XLIX – das Spiel
Am 1. Februar 2015 kam es in Glendale, Arizona zum großen Aufeinandertreffen. Die 49. Ausgabe einer Super Bowl war ein Spiel, das sich vor allem durch seine Ausgeglichenheit auszeichnete.
Die erste Duftmarke setzte Seattles Defense mit einer Interception von Jeremy Lane im ersten Viertel. Tom Brady antwortete jedoch mit zwei Touchdown-Pässen zu Brandon LaFell und Rob Gronkowski. Auf der anderen Seite scorte Marshawn Lynch für Seattle, Sekunden vor Ende der Halbzeit fand Russell Wilson dann auch noch Chris Matthews in der Endzone.
Zur Halbzeit stand es damit 14:14.
Nach einer Interception von Bobby Wagner, einem Field Goal sowie einem Touchdown-Pass von Wilson zu Doug Baldwin führte Seattle im dritten Viertel 24:14 – doch Brady schlug zurück mit zwei Touchdown-Drives im letzten Viertel, abgeschlossen von TD-Catches von Danny Amendola und Julian Edelman. Die Patriots führten somit 2:02 Minuten vor Ende des Spiels 28:24.
Seattle hatte alle Zeit der Welt, um das Spiel zu drehen. Nach einem wilden Catch von Jermaine Kearse stand man plötzlich vor der gegnerischen Endzone. Zunächst wurde ein Lynch-Lauf an der 1-Yard-Line gestoppt – dann das Unvorstellbare: Wilson sucht den Pass Richtung Ricardo Lockette, doch Backup-Rookie-Cornerback Malcolm Butler springt dazwischen, interceptet den Ball und beendet das Spiel – Sieg Patriots.
Tom Brady sprang an der Seitenlinie auf und ab vor Freude. Er beendete das Spiel mit 328 Passing Yards, vier Touchdowns und zwei Interceptions gegen die beste Defense der NFL und schloss mit seinem vierten Super-Bowl-Triumph zu Joe Montana und Terry Bradshaw als der Quarterback mit den meisten Super-Bowl-Siegen aller Zeiten auf.
Patriots: Der Start einer zweiten Dynasty
Für die New England Patriots war es der Startschuss der erfolgreichsten Zeit der Franchise-Geschichte. Beginnend mit dem Super-Bowl-Triumph 2014 erreichte man bis 2018 jede Saison zumindest das AFC Championship Game.
2016 stand man ein weiteres Mal in der Super Bowl. Gegen die Atlanta Falcons lag man im dritten Viertel bereits 3:28 zurück, schaffte jedoch das größte Comeback der Super-Bowl-Geschichte und besiegte Atlanta mit 34:28 nach Overtime. 2017 unterlag man den Philadelphia Eagles in einem Shootout, in welchem Brady mit 505 Passing Yards einen neuen Super-Bowl-Rekord aufstellte, mit 33:41.
2018 schaffte man es das dritte Jahr in Folge in die Super Bowl, dort waren diesmal die Los Angeles Rams die Gegner. Belichicks Defense erwischte gegen die damals beste Scoring-Offense der NFL einen Traumtag. Dank des 13:3-Siegs gewannen Belichick und der damals 41-jährige Brady ihre sechste gemeinsame Super Bowl – kein Head Coach und kein Spieler gewannen jemals mehr Vince-Lombardi-Trophys.
Der Bruch zwischen Brady und Belichick – das Ende der Dynasty
Bereits in der Saison 2018 gab es das eine oder andere Anzeichen, dass sich die Patriots-Dynasty am Ende der Fahnenstange befinde, nachdem die Offense einiges an Explosivität einbüßte. Nochmal deutlicher wurde dies 2019, nachdem Rob Gronkowski seinen Rücktritt verkündete.
Belichicks Unvermögen als General Manager, die Offense mit neuen Playmakern zu verstärken, war zu jener Zeit zu einem großen Problem geworden. Die 2019er-Saison endete mit einer 13:20-Niederlage in der Wildcard-Round der Playoffs gegen die von Mike Vrabel gecoachten Tennessee Titans. Es war Bradys letztes Spiel für New England.
Das Verhältnis zwischen Brady und Belichick war damals kein gutes mehr. Aufgrund fehlender Wertschätzung verabschiedete sich der 42-jährige Quarterback in der Free Agency nach Tampa Bay. Dort zeigte er auf Anhieb, dass er der ganz klare Sieger der Scheidung war. 2020 gewann er mit den Buccaneers die Super Bowl – zum siebenten Mal in seiner Karriere. 2021 führte er die NFL dann auch noch trotz seinen 44 Jahren in Passing-Yards und -Touchdowns an.
Das unschöne Ende der Belichick-Ära
Und in New England? Belichick verpasste 2020 mit Cam Newton als Quarterback die Playoffs knapp. 2021 draftete man Quarterback Mac Jones in Runde eins und erreichte mit ihm in seiner Rookie-Saison gleich die Playoffs, wo jedoch in Runde eins Endstation war.
2022 kippte die Stimmung jedoch in New England: Nach einer merkwürdigen Entscheidung von Belichick, den ehemaligen Defensive Coordinator Matt Patricia zum Offensive Playcaller zu machen, ging es mit Mac Jones‘ Entwicklung steil bergab.
2023 war die Belichick-Ära an ihrem Tiefpunkt angelangt, nachdem mit Jones und Bailey Zappe ständig auf der Quarterback-Position rotiert wurde, Belichick weder als Head Coach noch als General Manager antworten fand, und die Saison mit einem 4-13-Record beendet wurde.
Zu viel für Owner Robert Kraft, der die Reißleine zog und sich von Belichick trennte.
Neustart mit Drake Maye und Mike Vrabel – aber nicht sofort
Belichicks General-Manager-Aufgaben wurden fortan von Eliot Wolf übernommen. Als Head Coach beförderte man Linebacker-Coach Jerod Mayo, der von 2008 bis 2015 für New England spielte und seit 2019 Belichicks Coaching-Staff angehörte.
Als erste große Entscheidung des neuen Regimes wurde im NFL-Draft 2024 an dritter Stelle Drake Maye als neuer Quarterback gepickt. Besser wurde es in New England aber nicht: Mayes und Mayos erstes Jahr wurde mit einem 4-13-Record abgeschlossen, erneut war man eines der schlechtesten Teams der Liga. Robert Kraft machte kurzen Prozess und setzte mit Mayo den zweiten Head Coach binnen eines Jahres vor die Tür – auch mit der Aussicht, Mike Vrabel verpflichten zu können.
Die Linebacker-Ikone in New England, die in den 2000ern drei Super Bowls mit den Patriots als Spieler gewann, war nach seiner Entlassung bei den Tennessee Titans unerwartet auf dem Markt. Dass Vrabel und die Patriots zusammenpassen wie die Faust aufs Auge, ließ sich schnell erkennen.
Die Culture in New England war plötzlich wieder eine, die von Positivität getrieben war. Vrabel schaffte es rasch, seiner auf vielen Schlüsselpositionen jung besetzte Mannschaft eine Sieger-Mentalität einzuhauchen.
Der große Schlüssel zum Erfolg war aber natürlich der große Entwicklungssprung von Drake Maye. Der Quarterback etablierte sich in seinem zweiten Jahr als einer der besten Spielmacher der Liga, auch dank der starken Führung von Offensive-Playcaller-Guru Josh McDaniels, der 2025 nach New England zurückkehrte, nachdem er in den 2010er-Jahren bereits drei Super Bowls als Offensive Playcaller von Tom Brady gewann.
Als Underdog in die Saison gegangen, legten die Patriots 2025 zwischenzeitlich einen bärenstarken Lauf hin, gewannen in der Regular Season zehn Spiele in Folge. Mit einem Record von 14-3 beendete man den Grunddurchgang letztlich als Nummer zwei der AFC. In den Playoffs sollte der Lauf jedoch nicht stoppen. Nach Siegen gegen die Los Angeles Chargers, Houston Texans und Denver Broncos erreichte man sensationell in Jahr eins unter Vrabel die Super Bowl.
Patriots-Schlüsselpositionen 2014 und heute:
2014 | heute | |
|---|---|---|
Owner | Robert Kraft | Robert Kraft |
General Manager | Bill Belichick | Eliot Wolf (de facto) |
Head Coach | Bill Belichick | Mike Vrabel |
Offensive Coordinator | Josh McDaniels | Josh McDaniels |
Defensive Coordinator | Matt Patricia | Terrell Williams, Zak Kuhr (Playcaller) |
Quarterback | Tom Brady | Drake Maye |
Seahawks: Legion of Boom bröckelte nach und nach weg
Nach der herzzereißenden Niederlage in Super Bowl XLIX mussten sich die Seahawks von Defensive Coordinator Dan Quinn verabschieden, der den Head-Coaching-Job bei den Atlanta Falcons annahm.
Doch auch unter der Regie von Neo-Defensive-Coordinator Kris Richard blieben die Seahawks die beste Scoring-Defense der NFL. Dennoch schaffte es Seattle 2015 nicht, die NFC West zu gewinnen. In den Playoffs scheiterte man letztlich in der Divisional Round an den Carolina Panthers.
Nach der 2015er-Saison verlor man mit Marshawn Lynch eines der Gesichter des Seahawks-Erfolgs, nachdem der Running Back sein Karriereende verkündete.
2016 gewann Seattle zwar erneut die Division, wieder war aber in der Divisional Round, ausgerechnet gegen die von Dan Quinn gecoachten Atlanta Falcons, Endstation.
2017 fing dann auch die Defense an, in die Brüche zu gehen. Kam Chancellor verletzte sich im Saisonverlauf so schwer am Nacken, dass er nie wieder in der NFL auflaufen konnte. Auch Richard Shermans Saison war von Verletzungen geprägt. Am Ende der Saison entschied sich Seattle dazu, den Cornerback ziehen zu lassen. 2018 brach sich dann auch noch Earl Thomas zu Saisonbeginn das Bein und spielte nie wieder für die Seahawks.
"Let Russ cook"
Nachdem man 2017 die Playoffs verpasste, wurde Defensive Coordinator Kris Richard durch Ken Norton ersetzt und Offensive Coordinator Darrell Bevell durch Brian Schottenheimer. Es leitete die Zeit ein, in der Quarterback Russell Wilson unangefochten das Gesicht der Franchise wurde und seine statistisch gesehen besten Jahre hatte.
Die Erfolge, die man in den frühen 2010er-Jahren in den Playoffs hatte, wollten jedoch nicht zurückkehren: 2018 out in der Wildcard-Round, 2019 out in der Divisional-Round und 2020 out in der Wildcard-Round. Der Trade für Safety Jamal Adams, für den man zwei Erstrunden-Picks abgab, erwies sich auch nicht als der richtige Move.
Der Wechsel von Offensive Coordinator Schottenheimer zu Shane Waldron sollte den Umschwung bringen, stattdessen hatte Seattle seine erste Losing-Season in Russell Wilsons Seahawks-Karriere und Seattle verpasste die Playoffs.
Danach war auch Wilson weg. Der beste Quarterback der Franchise-Geschichte wurde zu den Denver Broncos getradet. Neben ihm um Bobby Wagner (der Linebacker kehrte 2023 für eine Saison zurück) verabschiedeten sich nach der 2021er-Saison die zwei größten verbliebenen Spieler-Namen, die 2013 Super-Bowl-Sieger wurden.
Von Pete Carroll zu Mike Macdonald
Mit Pete Carroll hatten die Seahawks jedoch noch ihren Head Coach. Dieser setzte fortan auf Geno Smith als Quarterback. Der ehemalige Zweitrunden-Pick war drei Jahre lange Backup von Russell Wilson, ehe er 2022 in die Starter-Rolle geschubst wurde.
Mit Smith schaffte man es 2022 auf Anhieb in die Playoffs, wo man allerdings in der Wildcard-Round an San Francisco scheiterte. 2023 beendete Seattle mit einem 9-8-Winning-Record, die Playoffs wurden allerdings verpasst. Damit war dann auch Carroll seinen Job los.
Der Super-Bowl-Winning-Head-Coach räumte seinen Platz nach 14 Jahren im Amt. Als Nachfolger wurde Mike Macdonald, zuvor Defensive Coordinator der Baltimore Ravens, bestellt.
Im ersten Jahr unter Macdonald brachte man es 2024 zu einem guten 10-7-Record, in die Playoffs schaffte man es dennoch knapp nicht. Um das letzte aus seinem Team herauszukitzeln, entschied man sich gemeinsam mit General Manager John Schneider dazu, sich von Geno Smith zu trennen und stattdessen Sam Darnold zu holen.
Der damals 27-jährige Darnold erlebte im Jahr zuvor ein Wiederauferstehung seiner Karriere bei den Minnesota Vikings. Es sollte sich als der richtige Move herausstellen. Unter Darnold schaffte man es nicht nur, den #1-Seed in der NFC zu holen, sondern dank Siegen gegen San Francisco und die L.A. Rams auch erstmals seit 2014 wieder in die Super Bowl.
Die Geheimsauce ist aber definitiv die Defense. John Schneider hat es wieder geschafft, die beste Defense der NFL zusammenzustellen. Niemand ließ 2025 weniger Punkte zu als die Seahawks, die unter Macdonald eine wahre Macht auf jener Seite des Balles wurden. Von der "Legion of Boom" zur "Dark Side" - nicht schlecht. Mal sehen, ob sie es ihren Vorgängern nachmachen können und eine Super Bowl gewinnen.
Seahawks-Schlüsselpositionen 2014 und heute:
2014 | heute | |
|---|---|---|
Owner | Paul Allen | Paul Allen |
General Manager | John Schneider | John Schneider |
Head Coach | Pete Carroll | Mike Macdonald |
Offensive Coordinator | Darrell Bevell | Klint Kubiak |
Defensive Coordinator | Dan Quinn | Aden Durde |
Quarterback | Russell Wilson | Sam Darnold |