Nach Sennas Tod: "Brasilien war wie betäubt"

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Der Tod von Ayrton Senna am 1. Mai 1994 in Imola hat Brasilien in einen Schockzustand versetzt. Chronologie einer Tragödie >>>

"Das ganze Land war einige Tage wie betäubt", erzählte der langjährige Formel-1-Journalist Luis Fernando Ramos, der den verhängnisvollen Sonntag damals in Sao Paulo miterlebte. Wie im Ausland sei Senna auch in seiner Heimat durch sein Ableben vor den Augen der Öffentlichkeit vollends zum Mythos mutiert.

Dabei verfolgte Ramos den tödlichen Crash der südamerikanischen Rennsport-Ikone gar nicht live.

Der damals 19-Jährige wurde seiner Erinnerung nach am Sonntag wach, als der Große Preis von San Marino in Imola bereits lief.

"Meine Mutter hat mir dann gesagt, dass Senna einen Unfall gehabt hat und es nicht gut ausschaut", berichtete Ramos gegenüber der APA - Austria Presse Agentur. "Das Rennen war um 9 Uhr (Ortszeit; Anm.). Ein paar Stunden später gab es die offizielle Bestätigung, dass Senna tot war."

Sennas Tod bei einem F1-Unfall "war irgendwie unecht"

Diese Nachricht habe er zunächst nicht fassen können. "Ich denke, das ist allen Brasilianern so gegangen. Man sollte nicht bei einem Formel-1-Rennen sterben, und schon gar nicht Senna. Es war irgendwie unecht."

Einen Tag vorher war der Österreicher Roland Ratzenberger bei einem Unfall im zweiten Qualifikationstraining zu Tode gekommen - das schicksalhafte Imola-Wochenende kostete somit sogar zwei Piloten das Leben.

In einem etwas verwirrten Zustand fand sich Ramos am Nachmittag zum Fußball-Derby Palmeiras gegen FC Sao Paulo ein. Dort erwartete ihn eine Gänsehaut-Stimmung.

Senna-Sprechchöre im Fußball-Stadion

"Vor dem Spiel gab es zuerst eine Schweigeminute, dann sind ein paar Spieler auf die Knie gegangen. Währenddessen haben 80.000 Zuschauer begonnen zu rufen: Ole ole ole ola, Senna, Senna. Da habe ich realisiert, dass etwas Riesiges passiert ist."

Präsident Itamar Franco erklärte eine dreitätige Staatstrauer. Sennas lebloser Körper wurde per Linienflug nach Sao Paulo geflogen, nach dem Eintritt in den brasilianischen Luftraum begleiteten Kampfjets des Militär die Maschine.

Am Donnerstag fand in Sennas Heimatstadt das Begräbnis statt. Zu den Sargträgern zählten damals aktuelle und ehemalige Grand-Prix-Stars wie Gerhard Berger, Alain Prost, Emerson Fittipaldi und Jackie Stewart.

"Die ganze Stadt war entweder draußen oder hat im Fernsehen zugeschaut", sagte Ramos, der seit mehr als 15 Jahren in Wien lebt. Schätzungen bezüglich der Zahl der Schaulustigen reichen von 500.000 bis hin zu mehreren Millionen Menschen.

Er blieb seinerzeit zu Hause. "Es war nicht unbedingt in der Nähe von mir. Aber ich war schon mitgenommen. Ich war zwar selber kein Senna-Fan, aber auch kein Gegner. Für mich war es okay, wenn er einmal nicht gewinnt."

Keine elf Monate später war Ramos in seinem ersten Einsatz als Zeitungsjournalist bei einem Formel-1-Rennen. Der Weg führte ihn nicht weit weg von der eigenen Haustüre, zum Großen Preis von Brasilien in Sao Paulo.

Strahlkraft von Ayrton Senna ist einzigartig

Von 2008 bis 2016 berichtete Ramos dann für Radio Bandeirantes von jedem Grand Prix. Dabei bekam er ein gutes Bild von der enormen Strahlkraft Sennas, die noch immer Generationen von Motorsportfans überall auf dem Globus in den Bann zieht.

Im bevölkerungsreichsten Land Südamerikas war Senna zu Lebzeiten aber gar nicht der abgöttisch verehrte Volksheld, als der er heute gesehen wird, meint Ramos. "Mein Gefühl war, er war vorher ein erfolgreicher Sportler, aber er war nicht so populär vor dem Tod wie ein Romario zum Beispiel", verwies er auf den Umstand, dass Fußball in Brasilien Nationalsport war und ist.

Schon in den 1970er-Jahren hatte Emerson Fittipaldi zwei Weltmeisterschaften gewonnen, Nelson Piquet war später dreimaliger Champion.

"Es war irgendwie selbstverständlich, dass es immer gute Brasilianer in der Formel 1 geben wird", erläuterte Ramos. "Erst durch den Tod, durch das Live-Ereignis, durch diese Dramatik ist dieser Mythos entstanden."

Posthum wird der Formel-1-Champion zur Integrationsfigur

Posthum wurde Senna nicht nur zur Integrationsfigur, die alle sozialen, politischen, ethnischen und religiösen Schranken überwindet, sondern zu einem universalen Symbol Brasiliens in der Welt.

Mit entsprechend großer Hingabe wird sein Andenken gepflegt. "Praktisch jedes fünfte Jahr kommt eine ganze Welle an Erinnerungen", schilderte Ramos im Gespräch. "Die Leute erinnern sich ganz genau, wo sie waren, als Senna gestorben ist. Das ist schon sehr beeindruckend."

Senna sah das Unheil kommen

Senna setzte sich vor seinem Unfalltod noch in einem Zeitungskommentar mit dem Thema Sicherheit auseinander.

In dem Beitrag für die deutsche Zeitung "Welt am Sonntag" gestand er Probleme mit der Abstimmung seines Williams in Imola. Der Brasilianer gab auch zu, dass der Tod von Roland Ratzenberger seine Bedenken wegen des wachsenden Risikos in der Formel 1 verstärkt habe.

Unter der Überschrift "Tragische Bestätigung für meine Warnungen" schrieb Senna in der Ausgabe vom 1. Mai 1994 mit im Nachhinein erschreckender Offenheit, dass Strecken wie Imola "technisch den wunden Punkt" seines Williams-Renault bloßlegen würden.

"Mein Auto reagiert auf solchen Rennstrecken ein bisschen nervös. Das liegt an seiner speziellen Aerodynamik, aber auch an einer Schwierigkeit in der Aufhängung." Der 34-Jährige meinte allerdings auch, er sei für das Rennen optimistisch. Am Nachmittag starb die Lichtgestalt der Formel 1 in der Tamburello-Kurve.

Ratzenberger-Unfall versetzte Senna in eine Art Schockstarre

Der Tod Ratzenbergers am Samstag dürfte den Superstar in eine Art Schockstarre versetzt haben. Die Stunden danach sei Senna sehr nachdenklich gewesen, berichteten ehemalige Vertraute. Seine damalige Freundin Adriane Galisteu erzählte, er habe ein "ganz schlechtes Gefühl" für das Rennen gehabt.

Senna besichtigte die Stelle, an der der Salzburger von der Strecke geflogen war. Formel-1-Chefarzt Sid Watkins wollte ihn dort zum Rücktritt überreden. Er sprach sogar mit seinem Freund Gerhard Berger darüber, wie man die Formel 1 sicherer machen könnte.

Was Sennas Unfall ausgelöst hat, ist bis heute nicht klar. Der Deutsche Michael Schumacher will beobachtet haben, dass der Williams im Rennen tatsächlich etwas seltsam auf der Straße lag. Adrian Newey, der hochgepriesene Designer des Teams, führte den Abflug Jahre später auf eine aerodynamische Fehlkonstruktion zurück.

Irgendwann brach die Lenkstange..

Die Seitenkästen seien zu lang gewesen, auf einem Kurs mit vielen Bodenwellen wie Imola habe stellenweise ein hohes Risiko für einen Strömungsabriss bestanden. Fakt ist, dass irgendwann die Lenkstange des Autos brach.

Ayrton Senna sah das Unheil kommen...
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Als offizielle Todesursache wurden jedenfalls schwere Kopfverletzungen angegeben. Trümmer der Vorderrad-Aufhängung hatten den Helm des Brasilianers durchbohrt.

Die Staatsanwaltschaft klagte damals sechs Personen wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung an - darunter Teamchef Frank Williams, Technikchef Patrick Head und Newey. Alle wurden letztlich freigesprochen, der Fall sich zog bis zum Abschluss über elf Jahre.

Frank Williams: "Als hätten wir ein Michelangelo-Gemälde gestohlen..."

"Viele gaben uns die Schuld dafür. Als hätten wir der Welt ein Gemälde von Michelangelo gestohlen", erklärte Williams einmal rückblickend.

Auch heute noch fasziniert Senna Millionen Menschen - in und außerhalb des Motorsports.

Der aktuelle Weltmeister Lewis Hamilton bezeichnet den Dreifach-Champion als sein Idol und fuhr schon mit einem Helm im Senna-Design. Es gibt eine eigene Merchandising-Linie, ein Senna-Musical, mehrere Filme und eine Comicbuch-Reihe, die Senna noch zu Lebzeiten initiierte, um mit den Einnahmen Straßenkindern in seiner Heimat eine Ausbildung zu finanzieren.

"Wenn er nicht umgekommen wäre, wäre er heute vielleicht Präsident Brasiliens", sagte Newey.

"Ich werde alles geben, einen spannenden Kampf zu inszenieren", beendete Senna seine Kolumne damals. Und er werde versuchen, versprach er, dass es "für Benetton und Schumacher nicht das gibt, was man mir vor der Saison vorausgesagt hatte: einen Alleingang zum Titel".

Michael Schumacher gewann in Imola und holte 1994 ersten WM-Titel

Bekanntlich sollte alles anders kommen. Schumacher gewann am 1. Mai 1994 den belanglos gewordenen Grand Prix von San Marino und errang in selben Jahr mit einem Punkt Vorsprung auf Sennas Ex-Teamkollegen Damon Hill seinen ersten WM-Titel.

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Textquelle: © LAOLA1.at

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